DIE HOCHZEIT ZU KANA

„Die Hochzeit zu Kana“ ist eine Wundergeschichte aus dem Evangelium des Johannes und zugleich der Titel eines Gemäldes des italienischen Malers Paolo Caliari, genannt Veronese, aus dem Jahr 1563.

Das Johannes-Evengelium berichtet von Jesus, der in Begleitung seiner Jünger und seiner Mutter Maria Gast einer Hochzeitsfeier ist. Als der Wein zur Neige geht, fordert Maria ihren Sohn auf zu helfen. Der weist die Diener an, zur Reinigung bestimmte Wasserkrüge mit Wasser zu füllen. Als der erste davon kostet, ist es zu Wein geworden. Die „Wundererzählung“ dient als Zeichen, mit dem Jesus als Sohn Gottes und Messias gekennzeichnet wird.

„Am dritten Tag wurde in Kana in Galiläa eine Hochzeit gefeiert. Die Mutter von Jesus war dabei, und auch Jesus war mit seinen Jüngern dazu eingeladen. Als der Weinvorrat zu Ende war, sagte seine Mutter zu ihm: »Sie haben keinen Wein mehr!« Jesus erwiderte ihr: »Frau, das ist meine Sache, nicht deine! Meine Stunde ist noch nicht gekommen.« Da wandte sich seine Mutter an die Diener und sagte: »Tut alles, was er euch befiehlt!« Im Haus standen sechs Wasserkrüge aus Stein, von denen jeder etwa hundert Liter fasste. Man brauchte sie wegen der Reinigung, die das Gesetz vorschreibt. Jesus sagte zu den Dienern: »Füllt diese Krüge mit Wasser!« Sie füllten sie bis an den Rand. Dann befahl er ihnen: »Jetzt nehmt eine Probe davon und bringt sie dem Mann, der für das Festessen verantwortlich ist.« Sie brachten ihm eine Probe, und er kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wusste nicht, woher dieser Wein kam; nur die Diener, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es. Er rief den Bräutigam zu sich und sagte: »Jeder bringt doch zuerst den guten Wein auf den Tisch, und wenn die Gäste schon reichlich getrunken haben, folgt der schlechtere. Aber du hast den guten Wein bis zuletzt aufgehoben!« So vollbrachte Jesus in Kana in Galiläa sein erstes Wunderzeichen und offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger kamen zum Glauben an ihn.“

Johannes 2, 1-11, Gute Nachricht Bibel

Das Gemälde Veroneses beruht auf dem Motiv der biblischen Geschichte, geht jedoch darüber hinaus: Jesus befindet sich im Zentrum eines opulenten Festmahls, Maria und seine Jünger sitzen an seiner Seite. Daneben sind zahlreiche weitere Menschen abgebildet: Gäste, Musiker und auch Bedienstete. Das Fest findet im Freien in einer von Säulen geprägten, antik anmutenden Stadtlandschaft statt, die von einem frei stehenden Glockenturm überragt ist – ein Verweis auf die Architekturideale der Entstehungszeit. Aufgrund seines Detailreichtums und der hohen Anzahl abgebildeter Personen erinnert das Gemälde an ein heutiges sogenanntes „Wimmelbild“.

Ursprünglich wurde das Gemälde für den Speisesaal eines venezianischen Klosters gefertigt. Ende des 18. Jahrhunderts gelangte es nach Frankreich. Das mit einer Abmessung von 9,94 x 6,77 Metern sehr große Gemälde hängt heute im Pariser Louvre.

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PAOLO MAGELLI IM GESPRÄCH

„Schade, dass es uns so geht, aber schön ist es trotzdem.“

Paolo Magelli inszeniert Joël Pommerats Die Wiedervereinigung der beiden Koreas. Warum er das Stück so liebt, verrät er hier.

Der Welterfolg von Joel Pommerat – das große Stück über die Liebe. Tickets gibt’s hier!


„Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ – ein metaphorischer, ja vielleicht sogar etwas kryptischer Titel. Was hat es damit auf sich?

Die Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea ist ein Spiel mit der Unmöglichkeit einer Verbindung. Aber natürlich ist der Titel allegorisch zu verstehen: Dieses Stück ist wie drei Scheiben Brot. Eine ist das Leben, in der Mitte ist die Liebe und die andere Scheibe ist die unentrinnbare Wahrheit unserer Existenz, der Tod. Diese drei Scheiben gehören zusammen und sie interagieren die ganze Zeit als Thema miteinander. Vielleicht ist es ein bisschen einfach, das so zu erklären. Aber ich finde es ein sehr interessantes Stück, das zugleich einfach und kompliziert ist. Kompliziert, weil es viele Referenzen aufweist und viele Echos aus der Theatergeschichte anklingen. Denn Pommerat ist ein sehr erfahrener Regisseur und Autor, der viel Hintergrundwissen hat.

Paolo Magelli

Das Stück verfolgt keine lineare Handlung. Ist es für dich eine Szenen-Collage um ein bestimmtes Thema?

Es ist alles andere als eine Collage. Collage hieße, dass es bewusst zusammengestellt ist. Ich vergleiche es eher mit einem Fenster-Mosaik: Wenn man in einer schönen Kirche ist und die Sonne scheint durch ein Fenster herein, dann werden verschiedene Farben sichtbar, in denen man langsam ein Bild erkennt. Ich glaube, dass Pommerat mehr in diese Richtung geschrieben hat, ohne vorab einen genauen Plan zu haben, wie er die Szenen zusammenfügt. Es gibt eine grundlegende Idee des Stücks, das Selbstgespräch am Anfang. Darin wird die Frage gestellt: „Wer bin ich und warum bin ich so unglücklich?“ Nach dieser Eröffnung hat Pommerat den Mut gehabt, keine Antworten zu finden, sondern weiter Fragen zu stellen. Die Szenen sind eigentlich eine Reihe von Fragen. Pommerat sucht permanent Fragen in sich mit dem Bewusstsein, dass er keine Antworten auf diese Fragen geben kann. Und das ist eine große Qualität.

Sind das Fragen an das Leben, die Liebe oder den Tod oder bedingt sich alles gegenseitig?

Es bedingt sich alles gegenseitig. Ich würde das Stück nicht nur auf das Leben, die Liebe oder den Tod reduzieren. Das wäre ein großer Fehler. Es gibt ein innerliches Gleichgewicht. Beispielsweise in der Hochzeits-Szene: Da sieht man vor allem das Leben und die Liebe, aber dieser Mann, der im Zentrum steht, der ist so allein, dass durch ihn das Ende des Daseins erkennbar wird. Während der Arbeit an dem Stück muss man darauf achten, dass man alle drei Seiten berücksichtigt.

Uwe Schmieder, Frank Genser, Friederike Tiefenbacher

Leben, Liebe, Tod sind ja universelle Fragen, die das Theater immer wieder stellt. Vielleicht hat auch das Anteil am internationalen Erfolg. Wir haben hier in Dortmund ja auch eine internationale Konstellation: Französisches Stück trifft auf italienischen Regisseur an einem deutschen Theater. Glaubst du, dass sich ein Stück wie „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ besonders dafür eignet, einen internationalen Erfolg zu haben?

Absolut. Ich würde das Stück auch gerne noch einmal inszenieren, in einem anderen Land und Kulturkreis. Ich bin einfach neugierig zu sehen, wie die kulturelle Rezeption dann aussieht, was für Resonanzräume das Stück woanders hat. In vielen Kunstwerken geht es um die drei Themen Leben, Liebe und Tod. Nicht nur im Theater, auch in der Literatur, in der Malerei, in der Kunst überhaupt – ohne Bewusstsein dieser drei universellen Themen gibt es keine innerliche Bewegung. Das Stück spricht ganz offen über diese drei Komplexe, wie ein Kind – im Gegensatz zu anderen Kunstwerken, in denen man sie erst entdecken muss. Ich glaube, dass es kein großes Kunstwerk ohne diese drei Wahrheiten gibt.

Der Tod spielt in deiner Inszenierung eine wichtige Rolle – inwiefern?

Bei den angesprochenen drei Themen hat der Tod als Ende einer Reise natürlich ein besonderes Gewicht und eine besondere Präsenz. Liebe und Leben sind immer in Bewegung, der Tod ist immer ein Punkt. Aber der Tod ist nicht unser Ziel, sondern der Weg ist das Ziel. Der Tod ist das Ende, das für alle gleich ist.

Manche Szenen erinnern an andere Autoren und Stücke. Pommerat selbst hat in einem Interview gesagt, dass das für ihn Autoren wie Bergman, Tschechow und Schnitzler sind. Wer ist es für dich?

Bergman und Tschechow sicher, aber ich finde nicht maßgeblich. Die Hochzeits-Szene beispielsweise erinnert mich mehr an Gogol oder auch den jungen Brecht einer „Kleinbürgerhochzeit“ oder eines „Baal“. Jede Szene hat ihre eigenen Referenzen und Geschmack. Ich sehe weniger Schnitzler, aber insgesamt schon mehr Anklänge an die deutsche Literatur als Pommerat selbst. Natürlich haben mich diese Referenzen interessiert. Beispielsweise Horváth oder Wedekind oder Fassbinder. Wenn man das Stück macht, dann muss man das spüren, aber nicht direkt ausdrücken wollen als direkte Referenz oder Zitat. Das Stück ist eine Reise in unsere Kultur und ihren Hintergrund. Auch deswegen hat es so großen Erfolg. Pommerat spricht mit großem Bewusstsein zum einen die Zuschauer an, die bereits Einiges gesehen und gelesen haben. Sie können die Referenzen in der Theatergeschichte erkennen. Aber natürlich lässt sich das Stück auch ohne dieses Hintergrundwissen genießen. Pommerat hat schließlich etwas Neues und Eigenes geschaffen. Die Echos sind da – aber wie äußert sich ein Echo?

Marlena Keil, Ekkehard Freye, Caroline Hanke, Merle Wasmuth, Sebastian Kuschmann, Julia Schubert (v.l.n.r.)

Die Süddeutsche Zeitung hat über das Stück geschrieben, es habe „Kultpotenzial“. Wie stehst du dazu?

Für mich ist es einfach ein gutes, klares Stück. Was mich daran so beeindruckt, ist seine geistige „Unschuldigkeit“, mit der es verschiedenste Genres verbindet. Wenn Pommerat bewusst entschieden hätte, ein bisschen Komödie und ein bisschen Tragödie zusammenzustellen wie nach einem Rezept, dann wäre es nicht so interessant. Denn das Stück ist kein Rezept. Hier hat jemand die Entscheidung getroffen, etwas zu erzählen. Aber die Erzählweise ist total unschuldig und neugierig, das ist das größte Potential.

Transportiert das Stück für Dich eine zentrale Botschaft?

Ich glaube, Botschaften bekommt man per Post und nicht im Theater. Pommerat sagt eigentlich: Schade, dass es uns so geht, aber trotzdem ist es schön. Das Leben ist wie ein Tal von Tränen, aber in diesem Tal weine ich sehr gerne. Von diesem schwarzen Humor hat das Stück sehr viel. 


Fotos: Birgit Hupfeld

KALEIDOSKOP DER LEIDENSCHAFTEN

Kaleidoskop der Leidenschaften

Joel Pommerats großes Ensemblestück „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ ab April im MEGASTORE

Das große Ensemblestück endlich in Dortmund! Schauspieler-Theater vom Feinsten! Zehn Schauspieler in mehr als 50 Rollen!

Anders als der Titel vermuten lässt, geht es in Joël Pommerats Erfolgsstück um ganz etwas anderes als Politik: nämlich um die Liebe. Der Star der französischen Theaterszene hat mit Die Wiedervereinigung der beiden Koreas einen internationalen Coup gelandet: In seinem szenischen Kaleidoskop aus 20 Szenen beleuchtet er die poetischen, humorvollen und dramatischen Hintergründe der schönsten Sache der Welt – der Liebe.

v.l.n.r.: Julia Schubert, Merle Wasmuth, Marlena Keil, Sebastian Kuschmann, Caroline Hanke, Ekkehard Freye, Friederike Tiefenbacher (Foto: Birgit Hupfeld)

Statt einer geschlossenen Dramaturgie erleben wir Szenen mit wechselndem Personal. Dadurch bietet das Stück Stoff für zahlreiche große Rollen, die den Zuschauer mit der Liebe in allen möglichen und unmöglichen Konstellationen begegnen lässt: Ein Mann liebt eine Frau. Oder: Ein Mann liebt zwei Frauen. Oder: Eine Frau liebt zwei Männer. Oder auch: Ein Bräutigam, der nicht nur seine Braut, sondern auch ihre gesamte weibliche Verwandtschaft geküsst hat. Oder: Die Geschichte von einer Prostituierten und einem Pfarrer. Oder: Ein kinderloses Paar und ein Babysitter. Oder, oder, oder… Ist Liebe wirklich so unmöglich wie die  „Wiedervereinigung der beiden Koreas“?

Aus alltäglichen Beobachtungen und Anekdoten entwickelt Pommerat locker verbundene Momentaufnahmen, die mit Leichtigkeit und Leidenschaft in ihren Bann ziehen. Das Stück changiert dabei gekonnt zwischen den Genres: Von absurder Komödie wechselt es meisterhaft zu tief berührender Tragödie. Dabei erinnern die Szenen nicht selten an große Theaterautoren: an die abgründige Tiefe eines Beckett, die melancholische Leichtigkeit eines Horváth oder die tragische Absurdität von Edward Albees Wer hat Angst vor Virginia Woolf? – und dabei ist das Stück doch ganz eigen. Für das Dortmunder Publikum und das Ensemble zugleich ein gefundenes Fressen: Wann bietet sich schon die Möglichkeit die Schauspieler in so vielfältigen Rollen zu erleben?

Regie führt der große Schauspiel-Regisseur Paolo Magelli, der an zahlreichen internationalen Bühnen von Italien über Zagreb bis Belgrad Erfolge feierte. In Dortmund brachte er zuletzt Elektra nach Euripides und Leonce und Lena in der Dortmunder Phoenix-Halle zur Aufführung. Auf der Bühne stehen Ekkehard Freye, Frank Genser, Caroline Hanke, Marlena Keil, Sebastian Kuschmann, Uwe Schmieder, Julia Schubert, Friederike Tiefenbacher, Merle Wasmuth und: Neuzugang und künftiges Ensemblemitglied Christian Freund. Bühnenbildner ist Christoph Ernst, die Kostüme entwirft Mona Ulrich.                                


Termine: 8. April (Premiere), 15., 28. April, jeweils 19.30 Uhr, sowie weitere Termine bis Juli im Megastore (Felicitasstr. 2, Dortmund-Hörde)

 

 

ERWACHET!

„ERWACHET!“

„Wir leben im Zeitalter der Troll-Politik, die ist total theatralisch“: Arne Vogelgesang über Propaganda im Netz und das Internet als grenzenlose Bühne


Arne Vogelgesang (*1977) studierte Regie am Max-Reinhardt-Seminar in Wien. 2005 gründete er das Theaterlabel internil, seitdem erarbeitete er unter diesem Namen freie Theater- und Performanceprojekte in Wien, Leipzig und Berlin, zuletzt vor allem mit Internet- und Software-Material.

Was bist du von Beruf? Archivar? Forscher? Politologe? Künstler? Mein Studienabschluss sagt, dass ich Regisseur bin. Aber ich sitze viel mehr vor dem Computer als im Theater. Das ist natürlich kein Beruf, eher ein Zustand. Irgendwo zwischen Bühne und Com­puter liegt also mein Profil.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag von Dir aus? Ich bin freischaffend, da ändern sich die Struk­turen ständig. Es gibt Phasen, da schlafe ich kaum, arbeite pausenlos. Texte, Bilder, Videos sortieren, schneiden und verbinden. Vorher muss ich das Material natürlich erstmal finden, also surfen, surfen, surfen. Facebook und Twitter sind z.B. wichtige Anlaufstellen. Ich habe mehrere Accounts in verschiedenen Filterblasen. Ständig stößt man auf etwas Neues. Über manche Entdeckung freue ich mich richtig. Entweder, weil sie wie ein Puzzlestück in einen meiner Zusam­menhänge passt. Oder weil sie derartig skurril ist, dass sie für sich alleine stehen kann. Solche Sachen, bei denen man denkt: Das kann nicht sein, dass jemand tatsächlich so etwas produziert hat. Dass es das wirklich gibt.

„Den Topos des politischen Erwachens findest Du quer durch alle Lager, von der Mitte bis ins Extrem. Aber in welcher Realität wacht man auf, wenn man dann aufwacht?“

Was ist Propaganda? Ich würde sagen: der Versuch, andere zu politischen Zwecken zu beeinflussen. Viele andere. In diesem Sinn gibt es das wahrscheinlich erst seit der Entste­hung der Massenkultur, Propaganda richtet sich nie nur an einzelne. Auch Werbung ist deswegen natürlich Propaganda. Die politische Botschaft ist da nur häufig schlechter zu erkennen, weil sie so Mainstream ist oder wir immer noch denken, es würde um Schuhe gehen, wenn eine Firma sagt: „Sei extrem“ oder „Sei du selbst“.

Und was ist Populismus? Wenn Politiker so sprechen, dass möglichst viele Menschen schnell „ja“ dazu sagen können. Tun das nicht die meisten? Für meinen Bereich spielt das aber kaum eine Rolle, weil ich Parteipolitik nur am Rande streife. Mich interessieren die sogenannten normalen Leute.

 

Die flammenden Köpfe, die Du über die Jahre gesammelt hast, sind sehr unterschiedlich in ihrer Ideologie. Aber sie sind sich in zwei rhetorischen Figuren alle ähnlich: Das politische Establishment muss weg, und die Menschen müssten endlich „aufwachen“. Kann man das so sagen? Ich interessiere mich ja nicht für die, die sagen: „Halt doch mal den Ball flach, ist doch super, wie es läuft“. Deshalb überrascht es nicht, dass fast alle meiner Köpfe mit der politischen Klasse aufräumen wollen. Aber den Topos des „Erwachens“ findest Du tatsächlich quer durch alle Lager, von der mittigsten Mitte bis ins äußerste Extrem. Anfang diesen Jahres gab es im „Tagesspiegel“ ein Interview mit Dunja Hayali und Anja Reschke über Wut und Hassmails. Was geschieht, wenn man den „rechten Volkswillen“ kritisiert? Und am Ende sagen sie sinngemäß: Das mit der er­starkenden AfD sei auch irgendwie gut, weil jetzt endlich die schweigende Mitte aufwache. Aber es kommt darauf an, in welcher Realität man aufwacht, wenn man aufwacht. Oder in welche Realität man die anderen aufwecken will. Und was dann da getan werden soll. Rechte Ver­schwörungsfans reden gerne von den „Schlaf­schafen”, die nur der Werbung hinterher trotten. Deswegen ist der Film MATRIX von den Wachowski-Geschwistern bei Verschwörungsfans auch so be­liebt: die Idee, dass plötzlich einer erkennt, dass wir alle gesteuert werden, dass alles manipuliert ist. Und den Kampf aufnimmt. Das wird dann als Erweckungserlebnis beschrieben, und als nächs­tes produziert man z.B. ein Video, in dem man genau das sagt – im Internet, in dem man weder schlafen noch wach sein kann.

Das Internet ist eine Bürgerbühne. Eher eine Landschaft von unfassbar vielen Bürgerbühnen. Das ist ein Bild dafür, dass die alte Vorstellung von der Bühne im Herzen der Stadt, auf der sich die Polis repräsentiert sieht, immer weniger Sinn macht. Das gilt auch für Parlamente. Es gibt immer weniger Menschen, für die Repräsentation funktioniert. „Wir sind das Volk“ ist auch ein Ausdruck davon, dass man höchstens noch daran glaubt, sich selbst reprä­sentieren zu können. Und je mehr sich die Leute an das Tempo im Netz gewöhnen, desto mehr haben sie das Gefühl, dass die demokratischen Institutionen viel zu langsam sind für sie. Das ganze Aushandeln, Kompromisse schließen, und dann kann ich nicht mal mitreden. Dann lieber Volksentscheidungen oder Revolution. Im Netz sind die Menschen scheinsouverän, da lässt sich das alles prima träumen.

„Das Internet ist eine Landschaft unendlich vieler Bürgerbühnen. Deswegen ergibt die alte Vorstellung von der Bühne im Herzen der Stadt, die die Polis repräsentiert, auch immer weniger Sinn.“

Du hast einmal gesagt, 2011 wäre das Inter­net in die Politik eingebrochen. Das ist natürlich meine spezielle Erzählung. Der „Arabische Frühling“, die Geschwindigkeit der Aufstände. „Occupy Wall Street“, die sich der Mit­tel der spanischen „Indignados“ bemächtigten. Deutschsprachige Islamisten starteten mit Video­botschaften im großen Stil Rekrutierungswellen. Und ein seltsamer Teil des Internets schwappte auf die Straße, „Anonymous“-Masken tauchten auf Demos auf, Rechte begannen mit Straßentheater und harmloser wirkenden Protest-Aktionen, die einen Meme-Charakter hatten. Das heißt, sie waren absichtlich leicht kopierbar, um damit potentiell eine Massenbewegung auszulösen. Und dann An­ders Breivik, der sich quasi aus dem Internet in die Realität gebombt und geschossen hat: eine Art von Guerilla-Marketing für sein „Manifest“, dass zum großen Teil mit Copy & Paste kompiliert ist.

Warum ist es so immens wichtig geworden, die Kulturtechnik des Kopierens gut zu ver­stehen? Man spricht heute viel von der „Ent­wendung der Mittel“, das heißt, dass die ehe­mals klaren Erkennungszeichen politischer Ideologien frei flottieren. Ich glaube, alle Begriffe erodieren. Wir ordnen die Welt nicht mehr sprachlich. Und wir haben erhebliche Zweifel am Sinn des Versuches, die Welt überhaupt zu begreifen. Es läuft ein ande­res Spiel im Moment. Das Argument, das der politische Gegner benutzt, kann ich ihm einfach zurück um die Ohren pfeffern. Es ist egal, was es bedeutet. Entscheidend ist der Effekt, den ein Satz auslöst. Kann ich damit etwas bewirken, z.B. meinem politischen Gegner schaden? „Du nennst mich Nazi? Du Nazi!“ – das ist Trollpolitik, die ist total theatralisch.

„Das Argument, das der politische Gegner benutzt, kann ich ihm einfach zurück um die Ohren pfeffern. Es ist egal, was es bedeutet. Entscheidend ist der Effekt, den ein Satz auslöst.“

Siehst Du in so einer Diagnose nicht auch die Gefahr von Relativismus? Macht Rechts oder Links nicht doch einen Unterschied? Ich bin jemand, der lieber mit dem Zweifel ar­beitet als mit der Beruhigung. Natürlich gibt es sehr unterschiedliche politische Lager und Hand­lungsräume. Natürlich kannst du dich auch in den gegenwärtigen Verhältnissen konkret ver­halten. Tun ja auch viele. Man kann der Neuen Rechten nun wirklich nicht nachsagen, dass sie keine Haltung hätte. Aber vom Theater aus ge­dacht ist eine Haltung dann erkennbar und von Bedeutung, wenn sie in einem konkreten Raum stattfindet. Wo es keinen begrenzten Raum mehr gibt, werden Haltungen austauschbar, weil ihr Ort nur noch eine Frage von Definitionen ist. Paradoxerweise nutzen diese grenzenlose Frei­heit diejenigen momentan weit besser aus, die mehr Grenzen fordern.

Was ist das für ein Raumverlust, von dem Du da sprichst? Das ist die Erfahrung im Netz. Da gibt es keinen Raum und auch keine Zeit. Oder zumindest etwas anderes als geregelte Zeit. Auch der eigene Körper verschwindet teilweise. Es ist ein poten­tiell grenzenloses Gebilde, man ist unterwegs von Link zu Link, Kreuzung zu Kreuzung. Der alte Begriff „surfen“ macht schon Sinn. Das Ende kommt nur, wenn du erschöpft bist oder die Welle alle ist. Aber im Internet ist die Welle nie alle. Weil alle die Welle sind.


Flammende Köpfe: Premiere am 25. März, weitere Aufführungen am 1. und 30. April, mehr Termine folgen.

KLEINES WHO IS WHO DES TRUMPISMUS

Wie wurde Donald Trump zu dem, wer und was er ist? Und wie wurde unsere politische Landschaft zu der, die sie ist? Das Stück „TRUMP“ von Mike Daisey versucht, einzelne Aspekte Trumps in den Blick zu nehmen – durch biografische und historische Anekdoten, durch eigene Theorien und Praxisbeispiele. Dabei stets im Text vorhanden: ein kraftvoller Zorn, eine analytische Schärfe und ein schlagfertiger Humor.

Die Figuren, die im Text auftauchen, sind zahlreich. Deshalb wollen wir hier im Blog Hintergrundinfos zu diesen im Text auftauchenden Unterstützern, Wegbereitern und Phänomenen Trumps liefern.


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„ICH BIN ZURZEIT ABSOLUT TRUMP-SÜCHTIG“

„Ich bin zurzeit absolut Trump-süchtig“

5 Fragen an TRUMP-Regisseur Marcus Lobbes

Marcus Lobbes arbeitet seit 1995 als Regisseur und Ausstatter in Musik- und Sprechtheater mit über 60 Produktionen in über 20 Städten. (Foto: privat) 

Eine der Herausforderungen bestand darin, dass dieser Text von Mike Daisey natürlich aus einem amerikanischen Blickwinkel für amerikanisches Publikum geschrieben wurde – also voller Anspielungen und Insider, mit denen nicht jeder hier so vertraut sein könnte. Wie hast du versucht, diesen Text auch für ein europäisches, für ein deutsches Publikum zu öffnen? Wie sehr musstest du Kompromisse eingehen?

Zum Glück haben wir eine hervorragende Übersetzung von meinen zwei großartigen Mitarbeitern bekommen. Wir haben dann bei der Erstellung der Spielfassung stets das deutsche Publikum im Blick gehabt, und so manche uns eher fremde Themen oder Anspielungen im Text nicht übernommen. Zum anderen bin ich persönlich kein besonderer Freund des „Erklärbär“-Theaters. Wenn sich eine Menschenmenge von 100 Menschen versammelt, dann gibt es genug Allgemeinwissen im Publikum, dass der eine mal das eine und der andere das andere erkennt und versteht. Und solange man quasi die „Big Points“ des Abends nicht versemmelt, ist das letztlich für einen Abend auch gar nicht so überlebensnotwendig, dass man jedes Motiv und jeden Witz in der Gänze versteht. Außerdem – und das ist ja auch der Grund für unsere Bühneneinrichtung – ist es nicht bloß eine reine Hörveranstaltung, in der man dem Autoren sehr konzentriert zwei Stunden lang dabei zuhören muss, wie er durch die eigene Kultur mäandert. Stattdessen wird man hier ja direkt anmoderiert und man bekommt auch viel Hilfestellung durch Andreas Beck und Bettina Lieder, die das Publikum durch den Abend führen – nicht nur wörtlich, sondern auch szenisch. Und das war auch einer meiner ersten Grundinstinkte: Es muss schon sein, dass man die Zuschauer an die Hand nimmt, damit sie den ganzen Weg des Stücks und des Themas mitgehen können.

Ich hatte bei Proben mit Testpublikum auch immer das schöne Gefühl, dass sich die Zuschauerschaft nach einer Weile auch wirklich als Gemeinschaft versteht: man ist kollektiv dazu eingeladen, sich 90 Minuten lang Gedanken über Trump und die Lage zu machen – ausgehend von den beiden Schauspielern, die einem dabei an die Hand nehmen. Das ist ein schönes Gefühl angesichts der Apathie und Resignation, die einem allerorten zurzeit entgegenweht.

Ein entscheidender Faktor an der Bühne ist, dass man sich hier nicht im Dunkeln empört – also wie heute im Netz, allein mit seiner Wut, ohne dass es jemand mitbekommt. Und zum anderen amüsiert man sich auch nicht im Dunkeln – wenn man über einen Gag des Abends lacht, kriegen es die anderen Zuschauer auch direkt mit. Und das schafft natürlich immer erstmal eine Art von gemeinschaftlichem Verständnis. Obwohl wir natürlich nicht stets davon ausgehen können, dass wir eine politisch amorphe Masse im Publikum haben – bestimmt werden diverse Ansichten im Raum herrschen. Sicherlich werden auch Menschen kommen, die nicht gegen Trump und trumpistisches Gedankengut sind – vermutlich werden sie nicht viele sein, aber es wird sie geben. Und da finde ich diese fast antike Situation, in der man sich gemeinschaftlich orientiert, weitaus spannender und fruchtvoller als das Zurückziehen in ein dunkles Erdloch, aus dem man nachschaut, wo die Sonne scheint.

Hast du persönlich mittlerweile einen medialen Umgang mit Trump gefunden, der akzeptabel ist? Ich denke mir ständig: „Ok, die Scheißschlagzeile ignoriere ich jetzt, sonst werde ich wahnsinnig.“ Und dann fragt man sich, ob Ignorieren die Lösung ist. Und dann denkt man: Das könnte ja aber auch bloß wieder eine Nebelkerze sein. Und dann denkt man: Aber auch Nebelkerzen können wichtig sein. Und dann, und dann, und dann… es ist ein endloser Feedback-Loop. 

Ich bin gespannt, wie es auf lange Sicht bei mir sein wird, auch nach den Proben für TRUMP. Denn zurzeit bin ich absolut trump-süchtig. Das erste, was ich morgens mache, ist das Einschalten von Nachrichtensendern  – welchen Irrsinn gibt es heute wieder? Und ich gehe mittlerweile auch direkt davon aus, dass es Irrsinn sein wird. Als neulich nach der ersten Rede vor den beiden Häusern im Kongress Kommentatoren anmerkten, dass Trump sich erstmals präsidentiell und würdevoll verhalten habe, dann war ich in dem Fall fast schon enttäuscht, dass es keine neuen Skandale und Beklopptheiten gab. Und dennoch gab es in dieser Rede ja laut Journalisten 51 Lügen in 61 Minuten – das ist auch für Trump ein ordentlicher Schnitt. Die Trump-Abnutzungserscheinungen spüre ich zurzeit bei mir eher im Comedy-Bereich. Ich fand das erste „America First – Europe Second“-Video noch lustig, aber mittlerweile gibt es ja vierzig davon! Die schau ich mir nicht mehr an, die klick ich einfach sofort weg. Neulich sah ich auch eine Kabarettsendung im Fernsehen, mit Dieter Nuhr und Konsorten. Nach wohl fünf Minuten Vortrag über Trump musste ich abschalten. So witzig fand ich es dann auch wieder nicht.

Im Vorfeld deiner Inszenierung wurden wir öfters von Journalisten und Zuschauern gefragt, ob Bettina die Rolle von Hillary oder Melania Trump und Andreas die Rolle von Trump spielen wird. Es gibt also zurzeit diesen Wunsch, Trump darstellbar zu machen. Aber auch bei den sehr beliebten Parodien – beispielsweise bei Saturday Night Live – äußert sich Kritik: indem man diese Menschen wie Stephen Bannon zu Comedy-Figuren überhöht, verstelle sich der Blick auf ihre wahre, echte, eigene Meinung und ihr Handeln.

In den letzten zwei Jahrzehnten gab es auch im Theater immer mehr Erwartungsdruck von außen. Hier ist die Erwartungshaltung nämlich erstmal, dass wir Teil der Unterhaltungsindustrie sind. Dass natürlich etwas Lustiges hier vorkommen wird. Dass man gemeinschaftlich rausgehen und befreiend „Ach ja, die blöden Amis!“ lachen kann. Dabei würde aber völlig in den Hintergrund treten, wie dem Zuschauer selbst es mit diesem Thema geht, wie es uns als Gesellschaft in der Gegenwart damit ergeht. Und da haben wir doch ganz ernste Probleme – auch anhand dieses Texts. Natürlich nehmen wir das Publikum an die Hand und verschrecken es auch nicht, man soll ja auch lachen am Abend, doch die Botschaft zum Schluss ist mindestens so düster wie der Abend „hell“ hier am Haus düster ist.

Die Hälfte der Leute meint derzeit, Amerika ist Trump hündisch ergeben. Und die andere Hälfte meint: Leute, der wird kein Jahr durchhalten, der wird zurücktreten müssen oder so. Was siehst du in den nächsten Monaten oder Jahren, wenn du in deine persönliche Zauberkugel guckst?

Die Hoffnung ist ja stets, dass Schreckensgestalten bald wieder von uns weichen. Doch so ein Impeachment-Verfahren – also dass man dem Präsidenten das Vertrauen entzieht und er zum Rücktritt gezwungen wird – besitzt derzeit enorm wenige Chancen. Und da stellt sich wieder die Frage der Gewöhnung: Es müsste ein noch unfassbarerer Skandal geschehen als es schon dutzende unfassbare Skandale gab – und da bin ich extrem pessimistisch! Ich kann mir einfach kein Szenario mehr vorstellen, außer er klaut vielleicht die Löffel aus der Kantine. Dass jetzt der nächste Bundesminister, Jeff Sessions, bei der Befragung unter Eid gelogen hat – was soll man da noch sagen? Wenn das alles so ohne Weiteres durchgewunken werden kann, dann wird es einfach so weitergehen. Und eventuell sogar schlimmer werden.

DAS PHÄNOMEN TRUMP ERZÄHLEN

Der zurückliegende US-Präsidentschaftswahl endete am 9. November 2016 mit einer Sensation: Donald Trump ist neuer Präsident der Vereinigen Staaten.

Prompt folgten erste europäische Glückwünsche von Rechtsaußen  – Frauke Petry („Dieses Wahlergebnis macht Mut für Deutschland und Europa“), Marine Le Pen, BREXIT-Kämpfer Farage, Viktor Orbán, Geert Wilders, getoppt vom italienischen Populisten Beppe Grillo, der wortgewaltig mit „Das ist der Zusammenbruch einer Epoche“ gratulierte.

Wie konnte es soweit kommen? Mike Daisey (Die Agonie und die Ekstase des Steve Jobs) erforscht in seinem neusten Theaterstück den Aufstieg Donald Trumps und die politische Selbstvergiftung des wichtigsten europäischen Bündnispartners. Im Echoraum die Frage: Ist es nur Amerikas Demokratie, die immer toxischer wird?

Mike Daisey (*1976), amerikanischer Performer und Autor von über zwanzig Bühnenprogrammen, wurde weltweit bekannt mit seinem Erfolgsmonolog Die Agonie und die Ekstase des Steve Jobs, der am Schauspiel Dortmund 2012 in der Regie von Jennifer Whigham seine Deutschsprachige Erstaufführung erlebte und bisher über 40 mal gespielt wurde. Mit TRUMP (Originaltitel: The Trump Card) präsentiert das Schauspiel Dortmund nun die zweite Deutschsprachige Erstaufführung eines Textes von Mike Daisey in Dortmund.


Vier Fragen an Regisseur Marcus Lobbes und Dramaturgin/ Übersetzerin Anne-Kathrin Schulz

 „Trump“ wurde kurzfristig in den Spielplan aufgenommen?
ANNE-KATHRIN SCHULZ
Das stimmt. Als wir das Stück im Spätherbst 2016 wenige Tage nach der verhängnisvollen Wahl gelesen haben, war uns sofort klar, dass wir es dem Publikum in Deutschland möglichst schnell präsentieren wollen, und zwar noch in der laufenden Spielzeit hier am Schauspiel Dortmund. Autor Mike Daisey ist bekannt dafür, immer aktuelle Themen der Zeit ins Visier zu nehmen – er wechselt dabei oft die Blickrichtung, geht auch stark in besondere Nahaufnahmen, und das macht seine Texte nachdenklich und unterhaltsam zugleich.

Im amerikanischen Original hat Mike Daisey den Text als Monolog aufgeführt. Wie wird es in Dortmund?
SCHULZ Während Mike Daisey selber seine Monologe immer an einem Tisch sitzend performt, werden bei Marcus Lobbes‘ Deutschsprachiger Erstaufführung die Schauspieler Andreas Beck und Bettina Lieder die Zuschauer in einem Bühnenraum empfangen. Autor Mike Daisey ermutigt die Theater generell immer dazu, ihren eigenen Weg durch einen Text von ihm zu entwickeln, sowohl was Stückfassung als auch Bühnensetting, Bühnengeschehen oder die Besetzung angeht. Das war schon bei „Die Agonie und die Ekstase des Steve Jobs“ so. Mike Daisey stellt seine Texte tatsächlich open source zur Verfügung.

Aus „The Trump Card“, so der Originaltitel, wird in Dortmund „TRUMP“?
SCHULZ Im englischen Originaltitel „The Trump Card“ schwingt eine schöne Doppeldeutigkeit – dem Nachnamen „Trump“ und dem Begriff „the trump card“, die Trumpfkarte in einem Kartenspiel. Wir haben natürlich über eine direkte Übertragung des Titels ins Deutsche nachgedacht, z.B. mit eingeklammertem f, uns aber letztendlich anders entschieden. Im Stück werden viele verschiedene Aspekte eines Phänomens beleuchtet, die Geschichte eines Mannes, der als Geschäftsmann über viele Jahre seinen Nachnamen erfolgreich zu einer Marke aufgebaut hat und heute Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist. So kamen wir zu unserem Titel: „TRUMP“.

Die Marke Trump –  Marcus Lobbes, im Deutschlandfunk sprachen Sie neulich darüber, was für einen spürbaren Stellenwert das Thema ‚finanzieller Erfolg‘ im zurückliegenden amerikanischen Wahlkampf hatte.
MARCUS LOBBES Es gibt für die ‚Bewegung Trump‘ nichts, was sie bewegt, außer, dass ein Mann sich hinstellt und sagt: ‚Mein Reichtum zeigt, dass ich ein Garant des Erfolges sein kann. Und ich werde jetzt gucken, dass alle daran teilhaben können, die mit mir sind.‘ Und das als Aussage ist Partisanentum innerhalb der politischen Landschaft. Es geht politisch nicht darum, wie man einen Ausgleich zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen schaffen oder Kooperation stärken kann, sondern, wie man propagiert, dass jeder jetzt auf sich schaut.


Weitere Infos und Tickets

BILDER UND IHRE ECHOS

bilder und ihre echos

das sehen und das phänomen der nachbilder

Unser Sehvermögen ist das Ergebnis wundersamer Vorgänge zwischen Physik und Biochemie. Wenn Licht ins Auge fällt, strahlt es durch Hornhaut, Pupille und Linse und wird auf diesem Weg so präzise durch den Glaskörper gelenkt, dass es genau einen besonderen Punkt auf der Netzhaut trifft – den des schärfsten Sehens. Dort ist sie am höchsten, die Konzentration der elektrochemischen Wunderwerke, die wir Sehzellen oder Fotorezeptoren nennen. Grob sortiert schauen wir hier auf zwei Gruppen: „Stäbchen“ (für hell und dunkel) und „Zapfen“ (für das Sehen von Farben). Von letzteren haben wir drei Sorten – empfindlich entweder für rötliche, bläuliche oder grünliche Lichtwellen. Der Goldfisch hat noch eine vierte Zapfenart, genau wie viele Vögel: Sie können auch Lichtwellen aus dem UV-Bereich sehen – ob ihre Welt farbiger ist als die unsere? Das menschliche Auge jedenfalls kann tagsüber viele Millionen verschiedene Farbnuancen wahrnehmen. Nachts sind alle Katzen grau. BILDER UND IHRE ECHOS weiterlesen

DIE BILDER DES VERSCHWUNDENEN WESENS

„die bilder des verschwundenen wesens“

eine kleine kulturgeschichte der toten in der fotografie


du schnell vergehendes daguerrotyp in meinen langsamer vergehenden händen
rainer maria rilke: jugendbildnis meines vaters, 1888

DIE BILDER DES VERSCHWUNDENEN WESENS weiterlesen

BORDERLINE PROZESSION GOES THEATERTREFFEN!

 

Wir freuen uns sehr: Das Schauspiel Dortmund ist mit DIE BORDERLINE PROZESSION von Kay Voges, Dirk Baumann und Alexander Kerlin (Regie: Kay Voges) zum 54. Berliner Theatertreffen eingeladen! Die Mitglieder der Theatertreffen-Jury haben aus 377 Inszenierungen die „10 bemerkenswertesten Inszenierungen“ ausgewählt. Das Theatertreffen findet vom 5. bis zum 21. Mai in Berlin statt.

In der Begründung der Theatertreffen-Jury heißt es:

Eine Musik-, Kunst-, Theater- und Filminstallation: philosophisches Totaltheater. Kay Voges vermisst die heutige Welt als rasend Bilder ausspeiende Maschinerie und lotet ihre Auswirkungen auf moderne Bewusstseinszustände aus. Die Zuschauer*innen haben unterschiedliche Einblicke in den gewaltigen 10-Zimmer-Gebäudekomplex in gediegenem Retro-Mittelstands-Schick. Sie sehen atmosphärische Stillleben, inspiriert von Künstlern wie Edward Hopper oder Gregory Crewdson, können sich geistig selbst bedienen aus dem darüber laufenden Musik-Medley und Zitatengewitter. Um sie herum kreist eine Prozession aus 23 Darsteller*innen mit Weihrauch und Gesang, als wolle man die irre gewordenen Weltgeister bannen. Bald wird der zunächst banale Alltag zur Festung gegen eine zusehends eskalierende Krise, die das behagliche Drinnen und den Firnis der Zivilisation durchbricht. „Borderline Prozession“ ist eine Reflexion über den Terror der gleichzeitigen Ereignisse, die wir uns süchtig permanent medial zuführen. Eine Meditation zur allgemeinen Weltverwirrung.

Die Inszenierung von Schauspiel-Intendant Kay Voges ist die insgesamt dritte Einladung nach Berlin für das Schauspiel Dortmund. Annegret Ritzel war 1988 mit Platonov dabei, und zuletzt war Michael Simons Black Rider 1995 nominiert. Nach 22 Jahren nimmt das Schauspiel Dortmund nun wieder am renommierten Berliner Theatertreffen teil. Es ist die erste Einladung für Kay Voges.

 

 

„WIRKLICH JEDER MENSCH IST FOTOGEN“

wirklich jeder mensch ist fotogen

marcel schaar über die fotografie bei „hell „und in seinem leben


Marcel Schaar, Fotograf aus Hamburg. Aufträge u.a. für die Commerzbank, Mercedes und Adidas. Persönlichkeiten wie Johannes Heesters, Andrea Petkovic und die Deutsche Fußballnationalmannschaft ließen sich von ihm ablichten und seine Arbeiten für die Hamburger Philharmoniker und das Konzerthaus Dortmund sorgten für Aufsehen. Seit 2007 beschäftigt er sich im „Polanerd“-Projekt künstlerisch mit der Polaroid-Fotografie. Bei hell / ein Augenblick steht er als vielleicht erster Live-Fotograf der Theatergeschichte auf der Bühne. Seine Werke sind in zahlreichen Ausstellungen zu sehen und wurden mit einer Vielzahl an Preisen und Auszeichnungen prämiert.


Was ist dein Job bei „hell“?

Das Fotografieren – erstmals auf der Bühne. Anfangs fühlte ich mich dabei verloren, schließlich bin ich kein Schauspieler. Wie verhalte ich mich? Aber mittlerweile habe ich von Kay und den Schauspielern ein bisschen Nachhilfe im Fach „Körperspannung“ bekommen. Die Präsenz eines Regisseurs, der zwischendurch Ansagen macht oder sich bestimmte Motive wünscht, ist für mich produktiv. Kay lässt mich da ja auch machen. Wir erarbeiten den Abend schließlich alle zusammen. „WIRKLICH JEDER MENSCH IST FOTOGEN“ weiterlesen