MIT BLEISTIFT, RADIERGUMMI UND LIEBE ZUM THEATER

Was Sie schon immer über Souffleusen wissen wollten, aber nie zu fragen wagten


Ruth Ziegler ist seit 2016 Souffleuse am Schauspiel Dortmund. Kurz vor der Premiere von Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm beantwortet sie 15 Fragen über einen der vermutlich geheimnisvollsten Theaterjobs überhaupt.

Von Ruth Ziegler.


Die ganz grundsätzlichen Antworten zuerst:

Nein, ich sitze nicht in einem Kasten unter der Bühne. Ja, das ist ein Vollzeitjob. Unterschätzen Sie die Schauspieler*innen nicht. Die können auch Irritation und das Suchen nach Worten ganz hervorragend spielen.

Okay, die Hauptfragen wären geklärt. Aber darf man überhaupt Souffleuse sagen? Oder besser Souffleurin?

Zu mir darf man Souffleuse sagen. Die Berufsbezeichnung kommt ja aus dem Französischen und wäre ich Französin wäre ich ebenfalls une souffleuse. Falls jemand aber lieber Einflüstererin oder Vorsagerin sagen möchte…

Ruth Ziegler (hier bei einer Probe für TRUMP) ist nach mehreren Hospitanzen und Mitarbeit im Foyer-Team seit 2016 Souffleuse am Schauspiel Dortmund. Nebenher studiert sie Komparatistik und Theaterwissenschaft in Bochum. Die meisten Backstage-Aktionen hatte sie wohl beim Stück „hell / ein Augenblick“: innerhalb weniger Sekunden von einer zur anderen Seite des Megastores eilen, meist in völliger Dunkelheit.
Gut. Und was genau heißt soufflieren? Wörtlich heißt das französische Verb souffler wehen, aber eben auch vorsagen oder einflüstern. In der Praxis heißt soufflieren aber manchmal auch, sich über Musik und andere Geräusche hinweg Gehör zu verschaffen. Es ist also hilfreich, wenn man ein bisschen im Umgang mit seiner Stimme geschult ist.

Was braucht man sonst für den Job?

Sensibilität für Sprache, Literatur, und ein bisschen für Menschen, sind gute Voraussetzungen. Ansonsten arbeite ich mit viel Liebe fürs Theater, Bleistift, Radiergummi, Lampe und mit bunten Klebezetteln.

Und wo ist die Souffleusenschule?

Das Theater ist die Souffleusenschule. Die Arbeit hat viel mit Erfahrung zu tun und auch damit, die Schauspieler*innen gut zu kennen. Es ist Learning-by-Doing, darum kann ich hier auch nur für mich sprechen. Aber wenn da draußen andere Souffleusen und Souffleure sind, die Lust haben sich auszutauschen: ihr wisst jetzt, wo ihr mich findet.

Wie können wir uns deine Arbeit vorstellen?

Die Zuschauer*innen sehen mich ja meist mit Textbuch in den Vorstellungen sitzen. Mittig in der ersten Reihe – für den Fall, dass jemand einen Textaussetzer hat, über den er allein oder mit Hilfe der Kolleg*innen nicht hinwegkommt.
Meine Arbeit auf den Proben ist ähnlich, allerdings unter anderen Voraussetzungen. In Vorstellungen würde ich immer eher laufen lassen, auf Proben kann es manchmal wichtiger sein, im Textablauf genau zu sein und zu korrigieren. Außerdem spielt da der Textlernprozess der Schauspieler*innen natürlich eine Rolle. Gerade in den ersten Probenwochen, wenn der Text sich noch ändert und szenisch noch viel Verschiedenes ausprobiert wird, habe ich viele Einsätze.

Man kennt das vielleicht selbst vom Auswendiglernen von Vokabeln oder Gedichten. Dinge bleiben besser im Gedächtnis, wenn sie in einen bestimmten Ablauf eingebettet oder mit bestimmten Bewegungen verknüpft sind. Solange sich also Abläufe noch ändern, entfällt auch schon mal leichter ein Text. Das ist die eine Seite meiner Arbeit, die viel mit Geistesgegenwart zu tun hat und damit, sich auf die jeweilige Probensituation einzustellen. Man muss einschätzen können, worauf es gerade ankommt.

Und was ist die andere Seite der Arbeit?

Die andere Seite ist Textpflege. Wobei ich eigentlich lieber sage, dass ich den Text hüte. Dazu gehört zum Beispiel, dass ich Textänderungen notiere und ins digitale Skript einarbeite. Aber hauptsächlich besteht dieser Teil darin, die Schauspieler*innen auf Abweichungen oder Auslassungen hinzuweisen – regelmäßig in der Probenphase und, gegebenenfalls, auch nach Vorstellungen.

Eine Seite aus dem Soufflagebuch für „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“. Das Blitz-Symbol bedeutet „Licht einschalten“, die Notenschlüssel signalisieren Musikeinsätze. Das umkreiste R verdeutlicht, dass die Reihenfolge oft abweicht. Und die bunten Klebezettel signalisieren Textabweichungen oder -auslassungen während der Proben.
Was für Fehler passieren am Häufigsten?

Das kann man so allgemein nicht sagen. Es hängt zum einen natürlich vom Text ab. Shakespeare hat eine andere Sprache als Jelinek und beide haben so ihre Tücken. Wie leicht oder schwer einem ein bestimmter Text fällt und auch welche Abwandlungen man intuitiv daran vornimmt, hat viel mit dem eigenen Sprachgefühl zu tun. Ich sagte ja, dass es auch wichtig ist, die Schauspieler*innen zu kennen, weil man so mit der Zeit einschätzen kann, wie sie mit Texten umgehen und auch, wie sie lernen. Jede*r Schauspieler*in hat ein bisschen andere Wünsche und Bedürfnisse, was die Zusammenarbeit mit mir angeht. Manche kommen häufiger zu mir, um ihren Text mit mir durchzugehen, andere fast nie. Einige rufen „Text!“, andere nennen mich beim Namen oder geben mir Zeichen, wenn sie Hilfe brauchen. Und auch jeder Text hat ein bisschen andere Bedürfnisse. Bei einem sehr rhythmischen Text, zum Beispiel beim Schiller-Klassiker, kann es auf jedes einzelne Detail einer Zeile ankommen, andere Texte verzeihen kleinere Ungenauigkeiten eher. Und dann kommt es natürlich auch darauf an, was dem/r Regisseur*in am Text wichtig ist.

Und kannst du die Texte irgendwann auch auswendig?

Jein. Im Gegensatz zu Schauspieler*innen lerne ich den Text ja nicht bewusst auswendig und das wäre auch für meine Arbeit kontraproduktiv. Mein Gedächtnis ist schließlich auch nicht unfehlbar. Aber natürlich prägt sich durch die Wiederholung schon das eine oder andere ein. Das kann nützlich sein, wenn zum Beispiel jemand spontan eine bestimmte Textstelle prüfen möchte. Dann macht es nichts, wenn ich die Stelle im Textbuch nicht auf Anhieb finde, sondern nur durchs Hören merke, dass etwas nicht stimmt.

Kannst du uns vielleicht eine Anekdote erzählen?

Ich glaube, ich möchte das nicht so gerne. Nicht, weil es keine gäbe, aber es liegt irgendwie in der Natur der Sache, dass man über meine Arbeit ohnehin nicht reden kann, ohne über die Fehler anderer, also der Schauspieler*innen, zu reden und das ist mir, ehrlich gesagt, so schon ein bisschen unangenehm.

Ist es in Ordnung für dich, wenn Zuschauer dich ansprechen?

Grundsätzlich ja. Es gilt natürlich die alte Schulbusregel: Während der Vorstellung nicht mit der Souffleuse sprechen! Aber auf die Idee ist bisher auch noch kein Zuschauer gekommen. Ansonsten gebe ich gerne Lob weiter oder Auskunft, wie lang die Pause ist oder wie noch mal dieses eine besondere Wort war, das da an einer Stelle vorkam. Nur eine Frage werde ich ganz sicher nicht beantworten.

Ui, okay. Und welche ist das?

Ob jemand während der Vorstellung einen Hänger hatte. Oder ob ich einen Einsatz hatte – das bleibt mein Geheimnis! Das hat vor allem mit Loyalität zu tun. Außerdem finde ich, Theater darf ein bisschen magisch sein. Zu dieser Magie gehört auch, nicht alles genau zu wissen und zu durchschauen.

Na gut. Dann zu guter Letzt, die eine Frage, die uns alle umtreibt: Dein Einsatz bei TRUMP – spontan oder inszeniert?

Voll inszeniert. Der Moment entstand zufällig auf der Probe, gefiel aber so gut, dass er einfach übernommen wurde. Ich befürchte aber, dass ich im Laufe der vielen Vorstellungen eine gewisse Spielfreude entwickelt habe und man vielleicht inzwischen ein bisschen mehr merkt, dass es inszeniert ist, als das vielleicht zu Anfang der Fall war. Apropos, du wolltest doch eine Anekdote hören: Dieser Partyhut mit der Amerikaflagge, den ich bei TRUMP trage…

Ja?

Ursprünglich hab ich den mal aufgesetzt, weil ich dachte, es könnte den Schauspieler*innen helfen, mich zwischen den Zuschauern zu entdecken, falls sie mich brauchen. Nach der Probe saßen wir dann zusammen am Tisch und ich sagte: „Ich hab mal diesen Hut aufgesetzt, damit ihr mich besser seht, funktioniert das?“ Aber noch ehe einer von ihnen antworten konnte, sagte der Regisseur: „Egal, es ist lustig.“ Und seitdem hab ich den Hut.

Sonst noch was zu sagen?

Setzen Sie sich ruhig neben mich. Ich beiße nicht und leises Umblättern gehört zu meinen Souffleusenkernkompetenzen. Das Geschehen auf der Bühne wird Sie ausreichend fesseln, sodass Sie nicht in Versuchung geraten, sich selbst zu spoilern, indem sie in mein Buch gucken. Außerdem ist das meistens nicht der schlechteste Platz. Also keine Scheu: setzen Sie sich ruhig neben mich.

EIN ZUTIEFST BERÜHRENDES GEFÜGE AUS MUSIK UND TEXT

Maria Helgath im Gespräch mit Dirk Baumann

Maria Helgath (Sängerin)
Bettina Lieder
Frank Genser
T.D. Finck von Finckenstein (musikalische Leitung)
Petra Riesenweber (Piano)
Robin Grunwald (Sänger)

Maria Helgath steht im Schauspiel Dortmund in Claudia Bauers Inszenierung von „Schöpfung“ als Solistin auf der Bühne. Auf Grundlage von Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ erzählt der Abend von den Chancen und Risiken der technologischen Entwicklung rund um Künstliche Intelligenz und humanoide Roboter und stellt die provokante Frage: Wenn der biologische Mensch selbst zum Schöpfer wird, wer sind dann Adam und Eva? Die Sprechtexte sind neu hinzugekommen und von Regieteam und Ensemble gemeinsam entwickelt worden. Im Interview mit Dramaturg Dirk Baumann erzählt Maria Helgath unter anderem, warum der Abend unbedingt etwas für Haydn-Fans ist. Die ungewöhnliche Kooperation aus Sprech- uns Musiktheater steht noch bis zum Ende der Spielzeit auf dem Spielplan.

„Die Schöpfung“ gehört ja zu den bekanntesten Oratorien überhaupt. Was ist für dich der Unterschied zwischen der Schöpfung im Schauspiel und Dortmund und der Partie in einer klassischen konzertanten Aufführung?
 
Im Konzertbereich liegt der Fokus auf der Musik. D.h. man versucht als Sänger und Musiker alles, alle Bilder, alle Emotionen akustisch entstehen zu lassen. Natürlich gibt es oft auch Rollen, die man als Sänger auf musikalischer Ebene interpretiert und mit denen man Geschichten erzählt. Haydn hat in der „Schöpfung“ sehr lautmalerisch komponiert: der Adler schwingt sich zum Beispiel in aufsteigenden Linien von der unteren Mittellage nach oben in luftige Tonhöhen oder die Tauben girren durch kleine Triller. Das wird in unserer Version in Dortmund in großen Teilen aufgebrochen bzw. in einen neuen Kontext gesetzt. Zwar wird der Klavierauszug teilweise am Cembalo im Original gespielt, der Klang wird durch das Arrangement von T.D. Finck von Finckenstein aber so verfremdet oder mit elektronischen Sounds unterlegt, dass bestimmte Details sehr eindringlich vor Augen geführt werden. Oder wir singen Arien zwar wie im Original, wiederholen aber dann eine Stelle absurd oft oder machen ein Rezitativ, das eigentlich einen reinen Erzählcharakter hat, zu einer Art Arie. Manches hat T. D. Finck von Finckenstein auch komplett umarrangiert, die Essenz eines Stückes herausgegriffen, neu interpretiert, in einen neuen Zusammenhang gesetzt, wodurch man es natürlich völlig anders hört! In der klassischen konzertanten Aufführung würde niemals ein Ausschnitt von vier Takten aus einem Terzett xmal wiederholt und über einen elektronischen Beat gesetzt werden, aber genau diese Herangehensweise ist besonders bei „Schöpfung“ im Schauspiel. Oft löst die Musik den nächsten thematischen Schritt aus, manchmal fungiert sie als eine Art Soundtrack zum Bühnengeschehen und oft bildet sich aus Musik und Text ein zutiefst berührendes und aufrüttelndes Gefüge, das die einzelnen Bestandteile in ganz neue Dimensionen treibt und den Zuschauer sehr herausfordert, wirklich hinzusehen und hinzuhören.

„Der Mensch in seiner Unvollkommenheit will eigentlich nur lieben und geliebt werden.“

Würdest du sagen, dass die Inszenierung auch etwas für Haydn-Fans ist?
 
Unbedingt! Ich glaube, wer wirklich Haydn-Fan ist, ist offen und neugierig. Haydn hat humorvoll und optimistisch komponiert, dem versuchen wir auch am Schauspiel Dortmund gerecht zu werden, hier allerdings im krassen Kontrast zu den Sprechtexten. Haydn beschreibt in seiner Komposition eine schöne, intakte, gesunde, vollkommene Schöpfung, doch was haben wir, was hat der Mensch daraus gemacht? Wie nutzen wir unsere menschliche Schöpferkraft, die Haydn sehr lautmalerisch und musikalisch wunderschön in den Szenen um Adam und Eva beschreibt? Also gut, mal abgesehen davon, dass ich als Frau des 21. Jahrhunderts etwas mit dem Rollenverständnis des 18. Jahrhunderts zu kämpfen habe. Aber auch das dreht sich im Schauspiel, die Maschine ist geschaffen, um dem Menschen zu dienen – und überflügelt ihn letztendlich. Der Mensch in seiner Unvollkommenheit versucht Gutes und Nützliches zu schaffen, will eigentlich nur lieben und geliebt werden, wie Haydn das ja auch komponiert hat, und scheitert immer wieder auf verschiedensten Ebenen. Ich denke, wer mit offenen Ohren und Augen in die Vorstellung geht, kann sehr viel mitnehmen, man wird mit seinen eigenen Sichtweisen konfrontiert, auf musikalischer wie auf weltanschaulicher Ebene. Für mich als Zuschauer ist ein Theaterabend – egal in welchem Genre – immer dann besonders wertvoll, wenn ich das Theater mit einem anderen Blick auf die Welt verlasse, als ich es betreten habe. Und ich finde, unsere „Schöpfung“ hat das Zeug dazu, für viele ein solcher Abend zu sein.

Bettina Lieder
Sänger: Ulrich Cordes, Maria Helgath, Robin Grunwald
Petra Riesenweber (Piano)

„Schöpfung“ erzählt von der Möglichkeit der Schöpfung eines neuen, künstlichen Menschen durch den biologischen Menschen selbst. Ist das ein Thema, mit dem du etwas anfangen kannst? 
 
Absolut, das beschäftigt und berührt mich sehr. Ich stand vielen technologischen Neuerungen lange skeptisch gegenüber, habe mich beispielsweise gegen die Preisgabe meiner Daten gewehrt usw. und irgendwann gemerkt, dass der ständige und konsequente Kampf dagegen auch in eine Art Vereinsamung führt. Neue Technologien, künstliche Intelligenz sind nicht per se schlecht, im Gegenteil, wir Menschen erschaffen laufend Unglaubliches, allein die Fortschritte im medizinischen Sektor sind gigantisch. Aber ich gebe zu, eine Form von Angst vor der mittlerweile völlig unkontrollierbaren Ebene der Algorithmen zu haben, vor Künstlicher Intelligenz, die uns längst überholt hat und die wir uns teilweise zunutze machen können, die aber auch Dimensionen angenommen hat, die unser aller Vorstellungskraft übersteigt. Die Texte von Stanislaw Lem im Stück haben mich sehr zum Nachdenken angeregt und ich finde es unglaublich spannend und wichtig, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

„Ich genieße es sehr, wenn man bei Proben ausprobieren darf.“

Du hast eine Ausbildung als Sängerin und als Schauspielerin. Inwiefern hilft dir das bei der Arbeit? Gibt es etwas, was du lieber machst?
 
Ja, das hilft mir oft. Wenn man sich in den verschiedenen Welten Musiktheater, Schauspiel und Konzert bewegt, lernt man verschiedene Arbeits- und Herangehensweisen, wie man sich einem Stoff, einer Thematik, einer Stilistik nähert. Und da befruchtet sich natürlich alles gegenseitig! Ich nähere mich beispielsweise Operncharakteren, aber auch klassischen Liedern oder Konzertpartien gern aus schauspielerischer Sicht. Ich achte also nicht nur auf Stimmklang und Phrasierung – wobei das natürlich auch sehr wichtig ist! Umgekehrt sind Schauspieltexte auch oft eine Form von Musik: Da gibt es Rhythmen und Wortklänge, die eine Figur charakterisieren. Was ich lieber mache, Schauspiel oder Gesang, kann ich gar nicht sagen, das hängt sehr von der Partie und der Rolle ab. Zum Beispiel empfinde ich es als sehr erfüllend „Schlafe, mein Liebster“ aus dem Weihnachtsoratorium von Bach zu singen – zu erleben, wie jede Note eine Liebeserklärung von Maria bzw. Bach an das schlafende Kind, an Jesus ist. Da braucht’s sonst nichts, alles passiert in der Musik. Und am nächsten Tag stehe ich dann vielleicht in einer Schauspielrolle auf der Bühne mit unglaublich vielen Schichten, Farben, Facetten, und auch das ist erfüllend! Also, ich kann nur sagen, dass ich die Vielfalt in der ich arbeiten darf, sehr genieße!

Ensemble

Wie war die Zusammenarbeit mit Tommy Finke und der Regisseurin Claudia Bauer?
 
Ich habe jeden Tag der Probenzeit wirklich genossen. Tommy und Claudia sind beide unglaublich kreative, energetische und geradlinige Menschen, es hat großen Spaß gemacht, die Musik aufzubrechen und Dinge gemeinsam entstehen zu lassen. Es gab bei keiner Probe den Zwang perfekt sein zu müssen, was leider bei musikalischen Produktionen oft der Fall ist, wodurch oft Leistungsdruck entsteht und kreatives Arbeiten sehr eingeschränkt wird. Ich genieße es sehr, wenn man bei Proben ausprobieren darf, auch mal Dinge daneben gehen dürfen, um dann zu entstehen und sich zu entwickeln. Das bietet Raum zur Entfaltung und den haben uns Tommy und Claudia geboten. Dass in den Endprobenwochen noch ganz viel entsteht, umgestellt wird, extra geprobt wird, kenne ich von vielen Schauspielproduktionen, deshalb musste ich mich da nicht umstellen. Ich mag an Claudia sehr, dass sie bis zum Schluss um das Produkt kämpft und wenn ihr zum Beispiel der Schluss nach der Generalprobe nicht gefällt, wird er eben nochmal umgebaut und neu strukturiert! Diese Leidenschaft und Bedingungslosigkeit für die Sache und die Beteiligten finde ich super.

„Ich fühle mich dem Ensemble sehr zugehörig, wir spielen und gestalten das Stück gemeinsam.“

Bei „Schöpfung“ ist kein Orchester mit dabei – hat das Auswirkungen auf die Art, wie du singst?
 
Nein, es macht stimmtechnisch keinen Unterschied. In der Oper muss man stimmlich über den Orchestergraben kommen, da braucht es manchmal „ein paar Gramm mehr“ auf der Stimme, aber Haydn hat sehr sängerfreundlich geschrieben, sowohl mit Orchester als auch in unserem Fall mit Cembalo oder Synthesizer-Sounds ist die Stimme immer sehr präsent. Damit wir über die elektronischen Sounds hörbar sind, werden wir verstärkt, wir müssen also nicht brüllen und können ganz „normal“ singen.

Ensemble

Wie war die Zusammenarbeit mit den Schauspieler*innen für dich?
 
Super! Ich finde das Ensemble am Dortmunder Haus wirklich spitze, sowohl künstlerisch als auch menschlich. Manchmal fand ich’s schade, auf der Bühne nicht mehr Teil der Spielgeschehens sein zu können, wir drei Sänger sind im Stück als „Künstliche-Intelligenz-Sänger“ in der großen Maschinerie der KIs eine eigene Spezies und auch räumlich die meiste Zeit von den „KI-Schauspielern“ getrennt. Aber ich fühle mich dem Ensemble sehr zugehörig, wir spielen und gestalten das Stück gemeinsam, jeder in seiner Profession (diesmal bin ich einfach Sängerin) und spätestens wenn wir von der Bühne gehen ist die Trennung sowieso aufgehoben.

Termine:

20.5., 18 Uhr, 2., 22.6., 4., 12.7., jeweils 19:30 Uhr im Schauspielhaus

„WIE EIN GESAMTKUNSTWERK“

„Wie ein Gesamtkunstwerk.“

Nane Thomas über die Besonderheiten des Bühnenbilds von DAS INTERNAT.

Es ist, als wäre Fritz Lang wieder auferstanden und hätte ein perfektes Räderwerk in Gang gesetzt.“ Das schrieb die Süddeutsche Zeitung kurz nach der Premiere über die Inszenierung „Das Internat“ von Ersan Mondtag – ein hochmusikalischer, düster-assoziativer Abend voller einprägsamer Bilder und einer Geschichte um Macht und Revolte.

Ein besonderer Hingucker ist dabei das Bühnenbild, das ebenfalls von Ersan Mondtag gestaltet und konzipiert wurde: ein opulentes, sich ständig drehendes, zweistöckiges Internatsgemäuer – einerseits groß und offen, andererseits schaurig und eng. Zweifelsohne ist das Bühnen- und Kostümbild von „Das Internat“ das Aufwändigste, die in den letzten Jahren im Schauspiel Dortmund zu sehen waren.

Wir haben mit der Bühnenbild-Assistentin Nane Thomas über „Das Internat“ und dessen Bühne gesprochen. „WIE EIN GESAMTKUNSTWERK“ weiterlesen

„Momente der Unsterblichkeit“

Momente der Unsterblichkeit

Ab dem 19. April ist unser Ensemble-Mitglied Marlena Keil als Magd Zerline im Studio zu erleben! Die legendäre Erzählung von Hermann Broch als packender Theater-Soloabend.
Die Magd Zerline hält Rückschau auf ihr Leben, das sie im Dienst einer Baronin verbracht hat: eine Lebensbeichte voller Sehnsucht nach einer erfüllten Liebe, die sie glaubte, im Liebhaber ihrer Herrschaft zu finden. Sehnsucht, Begehren und Schmerz mischen sich mit Neid, Stolz und Heimtücke an diesem sommerlichen Nachmittag, der zuletzt im Anzetteln eines Mordprozesses gipfelt.

Ein Gespräch mit Marlena Keil und dem Regisseur des Abends, Matthias Rippert.

Alle Termine und Tickets. „Momente der Unsterblichkeit“ weiterlesen

AUFREGUNG FÜR ALLE.

AUFREGUNG FÜR ALLE

Das ewige Feedback der Empörung – in Utzbach und im Netz

Essay zum „Theatermacher“ von Matthias Seier


Kritiker gibt es, deren jeder vermeint, bei ihm stände es, was gut und was schlecht sein solle; indem er seine Kindertrompete für die Posaune der Fama hält.

Artur Schopenhauer: Parerga und Paralipomena, 1851


I. Die Geschichte einer Empörung

Im Sommer 1972 wurde bei den Salzburger Festspielen das Theaterstück Der Ignorant und der Wahnsinnige von Thomas Bernhard uraufgeführt. Dessen Regisseur Claus Peymann bestand in der letzten Szene auf absolute Finsternis. Auch das Notlicht müsse gelöscht werden. Während es bei der Generalprobe tatsächlich stockfinster war, hielten die Feuerwehr sowie die Festspielleitung diese Idee bei einer tatsächlichen Aufführung aus Brandschutzgründen für nicht hinnehmbar. Am Premierenabend kam es also hinter den Kulissen zu einem handgreiflichen Kampf um den Notbeleuchtungsschalter. Zur zweiten Aufführung kündigten die Schauspieler an, nicht mehr zu spielen, falls das Notlicht nicht gelöscht werde. Und zur dritten Aufführung kam es nicht mehr, weil die Festspielleitung daraufhin alle weiteren Vorstellungen des Stücks absagte. Der sogenannte Notlichtskandal war geboren. Thomas Bernhard, Claus Peymann und sein Team wurden von Presse und Zuschauern beschimpft und aufgefordert, das Land zu verlassen, wenn man sich nicht an dessen Gesetze halten wolle. Bernhard selbst schrieb dazu bloß: „Eine Gesellschaft, die zwei Minuten Finsternis nicht erträgt, kommt ohne mein Schauspiel aus.“ AUFREGUNG FÜR ALLE. weiterlesen

IRREN IST MENSCHLICH? – MEMORY ALPHA

Uraufführung

MEMORY ALPHA ODER DIE ZEIT DER AUGENZEUGEN

von Anne-Kathrin Schulz

Mit: Christian Freund, Caroline Hanke, Uwe Schmieder und Friederike Tiefenbacher

Regie: Ed. Hauswirth | Bühne und Graphic Art: Susanne Priebs | Kostüme: Vanessa Rust | Film-Still-Photography: Laura N. Junghanns | Video-Operator: Julia Gründer | Musik: Sebastian Spielvogel | Licht: Sibylle Stuck | Ton: Gertfried Lammersdorf, Chris Sauer | Engineering: Lucas Pleß

Premiere am 6. April 2018 im Studio / Schauspiel Dortmund
Aufführungsdauer: 95 Minuten


Termine und Tickets


Caroline Hanke, Friederike Tiefenbacher, Uwe Schmieder

 

Bereits 2020 will die chinesische Regierung ein landesweites Scoring-System in Betrieb nehmen, das das Verhalten jedes Bürgers elektronisch speichert und bewertet. Jede/r in China wird dann mit einem Punktestand durchs Leben gehen, der seine/ihre Reputation widerspiegeln soll. Dieser „social score“ wird permanent aktualisiert: Der Mensch kann Punkte und damit Privilegien gewinnen, aber auch verlieren – je nachdem, was man online und offline so tut. Technologisch ist das kein Problem. Daten vonOnline-Plattformen können genauso einfließen wie die Meldungen von Mitbürgern – und alles Mögliche kann von Interesse sein: Z.B. wie gut man seine Arbeit macht, was man einkauft, wie schnell man seine Rechnungen bezahlt, welche Seiten man im Internet liest oder auch wie oft man bei Rot über die Straße geht. Die Vision: Die Schaffung eines elektronischen Gedächtnisses, mit dessen Hilfe die Bürger dazu erzogen werden sollen, bessere Menschen zu werden. Denn ein niedriger Punktestand kann unangenehme Konsequenzen haben…

Uwe Schmieder
Christian Freund, Friederike Tiefenbacher

 

Der Mensch, das Gedächtnis und ein Autounfall, der die Zeit auf den Kopf stellt: Dr. Gerd Stein, Leiter des renommierten Instituts für Digitalität und Gedächtnis, wird auf einer Brüsseler Straße von einem Auto zerquetscht, kurz nachdem er im Europaparlament öffentlich vor der geplanten chinesischen Super-SCHUFA gewarnt hat. Wer saß hinterm Lenkrad? Stein begibt sich auf Spurensuche rückwärts durch die Zeit. Knapp zwei Monate zuvor hatte seine Frau, die Gedächtnis-Forscherin Johanna Kleinert, mit der natürlichen Fehleranfälligkeit des menschlichen Gedächtnisses experimentiert:

Im Rahmen einer epochalen False-Memory-Studie hackte Kleinert das Gedächtnis ihres Probanden Sebastian Grünfeld – und zwar so, dass dieser sich nun hochpräzise an ein Erlebnis erinnert, welches es nie gegeben hat. Und dann ist da noch Steins Schwester Charlotte – eine von 57 weltweit bekannten Menschen, die schwer vergessen können…

Caroline Hanke

 

Das menschliche Gehirn ist die komplexeste Struktur im uns bekannten Universum. Doch wie gut und sicher kann es Erinnerungen abspeichern – und was bedeutet das für unser Gefühl von Vergangenheit, Identität und für unsere Definition vom Menschsein? Wie werden die Fehleranfälligkeit des menschlichen Gedächtnisses und die wahnsinnigen Kapazitäten von elektronischen Gedächtnissen aufeinander treffen? Wird es bald eine Zeit geben, in der der Satz „Irren ist menschlich“ nicht mehr gilt?

Friederike Tiefenbacher, Uwe Schmieder, Caroline Hanke, Christian Freund

 


 


Regisseur Ed. Hauswirth ist Gründungsmitglied und künstlerischer Leiter des Theater im Bahnhof. Die freie Grazer Gruppe versteht sich als zeitgenössisches Volkstheater, das sich seit seinen Anfängen mit europäischer Identität auseinandersetzt. Das TiB kombiniert Unterhaltung mit unkonventionellen Formen, bewegt sich vom Bekannten ins Unbekannte, sucht mögliche und unmögliche Spielräume. Der 1965 in der Steiermark geborene Regisseur inszenierte u.a. Drei Schwestern von Anton Tschechow, Graz fliegt (Eröffnung der Kulturhauptstadt Europas Graz 2003), Burgtheater von Elfriede Jelinek, Europa, Europa und Warmanziehen.

Am Schauspiel Dortmund gab er 2016 sein Debüt mit der hoch gelobten Stückentwicklung Die Liebe in Zeiten der Glasfaser. Ein Stück Skype, gefolgt von Triumph der Freiheit nach Joël Pommerat.

Autorin Anne-Kathrin Schulz studierte Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. 2001 wurde ihr Stück Unter Land am Jungen Theater Göttingen uraufgeführt, 2003 dann Silly Songs am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Ebenfalls 2003 entstand nach ihrer Kurzgeschichte Bericht vom Rand der Festung der Kurzfilm Nobody Kers (Regie: Philipp Reuter, Ruhrgebietspreis 2003). Seit 2000 auch Arbeit als Dramaturgin, z.B. am Schauspiel Bochum, dem Deutschen Theater Berlin und (seit 2010) am Schauspiel Dortmund, wo sie z. B. Mike Daiseys Die Agonie und die Ekstase des Steve Jobs und TRUMP ins Deutsche übersetzte sowie Co-Autorin von DIE SHOW war. 2016 wurde Die Schwarze Flotte in der Regie von Kay Voges uraufgeführt.


Weiterführende Informationen:

Einige Presseberichte zum geplanten chinesischen Social Score System

 

Zwei Vorträge vom letztjährigen Chaos Communication Congress

Katika Kühnreich: „Gamified Control? China’s Social Credit Systems“:

 

Tijmen Schep: „ Social Cooling – big data’s unintended side effect

Pressebericht zum trügerischen Gedächtnis

“Erinnern ist auch erfinden” (Deutschlandfunk Kultur, 9.12.2016)


 

EINE ANDERE PERSPEKTIVE AUF ZEIT UND GESELLSCHAFT

Regisseurin Laura N. Junghanns im Interview mit Dirk Baumann über ihre Inszenierung von Virginia Woolfs „Orlando“

Laura N. Junghanns; Foto: Dirk Vogel

Virginia Woolfs „Orlando“ erschien 1928. Was hat Dich an dem Stoff interessiert?

Mich interessiert die Breite der Geschichte, die Themen wie Herkunft, Geschlecht, Geschlechterrollen, Sexualitäten beinhaltet in einem so reichen Material, das einen Bogen über knapp 350 Jahre spannt. Und damit viele Epochen und soziale und gesellschaftliche Hintergründe abdeckt, die Spiegelpunkte zur Jetztzeit sind.

Du hast die Fassung des Stücks selbst erarbeitet – worauf kam es Dir dabei an?

Grundsätzlich halte ich es immer für sinnvoll, viel zu recherchieren: Beim Orlando-Stoff ist neben der Handlungsebene des Romans die „Sidestory“ interessant, die Entstehungsgeschichte des Buches. Virginia Woolf hat „Orlando“ ja geschrieben, um sich mit ihrer damaligen Liebhaberin Vita Sackville-West auseinanderzusetzen und es ihr zu widmen – einer Zeitgenossin Woolfs und ebenfalls Autorin. Tatsächlich habe ich erst einmal breit recherchiert, angefangen bei Virginia Woolfs Leben und Werk bis zum Briefwechsel zwischen Virginia Woolf und Vita Sackville-West. Im zweiten Schritt habe ich dann das Buch selbst genommen und jeden Satz markiert, der mich interessiert hat. Das war dann mein Material für die eigentliche Arbeit an der Stückfassung. Ich halte es für unabdingbar, erst eine genaue Analyse des Materials vorzunehmen, um ausgehend davon eine bzw. meine „Übersetzung“ aus Metaphern, Bildern oder schlichtweg Emotionen zu finden. Es geht mir dabei nicht um ein „Reenactment“ des Buches, denn der Roman bleibt der Roman und soll es auch bleiben, sondern um eine szenisch erfahrbare Umsetzung, die über die Buchseiten hinausgehen und die Phantasie beflügeln kann. Oder, um es mit Virginia Woolfs Worten zu sagen: „Das einzig aufregende Leben ist das der Phantasie.“ Ein Tagebucheintrag vom 21. April 1928, d.h. genau aus der Phase zwischen dem ersten Wort von Orlando und der Veröffentlichung im Herbst 1928.

„Das einzig aufregende Leben ist das der Phantasie.“
Virginia Woolf

Insgesamt gab es bestimmt zehn verschiedene Stände der Textfassung, von denen ich drei mit meinem Kreativteam gemeinsam durchgesprochen habe (in erster Linie die Band AniYo kore, sowie die Bühnenbildnerin Maria Eberhardt, die Kostümbildnerin Natalia Nordheimer und der Dramaturg Dirk Baumann). Die endgültige Probenfassung entstand tatsächlich erst nach der ersten Probenwoche, nachdem ich die Stimmen der Schauspieler*innen gehört hatte.

Friederike Tiefenbacher
Marlena Keil
Ekkehard Freye

Das Verhältnis von Fiktion und Realität spielt in Deiner Inszenierung eine besondere Rolle – kannst Du das näher erläutern?

Zwischen den beiden Polen Fiktion und Realität entsteht viel Raum für Phantasie, für die Zuschauer wie auch für mich. Im besten Falle entstehen sogar Freiräume, um sich selbst und die eigenen Rollenbilder in Frage zu stellen. Auf der Bühne stehen einerseits die Hauptfiguren aus dem Roman „Orlando“, andererseits ist u.a. aber auch Virginia Woolf als Figur zu sehen.

Du sagst, in „Orlando“ geht es um Fragen von Identität, Geschlecht und äußeren Zuschreibungen. Jetzt ist der Roman aus dem Jahr 1928 – war Virginia Woolf in ihrem Denken ihrer Zeit voraus?

Nein, ich glaube nicht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war ohnehin viel los in der Welt, Vieles war im Umbruch. In Argentinien beispielsweise gab es eine starke feministische Bewegung, schon 1910 fand der erste Internationale Frauenkongress in Buenos Aires statt. Es ist davon auszugehen, dass Virginia Woolf die Entwicklungen kannte, verfolgte und dass sie davon auch in ihrem Schreiben beeinflusst wurde. Etwa zur gleichen Zeit wie „Orlando“ erschien ein Buch namens „Quell der Einsamkeit“ der Autorin Radclyffe Hall. Dieses Buch sorgte für mit den ersten großen literarischen Skandal, weil darin erstmals eine lesbische Beziehung beschrieben wurde. Das führte zum Verbot des Buchs – auch wenn nach heutigen Maßstäben alles sehr blumig und neblig beschrieben war –, aber auch dazu, dass sich Verleger und Schriftsteller zusammenschlossen, um gegen das Verbot zu demonstrieren. Wenn man vor diesem Hintergrund „Orlando“ betrachtet, gibt es ausgenommen vom Geschlechter-Wechsel eigentlich gar keine Schilderung einer homosexuellen Begegnung. In dem Sinne war sie ihrer Zeit also keineswegs voraus, sondern hat den Zeitgeist genau getroffen.

Ekkehard Freye

Wie kamst Du darauf, mit der Dortmunder Band aniYo kore zusammenzuarbeiten?

Ich habe die Band in Dortmund bei den Petra-Meurer-Theatertagen getroffen, da war ich mit meiner freien Company „KimchiBrot Connection“ eingeladen. Die beiden haben im Rahmen der Preisverleihung ein Konzert gespielt. Eigentlich hatte ich mit der Company ausgemacht, dass wir im Anschluss an die Veranstaltung mit Leuten „socialisen“, die unsere Performance vielleicht als Gastspiel einladen könnten. Nach dem Konzert habe ich meine Kollegen dann aber direkt stehen lassen und gesagt: „Sorry, ich bin da heute raus, ich muss unbedingt diese Band anfragen, ich muss mit denen ‚Orlando’ machen.“ Zum einen haben sie mich mit ihrem Sound umgehauen und ihrer wahnsinnigen, theatralen Präsenz. Damals bestand ihr Setup nur aus Gitarre, Bass und Gesang, aber selbst damit haben sie den ganzen Raum gefüllt. Zum anderen glaube ich, dass die lokale Verwurzelung eines Stadttheaters eine große Stärke sein kann. Natürlich kenne ich auch tolle Musiker aus Köln oder Berlin, aber wenn man so einen Pool an Kreativität auch hier in Dortmund findet, dann ist das wesentlich besser angebunden.

aniYo kore (Live-Musik)

Das Spannende am Geschlechtswandel ist der gleichzeitige Perspektivwechsel auf eine Gesellschaft und auf eine Zeit.

Orlando wechselt im Roman das Geschlecht – welche Bedeutung hatte diese Tatsache für Dich während der Arbeit am Stück? Hatte das z.B. Auswirkungen auf die Besetzung?

Das Spannende am Geschlechtswandel ist der gleichzeitige Perspektivwechsel auf eine Gesellschaft und auf eine Zeit. Natürlich habe ich darüber nachgedacht, aber es war mir schnell klar, dass die Rolle von einer Frau gespielt werden sollte – weil die Sekundärgeschichte, die reale Folie vor der Virginia Woolf schreibt, eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen ist. Und natürlich haben wir uns Gedanken darum gemacht, was es heißt, heute queer zu sein, was dieser Begriff bezeichnet, was queeres Theater ist, was Geschlechterrollen sind. Momentan bin ich persönlich an dem Punkt angelangt, dass ich im Theater jenseits von theoretischen Debatten und Aufforderungen eine gelebte kreative Selbstverständlichkeit etablieren möchte, in der Frauen Männer spielen und Männer Frauen. Das ist jetzt nichts Neues, aber so werden Geschlechterrollen automatisch aufgebrochen. Und so ist es auch in der Inszenierung: Viele der weiblichen Nebenfiguren werden von einem Mann gespielt, viele männliche von einer Frau, ohne dass das kommentiert wird. Allein darüber kann ein anderer Resonanzraum für solch einen Satz aus „Orlando“ geschaffen werden: „In jedem Menschen ereignet sich das Schwanken zwischen den Geschlechtern.“

Im besten Fall lernen wir Geschlecht als Reihe von Kontinuitäten zu denken.

Geschlecht ist für die meisten Menschen eine zentrale Kategorie, über die sie andere und sich selbst identifizieren. Sollte man Deiner Meinung nach öfter mal hinterfragen, wo das eigentlich herkommt und was das für die eigene Identität bedeutet?

Im besten Fall lernen wir Geschlecht nicht binär, sondern als Reihe von Kontinuitäten zu denken. Vielleicht ist der Abend eine Anregung, sich nicht selbst einzusperren in Geschlechterstereotypen, die vermeintlich zum eigenen Geschlechterbild gehören. Zum einen kommen die von außen, aber man gibt sie sich auch selbst. Jede/r sollte ihren/seinen Impulsen frei folgen können. Vielleicht ist „Orlando“ eine Veranlassung, offener damit umzugehen. In den Proben fand ich es beispielsweise spannend, dass es mir irgendwann schwer fiel, das „richtige“ Pronomen zu verwenden – spreche ich über eine Frau, die einen Mann spielt von er oder sie? Und umgekehrt von einem Mann, der eine Frau spielt? Bei Ekkehard Freye in einer weiblichen Rolle habe ich einfach irgendwann „sie“ gesagt, das war auch selbstverständlich für alle, niemand hat das kommentiert. So etwas macht Spaß, weil es Klischees und Geschlechterrollen entlarvt.

Marlena Keil
Friederike Tiefenbacher

Du bist eine junge Regisseurin, die aber auch bereits einige Erfahrungen gesammelt hat. Was ist für Dich anders an dieser Arbeit im Schauspiel Dortmund?

So anders ist es gar nicht. Natürlich hat man am Stadttheater luxuriösere Strukturen, mehr Möglichkeiten, eine Routine, die einen Schutzraum ermöglicht, in dem man kreativ arbeiten kann. Das ist ein großes Geschenk, das wir in Deutschland haben. In unserer freien Company arbeiten wir meist schon früher alle zusammen am Konzept, hier war zwar auch früh das Kreativteam aus Regie, Bühne, Kostüm, Musik und Dramaturgie klar, und ich habe früh mit Ihnen gesprochen, aber die Schauspieler kamen zu einem viel späteren Zeitpunkt dazu. Die muss man dann aus ihrer Routine „rausbekommen“ und dafür gewinnen, dass sie mit Feuer und Flamme dabei sind.

Welche Verbindung siehst Du – neben der Namensgleichheit von Figur und Stadt – zwischen Virginia Woolfs Roman und dem schrecklichen Attentat von Orlando vom 12.6.2016, bei dem ein Attentäter 49 Menschen in einem mehrheitlich von Homosexuellen besuchten Club erschoss?

Die Verbindung sehe ich eher im Nachhall des Attentats. Dabei kommen Themen zur Sprache wie das Verhalten einer Mehrheit einer Minderheit gegenüber – im Pulse in Orlando war es sogar eine doppelte Minderheit: nicht nur Angehörige der LGBTI-Szene, an dem Abend war auch mehrheitlich die Minderheit der Hispanics dort. Die beiden Orlando-Themenfelder ähneln sich, aber Orlando vor dem Hintergrund des Shootings spricht aus einer ganz anderen Perspektive als das Buch Orlando, in dem die Hauptfigur ein blonder, weißer, reicher Jüngling ist, der alles hat und weitestgehend mit keinen Problemen konfrontiert ist. Aber er schaut im Verlaufe des Romans auf ähnliche Themen wie sie Angehörige der LGBTI-Szene heute betreffen und durchlebt auch ähnliche Stationen.

Die beiden Orlando-Themenfelder ähneln sich.

Ekkehard Freye
Marlena Keil
Friederike Tiefenbacher

Die Figur Orlando verändert sich im Verlauf des Romans stark. „Und nun, und wer, Orlando“ heißt es im Stück wie im Roman. Wenn ich Dich nach sechs Wochen Proben nun frage „Und nun, und wer, Laura Junghanns“ – hast Du Dich verändert?

Natürlich. Ich werde beispielsweise älter im Gegensatz zu Orlando (lacht). Nein, es sind die Erfahrungen, die ich mache, egal ob in der künstlerischen Praxis oder allein in der Beschäftigung mit dem Thema, die mich verändern. Aber bei mir geht es tatsächlich auch schon wieder weiter und ich richte den Blick so langsam auf das, was in Zukunft kommt.

Die Fragen stellte Dirk Baumann.

MUSIKALISCHES UFO TRIFFT „ORLANDO“

Die Band „aniYo kore“ im Interview mit Dramaturg Dirk Baumann

Für „Orlando“ nach Virginia Woolf steht auch die Dortmunder Band aniYo kore auf der Bühne. Im Interview erzählen die beiden Mitglieder, was sie ans Theater geführt hat, was sie mit dem Stoff verbindet und was es eigentlich mit ihrem Namen auf sich hat.
„Orlando“ feiert am 11. Februar Premiere im Studio in der Regie von Laura N. Junghanns.

aniYo kore, Foto: Dirk Vogel

 „Now“ ist einer der neun Songs, die aniYo kore für „Orlando“ geschrieben haben.

Melody und René, Ihr seid aniYo kore – seit wann gibt es Euch in dieser Formation und was hat es eigentlich mit dem Namen auf sich?

René: Es gibt uns seit März 2010. Der Name kommt aus dem Film „Lost in Translation“: Bob Harris, im Film von Bill Murray gespielt, kommt nachts von einem Dreh ins Hotel und kann nicht schlafen, deshalb will er sich im Gym nochmal auspowern. Er versucht, die Cardio-Maschine langsamer einzustellen, weiß aber nicht, wie das geht, und drückt deshalb jeden Knopf. Und die Maschine sagt immer dasselbe: „aniYo kore“ – das fanden wir eine unfassbar lustige Szene. Und so gut, dass wir das direkt übernommen haben. Wir sind uns zwar nicht ganz sicher, was das bedeutet, wahrscheinlich so etwas wie „das geht nicht“. Aber mittlerweile ist es uns auch nicht mehr so wichtig, was es bedeutet, es ist einfach ein absurder Name. Oft wird er allerdings erst mal falsch ausgesprochen, wie das englische „core“, aber die Betonung liegt auf dem e am Ende, ähnlich wie im Französischen. Mittlerweile ist es aber auch so, dass wir als erstes Ergebnis auftauchen, wenn man den Begriff online sucht.

Ekkehard Freye
aniYo kore (Live-Musik)

Eine nicht ganz unwichtige Sache. Wie würdet Ihr Eure Musik beschreiben?

Melody: Als musikalisches Ufo. Den Ausdruck hat René mal geprägt, der beschreibt es eigentlich ganz gut. Genremäßig ist es „Elektro-Kraut“. Wir haben uns in den vergangen sieben Jahren deutlich entwickelt – eigentlich kommen wir aus einem Bereich, in dem wir sehr viel mit Samplings gearbeitet haben, also mit bereits bestehenden Sounds, die wir dann gesampelt haben. Jetzt machen wir alles ausnahmslos selbst und nehmen unsere eigenen Sounds auf, die wir weiter verarbeiten. Das können auch ganz alltägliche Sachen sein, die wir mit dem Mikrophon aufnehmen, wie beispielsweise das Klopfen auf Holz. Und wir spielen natürlich live Instrumente, René ist am Bass, ich bin an der E-Gitarre, dazu haben wir selbst gebaute Drums von einer Drum Machine namens MPC – und unseren zweistimmigen Gesang.

„Wir versuchen immer Neues zu finden.“

René: Das Genre ist wirklich schwierig zu betiteln. Unsere Wurzel ist sicher Trip-Hop, weil es diesen langsamen, hiphoppigen Groove hat, den hat unsere Musik jetzt immer noch, wie ich finde. Ein wichtiges Element ist auf jeden Fall Downtempo. Wir versuchen bewusst immer mehr neue Sachen zu finden, die in kein bestehendes Genre mehr passen.

Habt ihr musikalische Paten, Eltern oder Großeltern?

René: Da ist sicher Portishead, über die wir uns auch gefunden haben. Über die Liebe zu schweren, melancholischen Grooves und Songs mit inhaltlicher Tiefe. Mittlerweile sind wir auch zu Jazz-Sachen übergegangen als Inspiration, auch wenn man das vielleicht gar nicht so direkt hört. Was man aber sicher in unserem Sound erkennt, sind Portishead- und Björk-Einflüsse oder DJ Shadow. Obwohl ich finde, dass Melodys Stimme einfach einen ganz eigenen Klang hat.

Ekkehard Freye
Marlena Keil

Den hat sie definitiv. Wie habt ihr euch kennen gelernt?

Melody: Ich habe eigentlich schon immer gesungen, mal in einer anderen Band und hatte auch mal ein Soloprojekt. Und René war als DJ unterwegs, aber vielleicht kannst du das selbst nochmal genauer erzählen.

René: Ja, ich habe ein so genanntes Dubplate von Melody gehört. Auf einem Dubplate sind Songs neu eingespielt, die es eigentlich so schon gibt, aber zusätzlich dazu ist ein Special drin, eine geänderte Textzeile oder auch nur ein Wort, zum Beispiel mein Name oder so etwas in der Art. Dann ist klar, wenn ich den Song mit meinem Namen drin auflege: Das eine exklusive Aufnahme nur für mich als DJ. Das ist eigentlich eine Erfindung aus Jamaika und eine Form von Statussymbol. Und das hat Melody gemacht, sie hat einen Song gesungen auf einen Beat und ich dachte: Wow, wer ist das denn? Und dann habe ich sie ausfindig gemacht.

Friederike Tiefenbacher
aniYo kore (Live-Musik)

Was ist die Besonderheit an Eurer Musik?

René: Neben der Musik selbst ist das sicher die „Stimmung“. Wir spielen unsere Musik in „Verdis A“, also auf einer Frequenz von 432 Hertz. Technisch gesehen befindet sich das A, wenn andere Bands spielen, auf einer Frequenz von 440 Hertz. Darauf hat sich die „musikalische Gemeinschaft“ geeinigt.

Melody: Im professionellen Sinne nennt man das den Kammerton.

„Wir suchen unsere Bezüge in der Natur.“

René: Und in Zeiten von Bach, Mozart, Verdi wurde groß darüber diskutiert. Es gab immer verschiedene Stimmungen in der Bandbreite 432 bis 446 Hertz, auf denen das A gespielt wurde, ohne dass es genormt war. Auch die großen Komponisten sind sich nicht einig geworden. In den 1930ern hat dann die Rockefeller-Stiftung eine Menge Geld dafür ausgegeben, dass man sich vor allem in der amerikanischen Kultur auf 440 Hertz geeinigt hat. Aber wir persönlich finden das sowohl mathematisch als auch von der Stimmung her nicht ganz richtig. Es macht einen kleinen, aber wesentlichen Unterschied, wenn die Spannweite anders ist – für die Gefühlsstimmung. Viel nerdiges Zeug, lange Rede, kurzer Sinn: Es fühlt sich für uns richtig an. Das ist eine reine Gefühlssache, die man gar nicht hört, auch nicht von jemandem mit einem gut geschulten Gehör.

Melody: Wir haben das auch selbst nicht gehört, aber man fühlt es. Es gibt auch viele Experimente dazu, wie sich diese Frequenz in Bezug auf Körper verhält und die Muster auf 432 Hertz haben ein deutlich schlüssigeres Muster ergeben als die auf 440 Hertz.

René: Wir suchen unsere Bezüge in der Natur. Wir orientieren uns da beispielsweise auch an solchen Dingen wie den Fibonacci-Zahlen und dem Goldenen Schnitt. Für uns fühlt sich das gut an und deshalb folgen wir dem eher als irgendwelchen Normen.

„Im Theater ist die Band kein geschlossenes System.“

aniYo kore (Live-Musik)

Wenn man auf Eure Homepage schaut, dann habt ihr bereits sieben Alben veröffentlicht – eine ganze Menge. Wie kommt ihr nach diesem „klassischen“ Weg nun ins Theater?

René: Unsere Musik ist schon immer sehr atmosphärisch gewesen, wir haben einen stimmungsvollen Ansatz. Deswegen lag das nahe. Wenn wir beispielsweise Filme schauen, legen wir immer ein besonderes Augenmerk auf die Scores, also die Musik und die Sounds, wie Klänge in bestimmten Situationen angewendet werden, auch abseits von Musik. Wir interessieren uns für die stimmige Untermalung gesprochener Texte. Das ist für uns mindestens genauso anspruchsvoll wie „einfach nur“ Musik zu spielen als Band. Im Theater ist die Band denn auch kein geschlossenes System mehr, sondern ein offenes: Wir arbeiten mit anderen zusammen, das ist schön, sorgt aber auch dafür, dass die Musik und der Sound nicht ausschließlich unser eigenes Produkt bleiben, weil wir mit den anderen zusammen- und der Regisseurin und den Schauspielern zuarbeiten. Das ist eine ganz andere Form Musik zu machen.

Friederike Tiefenbacher
Marlena Keil
Ekkehard Freye

Und wie habt ihr den Kontakt zur Regisseurin Laura Junghanns gefunden?

Melody: Im Februar 2017 haben wir im Dortmunder Theater im Depot ein Konzert gespielt im Rahmen der Petra-Meurer-Theatertage. Lauras Company „KimchiBrot Connection“ war dort eingeladen und hat sogar den Preis gewonnen. Bei dieser Gelegenheit hat sie uns das erste Mal gesehen und im Anschluss an das Konzert angesprochen. Sie hat direkt gefragt, ob wir uns vorstellen könnten, für ein Theaterstück Musik zu machen. Das hätte nicht besser passen können.

René: Interessanterweise hat Laura uns aber „nur“ mit einer Akustik-Show gesehen, mit E-Gitarre und zweistimmigem Gesang, also mit einem ganz anderen Sound als dem, den wir jetzt hier machen. Ich glaube sie kannte unsere Musik vorher auch gar nicht, konnte also auch gar nicht wissen, dass wir auch eine elektronische Auslegung machen können wie jetzt bei „Orlando“.

Ekkehard Freye
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Friederike Tiefenbacher

Was waren Eure Gedanken vor Beginn der Produktion – hattet ihr Berührungsängste mit den Schauspielern?

René: Ehrlicherweise nicht, weil wir so große Lust darauf hatten. Ich gehe meist mit einer Utopie-Vorstellung in solch einen künstlerischen Prozess und lasse mich einfach überraschen, was passiert. Damit kann man natürlich auch grandios scheitern, auch das ist uns schon passiert. Angst davor, dass man der Qualität von Schauspielern oder anderen nicht gerecht werden kann, ist dabei aber nur hinderlich. Idealerweise wünsche ich mir, dass man uns in musikalischer Hinsicht als Expertise wahrnimmt – und die anderen Departments haben ihre.

„Wir haben Orlando in neun musikalische Stücke gegossen.“

Würdet ihr sagen, dass man sich als Künstler im Theater mehr öffnet?

Beide: Auf jeden Fall.

Melody: Das ist eine positive Challenge. Wir haben als Musiker die Möglichkeit, uns mit anderen Künstlern zu verbinden, die selbst keine Musik machen, um gemeinsam an einer Sache zu arbeiten.

René: Wenn wir als Band ein Album machen, dann sind wir uns bestenfalls untereinander einig über das Werk. Im Theater kann ich mir zwar Gedanken darum machen, dass ein bestimmter Klang für eine bestimmte Szene der richtige ist, aber am Ende kann es sein, dass die anderen das nicht so sehen und die Regisseurin entscheidet es vielleicht ganz anders.

Wie seid ihr an die Arbeit zu „Orlando“ herangegangen?

Melody: Wir haben uns schon sehr früh im vergangen Jahr mit Laura getroffen. Im Anschluss daran haben wir uns mit dem Stoff, dem Buch von Virginia Woolf auseinandergesetzt, die Hochphase hatten wir dann im Sommer 2017: Laura hat mit uns über Ihre Visionen gesprochen, das hat uns eine Ahnung davon vermittelt, wo es hingehen soll. Wir haben dann den Orlando-Stoff in neun musikalische Stücke gegossen. Damit sind wir zu den Proben gekommen und die Rechnung geht tatsächlich auf: Die Songs passen zum Regiekonzept und der Anlage des Stückes. Laura hat uns ihre Visionen offenbar super rübergebracht.

René: Ich bin auch ganz überrascht wie gut das aufgeht. Es ging ja nicht darum, dass Melody als Song-Schreiberin in vier Wochen neun Songs schreibt. Sie nimmt sich immer die Zeit einzutauchen in Stimmungen, um daraus etwas zu entwickeln. Dass wir damit jetzt so wenig anecken in den Proben, hat sicher auch damit zu tun, dass wir frühzeitig am konzeptionellen Prozess beteiligt waren. Es ist tatsächlich so, dass wir keine einzige Melodie der Songs ändern mussten.

Ekkehard Freye
Marlena Keil
Friederike Tiefenbacher

Und wie habt ihr die Songtexte geschrieben?

René: Mir war wichtig, dass es keine direkten Übertragungen von Originaltext aus dem Buch in Songs von uns gibt, das halte ich für gefährlich. Wir haben Laura gebeten, uns den Roman in ihre Idee von szenischen Vorgängen und Figuren zu übersetzen. Das haben wir dann wiederum in unsere Worte übersetzt. Dieser Zwischenschritt war wichtig, damit wir ein bisschen Abstand zu Virginia Woolfs Original haben, sie schreibt einfach wunderschön, aber in ihrem eigenen Stil – und unsere Texte haben jetzt Melodys Stil.

Als Künstler seid Ihr natürlich Persönlichkeiten mit eigenen Meinungen. Wie habt ihr als Künstler mit Laura Junghanns, der Regisseurin, zusammengearbeitet?

René: Wir haben Laura von Beginn an gesagt: Wir schreiben ganze Songs, aber du kannst dir das raussuchen, was du haben möchtest, also auch nur Samples, Teile oder Ambiences für die Spielszenen. So gibt es bei manchen Szenen nur Gitarre, bei anderen nur Keys, bei anderen Drums, und und und. Das entscheidet Laura und das finden wir auch gut. Klar, wir hätten die Elemente bestimmt auch anders eingesetzt, aber sie hat den Überblick über alles, was auf der Bühne geschieht und trifft im Sinne des Stücks die besseren Entscheidungen.

„Orlando, der lebende Poet“

Bei den Aufführungen seid ihr immer mit auf der Bühne. Inwiefern unterscheidet sich eure Performance im Stück von einem Konzert?

René: Erst mal bin ich fasziniert von der Fähigkeit der Spieler, wie präzise sie Vorgänge wiederholen können. Bei einer Live-Show als Band muss ich das nicht machen, da ist mehr Luft, die Tagesstimmung einfließen zu lassen. Im Rahmen eines Stückes geht das natürlich nicht in dem Maße, weil wir uns an Absprachen halten müssen und dem Stück „dienen“ – auch wenn Laura uns als den vierten und fünften Darsteller bezeichnet. Aber ein bisschen Freiheit ist im Theater ja immer mit dabei. Das ist der Zauber des Theaters.

Ekkehard Freye
Friederike Tiefenbacher

Die Figur Orlando durchlebt verschiedene Wandlungen im Verlauf des Romans, es geht um Identitäten und damit zusammenhängende weitere Fragen. „Und nun, und wer, Orlando“ heißt es im Stück wie im Roman. Wenn ich Euch nach inzwischen 6 Wochen Proben nun frage „Und nun, und wer, aniYo kore“ – wie habt Ihr euch verändert?

Beide: Gute Frage.

René: Tatsächlich haben wir uns vor Beginn der Proben dazu entschlossen, uns voll und ganz auf die Musik zu konzentrieren und unsere „Brotjobs“ zu schmeißen. Daher ist das für uns auch ein Wandel. Und ich merke, wie ich es genieße, diese Freiheit zu haben. Vielleicht bin ich gerade Orlando, der lebende Poet.

Melody: Im und mit dem Theater sehe ich mich jetzt auch wesentlich mehr als Künstlerin als vorher, ich habe mich einfach frei machen können von dem gewöhnlichen System, das eher auf Nutzen ausgerichtet ist. Es tut uns als Band ausschließlich gut.

René: Jetzt ist Januar 2018, im Februar kommen wir mit dem Album raus, das wir zu „Orlando“ aufgenommen haben. Das konnten wir nur unter diesen Bedingungen so schnell machen. Wir haben dadurch jetzt auch eine neue Live-Show, die wir als Band spielen können. Und last but not least haben wir durch die Proben auch technisch viel dazugelernt. Wir können einfach aus den Vollen schöpfen durch die Konzentration auf die musikalische Arbeit – so haben wir beispielsweise den zweistimmigen Gesang neu entwickelt, in der Form gab es das bei uns vorher noch nicht, da war immer Melody allein die Singstimme.

Klingt nach einer rundum zufriedenen Band. Wollt ihr noch etwas loswerden?

Melody: Kommt euch „Orlando“ angucken!

Das Album „Wild Geese“ von aniYo kore zur Inszenierung „Orlando“ kann an den Vorstellungsterminen zum Preis von 12 Euro im Foyer des Schauspiels erworben werden.

ANDREAS BECK ÜBER „DER THEATERMACHER“

„Das Stück ist im besten Sinne zeitlos.“

Am 30. Dezember öffnet sich der Vorhang für den „Theatermacher“: Thomas Bernhards legendäre Komödie über den größenwahnsinnigen Staatsschauspieler Bruscon, der im kleinen Dörfchen Utzbach sein eigenes Stück zur Aufführung bringen will. Andreas Beck spielt in Kay Voges‘ Inszenierung den selbstverliebten und an der Welt verzweifelnden Bruscon. Ein Gespräch.


Andreas Beck als Bruscon

Was macht den „Theatermacher“ zu einer Komödie? Und was zu einer Tragödie? Eigentlich muss man da direkt die Hauptfigur des Stücks, den Theatermacher Bruscon, zitieren: Es handelt sich bei seinem Stück „Das Rad der Geschichte“, das er aufführen möchte, um eine „Komödie, die eigentlich eine Tragödie ist, wie Sie dann sehen werden.“ Und genauso ist es auch bei Bernhards Stück: Es sind komödienhafte Figuren, die aber am Ende scheitern und dadurch in einer Tragödie enden. Und das ist wiederum auch das Interessante und Komische daran. Es ist eben nicht bloß eine pure Komödie im klassischen Sinne. „Romeo und Julia“ gilt ja beispielsweise auch als Komödie, und doch liegen am Ende die Hauptfiguren tot beieinander. Das passiert ja beim „Theatermacher“ zum Glück nicht.

Inwieweit kannst du dich manchmal selber mit Bruscon identifizieren? Macht dir das Kollegen-Quälen auf der Bühne Spaß? Nein, natürlich nicht. Aber ich kann manche Haltungen von Bruscon verstehen: zum Beispiel die Behinderung des Theaterbetriebs durch überpenible Brandschutzmaßnahmen. Aber dieses Gottähnliche von Bruscon, der ja Autor, Regisseur und Hauptdarsteller seines eigenen Stückes ist und sich nur von Dilettanten umgeben fühlt, kann ich nicht nachvollziehen. Für mich ist Theater ein Teamsport. Man ist immer nur genauso gut oder schlecht wie alle, die auf der Bühne stehen. Es gibt eine Abhängigkeit zwischen den Leuten. Und da wäre man schlecht beraten, Kollegen zu dissen oder gegen die Wand zu spielen.

Und gerade dieser Widerspruch befeuert ja viele der komischen Stellen des Stückes. Man sieht Bruscon, der sich selbst als Genie einschätzt und doch bloß eine scheiternde Figur ist. Ja, auf jeden Fall. Es ist auch eine Figur, die vermeintlich kurz vor ihrem Lebensende steht oder zumindest eine gewisse Lebensmüdigkeit in sich trägt. Eine Figur, die scheinbar jahrzehntelang wie Don Quichotte gegen Windmühlen ankämpfte und es einfach leid ist. Das merkt man auch: das ständige Sich-Hinterfragen, warum man überhaupt noch Theater machen muss. Gerade als Schauspieler stellt man sich diese Fragen mitunter auch immer öfter, je älter man wird.

Anders als viele andere Bernhard-Stücke ist der Theatermacher weiterhin ein Evergreen im besten Sinne, der immer mal wieder auf den Spielplänen der Theater erscheint. Woran könnte das liegen, was glaubst du? Weil dieser Text im besten Sinne zeitlos ist. Genauso wie auch Theater zeitlos ist: zwar befindet es sich in einer ständigen Veränderung, doch das Grund-Vehikel und –Gerippe bleibt ja immer auch dasselbe. Und dadurch bleibt es aktuell, während andere Bernhard-Stücke wie Vor dem Ruhestand oder Heldenplatz mehr auf damalige gesellschaftliche Akteure und Stimmungen bezogen und deshalb ein wenig aus der Zeit gefallen sind. Hier beim Theatermacher ist das nicht der Fall.

Der berühmte Thomas Bernhard-Stil hat ja auch seine Tücken: das atemlose Wiederholen, das Umkreisen von Themen hin zu einem oft überraschenden Schmerzpunkt. Wie war es für dich, diesen Text zu proben? Das Schöne an dem Text ist, dass er mehrere Qualitäten besitzt. Schon beim Lesen bekommt man Lust, ihn zu sprechen. Wenn man ihn dann spricht, erfreut  man sich daran und wenn man ihn dann hört, dann freut man sich noch umso mehr. Denn der Text ist allein durch seine Form so bezaubernd. Wir haben zwar diese ganzen Klassiker – Schiller, Goethe, Kleist und so weiter – aber dann hört es auch rasch auf. Es gibt all diese „Dichter und Denker“, aber die Dramatik ist doch nicht so beschlagen mit großen Sprachkünstlern. Und dann sind es ja oft auch Übersetzungen, mit denen wir leben müssen: ich beneide englischsprachige Schauspieler für die originalen Shakespeare-Texte, aber wer weiß, vielleicht fluchen die ja insgeheim auch über dessen alte Sprache. Aber nochmal zurück zu Bernhard: so ein kunstvoller Stil findet sich selten. Jetzt bei unserer Werner Schwab-Inszenierung „ÜBERGEWICHT, unwichtig: UNFORM“ ist es ähnlich – zwar ganz anders, aber auch völlig künstlerisch. Das macht auch die Freude an meinem Beruf aus, dass man verschiedenste Sprachformen sprechen und spielen kann: ob nun amerikanische Alltags-Fuck Off-Sprache bei Mike Daisey, bishin zur Hochkultur von Bernhard oder Schwab.

Christian Freund und Andreas Beck

Der Theatermacher ist ja eine der vier Wiedereröffnungs-Premieren des Schauspielhauses und auch der deutlichste Kommentar zu dieser Wiedereröffnung. Die Problematik mit all den Brandschutz-Gesetzen findet sich ja original im Bernhard-Text, aber dennoch ist das Stück auch selbstironischer wie kritischer Kommentar über Theatermachen und Theatermacher in Dortmund. Wie gehst du unter dem Gesichtspunkt an die Premiere heran? Freust du dich auf Reaktionen? Naja, ich freue mich natürlich, wieder auf der Bühne zu stehen, auf der man engagiert wurde, und für das Publikum zu spielen, das unser Publikum ist. Ich hoffe, dass sie mit uns genauso diesen Weg gehen und sich genauso freuen, wieder auf den roten Sesseln in gewohnter Umgebung zu sitzen. Es ist ein bisschen so wie Weihnachten: man kommt heim zur Familie, alle sehen sich wieder. So eine Stimmung ist es eher für mich. Die thematische Ebene kommt dann eher durch die Inszenierung und das mitdenkende Publikum. Es ist also nicht so, dass ich mich nun diebisch auf Reaktionen freue.  


Der Theatermacher in der Regie von Kay Voges feiert am 3. März Premiere!

Fotos: Birgit Hupfeld

NEU IM ENSEMBLE: CHRISTIAN FREUND

„Sich fühlbar einbringen in die Konstruktion einer Stadt“

Neu im Ensemble: Christian Freund

Unsere Ensemble-Neuzugänge im Interview


Zu Beginn der Saison 2017/18 gibt es neue Gesichter am Schauspiel Dortmund zu entdecken: Die Schauspieler Alexandra Sinelnikova und Christian Freund kommen neu ins Ensemble. Beide sind Absolventen der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig und waren zuletzt zwei Jahre am Schauspielstudio in Dresden. Hier im Blog stellen wir Alexandra und Christian mit Interviews vor – nach dem Interview mit Alexandra nun Christian Freund.
Christian Freund wurde 1990 in Lüdenscheid geboren. Nach dem Abitur studierte er in Bochum Physik, Erziehungswissenschaften und Germanistik. Während des Studiums spielte er am Schauspielhaus Bochum und am Rottstraße 5 Theater Bochum, wo er zusätzlich als Licht- und Tontechniker arbeitete. 2013 begann er sein Schauspielstudium an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig. Seit der Spielzeit 2015/16 war er Mitglied des Schauspielstudios Dresden am Staatsschauspiel Dresden. Die Wiedervereinigung der beiden Koreas war seine erste Arbeit am Schauspiel Dortmund.

Du bist im Sauerland geboren, hast in Herne und Bochum gewohnt, bevor es Dich nach Leipzig zum Studium verschlagen hat. Nach Leipzig und Dresden jetzt also Dortmund – freust du dich wieder in deiner Heimat angekommen zu sein? Gibt es etwas, auf das du dich besonders freust? Ich hab hier viele Freunde und kenn mich aus, meine Familie wohnt hier. Da ist es schon schön wieder zurückzukommen. In manchen Momenten aber auch absurd, weil es mich beeindruckt, wie viele Erinnerungen für mich an diesen Orten hier hängen und weil ich jetzt vier Jahre lang weg war, in denen ich immer neue Orte kennengelernt habe. Und plötzlich sind da wieder die alten Orte, und das hat sich kurz wie ein Rückschritt angefühlt, in eine Vergangenheit, die aber halt auch die Zukunft ist. Als ich das begriffen hab, so im Februar, da hab ich mich sehr gefreut, wieder hier zu sein. Ich freue mich in Dortmund zu sein, weil ich die Stadt noch nicht so gut kenne wie zum Beispiel das Sauerland, wo ich auch groß geworden bin, oder Herne oder Bochum, wo ich fünf Jahre gewohnt hab. Das ist schön, in der Heimat Neues zu entdecken.

Was war deine Reaktion als du gehört hast: Die Dortmunder, die wollen mich? Das war ein sehr verrückter Moment: Es war der 12.12., abends um halb 10. Ich war in Bochum mit zwei Freunden aus meinem Jahrgang, die im Studio in Halle waren und am selben Tag auch in Dortmund vorgesprochen hatten, und dann kam dieser Anruf und ich war zuerst völlig sprachlos. Dortmund war das Theater, wo ich am liebsten hinwollte, und ich bin auf der einen Seite innerlich explodiert und auf der anderen Seite wusste ich nicht, wie ich das meinen Freunden sagen sollte, weil die auch gerne nach Dortmund gegangen wären. Und dann hab ich leise gesagt: „Ich muss euch was sagen. Dortmund hat mich gerade angerufen, die wollen mich.“ Erst haben die beiden es gar nicht realisiert und dann war es eine ganz absurde Stimmung, sie haben mich umarmt und gesagt, dass es sie sehr freut. Und das habe ich ihnen geglaubt und ich glaube auch, dass ich geweint habe, und dann hab ich erstmal ne Runde ausgegeben. Und am nächsten Tag sicherheitshalber nochmal im Schauspiel Dortmund angerufen und gefragt, ob das denn auch wirklich stimmt oder ob ich mir das nur eingebildet habe – und seitdem habe ich irgendwie dieses Glucksen im Bauch.

Christian Freund (mittig) in „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ (Foto: Birgit Hupfeld)

Du warst zuletzt zwei Jahre als Schauspielstudent am Schauspielstudio Dresden – was hat es damit auf sich, was hast Du da gemacht und gelernt? Zwei Jahre verbringt man in Leipzig, sozusagen die Grundausbildung: Sprechen, Singen, Akrobatik, Fechten, Tanzen, Yoga, Grundlagenseminar Schauspiel, Szenenstudien, Monologe, die man manchmal mit, manchmal ohne Dozenten erarbeitet – und dann zwischendurch Workshops, Improvisation, Filmschauspiel oder Ensembletraining. Nach diesen zwei Jahren wird der Jahrgang geteilt, die folgenden zwei Jahre verbringen die Studierenden in der Praxis an einem Schauspielhaus. Da hat man aber auch noch weiter Unterricht. Leipzig hat insgesamt vier Studios: Halle, Dresden und Köln, Leipzig. Die wechseln sich alle zwei Jahre ab: Entweder Halle oder Dresden und Leipzig oder Köln. Ich war jetzt zwei Jahre in Dresden und hab da viele Leute kennengelernt, in mehreren Stücken mitgespielt, u.a. in „Hamlet“, „Nathan der Weise“, „Michael Kohlhaas“ und auch Regie geführt bei der Bürgerbühne – das ist eine eigene Sparte in Dresden, bei der ausschließlich Laien auf der Bühne stehen.

Unser zweiter „Neuzugang“ Alexandra Sinelnikova hat mit dir studiert und war auch am Studio Dresden – ein willkommener Zufall, dass ihr weiter gemeinsam arbeiten könnt? Ja, ich freue mich sehr darüber und Alex auch. Sie ist toll. Als Mensch und als Schauspielerin.

Hast Du Lieblingsautoren oder -rollen, die du unbedingt mal spielen möchtest? Ich sehe Theater politisch und finde, da ist es dann egal, welche Rolle man spielt. Das Theatermachen an sich muss eine Rolle spielen, das sollte sich fühlbar einbringen in die Konstruktion einer Stadt. Aber im klassischen Sinn von Rolle: Ich habe mal Liliom von Molnár gespielt, das war toll, Ivanov von Anton Tschechow finde ich auch sehr interessant oder Hamlet. Aber es gibt noch so viele andere großartige Texte und Stücke, beispielsweise von Koltès, Genet, Beckett, Heiner Müller, Michaux, Kafka, Dostojewski und ganz vielen anderen. Da ist es mir egal, welche Rolle ich habe, da spiele ich einfach gerne mit, weil die Sprache so gut schmeckt und die Zustände, Handlungen und Figuren so spannend sind.

Christian Freund (rechts, neben Julia Schubert und Sebastian Kuschmann) in „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ (Foto: Birgit Hupfeld)

Was würdest Du sagen: Warum sollten die Menschen ins Theater gehen – außer um Geschichten zu sehen? Theater ist für mich im besten Fall ein Ereignis. Und das ist etwas anderes als die Bilderflut, die unsere Wirklichkeit ausmacht. Das ist etwas ganz Besonderes, das ist Auseinandersetzung auf einer anderen Ebene. Die kann man sonst nirgends im Leben haben.

Du hast ja bereits Deinen Dortmunder Einstand in „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ im Megastore gefeiert. In der kommenden Saison geht es wieder ins Schauspielhaus – findest Du es schade, dass Du die Megastore-Zeit des Schauspiel Dortmund nur am Ende mitbekommst? Ich freue mich, die Megastore-Zeit noch miterleben zu dürfen, aber genauso freue ich mich, im Schauspielhaus zu spielen. Das ist eh alles ein großes Abenteuer für mich.

Und wie sind die neuen Ensemble-Kollegen so? Wunderschön, sehr intelligent und unglaublich herzlich. Im Ernst, ich mag’s jetzt schon unglaublich gerne hier zu sein mit so tollen Menschen und freue mich auf zwei aufregende Jahre. Und besonders auf die Dortmunder.


Christian Freund ist in Übergewicht, unwichtig: Unform (Regie: Johannes Lepper, ab 17.12) sowie Der Theatermacher zu sehen (Regie: Kay Voges, ab 30.12.).

NEU IM ENSEMBLE: ALEXANDRA SINELNIKOVA

„Ich habe hier das Gefühl, man ist sehr beieinander.“

Neu im Ensemble: Alexandra Sinelnikova

Unsere Ensemble-Neuzugänge im Interview


Zu Beginn der Saison 2017/18 gibt es neue Gesichter am Schauspiel Dortmund zu entdecken: Die Schauspieler Alexandra Sinelnikova und Christian Freund kommen neu ins Ensemble. Beide sind Absolventen der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig und waren zuletzt zwei Jahre am Schauspielstudio in Dresden. Hier im Blog stellen wir Alexandra und Christian mit Interviews vor.
Alexandra Sinelnikova wurde 1994 in Sankt Petersburg geboren, emigrierte 1996 mit ihrer Familie nach Deutschland und wuchs zweisprachig in Berlin auf. Ab 2013 studierte sie an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig, ab 2015 war sie festes Mitglied des Schauspielstudios Dresden. Seit dieser Spielzeit ist sie fest im Dortmunder Schauspiel-Ensemble.
Alexandra Sinelnikova

 


Seit einigen Wochen lebst du nun in Dortmund – was ist dein erster Eindruck, wie wirkt die Stadt auf dich? Ich hatte vorher keinen wirklichen Begriff von dieser Stadt, ich war damals zu meinem Vorsprechen zum ersten Mal hier. Mittlerweile hatte ich ein bisschen Zeit, Dortmund kennenzulernen und mir fällt eine gewisse Alltags-Grundherzlichkeit auf. Leute auf der Straße schauen sich beispielsweise noch in die Augen. Das finde ich wirklich klasse, denn solche Interaktionen im Alltag sind so wichtig, um ein Gefühl für eine Stadt zu bekommen.

Du hast gemeinsam mit dem weiteren neuen Ensemblemitglied Christian Freund bei uns vorgesprochen, hattest vorher gemeinsam mit ihm studiert und bist nun auch gemeinsam mit ihm übernommen worden. Wie war das Vorsprechen? Wir beide waren natürlich total nervös. Wir hatten vorher in Dresden gemeinsam eine Szene erarbeitet und dann in Neuss beim zentralen Vorsprechen gezeigt, woraufhin wir hierhin eingeladen wurden. Wir hatten zu Beginn totale Probleme bei dieser Szene und bekamen die nicht wirklich entwickelt. Aber kurz vor unserem Abschlussvorsprechen haben wir geschafft, loszulassen, einfach zu spielen und aufeinander zu vertrauen. Und das hat großen Spaß gemacht. Wir haben es gemeinsam gerockt. Wenn man einen Spielpartner hat, auf den man sich verlässt, kann alles Mögliche passieren. Alles ist offen, es wird spannend. Das nimmt einem viel Druck ab.

Erinnerst du dich noch daran, wo du warst, als du den Anruf aus Dortmund erhalten hast, dass du Ensemble-Mitglied werden wirst? Klar. Ich war zuhause in meiner Wohnung und beim Anruf dachte ich mir, ich möchte mir dieses Gefühl für die Zukunft speichern. Ich möchte dieses Glücksgefühl abrufen können. Ich habe mich natürlich unsagbar gefreut und war total neben der Spur. Und tatsächlich hatte ich nach dem Telefonat Angst, dass ich da irgendwas falsch verstanden habe: „Ist das jetzt wirklich passiert?“ Lustigerweise ging es Christian nach dem Anruf genauso.

Wie bist du zum Theater gekommen? War es ein jahrelanger Traum, eine Empfehlung oder bist du irgendwie ins Schauspielen reingerutscht? Als Kind bin ich mit meiner Familie aus Russland nach Deutschland emigriert, was ja immer eine gewisse Form von Entwurzelung mit sich bringt. Als wir dann damals in Osnabrück ankamen, war es eine der ersten Entscheidungen meiner Eltern, mich in einer russisch-jüdischen Kindertheatergruppe anzumelden. Diese Gruppe hat mir so eine Art von Erdung, von Heimat gegeben und seitdem habe ich Theater auch nicht mehr wirklich hinterfragt. Es war klar, dass ich mich darin wohlfühle. Später in der Schule ging es dann auch in eine französischsprachige Gruppe, mit der wir auch zahlreiche Gastspiele in Europa hatten. Das war wirklich cool und hat mich in dem Wunsch bestärkt, hauptberuflich Schauspielerin zu werden.

Hast du Lieblingsautoren im Theater? Oder Traumrollen, die du gern spielen würdest? Ich liebe George Tabori! An der Schauspielschule habe ich ein Stück von ihm gesehen und war begeistert von seinem schwarzen, bitterbösen Humor. Später habe ich dann im Schauspielstudio in Dresden einen Monolog aus seinem Stück „Peep Show“ gespielt, was mir ungeheuer viel Spaß machte. Tabori trifft bei mir eine ganz spezielle Humor-Ader, voller Schmerz und voller Leichtigkeit. Und wenn wir schon bei Humor sind, schwärme ich sehr für die Filme der Coen-Brüder.

Im Megastore spieltest du noch in den letzten Aufführungen der BORDERLINE PROZESSION. Findest du es schade, dass du nur noch den Endspurt des Megastores miterlebt hast? Ich weiß es nicht genau. Es ist auf jeden Fall sehr cool, dass ich es noch miterleben konnte. Ich merke schon, dass der Megastore für das Ensemble und die Mitarbeiter ein großes, mitunter schweres Ding war. Dementsprechend cool ist es auch, in der Borderline Prozession zu sein. Aber ich freue mich immer auf Neues und somit sehr auf das Schauspielhaus in der Innenstadt.

Hast du schon deine neuen Ensemble-Kollegen kennenlernen können?  Christian Freund hatte schon das Glück, mit dem Ensemble zusammen Die Wiedervereinigung der beiden Koreas zu proben und zu spielen. Ich bin noch gerade total in der Anfangsphase. Aber ich erlebe die anderen Schauspieler und Schauspielerinnen hier als sehr herzlich, freundlich, offenherzig. Ich kriege das Gefühl, dass ich hier ganz gut reinpasse und freue mich auch total, bei Proben einfach zuzuschauen. Ich habe hier das Gefühl, man ist sehr beieinander. Und das ist klasse.


Alexandra Sinelnikova ist ab Dezember in den Schauspiel-Premieren „Biedermann und die Brandstifter / Fahrenheit 451“ (Regie: Gordon Kämmerer, ab 16.12) und „Der Theatermacher“ (Regie: Kay Voges, ab 30.12.) zu sehen.