SO WAR ES. NICHT WAHR?

stbLesen Sie diese Kolumne schon länger? Wenn ja, dann erinnern Sie sich vielleicht dunkel an ein psycho-soziales Experiment, von dem ich Ihnen an dieser Stelle irgendwann in der zweiten Jahreshälfte 2014 erzählt habe. Den Namen der Studie habe ich vergessen, man müsste in der Kolumne von damals nachschauen.

Worum ging es nochmal? Forscher hatten gezeigt, dass es möglich ist, Menschen Ereignisse in die Erinnerung zu pflanzen, die in Wirklichkeit nie stattgefunden haben. Den Probanden wurde erzählt, dass sie in ihrer Jugend diese oder jene Tat begangen hätten. Wenn die Probanden dann widersprachen, antworteten die Forscher mit der Vermutung, dass die Ereignisse vielleicht verdrängt worden seien – und zeichneten die Tat im wahren Sinne des Wortes vor deren innerem Auge nach. SO WAR ES. NICHT WAHR? weiterlesen

„KEIN GESICHERTER GRUND UNTER DEN FÜSSEN“ – HANS HÜTT IM INTERVIEW

Autor Hans Hütt über revolutionäres Sprechen, Triumph der Freiheit #1 und den Versuch, die Gefahren der Zeit zu überbrüllen


Hans Hütt ist rhetorischer Berater sowie Autor, u.a. für FAZ, Freitag, taz und ZEIT. 2014 erhielt er für den Essay Angst vor der Gleichheit den Michael-Althen-Preis für Kritik.

Auf Einladung des Schauspiel Dortmund begleitete er die Proben von „Triumph der Freiheit #1“.


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Hans Hütt

Sie haben das Stück gelesen. Ganz platt gefragt, worum geht es?

Es ist auf jeden Fall kein Historiendrama. Ich würde das Stück als „Palimpsest“ beschreiben. Ein Palimpsest ist eine alte Textstelle, die abgeschabt, gereinigt und dann mit einem anderen Text überschrieben wurde. Der alte, überschriebene Text schimmert immer noch leicht durch, die Vergangenheit bleibt sichtbar. So ist es auch bei Triumph der Freiheit #1. Durch dieses Stück schimmert eine politische Gattungsgeschichte, in der alle Revolutionen und Konterrevolutionen seit 1789 übereinander geschichtet sind. Man hört Echos aller Niederlagen und Aufstände im Zeitalter der Moderne. „KEIN GESICHERTER GRUND UNTER DEN FÜSSEN“ – HANS HÜTT IM INTERVIEW weiterlesen

DER MEGASTORE GEHT IN DIE VERLÄNGERUNG!

Noch mehr MEGATHEATER für alle! Alle Infos und Updates zum neuen Spielplan.


Borderline Bühne 2 bb

Eigentlich sollte das Schauspiel bereits im Dezember aus dem Megastore in Phoneix-West zurück in das Schauspielhaus in die Innenstadt zurückkehren. Doch was Berlin kann, können wir schon lange: Die Umbauarbeiten der Werkstätten und der Neubau des Magazins am Schauspielhaus verzögern sich, und somit müssen wir wir den Spielbetrieb im Schauspielhaus verschieben. Die Folge: Das Schauspiel wird diese gesamte Spielzeit noch weiter im Megastore bleiben! Wir sind gekommen, um zu bleiben.

Unsere neue und alte Heimat: Der Megastore!

Der Spielplan für die im Schauspielhaus und Studio geplanten Premieren kann mit wenigen Änderungen auch im Megastore beibehalten werden. Trotzdem sind Termin- und Stückänderungen aufgrund der veränderten Raumsituation nicht zu vermeiden. Die mittlerweile drei Bühnenbereiche im MEGASTORE bieten für die einzelnen Inszenierungen verschiedene Raum- und Bühnenlösungen an und ermöglichen es, das immense künstlerische Potential des Megastore weiter zu nutzen. So wird auch die in der Zeitschrift „Die Deutsche Bühne“ jüngst als „Beste Inszenierung“ ausgezeichnete Produktion DIE BORDERLINE PROZESSION bis auf Weiteres im Spielplan bleiben. Darüber freuen wir uns sehr!

DER MEGASTORE GEHT IN DIE VERLÄNGERUNG! weiterlesen

ES SPUKT UND BRODELT

stbSie werden es zweifellos bereits mitbekommen haben: Diese eine Parteivorsitzende gab neulich einer großen Zeitung ein Interview. Und darin forderte sie, das Wort „völkisch“ wieder in den deutschen Wortschatz zu integrieren. Ein Adjektiv, in dem die Vorstellung eines Volkes als geschlossener, gesunder Volkskörper widerhallt.

Worte haben stets einen Unterbau, der beim Sprechen mittransportiert wird. In ihnen spuken die Geister der Vergangenheit und brodeln die Hoffnungen einer Zukunft. Unkontrollierbar. Doch man kann Begriffe nicht leeren, man kann sie nicht überweißen und mit einem schönen Blumenmuster neutapezieren. Wer so etwas in der Öffentlichkeit behauptet, dem geht es nicht nur um das Wort selbst. Er oder sie lotet aus, wie sehr man Geschichte relativieren oder gar auslöschen kann. Er oder sie verfolgt damit sehr wahrscheinlich eine Ideologie. ES SPUKT UND BRODELT weiterlesen

SELFIE MIT MONA LISA

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Das Museum „Louvre“ in Paris ist eine begehbare Cloud. Frankreich hat dort 5.000 Jahre Kulturgeschichte abgespeichert: 380.000 Malereien, Skulpturen und Graphiken auf 60.000 m². Superlativ! 10 Millionen Augenpaare jährlich lassen ihre Blicke rastlos über die Wände und durch die Säle schweifen. Und 10 Millionen Kameraaugen arbeiten an der unendlichen Vervielfältigung der Werke: Niemand, der im Louvre nicht fotografiert. Und fotografiert. SELFIE MIT MONA LISA weiterlesen

„HAT SICH SCHON MAL JEMAND IM BÜHNENBILD VERLAUFEN?“

Auf Einladung des Schauspiel Dortmund haben sich zwölf Dramaturgie-Student*innen der Hessischen Theaterakademie in Frankfurt / Goethe-Universität die Borderline Prozession angeschaut. Ihr Arbeitsauftrag nach dem Besuch: Stellt vierzig Fragen an das Stück. Es entstand ein einzigartiger Fragenkatalog über die Inszenierung, aber auch über Theater, Kunst, das Leben an sich.

Eine Auswahl der schönsten, klügsten, kritischten und humorvollsten Fragen zeigen wir hier.

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„EINTAUCHEN IN ANDERE ERFAHRUNGSWELTEN“ – 5 JAHRE SPRECHCHOR

Udo Höderath ist seit fünf Jahren Mitglied des Dortmunder Sprechchors. Im Interview erzählt er uns von seinen Highlights , vom Lampenfieber vor der Vorstellung und wie es ist, als Sprechchor das 17. Ensemble-Mitglied eines Theaters zu sein.

Udo Höderath vor einer Probe von "Das Bildnis des Dorian Gray"

Udo Höderath vor einer Probe von „Das Bildnis des Dorian Gray“

Wie bist du zum Sprechchor gekommen?

Das war 2011, einfach durch das Lesen vom Spielzeitbuch. Dort stand, dass Choreuten für die Bildung eines Sprechchors gesucht werden. Da fühlte ich mich sehr angesprochen. 2012 hörte ich auf, aktiv zu arbeiten und bin in Altersteilzeit gegangen. Und ab 2011 war dieser Sprechchor dann für mich eine tolle Perspektive, etwas anderes zu machen als das, was ich schon mein ganzes Leben vorher gemacht habe. Nämlich das Arbeiten nach einem festgefügten Plan. Jeder hat ja so seine Landkarte, wie er leben und arbeiten muss, und diese Karte wollte ich mit dem Ende meiner aktiven Arbeitszeit beiseitelegen. Von daher kam sowas wie der Sprechchor wie gerufen.

„EINTAUCHEN IN ANDERE ERFAHRUNGSWELTEN“ – 5 JAHRE SPRECHCHOR weiterlesen

Roger-Milla

SO ETWAS WIE EM-PATHIE

Zu meinen eistbndrücklichsten Kindheitserinnerungen gehört ein Fußballspieler namens Roger Milla. Ich habe fast noch den Wortlaut davon im Ohr, wie Millas Einwechslung im ersten Spiel der Nationalmannschaft Kameruns bei der WM 1990 kommentiert wurde. „Und jetzt kommt Roger Milla, ein ganz interessanter Mann.“ In der Tat, Milla war schon fast vierzig, seine Auszeichnung zum besten Spieler Afrikas lag 15 Jahre zurück, ihm eilte der Ruf der Trainingsfaulheit voraus – und dennoch schenkte er den Rumänen zwei Buden ein, im Achtelfinale gegen Kolumbien gelang ihm noch mal ein Doppelpack.

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„EIN ECHTER GEGENENTWURF ZUM ALLTAG“ – FÜNF JAHRE SPRECHCHOR

Bärbel Schreckenberg ist Sprechchor-Mitglied der allerersten Stunde. Im Interview spricht sie über ihre Erfahrungen auf der Bühne in mehr als fünf Jahren im Dortmunder Sprechchor – sowie über das neue Sprechchor-Stück, Das Bildnis des Dorian Gray.

"Die Hamletmaschine", 2014 (Regie: Uwe Schmieder)
„Die Hamletmaschine“, 2014 (Regie: Uwe Schmieder), Bärbel Schreckenberg zentral mit geballter Faust.

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„VIELE AUF DER BÜHNE. UND JEDER EINZIGARTIG.“

Ein Gespräch mit Alexander Kerlin

Seit 2011 betreut Alexander Kerlin das 17. Ensemblemitglied des Schauspiel Dortmund – den Sprechchor. Nun gibt es, nach fünf Jahren Chorgeschichte und über 200 Auftritten in verschiedenen Inszenierungen, ein Gespräch über die Geschichte des Dortmunder Sprechchors, über Enttäuschungen und Erfolgsmomente – und über das künstlerische Potenzial von 50 Menschen, die sich bei Karstadt auf den Boden legen. Übrigens, am Samstag feiert das neuste Stück des Sprechchors Premiere: Das Bildnis des Dorian Gray nach Oscar Wilde.

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Woher kommt dein Interesse an Sprechchören am Theater?

2004 wurde einer ein ehemaligen Chorleiter von Einar Schleef an die Bochumer Uni eingeladen, um dort mit den Theaterwissenschaftsstudenten ein Chorstück zu machen. Unter anderem also auch mit mir. Einar Schleef war wohl der wichtigste Chor-Theatermacher im 20. Jahrhundert und der einzige, auf den Heiner Müller laut Eigenaussage jemals wirklich neidisch war. So kam auch ich erstmals mit dem Chor-Theater in Berührung und habe überhaupt verstanden, dass der Chor eine der beiden Theaterfiguren ist. „VIELE AUF DER BÜHNE. UND JEDER EINZIGARTIG.“ weiterlesen

PROTEST IM ZEITRAFFER

stbSamstag, 9 Uhr, mit Enthusiasmus los, Sonne, Himmel blau. Arabischer Bäcker: „Auch zur Demo? Gegen Faschisten? Möge Gott mit Euch sein.“ Inschallah! Treffpunkt vor dem Schauspielhaus, Kamerateam „Arte Tracks“, ein Silberwürfel voran, 70 Leute hinterher, via Schützenstraße, am Hafen Treffpunkt, 1000 Leute, Euphorie, Musik, Tempo und die Ahnung, dass Gruppengröße und Schlauheit sich umgekehrt proportional verhalten. Jemand fragt: „Hätte man klarer sagen müssen, dass es heute um zivilen Ungehorsam geht?“

Schon renne ich, ohne zu wissen wohin, neben mir joggt in Gruppen von 12 die behelmte Humorlosigkeit (es ist ihr Job, hier und heute humorlos zu sein), die Sonne brennt, Silberwürfel aufblasen im Dauerlauf, Sunderweg Ecke Treibstraße ist schon Schluss, Coitus Interuptus, 1000 im Polizei-Kessel, geraden noch positive Erregung ändert das Vorzeichen, gegenseitige Schuldzuweisungen, die 1000 zerfallen sofort in Kleingruppen, wütende oder verunsicherte Einzelne, schwarze Tücher vor Gesichtern, Wut auf Handy-Kameras (zu recht), drei Kinder im dritten Stock am offenen Fenster, Gesänge „Frontex, Polizei, Militär – Mörder im Mittelmeer.“

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