„Momente der Unsterblichkeit“

Momente der Unsterblichkeit

Ab dem 19. April ist unser Ensemble-Mitglied Marlena Keil als Magd Zerline im Studio zu erleben! Die legendäre Erzählung von Hermann Broch als packender Theater-Soloabend.
Die Magd Zerline hält Rückschau auf ihr Leben, das sie im Dienst einer Baronin verbracht hat: eine Lebensbeichte voller Sehnsucht nach einer erfüllten Liebe, die sie glaubte, im Liebhaber ihrer Herrschaft zu finden. Sehnsucht, Begehren und Schmerz mischen sich mit Neid, Stolz und Heimtücke an diesem sommerlichen Nachmittag, der zuletzt im Anzetteln eines Mordprozesses gipfelt.

Ein Gespräch mit Marlena Keil und dem Regisseur des Abends, Matthias Rippert.

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AUFREGUNG FÜR ALLE.

AUFREGUNG FÜR ALLE

Das ewige Feedback der Empörung – in Utzbach und im Netz

Essay zum „Theatermacher“ von Matthias Seier


Kritiker gibt es, deren jeder vermeint, bei ihm stände es, was gut und was schlecht sein solle; indem er seine Kindertrompete für die Posaune der Fama hält.

Artur Schopenhauer: Parerga und Paralipomena, 1851


I. Die Geschichte einer Empörung

Im Sommer 1972 wurde bei den Salzburger Festspielen das Theaterstück Der Ignorant und der Wahnsinnige von Thomas Bernhard uraufgeführt. Dessen Regisseur Claus Peymann bestand in der letzten Szene auf absolute Finsternis. Auch das Notlicht müsse gelöscht werden. Während es bei der Generalprobe tatsächlich stockfinster war, hielten die Feuerwehr sowie die Festspielleitung diese Idee bei einer tatsächlichen Aufführung aus Brandschutzgründen für nicht hinnehmbar. Am Premierenabend kam es also hinter den Kulissen zu einem handgreiflichen Kampf um den Notbeleuchtungsschalter. Zur zweiten Aufführung kündigten die Schauspieler an, nicht mehr zu spielen, falls das Notlicht nicht gelöscht werde. Und zur dritten Aufführung kam es nicht mehr, weil die Festspielleitung daraufhin alle weiteren Vorstellungen des Stücks absagte. Der sogenannte Notlichtskandal war geboren. Thomas Bernhard, Claus Peymann und sein Team wurden von Presse und Zuschauern beschimpft und aufgefordert, das Land zu verlassen, wenn man sich nicht an dessen Gesetze halten wolle. Bernhard selbst schrieb dazu bloß: „Eine Gesellschaft, die zwei Minuten Finsternis nicht erträgt, kommt ohne mein Schauspiel aus.“ AUFREGUNG FÜR ALLE. weiterlesen

IRREN IST MENSCHLICH? – MEMORY ALPHA

Uraufführung

MEMORY ALPHA ODER DIE ZEIT DER AUGENZEUGEN

von Anne-Kathrin Schulz

Mit: Christian Freund, Caroline Hanke, Uwe Schmieder und Friederike Tiefenbacher

Regie: Ed. Hauswirth | Bühne und Graphic Art: Susanne Priebs | Kostüme: Vanessa Rust | Film-Still-Photography: Laura N. Junghanns | Video-Operator: Julia Gründer | Musik: Sebastian Spielvogel | Licht: Sibylle Stuck | Ton: Gertfried Lammersdorf, Chris Sauer | Engineering: Lucas Pleß

Premiere am 6. April 2018 im Studio / Schauspiel Dortmund
Aufführungsdauer: 95 Minuten


Termine und Tickets


Caroline Hanke, Friederike Tiefenbacher, Uwe Schmieder

 

Bereits 2020 will die chinesische Regierung ein landesweites Scoring-System in Betrieb nehmen, das das Verhalten jedes Bürgers elektronisch speichert und bewertet. Jede/r in China wird dann mit einem Punktestand durchs Leben gehen, der seine/ihre Reputation widerspiegeln soll. Dieser „social score“ wird permanent aktualisiert: Der Mensch kann Punkte und damit Privilegien gewinnen, aber auch verlieren – je nachdem, was man online und offline so tut. Technologisch ist das kein Problem. Daten vonOnline-Plattformen können genauso einfließen wie die Meldungen von Mitbürgern – und alles Mögliche kann von Interesse sein: Z.B. wie gut man seine Arbeit macht, was man einkauft, wie schnell man seine Rechnungen bezahlt, welche Seiten man im Internet liest oder auch wie oft man bei Rot über die Straße geht. Die Vision: Die Schaffung eines elektronischen Gedächtnisses, mit dessen Hilfe die Bürger dazu erzogen werden sollen, bessere Menschen zu werden. Denn ein niedriger Punktestand kann unangenehme Konsequenzen haben…

Uwe Schmieder
Christian Freund, Friederike Tiefenbacher

 

Der Mensch, das Gedächtnis und ein Autounfall, der die Zeit auf den Kopf stellt: Dr. Gerd Stein, Leiter des renommierten Instituts für Digitalität und Gedächtnis, wird auf einer Brüsseler Straße von einem Auto zerquetscht, kurz nachdem er im Europaparlament öffentlich vor der geplanten chinesischen Super-SCHUFA gewarnt hat. Wer saß hinterm Lenkrad? Stein begibt sich auf Spurensuche rückwärts durch die Zeit. Knapp zwei Monate zuvor hatte seine Frau, die Gedächtnis-Forscherin Johanna Kleinert, mit der natürlichen Fehleranfälligkeit des menschlichen Gedächtnisses experimentiert:

Im Rahmen einer epochalen False-Memory-Studie hackte Kleinert das Gedächtnis ihres Probanden Sebastian Grünfeld – und zwar so, dass dieser sich nun hochpräzise an ein Erlebnis erinnert, welches es nie gegeben hat. Und dann ist da noch Steins Schwester Charlotte – eine von 57 weltweit bekannten Menschen, die schwer vergessen können…

Caroline Hanke

 

Das menschliche Gehirn ist die komplexeste Struktur im uns bekannten Universum. Doch wie gut und sicher kann es Erinnerungen abspeichern – und was bedeutet das für unser Gefühl von Vergangenheit, Identität und für unsere Definition vom Menschsein? Wie werden die Fehleranfälligkeit des menschlichen Gedächtnisses und die wahnsinnigen Kapazitäten von elektronischen Gedächtnissen aufeinander treffen? Wird es bald eine Zeit geben, in der der Satz „Irren ist menschlich“ nicht mehr gilt?

Friederike Tiefenbacher, Uwe Schmieder, Caroline Hanke, Christian Freund

 


 


Regisseur Ed. Hauswirth ist Gründungsmitglied und künstlerischer Leiter des Theater im Bahnhof. Die freie Grazer Gruppe versteht sich als zeitgenössisches Volkstheater, das sich seit seinen Anfängen mit europäischer Identität auseinandersetzt. Das TiB kombiniert Unterhaltung mit unkonventionellen Formen, bewegt sich vom Bekannten ins Unbekannte, sucht mögliche und unmögliche Spielräume. Der 1965 in der Steiermark geborene Regisseur inszenierte u.a. Drei Schwestern von Anton Tschechow, Graz fliegt (Eröffnung der Kulturhauptstadt Europas Graz 2003), Burgtheater von Elfriede Jelinek, Europa, Europa und Warmanziehen.

Am Schauspiel Dortmund gab er 2016 sein Debüt mit der hoch gelobten Stückentwicklung Die Liebe in Zeiten der Glasfaser. Ein Stück Skype, gefolgt von Triumph der Freiheit nach Joël Pommerat.

Autorin Anne-Kathrin Schulz studierte Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. 2001 wurde ihr Stück Unter Land am Jungen Theater Göttingen uraufgeführt, 2003 dann Silly Songs am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Ebenfalls 2003 entstand nach ihrer Kurzgeschichte Bericht vom Rand der Festung der Kurzfilm Nobody Kers (Regie: Philipp Reuter, Ruhrgebietspreis 2003). Seit 2000 auch Arbeit als Dramaturgin, z.B. am Schauspiel Bochum, dem Deutschen Theater Berlin und (seit 2010) am Schauspiel Dortmund, wo sie z. B. Mike Daiseys Die Agonie und die Ekstase des Steve Jobs und TRUMP ins Deutsche übersetzte sowie Co-Autorin von DIE SHOW war. 2016 wurde Die Schwarze Flotte in der Regie von Kay Voges uraufgeführt.


Weiterführende Informationen:

Einige Presseberichte zum geplanten chinesischen Social Score System

 

Zwei Vorträge vom letztjährigen Chaos Communication Congress

Katika Kühnreich: „Gamified Control? China’s Social Credit Systems“:

 

Tijmen Schep: „ Social Cooling – big data’s unintended side effect

Pressebericht zum trügerischen Gedächtnis

“Erinnern ist auch erfinden” (Deutschlandfunk Kultur, 9.12.2016)


 

EINE ANDERE PERSPEKTIVE AUF ZEIT UND GESELLSCHAFT

Regisseurin Laura N. Junghanns im Interview mit Dirk Baumann über ihre Inszenierung von Virginia Woolfs „Orlando“

Laura N. Junghanns; Foto: Dirk Vogel

Virginia Woolfs „Orlando“ erschien 1928. Was hat Dich an dem Stoff interessiert?

Mich interessiert die Breite der Geschichte, die Themen wie Herkunft, Geschlecht, Geschlechterrollen, Sexualitäten beinhaltet in einem so reichen Material, das einen Bogen über knapp 350 Jahre spannt. Und damit viele Epochen und soziale und gesellschaftliche Hintergründe abdeckt, die Spiegelpunkte zur Jetztzeit sind.

Du hast die Fassung des Stücks selbst erarbeitet – worauf kam es Dir dabei an?

Grundsätzlich halte ich es immer für sinnvoll, viel zu recherchieren: Beim Orlando-Stoff ist neben der Handlungsebene des Romans die „Sidestory“ interessant, die Entstehungsgeschichte des Buches. Virginia Woolf hat „Orlando“ ja geschrieben, um sich mit ihrer damaligen Liebhaberin Vita Sackville-West auseinanderzusetzen und es ihr zu widmen – einer Zeitgenossin Woolfs und ebenfalls Autorin. Tatsächlich habe ich erst einmal breit recherchiert, angefangen bei Virginia Woolfs Leben und Werk bis zum Briefwechsel zwischen Virginia Woolf und Vita Sackville-West. Im zweiten Schritt habe ich dann das Buch selbst genommen und jeden Satz markiert, der mich interessiert hat. Das war dann mein Material für die eigentliche Arbeit an der Stückfassung. Ich halte es für unabdingbar, erst eine genaue Analyse des Materials vorzunehmen, um ausgehend davon eine bzw. meine „Übersetzung“ aus Metaphern, Bildern oder schlichtweg Emotionen zu finden. Es geht mir dabei nicht um ein „Reenactment“ des Buches, denn der Roman bleibt der Roman und soll es auch bleiben, sondern um eine szenisch erfahrbare Umsetzung, die über die Buchseiten hinausgehen und die Phantasie beflügeln kann. Oder, um es mit Virginia Woolfs Worten zu sagen: „Das einzig aufregende Leben ist das der Phantasie.“ Ein Tagebucheintrag vom 21. April 1928, d.h. genau aus der Phase zwischen dem ersten Wort von Orlando und der Veröffentlichung im Herbst 1928.

„Das einzig aufregende Leben ist das der Phantasie.“
Virginia Woolf

Insgesamt gab es bestimmt zehn verschiedene Stände der Textfassung, von denen ich drei mit meinem Kreativteam gemeinsam durchgesprochen habe (in erster Linie die Band AniYo kore, sowie die Bühnenbildnerin Maria Eberhardt, die Kostümbildnerin Natalia Nordheimer und der Dramaturg Dirk Baumann). Die endgültige Probenfassung entstand tatsächlich erst nach der ersten Probenwoche, nachdem ich die Stimmen der Schauspieler*innen gehört hatte.

Friederike Tiefenbacher
Marlena Keil
Ekkehard Freye

Das Verhältnis von Fiktion und Realität spielt in Deiner Inszenierung eine besondere Rolle – kannst Du das näher erläutern?

Zwischen den beiden Polen Fiktion und Realität entsteht viel Raum für Phantasie, für die Zuschauer wie auch für mich. Im besten Falle entstehen sogar Freiräume, um sich selbst und die eigenen Rollenbilder in Frage zu stellen. Auf der Bühne stehen einerseits die Hauptfiguren aus dem Roman „Orlando“, andererseits ist u.a. aber auch Virginia Woolf als Figur zu sehen.

Du sagst, in „Orlando“ geht es um Fragen von Identität, Geschlecht und äußeren Zuschreibungen. Jetzt ist der Roman aus dem Jahr 1928 – war Virginia Woolf in ihrem Denken ihrer Zeit voraus?

Nein, ich glaube nicht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war ohnehin viel los in der Welt, Vieles war im Umbruch. In Argentinien beispielsweise gab es eine starke feministische Bewegung, schon 1910 fand der erste Internationale Frauenkongress in Buenos Aires statt. Es ist davon auszugehen, dass Virginia Woolf die Entwicklungen kannte, verfolgte und dass sie davon auch in ihrem Schreiben beeinflusst wurde. Etwa zur gleichen Zeit wie „Orlando“ erschien ein Buch namens „Quell der Einsamkeit“ der Autorin Radclyffe Hall. Dieses Buch sorgte für mit den ersten großen literarischen Skandal, weil darin erstmals eine lesbische Beziehung beschrieben wurde. Das führte zum Verbot des Buchs – auch wenn nach heutigen Maßstäben alles sehr blumig und neblig beschrieben war –, aber auch dazu, dass sich Verleger und Schriftsteller zusammenschlossen, um gegen das Verbot zu demonstrieren. Wenn man vor diesem Hintergrund „Orlando“ betrachtet, gibt es ausgenommen vom Geschlechter-Wechsel eigentlich gar keine Schilderung einer homosexuellen Begegnung. In dem Sinne war sie ihrer Zeit also keineswegs voraus, sondern hat den Zeitgeist genau getroffen.

Ekkehard Freye

Wie kamst Du darauf, mit der Dortmunder Band aniYo kore zusammenzuarbeiten?

Ich habe die Band in Dortmund bei den Petra-Meurer-Theatertagen getroffen, da war ich mit meiner freien Company „KimchiBrot Connection“ eingeladen. Die beiden haben im Rahmen der Preisverleihung ein Konzert gespielt. Eigentlich hatte ich mit der Company ausgemacht, dass wir im Anschluss an die Veranstaltung mit Leuten „socialisen“, die unsere Performance vielleicht als Gastspiel einladen könnten. Nach dem Konzert habe ich meine Kollegen dann aber direkt stehen lassen und gesagt: „Sorry, ich bin da heute raus, ich muss unbedingt diese Band anfragen, ich muss mit denen ‚Orlando’ machen.“ Zum einen haben sie mich mit ihrem Sound umgehauen und ihrer wahnsinnigen, theatralen Präsenz. Damals bestand ihr Setup nur aus Gitarre, Bass und Gesang, aber selbst damit haben sie den ganzen Raum gefüllt. Zum anderen glaube ich, dass die lokale Verwurzelung eines Stadttheaters eine große Stärke sein kann. Natürlich kenne ich auch tolle Musiker aus Köln oder Berlin, aber wenn man so einen Pool an Kreativität auch hier in Dortmund findet, dann ist das wesentlich besser angebunden.

aniYo kore (Live-Musik)

Das Spannende am Geschlechtswandel ist der gleichzeitige Perspektivwechsel auf eine Gesellschaft und auf eine Zeit.

Orlando wechselt im Roman das Geschlecht – welche Bedeutung hatte diese Tatsache für Dich während der Arbeit am Stück? Hatte das z.B. Auswirkungen auf die Besetzung?

Das Spannende am Geschlechtswandel ist der gleichzeitige Perspektivwechsel auf eine Gesellschaft und auf eine Zeit. Natürlich habe ich darüber nachgedacht, aber es war mir schnell klar, dass die Rolle von einer Frau gespielt werden sollte – weil die Sekundärgeschichte, die reale Folie vor der Virginia Woolf schreibt, eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen ist. Und natürlich haben wir uns Gedanken darum gemacht, was es heißt, heute queer zu sein, was dieser Begriff bezeichnet, was queeres Theater ist, was Geschlechterrollen sind. Momentan bin ich persönlich an dem Punkt angelangt, dass ich im Theater jenseits von theoretischen Debatten und Aufforderungen eine gelebte kreative Selbstverständlichkeit etablieren möchte, in der Frauen Männer spielen und Männer Frauen. Das ist jetzt nichts Neues, aber so werden Geschlechterrollen automatisch aufgebrochen. Und so ist es auch in der Inszenierung: Viele der weiblichen Nebenfiguren werden von einem Mann gespielt, viele männliche von einer Frau, ohne dass das kommentiert wird. Allein darüber kann ein anderer Resonanzraum für solch einen Satz aus „Orlando“ geschaffen werden: „In jedem Menschen ereignet sich das Schwanken zwischen den Geschlechtern.“

Im besten Fall lernen wir Geschlecht als Reihe von Kontinuitäten zu denken.

Geschlecht ist für die meisten Menschen eine zentrale Kategorie, über die sie andere und sich selbst identifizieren. Sollte man Deiner Meinung nach öfter mal hinterfragen, wo das eigentlich herkommt und was das für die eigene Identität bedeutet?

Im besten Fall lernen wir Geschlecht nicht binär, sondern als Reihe von Kontinuitäten zu denken. Vielleicht ist der Abend eine Anregung, sich nicht selbst einzusperren in Geschlechterstereotypen, die vermeintlich zum eigenen Geschlechterbild gehören. Zum einen kommen die von außen, aber man gibt sie sich auch selbst. Jede/r sollte ihren/seinen Impulsen frei folgen können. Vielleicht ist „Orlando“ eine Veranlassung, offener damit umzugehen. In den Proben fand ich es beispielsweise spannend, dass es mir irgendwann schwer fiel, das „richtige“ Pronomen zu verwenden – spreche ich über eine Frau, die einen Mann spielt von er oder sie? Und umgekehrt von einem Mann, der eine Frau spielt? Bei Ekkehard Freye in einer weiblichen Rolle habe ich einfach irgendwann „sie“ gesagt, das war auch selbstverständlich für alle, niemand hat das kommentiert. So etwas macht Spaß, weil es Klischees und Geschlechterrollen entlarvt.

Marlena Keil
Friederike Tiefenbacher

Du bist eine junge Regisseurin, die aber auch bereits einige Erfahrungen gesammelt hat. Was ist für Dich anders an dieser Arbeit im Schauspiel Dortmund?

So anders ist es gar nicht. Natürlich hat man am Stadttheater luxuriösere Strukturen, mehr Möglichkeiten, eine Routine, die einen Schutzraum ermöglicht, in dem man kreativ arbeiten kann. Das ist ein großes Geschenk, das wir in Deutschland haben. In unserer freien Company arbeiten wir meist schon früher alle zusammen am Konzept, hier war zwar auch früh das Kreativteam aus Regie, Bühne, Kostüm, Musik und Dramaturgie klar, und ich habe früh mit Ihnen gesprochen, aber die Schauspieler kamen zu einem viel späteren Zeitpunkt dazu. Die muss man dann aus ihrer Routine „rausbekommen“ und dafür gewinnen, dass sie mit Feuer und Flamme dabei sind.

Welche Verbindung siehst Du – neben der Namensgleichheit von Figur und Stadt – zwischen Virginia Woolfs Roman und dem schrecklichen Attentat von Orlando vom 12.6.2016, bei dem ein Attentäter 49 Menschen in einem mehrheitlich von Homosexuellen besuchten Club erschoss?

Die Verbindung sehe ich eher im Nachhall des Attentats. Dabei kommen Themen zur Sprache wie das Verhalten einer Mehrheit einer Minderheit gegenüber – im Pulse in Orlando war es sogar eine doppelte Minderheit: nicht nur Angehörige der LGBTI-Szene, an dem Abend war auch mehrheitlich die Minderheit der Hispanics dort. Die beiden Orlando-Themenfelder ähneln sich, aber Orlando vor dem Hintergrund des Shootings spricht aus einer ganz anderen Perspektive als das Buch Orlando, in dem die Hauptfigur ein blonder, weißer, reicher Jüngling ist, der alles hat und weitestgehend mit keinen Problemen konfrontiert ist. Aber er schaut im Verlaufe des Romans auf ähnliche Themen wie sie Angehörige der LGBTI-Szene heute betreffen und durchlebt auch ähnliche Stationen.

Die beiden Orlando-Themenfelder ähneln sich.

Ekkehard Freye
Marlena Keil
Friederike Tiefenbacher

Die Figur Orlando verändert sich im Verlauf des Romans stark. „Und nun, und wer, Orlando“ heißt es im Stück wie im Roman. Wenn ich Dich nach sechs Wochen Proben nun frage „Und nun, und wer, Laura Junghanns“ – hast Du Dich verändert?

Natürlich. Ich werde beispielsweise älter im Gegensatz zu Orlando (lacht). Nein, es sind die Erfahrungen, die ich mache, egal ob in der künstlerischen Praxis oder allein in der Beschäftigung mit dem Thema, die mich verändern. Aber bei mir geht es tatsächlich auch schon wieder weiter und ich richte den Blick so langsam auf das, was in Zukunft kommt.

Die Fragen stellte Dirk Baumann.

MUSIKALISCHES UFO TRIFFT „ORLANDO“

Die Band „aniYo kore“ im Interview mit Dramaturg Dirk Baumann

Für „Orlando“ nach Virginia Woolf steht auch die Dortmunder Band aniYo kore auf der Bühne. Im Interview erzählen die beiden Mitglieder, was sie ans Theater geführt hat, was sie mit dem Stoff verbindet und was es eigentlich mit ihrem Namen auf sich hat.
„Orlando“ feiert am 11. Februar Premiere im Studio in der Regie von Laura N. Junghanns.

aniYo kore, Foto: Dirk Vogel

 „Now“ ist einer der neun Songs, die aniYo kore für „Orlando“ geschrieben haben.

Melody und René, Ihr seid aniYo kore – seit wann gibt es Euch in dieser Formation und was hat es eigentlich mit dem Namen auf sich?

René: Es gibt uns seit März 2010. Der Name kommt aus dem Film „Lost in Translation“: Bob Harris, im Film von Bill Murray gespielt, kommt nachts von einem Dreh ins Hotel und kann nicht schlafen, deshalb will er sich im Gym nochmal auspowern. Er versucht, die Cardio-Maschine langsamer einzustellen, weiß aber nicht, wie das geht, und drückt deshalb jeden Knopf. Und die Maschine sagt immer dasselbe: „aniYo kore“ – das fanden wir eine unfassbar lustige Szene. Und so gut, dass wir das direkt übernommen haben. Wir sind uns zwar nicht ganz sicher, was das bedeutet, wahrscheinlich so etwas wie „das geht nicht“. Aber mittlerweile ist es uns auch nicht mehr so wichtig, was es bedeutet, es ist einfach ein absurder Name. Oft wird er allerdings erst mal falsch ausgesprochen, wie das englische „core“, aber die Betonung liegt auf dem e am Ende, ähnlich wie im Französischen. Mittlerweile ist es aber auch so, dass wir als erstes Ergebnis auftauchen, wenn man den Begriff online sucht.

Ekkehard Freye
aniYo kore (Live-Musik)

Eine nicht ganz unwichtige Sache. Wie würdet Ihr Eure Musik beschreiben?

Melody: Als musikalisches Ufo. Den Ausdruck hat René mal geprägt, der beschreibt es eigentlich ganz gut. Genremäßig ist es „Elektro-Kraut“. Wir haben uns in den vergangen sieben Jahren deutlich entwickelt – eigentlich kommen wir aus einem Bereich, in dem wir sehr viel mit Samplings gearbeitet haben, also mit bereits bestehenden Sounds, die wir dann gesampelt haben. Jetzt machen wir alles ausnahmslos selbst und nehmen unsere eigenen Sounds auf, die wir weiter verarbeiten. Das können auch ganz alltägliche Sachen sein, die wir mit dem Mikrophon aufnehmen, wie beispielsweise das Klopfen auf Holz. Und wir spielen natürlich live Instrumente, René ist am Bass, ich bin an der E-Gitarre, dazu haben wir selbst gebaute Drums von einer Drum Machine namens MPC – und unseren zweistimmigen Gesang.

„Wir versuchen immer Neues zu finden.“

René: Das Genre ist wirklich schwierig zu betiteln. Unsere Wurzel ist sicher Trip-Hop, weil es diesen langsamen, hiphoppigen Groove hat, den hat unsere Musik jetzt immer noch, wie ich finde. Ein wichtiges Element ist auf jeden Fall Downtempo. Wir versuchen bewusst immer mehr neue Sachen zu finden, die in kein bestehendes Genre mehr passen.

Habt ihr musikalische Paten, Eltern oder Großeltern?

René: Da ist sicher Portishead, über die wir uns auch gefunden haben. Über die Liebe zu schweren, melancholischen Grooves und Songs mit inhaltlicher Tiefe. Mittlerweile sind wir auch zu Jazz-Sachen übergegangen als Inspiration, auch wenn man das vielleicht gar nicht so direkt hört. Was man aber sicher in unserem Sound erkennt, sind Portishead- und Björk-Einflüsse oder DJ Shadow. Obwohl ich finde, dass Melodys Stimme einfach einen ganz eigenen Klang hat.

Ekkehard Freye
Marlena Keil

Den hat sie definitiv. Wie habt ihr euch kennen gelernt?

Melody: Ich habe eigentlich schon immer gesungen, mal in einer anderen Band und hatte auch mal ein Soloprojekt. Und René war als DJ unterwegs, aber vielleicht kannst du das selbst nochmal genauer erzählen.

René: Ja, ich habe ein so genanntes Dubplate von Melody gehört. Auf einem Dubplate sind Songs neu eingespielt, die es eigentlich so schon gibt, aber zusätzlich dazu ist ein Special drin, eine geänderte Textzeile oder auch nur ein Wort, zum Beispiel mein Name oder so etwas in der Art. Dann ist klar, wenn ich den Song mit meinem Namen drin auflege: Das eine exklusive Aufnahme nur für mich als DJ. Das ist eigentlich eine Erfindung aus Jamaika und eine Form von Statussymbol. Und das hat Melody gemacht, sie hat einen Song gesungen auf einen Beat und ich dachte: Wow, wer ist das denn? Und dann habe ich sie ausfindig gemacht.

Friederike Tiefenbacher
aniYo kore (Live-Musik)

Was ist die Besonderheit an Eurer Musik?

René: Neben der Musik selbst ist das sicher die „Stimmung“. Wir spielen unsere Musik in „Verdis A“, also auf einer Frequenz von 432 Hertz. Technisch gesehen befindet sich das A, wenn andere Bands spielen, auf einer Frequenz von 440 Hertz. Darauf hat sich die „musikalische Gemeinschaft“ geeinigt.

Melody: Im professionellen Sinne nennt man das den Kammerton.

„Wir suchen unsere Bezüge in der Natur.“

René: Und in Zeiten von Bach, Mozart, Verdi wurde groß darüber diskutiert. Es gab immer verschiedene Stimmungen in der Bandbreite 432 bis 446 Hertz, auf denen das A gespielt wurde, ohne dass es genormt war. Auch die großen Komponisten sind sich nicht einig geworden. In den 1930ern hat dann die Rockefeller-Stiftung eine Menge Geld dafür ausgegeben, dass man sich vor allem in der amerikanischen Kultur auf 440 Hertz geeinigt hat. Aber wir persönlich finden das sowohl mathematisch als auch von der Stimmung her nicht ganz richtig. Es macht einen kleinen, aber wesentlichen Unterschied, wenn die Spannweite anders ist – für die Gefühlsstimmung. Viel nerdiges Zeug, lange Rede, kurzer Sinn: Es fühlt sich für uns richtig an. Das ist eine reine Gefühlssache, die man gar nicht hört, auch nicht von jemandem mit einem gut geschulten Gehör.

Melody: Wir haben das auch selbst nicht gehört, aber man fühlt es. Es gibt auch viele Experimente dazu, wie sich diese Frequenz in Bezug auf Körper verhält und die Muster auf 432 Hertz haben ein deutlich schlüssigeres Muster ergeben als die auf 440 Hertz.

René: Wir suchen unsere Bezüge in der Natur. Wir orientieren uns da beispielsweise auch an solchen Dingen wie den Fibonacci-Zahlen und dem Goldenen Schnitt. Für uns fühlt sich das gut an und deshalb folgen wir dem eher als irgendwelchen Normen.

„Im Theater ist die Band kein geschlossenes System.“

aniYo kore (Live-Musik)

Wenn man auf Eure Homepage schaut, dann habt ihr bereits sieben Alben veröffentlicht – eine ganze Menge. Wie kommt ihr nach diesem „klassischen“ Weg nun ins Theater?

René: Unsere Musik ist schon immer sehr atmosphärisch gewesen, wir haben einen stimmungsvollen Ansatz. Deswegen lag das nahe. Wenn wir beispielsweise Filme schauen, legen wir immer ein besonderes Augenmerk auf die Scores, also die Musik und die Sounds, wie Klänge in bestimmten Situationen angewendet werden, auch abseits von Musik. Wir interessieren uns für die stimmige Untermalung gesprochener Texte. Das ist für uns mindestens genauso anspruchsvoll wie „einfach nur“ Musik zu spielen als Band. Im Theater ist die Band denn auch kein geschlossenes System mehr, sondern ein offenes: Wir arbeiten mit anderen zusammen, das ist schön, sorgt aber auch dafür, dass die Musik und der Sound nicht ausschließlich unser eigenes Produkt bleiben, weil wir mit den anderen zusammen- und der Regisseurin und den Schauspielern zuarbeiten. Das ist eine ganz andere Form Musik zu machen.

Friederike Tiefenbacher
Marlena Keil
Ekkehard Freye

Und wie habt ihr den Kontakt zur Regisseurin Laura Junghanns gefunden?

Melody: Im Februar 2017 haben wir im Dortmunder Theater im Depot ein Konzert gespielt im Rahmen der Petra-Meurer-Theatertage. Lauras Company „KimchiBrot Connection“ war dort eingeladen und hat sogar den Preis gewonnen. Bei dieser Gelegenheit hat sie uns das erste Mal gesehen und im Anschluss an das Konzert angesprochen. Sie hat direkt gefragt, ob wir uns vorstellen könnten, für ein Theaterstück Musik zu machen. Das hätte nicht besser passen können.

René: Interessanterweise hat Laura uns aber „nur“ mit einer Akustik-Show gesehen, mit E-Gitarre und zweistimmigem Gesang, also mit einem ganz anderen Sound als dem, den wir jetzt hier machen. Ich glaube sie kannte unsere Musik vorher auch gar nicht, konnte also auch gar nicht wissen, dass wir auch eine elektronische Auslegung machen können wie jetzt bei „Orlando“.

Ekkehard Freye
Marlena Keil
Friederike Tiefenbacher

Was waren Eure Gedanken vor Beginn der Produktion – hattet ihr Berührungsängste mit den Schauspielern?

René: Ehrlicherweise nicht, weil wir so große Lust darauf hatten. Ich gehe meist mit einer Utopie-Vorstellung in solch einen künstlerischen Prozess und lasse mich einfach überraschen, was passiert. Damit kann man natürlich auch grandios scheitern, auch das ist uns schon passiert. Angst davor, dass man der Qualität von Schauspielern oder anderen nicht gerecht werden kann, ist dabei aber nur hinderlich. Idealerweise wünsche ich mir, dass man uns in musikalischer Hinsicht als Expertise wahrnimmt – und die anderen Departments haben ihre.

„Wir haben Orlando in neun musikalische Stücke gegossen.“

Würdet ihr sagen, dass man sich als Künstler im Theater mehr öffnet?

Beide: Auf jeden Fall.

Melody: Das ist eine positive Challenge. Wir haben als Musiker die Möglichkeit, uns mit anderen Künstlern zu verbinden, die selbst keine Musik machen, um gemeinsam an einer Sache zu arbeiten.

René: Wenn wir als Band ein Album machen, dann sind wir uns bestenfalls untereinander einig über das Werk. Im Theater kann ich mir zwar Gedanken darum machen, dass ein bestimmter Klang für eine bestimmte Szene der richtige ist, aber am Ende kann es sein, dass die anderen das nicht so sehen und die Regisseurin entscheidet es vielleicht ganz anders.

Wie seid ihr an die Arbeit zu „Orlando“ herangegangen?

Melody: Wir haben uns schon sehr früh im vergangen Jahr mit Laura getroffen. Im Anschluss daran haben wir uns mit dem Stoff, dem Buch von Virginia Woolf auseinandergesetzt, die Hochphase hatten wir dann im Sommer 2017: Laura hat mit uns über Ihre Visionen gesprochen, das hat uns eine Ahnung davon vermittelt, wo es hingehen soll. Wir haben dann den Orlando-Stoff in neun musikalische Stücke gegossen. Damit sind wir zu den Proben gekommen und die Rechnung geht tatsächlich auf: Die Songs passen zum Regiekonzept und der Anlage des Stückes. Laura hat uns ihre Visionen offenbar super rübergebracht.

René: Ich bin auch ganz überrascht wie gut das aufgeht. Es ging ja nicht darum, dass Melody als Song-Schreiberin in vier Wochen neun Songs schreibt. Sie nimmt sich immer die Zeit einzutauchen in Stimmungen, um daraus etwas zu entwickeln. Dass wir damit jetzt so wenig anecken in den Proben, hat sicher auch damit zu tun, dass wir frühzeitig am konzeptionellen Prozess beteiligt waren. Es ist tatsächlich so, dass wir keine einzige Melodie der Songs ändern mussten.

Ekkehard Freye
Marlena Keil
Friederike Tiefenbacher

Und wie habt ihr die Songtexte geschrieben?

René: Mir war wichtig, dass es keine direkten Übertragungen von Originaltext aus dem Buch in Songs von uns gibt, das halte ich für gefährlich. Wir haben Laura gebeten, uns den Roman in ihre Idee von szenischen Vorgängen und Figuren zu übersetzen. Das haben wir dann wiederum in unsere Worte übersetzt. Dieser Zwischenschritt war wichtig, damit wir ein bisschen Abstand zu Virginia Woolfs Original haben, sie schreibt einfach wunderschön, aber in ihrem eigenen Stil – und unsere Texte haben jetzt Melodys Stil.

Als Künstler seid Ihr natürlich Persönlichkeiten mit eigenen Meinungen. Wie habt ihr als Künstler mit Laura Junghanns, der Regisseurin, zusammengearbeitet?

René: Wir haben Laura von Beginn an gesagt: Wir schreiben ganze Songs, aber du kannst dir das raussuchen, was du haben möchtest, also auch nur Samples, Teile oder Ambiences für die Spielszenen. So gibt es bei manchen Szenen nur Gitarre, bei anderen nur Keys, bei anderen Drums, und und und. Das entscheidet Laura und das finden wir auch gut. Klar, wir hätten die Elemente bestimmt auch anders eingesetzt, aber sie hat den Überblick über alles, was auf der Bühne geschieht und trifft im Sinne des Stücks die besseren Entscheidungen.

„Orlando, der lebende Poet“

Bei den Aufführungen seid ihr immer mit auf der Bühne. Inwiefern unterscheidet sich eure Performance im Stück von einem Konzert?

René: Erst mal bin ich fasziniert von der Fähigkeit der Spieler, wie präzise sie Vorgänge wiederholen können. Bei einer Live-Show als Band muss ich das nicht machen, da ist mehr Luft, die Tagesstimmung einfließen zu lassen. Im Rahmen eines Stückes geht das natürlich nicht in dem Maße, weil wir uns an Absprachen halten müssen und dem Stück „dienen“ – auch wenn Laura uns als den vierten und fünften Darsteller bezeichnet. Aber ein bisschen Freiheit ist im Theater ja immer mit dabei. Das ist der Zauber des Theaters.

Ekkehard Freye
Friederike Tiefenbacher

Die Figur Orlando durchlebt verschiedene Wandlungen im Verlauf des Romans, es geht um Identitäten und damit zusammenhängende weitere Fragen. „Und nun, und wer, Orlando“ heißt es im Stück wie im Roman. Wenn ich Euch nach inzwischen 6 Wochen Proben nun frage „Und nun, und wer, aniYo kore“ – wie habt Ihr euch verändert?

Beide: Gute Frage.

René: Tatsächlich haben wir uns vor Beginn der Proben dazu entschlossen, uns voll und ganz auf die Musik zu konzentrieren und unsere „Brotjobs“ zu schmeißen. Daher ist das für uns auch ein Wandel. Und ich merke, wie ich es genieße, diese Freiheit zu haben. Vielleicht bin ich gerade Orlando, der lebende Poet.

Melody: Im und mit dem Theater sehe ich mich jetzt auch wesentlich mehr als Künstlerin als vorher, ich habe mich einfach frei machen können von dem gewöhnlichen System, das eher auf Nutzen ausgerichtet ist. Es tut uns als Band ausschließlich gut.

René: Jetzt ist Januar 2018, im Februar kommen wir mit dem Album raus, das wir zu „Orlando“ aufgenommen haben. Das konnten wir nur unter diesen Bedingungen so schnell machen. Wir haben dadurch jetzt auch eine neue Live-Show, die wir als Band spielen können. Und last but not least haben wir durch die Proben auch technisch viel dazugelernt. Wir können einfach aus den Vollen schöpfen durch die Konzentration auf die musikalische Arbeit – so haben wir beispielsweise den zweistimmigen Gesang neu entwickelt, in der Form gab es das bei uns vorher noch nicht, da war immer Melody allein die Singstimme.

Klingt nach einer rundum zufriedenen Band. Wollt ihr noch etwas loswerden?

Melody: Kommt euch „Orlando“ angucken!

Das Album „Wild Geese“ von aniYo kore zur Inszenierung „Orlando“ kann an den Vorstellungsterminen zum Preis von 12 Euro im Foyer des Schauspiels erworben werden.

ANDREAS BECK ÜBER „DER THEATERMACHER“

„Das Stück ist im besten Sinne zeitlos.“

Am 30. Dezember öffnet sich der Vorhang für den „Theatermacher“: Thomas Bernhards legendäre Komödie über den größenwahnsinnigen Staatsschauspieler Bruscon, der im kleinen Dörfchen Utzbach sein eigenes Stück zur Aufführung bringen will. Andreas Beck spielt in Kay Voges‘ Inszenierung den selbstverliebten und an der Welt verzweifelnden Bruscon. Ein Gespräch.


Andreas Beck als Bruscon

Was macht den „Theatermacher“ zu einer Komödie? Und was zu einer Tragödie? Eigentlich muss man da direkt die Hauptfigur des Stücks, den Theatermacher Bruscon, zitieren: Es handelt sich bei seinem Stück „Das Rad der Geschichte“, das er aufführen möchte, um eine „Komödie, die eigentlich eine Tragödie ist, wie Sie dann sehen werden.“ Und genauso ist es auch bei Bernhards Stück: Es sind komödienhafte Figuren, die aber am Ende scheitern und dadurch in einer Tragödie enden. Und das ist wiederum auch das Interessante und Komische daran. Es ist eben nicht bloß eine pure Komödie im klassischen Sinne. „Romeo und Julia“ gilt ja beispielsweise auch als Komödie, und doch liegen am Ende die Hauptfiguren tot beieinander. Das passiert ja beim „Theatermacher“ zum Glück nicht.

Inwieweit kannst du dich manchmal selber mit Bruscon identifizieren? Macht dir das Kollegen-Quälen auf der Bühne Spaß? Nein, natürlich nicht. Aber ich kann manche Haltungen von Bruscon verstehen: zum Beispiel die Behinderung des Theaterbetriebs durch überpenible Brandschutzmaßnahmen. Aber dieses Gottähnliche von Bruscon, der ja Autor, Regisseur und Hauptdarsteller seines eigenen Stückes ist und sich nur von Dilettanten umgeben fühlt, kann ich nicht nachvollziehen. Für mich ist Theater ein Teamsport. Man ist immer nur genauso gut oder schlecht wie alle, die auf der Bühne stehen. Es gibt eine Abhängigkeit zwischen den Leuten. Und da wäre man schlecht beraten, Kollegen zu dissen oder gegen die Wand zu spielen.

Und gerade dieser Widerspruch befeuert ja viele der komischen Stellen des Stückes. Man sieht Bruscon, der sich selbst als Genie einschätzt und doch bloß eine scheiternde Figur ist. Ja, auf jeden Fall. Es ist auch eine Figur, die vermeintlich kurz vor ihrem Lebensende steht oder zumindest eine gewisse Lebensmüdigkeit in sich trägt. Eine Figur, die scheinbar jahrzehntelang wie Don Quichotte gegen Windmühlen ankämpfte und es einfach leid ist. Das merkt man auch: das ständige Sich-Hinterfragen, warum man überhaupt noch Theater machen muss. Gerade als Schauspieler stellt man sich diese Fragen mitunter auch immer öfter, je älter man wird.

Anders als viele andere Bernhard-Stücke ist der Theatermacher weiterhin ein Evergreen im besten Sinne, der immer mal wieder auf den Spielplänen der Theater erscheint. Woran könnte das liegen, was glaubst du? Weil dieser Text im besten Sinne zeitlos ist. Genauso wie auch Theater zeitlos ist: zwar befindet es sich in einer ständigen Veränderung, doch das Grund-Vehikel und –Gerippe bleibt ja immer auch dasselbe. Und dadurch bleibt es aktuell, während andere Bernhard-Stücke wie Vor dem Ruhestand oder Heldenplatz mehr auf damalige gesellschaftliche Akteure und Stimmungen bezogen und deshalb ein wenig aus der Zeit gefallen sind. Hier beim Theatermacher ist das nicht der Fall.

Der berühmte Thomas Bernhard-Stil hat ja auch seine Tücken: das atemlose Wiederholen, das Umkreisen von Themen hin zu einem oft überraschenden Schmerzpunkt. Wie war es für dich, diesen Text zu proben? Das Schöne an dem Text ist, dass er mehrere Qualitäten besitzt. Schon beim Lesen bekommt man Lust, ihn zu sprechen. Wenn man ihn dann spricht, erfreut  man sich daran und wenn man ihn dann hört, dann freut man sich noch umso mehr. Denn der Text ist allein durch seine Form so bezaubernd. Wir haben zwar diese ganzen Klassiker – Schiller, Goethe, Kleist und so weiter – aber dann hört es auch rasch auf. Es gibt all diese „Dichter und Denker“, aber die Dramatik ist doch nicht so beschlagen mit großen Sprachkünstlern. Und dann sind es ja oft auch Übersetzungen, mit denen wir leben müssen: ich beneide englischsprachige Schauspieler für die originalen Shakespeare-Texte, aber wer weiß, vielleicht fluchen die ja insgeheim auch über dessen alte Sprache. Aber nochmal zurück zu Bernhard: so ein kunstvoller Stil findet sich selten. Jetzt bei unserer Werner Schwab-Inszenierung „ÜBERGEWICHT, unwichtig: UNFORM“ ist es ähnlich – zwar ganz anders, aber auch völlig künstlerisch. Das macht auch die Freude an meinem Beruf aus, dass man verschiedenste Sprachformen sprechen und spielen kann: ob nun amerikanische Alltags-Fuck Off-Sprache bei Mike Daisey, bishin zur Hochkultur von Bernhard oder Schwab.

Christian Freund und Andreas Beck

Der Theatermacher ist ja eine der vier Wiedereröffnungs-Premieren des Schauspielhauses und auch der deutlichste Kommentar zu dieser Wiedereröffnung. Die Problematik mit all den Brandschutz-Gesetzen findet sich ja original im Bernhard-Text, aber dennoch ist das Stück auch selbstironischer wie kritischer Kommentar über Theatermachen und Theatermacher in Dortmund. Wie gehst du unter dem Gesichtspunkt an die Premiere heran? Freust du dich auf Reaktionen? Naja, ich freue mich natürlich, wieder auf der Bühne zu stehen, auf der man engagiert wurde, und für das Publikum zu spielen, das unser Publikum ist. Ich hoffe, dass sie mit uns genauso diesen Weg gehen und sich genauso freuen, wieder auf den roten Sesseln in gewohnter Umgebung zu sitzen. Es ist ein bisschen so wie Weihnachten: man kommt heim zur Familie, alle sehen sich wieder. So eine Stimmung ist es eher für mich. Die thematische Ebene kommt dann eher durch die Inszenierung und das mitdenkende Publikum. Es ist also nicht so, dass ich mich nun diebisch auf Reaktionen freue.  


Der Theatermacher in der Regie von Kay Voges feiert am 3. März Premiere!

Fotos: Birgit Hupfeld

NEU IM ENSEMBLE: CHRISTIAN FREUND

„Sich fühlbar einbringen in die Konstruktion einer Stadt“

Neu im Ensemble: Christian Freund

Unsere Ensemble-Neuzugänge im Interview


Zu Beginn der Saison 2017/18 gibt es neue Gesichter am Schauspiel Dortmund zu entdecken: Die Schauspieler Alexandra Sinelnikova und Christian Freund kommen neu ins Ensemble. Beide sind Absolventen der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig und waren zuletzt zwei Jahre am Schauspielstudio in Dresden. Hier im Blog stellen wir Alexandra und Christian mit Interviews vor – nach dem Interview mit Alexandra nun Christian Freund.
Christian Freund wurde 1990 in Lüdenscheid geboren. Nach dem Abitur studierte er in Bochum Physik, Erziehungswissenschaften und Germanistik. Während des Studiums spielte er am Schauspielhaus Bochum und am Rottstraße 5 Theater Bochum, wo er zusätzlich als Licht- und Tontechniker arbeitete. 2013 begann er sein Schauspielstudium an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig. Seit der Spielzeit 2015/16 war er Mitglied des Schauspielstudios Dresden am Staatsschauspiel Dresden. Die Wiedervereinigung der beiden Koreas war seine erste Arbeit am Schauspiel Dortmund.

Du bist im Sauerland geboren, hast in Herne und Bochum gewohnt, bevor es Dich nach Leipzig zum Studium verschlagen hat. Nach Leipzig und Dresden jetzt also Dortmund – freust du dich wieder in deiner Heimat angekommen zu sein? Gibt es etwas, auf das du dich besonders freust? Ich hab hier viele Freunde und kenn mich aus, meine Familie wohnt hier. Da ist es schon schön wieder zurückzukommen. In manchen Momenten aber auch absurd, weil es mich beeindruckt, wie viele Erinnerungen für mich an diesen Orten hier hängen und weil ich jetzt vier Jahre lang weg war, in denen ich immer neue Orte kennengelernt habe. Und plötzlich sind da wieder die alten Orte, und das hat sich kurz wie ein Rückschritt angefühlt, in eine Vergangenheit, die aber halt auch die Zukunft ist. Als ich das begriffen hab, so im Februar, da hab ich mich sehr gefreut, wieder hier zu sein. Ich freue mich in Dortmund zu sein, weil ich die Stadt noch nicht so gut kenne wie zum Beispiel das Sauerland, wo ich auch groß geworden bin, oder Herne oder Bochum, wo ich fünf Jahre gewohnt hab. Das ist schön, in der Heimat Neues zu entdecken.

Was war deine Reaktion als du gehört hast: Die Dortmunder, die wollen mich? Das war ein sehr verrückter Moment: Es war der 12.12., abends um halb 10. Ich war in Bochum mit zwei Freunden aus meinem Jahrgang, die im Studio in Halle waren und am selben Tag auch in Dortmund vorgesprochen hatten, und dann kam dieser Anruf und ich war zuerst völlig sprachlos. Dortmund war das Theater, wo ich am liebsten hinwollte, und ich bin auf der einen Seite innerlich explodiert und auf der anderen Seite wusste ich nicht, wie ich das meinen Freunden sagen sollte, weil die auch gerne nach Dortmund gegangen wären. Und dann hab ich leise gesagt: „Ich muss euch was sagen. Dortmund hat mich gerade angerufen, die wollen mich.“ Erst haben die beiden es gar nicht realisiert und dann war es eine ganz absurde Stimmung, sie haben mich umarmt und gesagt, dass es sie sehr freut. Und das habe ich ihnen geglaubt und ich glaube auch, dass ich geweint habe, und dann hab ich erstmal ne Runde ausgegeben. Und am nächsten Tag sicherheitshalber nochmal im Schauspiel Dortmund angerufen und gefragt, ob das denn auch wirklich stimmt oder ob ich mir das nur eingebildet habe – und seitdem habe ich irgendwie dieses Glucksen im Bauch.

Christian Freund (mittig) in „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ (Foto: Birgit Hupfeld)

Du warst zuletzt zwei Jahre als Schauspielstudent am Schauspielstudio Dresden – was hat es damit auf sich, was hast Du da gemacht und gelernt? Zwei Jahre verbringt man in Leipzig, sozusagen die Grundausbildung: Sprechen, Singen, Akrobatik, Fechten, Tanzen, Yoga, Grundlagenseminar Schauspiel, Szenenstudien, Monologe, die man manchmal mit, manchmal ohne Dozenten erarbeitet – und dann zwischendurch Workshops, Improvisation, Filmschauspiel oder Ensembletraining. Nach diesen zwei Jahren wird der Jahrgang geteilt, die folgenden zwei Jahre verbringen die Studierenden in der Praxis an einem Schauspielhaus. Da hat man aber auch noch weiter Unterricht. Leipzig hat insgesamt vier Studios: Halle, Dresden und Köln, Leipzig. Die wechseln sich alle zwei Jahre ab: Entweder Halle oder Dresden und Leipzig oder Köln. Ich war jetzt zwei Jahre in Dresden und hab da viele Leute kennengelernt, in mehreren Stücken mitgespielt, u.a. in „Hamlet“, „Nathan der Weise“, „Michael Kohlhaas“ und auch Regie geführt bei der Bürgerbühne – das ist eine eigene Sparte in Dresden, bei der ausschließlich Laien auf der Bühne stehen.

Unser zweiter „Neuzugang“ Alexandra Sinelnikova hat mit dir studiert und war auch am Studio Dresden – ein willkommener Zufall, dass ihr weiter gemeinsam arbeiten könnt? Ja, ich freue mich sehr darüber und Alex auch. Sie ist toll. Als Mensch und als Schauspielerin.

Hast Du Lieblingsautoren oder -rollen, die du unbedingt mal spielen möchtest? Ich sehe Theater politisch und finde, da ist es dann egal, welche Rolle man spielt. Das Theatermachen an sich muss eine Rolle spielen, das sollte sich fühlbar einbringen in die Konstruktion einer Stadt. Aber im klassischen Sinn von Rolle: Ich habe mal Liliom von Molnár gespielt, das war toll, Ivanov von Anton Tschechow finde ich auch sehr interessant oder Hamlet. Aber es gibt noch so viele andere großartige Texte und Stücke, beispielsweise von Koltès, Genet, Beckett, Heiner Müller, Michaux, Kafka, Dostojewski und ganz vielen anderen. Da ist es mir egal, welche Rolle ich habe, da spiele ich einfach gerne mit, weil die Sprache so gut schmeckt und die Zustände, Handlungen und Figuren so spannend sind.

Christian Freund (rechts, neben Julia Schubert und Sebastian Kuschmann) in „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ (Foto: Birgit Hupfeld)

Was würdest Du sagen: Warum sollten die Menschen ins Theater gehen – außer um Geschichten zu sehen? Theater ist für mich im besten Fall ein Ereignis. Und das ist etwas anderes als die Bilderflut, die unsere Wirklichkeit ausmacht. Das ist etwas ganz Besonderes, das ist Auseinandersetzung auf einer anderen Ebene. Die kann man sonst nirgends im Leben haben.

Du hast ja bereits Deinen Dortmunder Einstand in „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ im Megastore gefeiert. In der kommenden Saison geht es wieder ins Schauspielhaus – findest Du es schade, dass Du die Megastore-Zeit des Schauspiel Dortmund nur am Ende mitbekommst? Ich freue mich, die Megastore-Zeit noch miterleben zu dürfen, aber genauso freue ich mich, im Schauspielhaus zu spielen. Das ist eh alles ein großes Abenteuer für mich.

Und wie sind die neuen Ensemble-Kollegen so? Wunderschön, sehr intelligent und unglaublich herzlich. Im Ernst, ich mag’s jetzt schon unglaublich gerne hier zu sein mit so tollen Menschen und freue mich auf zwei aufregende Jahre. Und besonders auf die Dortmunder.


Christian Freund ist in Übergewicht, unwichtig: Unform (Regie: Johannes Lepper, ab 17.12) sowie Der Theatermacher zu sehen (Regie: Kay Voges, ab 30.12.).

NEU IM ENSEMBLE: ALEXANDRA SINELNIKOVA

„Ich habe hier das Gefühl, man ist sehr beieinander.“

Neu im Ensemble: Alexandra Sinelnikova

Unsere Ensemble-Neuzugänge im Interview


Zu Beginn der Saison 2017/18 gibt es neue Gesichter am Schauspiel Dortmund zu entdecken: Die Schauspieler Alexandra Sinelnikova und Christian Freund kommen neu ins Ensemble. Beide sind Absolventen der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig und waren zuletzt zwei Jahre am Schauspielstudio in Dresden. Hier im Blog stellen wir Alexandra und Christian mit Interviews vor.
Alexandra Sinelnikova wurde 1994 in Sankt Petersburg geboren, emigrierte 1996 mit ihrer Familie nach Deutschland und wuchs zweisprachig in Berlin auf. Ab 2013 studierte sie an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig, ab 2015 war sie festes Mitglied des Schauspielstudios Dresden. Seit dieser Spielzeit ist sie fest im Dortmunder Schauspiel-Ensemble.
Alexandra Sinelnikova

 


Seit einigen Wochen lebst du nun in Dortmund – was ist dein erster Eindruck, wie wirkt die Stadt auf dich? Ich hatte vorher keinen wirklichen Begriff von dieser Stadt, ich war damals zu meinem Vorsprechen zum ersten Mal hier. Mittlerweile hatte ich ein bisschen Zeit, Dortmund kennenzulernen und mir fällt eine gewisse Alltags-Grundherzlichkeit auf. Leute auf der Straße schauen sich beispielsweise noch in die Augen. Das finde ich wirklich klasse, denn solche Interaktionen im Alltag sind so wichtig, um ein Gefühl für eine Stadt zu bekommen.

Du hast gemeinsam mit dem weiteren neuen Ensemblemitglied Christian Freund bei uns vorgesprochen, hattest vorher gemeinsam mit ihm studiert und bist nun auch gemeinsam mit ihm übernommen worden. Wie war das Vorsprechen? Wir beide waren natürlich total nervös. Wir hatten vorher in Dresden gemeinsam eine Szene erarbeitet und dann in Neuss beim zentralen Vorsprechen gezeigt, woraufhin wir hierhin eingeladen wurden. Wir hatten zu Beginn totale Probleme bei dieser Szene und bekamen die nicht wirklich entwickelt. Aber kurz vor unserem Abschlussvorsprechen haben wir geschafft, loszulassen, einfach zu spielen und aufeinander zu vertrauen. Und das hat großen Spaß gemacht. Wir haben es gemeinsam gerockt. Wenn man einen Spielpartner hat, auf den man sich verlässt, kann alles Mögliche passieren. Alles ist offen, es wird spannend. Das nimmt einem viel Druck ab.

Erinnerst du dich noch daran, wo du warst, als du den Anruf aus Dortmund erhalten hast, dass du Ensemble-Mitglied werden wirst? Klar. Ich war zuhause in meiner Wohnung und beim Anruf dachte ich mir, ich möchte mir dieses Gefühl für die Zukunft speichern. Ich möchte dieses Glücksgefühl abrufen können. Ich habe mich natürlich unsagbar gefreut und war total neben der Spur. Und tatsächlich hatte ich nach dem Telefonat Angst, dass ich da irgendwas falsch verstanden habe: „Ist das jetzt wirklich passiert?“ Lustigerweise ging es Christian nach dem Anruf genauso.

Wie bist du zum Theater gekommen? War es ein jahrelanger Traum, eine Empfehlung oder bist du irgendwie ins Schauspielen reingerutscht? Als Kind bin ich mit meiner Familie aus Russland nach Deutschland emigriert, was ja immer eine gewisse Form von Entwurzelung mit sich bringt. Als wir dann damals in Osnabrück ankamen, war es eine der ersten Entscheidungen meiner Eltern, mich in einer russisch-jüdischen Kindertheatergruppe anzumelden. Diese Gruppe hat mir so eine Art von Erdung, von Heimat gegeben und seitdem habe ich Theater auch nicht mehr wirklich hinterfragt. Es war klar, dass ich mich darin wohlfühle. Später in der Schule ging es dann auch in eine französischsprachige Gruppe, mit der wir auch zahlreiche Gastspiele in Europa hatten. Das war wirklich cool und hat mich in dem Wunsch bestärkt, hauptberuflich Schauspielerin zu werden.

Hast du Lieblingsautoren im Theater? Oder Traumrollen, die du gern spielen würdest? Ich liebe George Tabori! An der Schauspielschule habe ich ein Stück von ihm gesehen und war begeistert von seinem schwarzen, bitterbösen Humor. Später habe ich dann im Schauspielstudio in Dresden einen Monolog aus seinem Stück „Peep Show“ gespielt, was mir ungeheuer viel Spaß machte. Tabori trifft bei mir eine ganz spezielle Humor-Ader, voller Schmerz und voller Leichtigkeit. Und wenn wir schon bei Humor sind, schwärme ich sehr für die Filme der Coen-Brüder.

Im Megastore spieltest du noch in den letzten Aufführungen der BORDERLINE PROZESSION. Findest du es schade, dass du nur noch den Endspurt des Megastores miterlebt hast? Ich weiß es nicht genau. Es ist auf jeden Fall sehr cool, dass ich es noch miterleben konnte. Ich merke schon, dass der Megastore für das Ensemble und die Mitarbeiter ein großes, mitunter schweres Ding war. Dementsprechend cool ist es auch, in der Borderline Prozession zu sein. Aber ich freue mich immer auf Neues und somit sehr auf das Schauspielhaus in der Innenstadt.

Hast du schon deine neuen Ensemble-Kollegen kennenlernen können?  Christian Freund hatte schon das Glück, mit dem Ensemble zusammen Die Wiedervereinigung der beiden Koreas zu proben und zu spielen. Ich bin noch gerade total in der Anfangsphase. Aber ich erlebe die anderen Schauspieler und Schauspielerinnen hier als sehr herzlich, freundlich, offenherzig. Ich kriege das Gefühl, dass ich hier ganz gut reinpasse und freue mich auch total, bei Proben einfach zuzuschauen. Ich habe hier das Gefühl, man ist sehr beieinander. Und das ist klasse.


Alexandra Sinelnikova ist ab Dezember in den Schauspiel-Premieren „Biedermann und die Brandstifter / Fahrenheit 451“ (Regie: Gordon Kämmerer, ab 16.12) und „Der Theatermacher“ (Regie: Kay Voges, ab 30.12.) zu sehen.

BLACKBOX PODCAST #1 – FAKE NEWS

blackbox podcast #01

fake news


Wir probieren gern neue Dinge aus. Ab sofort gibt es die BLACKBOX auch als Podcast.

In der BLACKBOX diskutieren Peter Bandermann und CORRECT!V-Gründer David Schraven über die Krise des Journalismus in Zeiten der Fakenews, über „Lügenpresse“ und die Instrumentalisierung von Information.

Mitschnitt vom 3. Mai 2017 aus dem MEGASTORE


 In der Silvesternacht 2016/17 filmte der Journalist Peter Bandermann, wie geschätzte tausend Menschen am Dortmunder Platz von Leeds das neue Jahr begrüßten, unter ihnen ca. 100 Syrer, die den Waffenstillstand in ihrer Heimat feierten. Das Video ging um die Welt. Es zeigt feiernde Menschen, eine Flagge der Freien Syrischen Armee, Polizisten – und Feuerwehrleute, die angerückt sind, um ein Feuer am Baugerüst der Reinoldikirche zu löschen. Zu hören sind explodierende Feuerwerkskörper, Gesänge, ein Martinshorn. Es gab mehrere leicht verletzte Menschen an dem Abend.

Das rechtspopulistische Medienportal Breitbart London zimmerte daraus die Headline: „1.000-Mann-Mob attackiert die Polizei und setzt Deutschlands älteste Kirche in Brand.“ Im Artikel wird u.a. der Vorwurf geäußert, deutsche Politiker und Medien würden die „Ausschreitungen“ von „Terroristen“ herunterspielen bzw. sogar verschweigen. Bandermann und die Dortmunder Lokalzeitung Ruhr Nachrichten bemühten sich um Richtigstellung der tendenziösen Übertreibung, aber es war bereits zu spät: Die Falschnachricht wurde endlos in der Breitbart-Filterblase geteilt; Bandermann erhielt Morddrohungen aus aller Welt, als vermeintlicher Komplize der „Islamisierung Europas“.

Wie unterscheidet man heute wahre Presse-Meldungen von falschen? Wie filtern wir jene Nachrichten aus, die tendenziös oder manipulativ sind, die nicht den journalistischen Standarts genügen? In Deutschland ist Facebook versuchsweise eine Kooperation mit dem gemeinnützigen Recherche-Büro CORRECT!V eingegangen. CORRECT!V wird von nun an solche Posts überprüfen, die unter Verdacht stehen, Unwahrheiten zu verbreiten – und sie gegebenenfalls mit einem Warnhinweis versehen. Auch das hat heftigen Protest im Netz ausgelöst, auch Mitarbeiter_innen von CORRECT!IV haben Morddrohungen erhalten.

„EINE LIVE ERZÄHLTE FILMISCHE GESCHICHTE“

NILS VOGES ÜBER „DER FUTUROLOGISCHE KONGRESS“ UND DAS LIVE ANIMATION CINEMA

Gewalttätige Auseinandersetzungen am Rande des Futurologischen Weltkongresses und ein böser Verdacht: Werden Glücksgase als Kampfmittel eingesetzt? Schmusium? Oder gar Edelpassionat? Schnell stellt sich dem berühmten Sternenfahrer Ijon Tichy die Frage, was Wirklichkeit ist und was Illusion… Doch damit nicht genug – bald muss er erfahren, dass es eine neue Regierungsform gibt: die Chemokratie!

Erstaunliche Kosmen, soweit das Auge blickt, durchzogen von funkelnden Sprachneuschöpfungen und galaktischer Kreativität: Der polnische Philosophie-Science- Fiction-Weltstar Stanisław Lem (1921-2006) ist Meister im Spiel mit der Phantasie. Ein brillanter Visionär, der die technische Evolution der Menschheit stets so genau im Blick hielt, dass er bereits in den 1970er-Jahren die Nanotechnik, Virtuelle Realität und die Künstliche Intelligenz literarisch erfunden hatte. Nun sein berühmter Roman DER FUTUROLOGISCHE KONGRESS als große Reise durch Raum und Zeit auf der Theaterbühne – mit Regisseur Nils Voges sprach Anne-Kathrin Schulz.

Der Futurologische Kongress im Megastore

2015 feierte am Schauspiel Dortmund der erste Live- Animationsfi lm der Welt Premiere – sputnics „Die Möglichkeit einer Insel”. Zusammen mit Ihren beiden Kollegen Malte Jehmlich und Nicolai Skopalik hatten Sie dafür ein Set-Up entwickelt, in dem die Schauspieler direkt vor den Augen der Theater-Zuschauer einen Trickfilm entstehen ließen. Dieses „Live- Animation-Cinema“ war ein völlig neues Kunstformat irgendwo zwischen Theater und Film – wie ist die Idee entstanden?

NILS VOGES: Seit 2004 ist das Künstlerkollektiv sputnic, zu dem ich gehöre, einerseits im Bereich klassischer Animation unterwegs, z.B. für Kurzfi lme und Musikvideos, andererseits sind wir regelmäßig als Videokünstler auf internationalen Bühnen in Theaterstücke eingebunden. Es lag auf der Hand, die zwei Bereiche zu verbinden. Da klassische Animation ein sehr langwieriger Prozess ist (für unseren zwölfminütigen Stop Motion-Kurzfilm „Südstadt“ brauchten wir anderthalb Jahre), mussten wir für die Theaterbühne eine völlig neue Animationsform erfinden. Als ästhetische Inspirationsquelle dienten zunächst die frühen Lotte Reiniger-Schattenrissfilme. Mit jedem neuen Projekt aber entwickeln wir unsere Ästhetik und Technik weiter. DER FUTUROLOGISCHE KONGRESS ist nun die erste Live-Animation, die dank eines neuen Setups komplett texturiert und in Farbe sein kann. Das ermöglicht uns, die ca. 120 wundervollen Illustrationen von Julia Zejn, Elena Minaeva und Caro Perez Hemphill nun in voller Schönheit zeigen zu können.

Als Zuschauer kann man einen Trickfilm sehen, mit Figuren, die “leben” und gleichzeitig, wie unsere vier Schauspieler und unser Musiker diese Welten kreieren – ein wirklich verblüffendes Zusammenspiel. Wie wichtig ist Ihnen diese Live-Ebene?

Genau darum geht es bei Live Animation. Den Moment der Herstellung mitzuerleben ist magisch. Die Performer werden zu Zauberern. Obwohl der Zuschauer alle „Tricks” im einzelnen, mit den eigenen Augen nachvollziehen kann, entsteht durch das Zusammenspiel der Schauspieler etwas neues: eine live erzählte filmische Geschichte mit eigenem Rhythmus und eigener Sprache.

Was fasziniert Sie an der Welt von Stanisław Lem? Wieso haben Sie sich für seinen Roman DER FUTUROLOGISCHE KONGRESS entschieden?

Storyboard-Auszug

Man könnte meinen, Stanisław Lem hat 1971 mit nahezu hellseherischen Fähigkeiten den Roman für die heutige Gegenwart geschrieben. Viele der Themen sind aktueller denn je: Proteste gegen Weltwirtschaftsgipfel, künstliche Intelligenzen, Gender-Identitäten, Neuro-Enhancement, chemische Kriegsführung und postfaktische Politik. Und das alles garniert er mit einer gehörigen Portion Satire. Ich hatte den Roman gelesen und war begeistert von der philosophischen Ideenflut und den vielen Realitätsebenen. Für Live Animation bot sich der Stoff an, da man für diese verschiedenen Wirklichkeitsebenen auf der Bühne unterschiedlichsten Techniken nutzen kann: Schauspiel, Puppenspiel, Live Animation und Video.

Als langjährige Kritikerin der Schwerkraft ist mein Lieblingsdetail im Bühnenbild ja die Internationale Raumstation.

Die ISS, genau. Hierfür hat Artur Gerz ein wunderbares, detailreiches Modell gebaut, aus Konservendosen und Elektroschrott. Mit der richtigen Beleuchtung, Atmo, Musik und einer Kamera kreieren die Schauspieler mit ihr Filmbilder, die an große Sci-Fi Klassiker erinnern. Es ist phantastisch!


Premiere am 11. Juni (bereits ausverkauft), weitere Termine im Juni und Juli!

„WAS AUF DEN PHILIPPINEN PASSIERT IST EINE AUSLAGERUNG UNSERER SÜNDEN.“

„Was auf den Philippinen passiert ist eine Auslagerung unserer Sünden.“


Regisseur Moritz Riesewieck und Dramaturgin Tina Ebert über „Nach Manila“


Eine Stadt, drei Schicksale und eine Industrie, von der nur wenige wissen: Maggy, Nasim und Dodong sind „Clickarbeiter“ in Manila auf den Philippinen. Sie sichten und sperren Fotos, die auf Facebook, Tinder und anderen sozialen Netzwerken Anstoß erregen könnten: Pornografie, Gewalt und Missbrauch. Eine Autorin aus dem Westen versucht, dem Leben und der Arbeit der Clickarbeiter auf die Spur zu kommen – und verwickelt sich dabei immer tiefer in die Abgründe unserer digitalen Gegenwart: Wie kann es sein, dass die sozialen Netzwerke so „sauber“ sind – frei von gewalttätigen oder pornografischen Bildern? Wo wird der ganze digitale Müll eigentlich abgeladen? Wer sortiert ihn? Und mit welchen Folgen für die Seele?


Moritz Riesewieck. *1985, aufgewachsen im Ruhrgebiet, studierte bis 2015 Regie an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin. Seine Diplominszenierung Voiceck wurde zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen. 2015 wurde er mit dem Elsa-Neumann- Stipendium des Landes Berlin ausgezeichnet.

Moritz, Du warst vier Mal in Manila und hast dort vor Ort recherchiert. Es ist ein Buch entstanden, jetzt ein Theaterstück. Wird es Dir noch nicht zu viel mit dem Thema?

Das Thema hat so viele Aspekte: Wie normiert wollen wir unsere digitale Öffentlichkeit? Wer und was dürfen dort vorkommen? Wer kommt beim Großreinemachen unter die Räder, wenn die Löschtruppe ihre Arbeit als Mission gegen die Sünden der Welt begreift und lieber einmal zu oft als einmal zu selten löscht? Was wird aus der Gesellschaft, wenn wir alles Unangenehme unsichtbar machen? Haben wir ein Recht darauf, allzu Schreckliches auf Billiglohnarbeiter in Drittweltstaaten abzuwälzen? Genügend Stoff für Buch, Stück und Hörspiel. Jedes Medium erlaubt einen anderen Zugang zu diesen Fragen.

Ihr habt Euch bewusst gegen Dokumentartheater und für eine fiktive Geschichte entschieden. Was ist von der Recherche im Stück übrig geblieben?

Alle Figuren und Szenen haben einen dokumentarischen Kern. Aber das Reale, um das es hier geht, ist für uns mehr als das, was sich mit der Kamera oder dem Diktiergerät festhalten lässt: Das Reale lässt sich nur durch die poetische Übersetzung oder Überhöhung sichtbar machen. Wir haben versucht, Bilder und Sprachbilder zu erfinden, die das Unfassbare greifbar machen. Die Schauspieler erwecken sie zum Leben.

Wenn vier westliche Schauspieler die Leidensgeschichten von philippinischen Click-Arbeitern erzählen, steckt nicht auch eine Anmaßung darin?

Es ist wichtig, im Theater auch über Themen sprechen zu können, die außerhalb des eigenen Kontextes liegen. Was wäre denn die Alternative: Philippinische Schauspieler zu besetzen? Das würde das Problem nicht lösen – die „Repräsentationsfrage“ würde sich weiterhin stellen. Echte philippinische „Content Moderators“ auf die Bühne stellen? Das würde einen ganz anderen Fokus setzen. Uns ist das Problem aber bewusst. Daher versuchen wir, unsere westliche Perspektive immer mit zu erzählen: Unsere Spielleiterin an diesem Abend ist die Figur einer westlichen Autorin, gespielt von Caroline Hanke, die den Garten und die Geschichte aus ihrer Perspektive „entwirft“.

Christliche Passionsrituale auf den Philippinen (Foto: Moritz Riesewieck)

Warum sprecht ihr in Bezug auf die Click-Arbeiter von der „Passionsgeschichte des Internets”?

Was auf den Philippinen passiert, ist eine Auslagerung unserer Sünden. Die Click-Arbeiter werden mit ihnen konfrontiert und leiden in der Folge häufig psychisch und körperlich darunter. Aber lässt sich das „Böse“ outsourcen und durch Stellvertreter löschen? Ist es sinnvoll, ein Regelwerk zu erfinden, das die sozialen Netzwerke wie ummauerte Gärten penibel sauber hält? Wir müssen uns doch mit dem Bösen konfrontieren. Es ist ein Teil des Menschen. Wenn wir es outsourcen, kommt es wie ein Bumerang mit voller Wucht zu uns zurück.

Wo verläuft die Grenze zwischen Zensur und notwendiger Löschung von Inhalten?

Das sollten weder wir entscheiden noch eine kleine Gruppe von Facebook-Leuten im Silicon Valley. Auch keine philippinischen Billiglohnarbeiter. Diese Frage sollte immer wieder neu und demokratisch beantwortet werden. Wir sollten Facebook endlich als das anerkennen, was es längst ist: die digitale Öffentlichkeit. Genauso, wie wir im analogen Leben Wert darauf legen, demokratisch gewählte Vertreter entscheiden zu lassen, sollten wir dies auch für die digitale Öffentlichkeit einfordern.

Raafat Daboul in „Nach Manila“ (Probenfoto)

Premiere von NACH MANILA am 3. Juni, weitere Termine am 9. Juni (ausverkauft), 2. und 5. Juli!

 

DIE HOCHZEIT ZU KANA

„Die Hochzeit zu Kana“ ist eine Wundergeschichte aus dem Evangelium des Johannes und zugleich der Titel eines Gemäldes des italienischen Malers Paolo Caliari, genannt Veronese, aus dem Jahr 1563.

Das Johannes-Evengelium berichtet von Jesus, der in Begleitung seiner Jünger und seiner Mutter Maria Gast einer Hochzeitsfeier ist. Als der Wein zur Neige geht, fordert Maria ihren Sohn auf zu helfen. Der weist die Diener an, zur Reinigung bestimmte Wasserkrüge mit Wasser zu füllen. Als der erste davon kostet, ist es zu Wein geworden. Die „Wundererzählung“ dient als Zeichen, mit dem Jesus als Sohn Gottes und Messias gekennzeichnet wird.

„Am dritten Tag wurde in Kana in Galiläa eine Hochzeit gefeiert. Die Mutter von Jesus war dabei, und auch Jesus war mit seinen Jüngern dazu eingeladen. Als der Weinvorrat zu Ende war, sagte seine Mutter zu ihm: »Sie haben keinen Wein mehr!« Jesus erwiderte ihr: »Frau, das ist meine Sache, nicht deine! Meine Stunde ist noch nicht gekommen.« Da wandte sich seine Mutter an die Diener und sagte: »Tut alles, was er euch befiehlt!« Im Haus standen sechs Wasserkrüge aus Stein, von denen jeder etwa hundert Liter fasste. Man brauchte sie wegen der Reinigung, die das Gesetz vorschreibt. Jesus sagte zu den Dienern: »Füllt diese Krüge mit Wasser!« Sie füllten sie bis an den Rand. Dann befahl er ihnen: »Jetzt nehmt eine Probe davon und bringt sie dem Mann, der für das Festessen verantwortlich ist.« Sie brachten ihm eine Probe, und er kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wusste nicht, woher dieser Wein kam; nur die Diener, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es. Er rief den Bräutigam zu sich und sagte: »Jeder bringt doch zuerst den guten Wein auf den Tisch, und wenn die Gäste schon reichlich getrunken haben, folgt der schlechtere. Aber du hast den guten Wein bis zuletzt aufgehoben!« So vollbrachte Jesus in Kana in Galiläa sein erstes Wunderzeichen und offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger kamen zum Glauben an ihn.“

Johannes 2, 1-11, Gute Nachricht Bibel

Das Gemälde Veroneses beruht auf dem Motiv der biblischen Geschichte, geht jedoch darüber hinaus: Jesus befindet sich im Zentrum eines opulenten Festmahls, Maria und seine Jünger sitzen an seiner Seite. Daneben sind zahlreiche weitere Menschen abgebildet: Gäste, Musiker und auch Bedienstete. Das Fest findet im Freien in einer von Säulen geprägten, antik anmutenden Stadtlandschaft statt, die von einem frei stehenden Glockenturm überragt ist – ein Verweis auf die Architekturideale der Entstehungszeit. Aufgrund seines Detailreichtums und der hohen Anzahl abgebildeter Personen erinnert das Gemälde an ein heutiges sogenanntes „Wimmelbild“.

Ursprünglich wurde das Gemälde für den Speisesaal eines venezianischen Klosters gefertigt. Ende des 18. Jahrhunderts gelangte es nach Frankreich. Das mit einer Abmessung von 9,94 x 6,77 Metern sehr große Gemälde hängt heute im Pariser Louvre.

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