„HAT SICH SCHON MAL JEMAND IM BÜHNENBILD VERLAUFEN?“

Auf Einladung des Schauspiel Dortmund haben sich zwölf Dramaturgie-Student*innen der Hessischen Theaterakademie in Frankfurt / Goethe-Universität die Borderline Prozession angeschaut. Ihr Arbeitsauftrag nach dem Besuch: Stellt vierzig Fragen an das Stück. Es entstand ein einzigartiger Fragenkatalog über die Inszenierung, aber auch über Theater, Kunst, das Leben an sich.

Eine Auswahl der schönsten, klügsten, kritischten und humorvollsten Fragen zeigen wir hier.

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„EINTAUCHEN IN ANDERE ERFAHRUNGSWELTEN“ – 5 JAHRE SPRECHCHOR

Udo Höderath ist seit fünf Jahren Mitglied des Dortmunder Sprechchors. Im Interview erzählt er uns von seinen Highlights , vom Lampenfieber vor der Vorstellung und wie es ist, als Sprechchor das 17. Ensemble-Mitglied eines Theaters zu sein.

Udo Höderath vor einer Probe von "Das Bildnis des Dorian Gray"

Udo Höderath vor einer Probe von „Das Bildnis des Dorian Gray“

Wie bist du zum Sprechchor gekommen?

Das war 2011, einfach durch das Lesen vom Spielzeitbuch. Dort stand, dass Choreuten für die Bildung eines Sprechchors gesucht werden. Da fühlte ich mich sehr angesprochen. 2012 hörte ich auf, aktiv zu arbeiten und bin in Altersteilzeit gegangen. Und ab 2011 war dieser Sprechchor dann für mich eine tolle Perspektive, etwas anderes zu machen als das, was ich schon mein ganzes Leben vorher gemacht habe. Nämlich das Arbeiten nach einem festgefügten Plan. Jeder hat ja so seine Landkarte, wie er leben und arbeiten muss, und diese Karte wollte ich mit dem Ende meiner aktiven Arbeitszeit beiseitelegen. Von daher kam sowas wie der Sprechchor wie gerufen.

Was war dann deine erste Produktion?

Lessings Gespenster zusammen mit dem kainkollektiv, danach Das fantastische Leben der Margot Maria Rakete. Ich fand von Anfang an, dass es eine hohe Hypothek vom Schauspiel war, den Sprechchor als festes Ensemblemitglied zu behandeln – ohne dass eine Person wirklich gecastet wurde. Das war eine Botschaft, das man ernst genommen wurde – und das fand ich toll. Die beiden Chorleiter Alex und Christoph haben damals enorm viel an schauspielerischen und chorischen Ideen dazugegeben.

Luise Heyer, Christoph Jöde und der Dortmunder Sprechchor
Der Meister und Margarita, 2012. (Regie: Kay Voges)

Wie waren die ersten Proben?

Von Anfang an mochte ich, dass man beim Chor auf seine Choreuten angewiesen ist. Allein ist man auf der Bühne ja nichts. Diese Gruppenerfahrung war besonders. Die ersten Proben waren dann eine sowohl körperlich wie geistig ganz neue Erfahrung. Ich bin da in eine neue Welt eingetaucht, von daher ich zuvor überhaupt keinen Plan hatte.  Durch dieses Eintauchen in diese andere Erfahrungswelt wird unser Tun ja auch zur Kunst – ob wir das nun so sehen oder andere so sehen.

Wie stark war das Lampenfieber vor den ersten Auftritten?

Sehr stark. Das ist heute aber auch noch so. Das merken wir jetzt in der Endprobenzeit von „Dorian Gray“, nach der ersten Hauptprobe kommt es dann immer langsam von hinten angeschlichen und klopft einem auf die Schulter. Aber diese Art innerer Anspannung braucht es auch, um bei der Sache zu bleiben und sich ihr hochkonzentriert zu widmen.

Du hast auch bei der Hamletmaschine mitgespielt, oder?

Ja, es ist immer toll, wenn man auch mal mit anderen Regisseuren zusammenarbeitet und man so anders an Texte und Inhalte rangeht. Die Hamletmaschine ist ja ein sehr politischer Inhalt, der mir sehr gelegen hat. Es war auch toll, mit Uwe Schmieder als Regisseur daran zu arbeiten, einen wirklichen Vertreter Heiner Müllers, und diesen Text wirklich kennenzulernen. Ich hätte mir noch mehr gewünscht, dass wir als Chor noch szenischer agiert hätten. Wir haben ja schon viel aus dem Textbuch abgelesen. Die tollste Erfahrung am Sprechchor ist nämlich auch, dass ich dank des Chors keine Probleme mehr damit habe, etwas auswendig zu lernen.

Der Sprechchor liest Heiner Müller im Museum Ostwall, 2014
Der Sprechchor liest Heiner Müller im Museum Ostwall, 2014

Gab es in diesen fünf Jahren für dich denn auch mal ein Highlight oder eine Enttäuschung?

Als Highlight, neben der Hamletmaschine: Ich finde es grandios, wie der Sprechchor von den Schauspielern und Schauspielerinnen hier am Haus aufgenommen wird – bis hin zu Kay [Voges, Intendant], der uns mit offenen Armen hier am Haus empfängt und es klug versteht, durch eine Mischung von Nähe und Distanz einen guten Umgang mit uns zu pflegen.

Bei der Jelinek-Inszenierung, Das schweigende Mädchen, gab es die etwas frustrierende Erfahrung, dass der Chor eingangs viel mehr geprobt hatte und auch viel mehr Anteil am Stück hatte als wir letztlich dann hatten. Andere Choreuten hatten dabei eine ähnliche Frustrationserfahrung und wir überlegten zwischenzeitlich, ob wir nicht vielleicht ganz aussteigen sollten. Dann hätten wir aber einiges quittiert. Wir fühlten uns am Ende nämlich doch auch mitverantwortlich für die Produktion und ihr Gelingen. Man ist halt tatsächlich ein Ensemblemitglied als Sprechchor – es ist nicht bloß eine Floskel.

Leonce und Lena, 2011 (Regie: Paolo Magelli)
Leonce und Lena, 2011 (Regie: Paolo Magelli)

Was ist dein Part beim „Dorian Gray“? Erstmals gibt es ja eine richtige Figurenwahl.

Ich fand die Auswahl, die Thorsten Bihegue für uns getroffen hat, absolut richtig. Ich bin Lord Henry und diese Rolle tut mir gut. Ich hatte sehr wenige Schwierigkeiten, mich da reinzufinden. Ich finde, „Dorian Gray“ ist ein großer Gewinn für den Chor. Wir haben erstmals verschiedene Rollen, es gibt einen Plot und wir haben uns dazu durchgerungen, bestimmte Dinge auch szenisch darzustellen. Wir sind mit einem hohen Ernst und einer Entschlossenheit dabei, die es vorher vermutlich noch nicht so gab. Auf der großen Bühne im Megastore geht das natürlich auch besonders gut, da es dort unglaublich viele Bewegungsmöglichkeiten gibt. Verbunden mit der Musik und der Ausleuchtung der Bühne ist das wirklich ein Gesamtkunstwerk, was sicherlich nicht nur uns Spaß bringt, sondern auch den Zuschauern.

Dir gefällt das Stück also sehr?

Ja, es macht wirklich Spaß und wir arbeiten sehr daran, dass die Premiere ein Knaller wird. Auch die Probenarbeit war von Anfang an sehr gut, da Thorsten eine große Verbindlichkeit in die Proben gesetzt hat, die einer Gruppe von Menschen gut tut, die aus einem täglichen Arbeitsleben kommen und ihr Leben verbindlich strukturieren müssen. Das hat dieser relativ kurzen Probenphase sehr gut getan.

Wer dem Sprechchor beitreten will:

Mail an dortmunder_sprechchor@theaterdo.de und schon wird man in den Verteiler aufgenommen!

Roger-Milla

SO ETWAS WIE EM-PATHIE

Zu meinen eistbndrücklichsten Kindheitserinnerungen gehört ein Fußballspieler namens Roger Milla. Ich habe fast noch den Wortlaut davon im Ohr, wie Millas Einwechslung im ersten Spiel der Nationalmannschaft Kameruns bei der WM 1990 kommentiert wurde. „Und jetzt kommt Roger Milla, ein ganz interessanter Mann.“ In der Tat, Milla war schon fast vierzig, seine Auszeichnung zum besten Spieler Afrikas lag 15 Jahre zurück, ihm eilte der Ruf der Trainingsfaulheit voraus – und dennoch schenkte er den Rumänen zwei Buden ein, im Achtelfinale gegen Kolumbien gelang ihm noch mal ein Doppelpack.

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„EIN ECHTER GEGENENTWURF ZUM ALLTAG“ – FÜNF JAHRE SPRECHCHOR

Bärbel Schreckenberg ist Sprechchor-Mitglied der allerersten Stunde. Im Interview spricht sie über ihre Erfahrungen auf der Bühne in mehr als fünf Jahren im Dortmunder Sprechchor – sowie über das neue Sprechchor-Stück, Das Bildnis des Dorian Gray.

"Die Hamletmaschine", 2014 (Regie: Uwe Schmieder)
„Die Hamletmaschine“, 2014 (Regie: Uwe Schmieder), Bärbel Schreckenberg zentral mit geballter Faust.

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„VIELE AUF DER BÜHNE. UND JEDER EINZIGARTIG.“

Ein Gespräch mit Alexander Kerlin

Seit 2011 betreut Alexander Kerlin das 17. Ensemblemitglied des Schauspiel Dortmund – den Sprechchor. Nun gibt es, nach fünf Jahren Chorgeschichte und über 200 Auftritten in verschiedenen Inszenierungen, ein Gespräch über die Geschichte des Dortmunder Sprechchors, über Enttäuschungen und Erfolgsmomente – und über das künstlerische Potenzial von 50 Menschen, die sich bei Karstadt auf den Boden legen. Übrigens, am Samstag feiert das neuste Stück des Sprechchors Premiere: Das Bildnis des Dorian Gray nach Oscar Wilde.

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Woher kommt dein Interesse an Sprechchören am Theater?

2004 wurde einer ein ehemaligen Chorleiter von Einar Schleef an die Bochumer Uni eingeladen, um dort mit den Theaterwissenschaftsstudenten ein Chorstück zu machen. Unter anderem also auch mit mir. Einar Schleef war wohl der wichtigste Chor-Theatermacher im 20. Jahrhundert und der einzige, auf den Heiner Müller laut Eigenaussage jemals wirklich neidisch war. So kam auch ich erstmals mit dem Chor-Theater in Berührung und habe überhaupt verstanden, dass der Chor eine der beiden Theaterfiguren ist. „VIELE AUF DER BÜHNE. UND JEDER EINZIGARTIG.“ weiterlesen

PROTEST IM ZEITRAFFER

stbSamstag, 9 Uhr, mit Enthusiasmus los, Sonne, Himmel blau. Arabischer Bäcker: „Auch zur Demo? Gegen Faschisten? Möge Gott mit Euch sein.“ Inschallah! Treffpunkt vor dem Schauspielhaus, Kamerateam „Arte Tracks“, ein Silberwürfel voran, 70 Leute hinterher, via Schützenstraße, am Hafen Treffpunkt, 1000 Leute, Euphorie, Musik, Tempo und die Ahnung, dass Gruppengröße und Schlauheit sich umgekehrt proportional verhalten. Jemand fragt: „Hätte man klarer sagen müssen, dass es heute um zivilen Ungehorsam geht?“

Schon renne ich, ohne zu wissen wohin, neben mir joggt in Gruppen von 12 die behelmte Humorlosigkeit (es ist ihr Job, hier und heute humorlos zu sein), die Sonne brennt, Silberwürfel aufblasen im Dauerlauf, Sunderweg Ecke Treibstraße ist schon Schluss, Coitus Interuptus, 1000 im Polizei-Kessel, geraden noch positive Erregung ändert das Vorzeichen, gegenseitige Schuldzuweisungen, die 1000 zerfallen sofort in Kleingruppen, wütende oder verunsicherte Einzelne, schwarze Tücher vor Gesichtern, Wut auf Handy-Kameras (zu recht), drei Kinder im dritten Stock am offenen Fenster, Gesänge „Frontex, Polizei, Militär – Mörder im Mittelmeer.“

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„WAS WILL MAN EIGENTLICH MEHR?“ – PHILIPPE HEULE IM INTERVIEW

Philippe Heule

Der Schweizer Dramatiker Philippe Heule im Interview mit Dramaturg Dirk Baumann


Dein Stück „Die Simulanten“ lässt fünf Menschen in einem Raum aufeinandertreffen. Sie wissen nicht, wie sie dort hingekommen sind oder wie sie dort wieder herauskommen sollen. Wie würdest Du diese Anordnung beschreiben?

Ich habe nach einer Situation gesucht, die meine Wahrnehmung der Welt reflektiert: Es ist ein Raum, in den die Figuren einfach hineingeworfen werden. So wie man als Mensch ja auch einfach auf die Welt geworfen wird und nicht genau weiß, was man hier macht. Gleichzeitig hat mich der Theaterraum als Therapieraum bzw. als Ort der Reflexion interessiert. Im Falle der „Simulanten“ eher eine hysterische Reflexion, die nirgendwo genau hinführt.

Hast Du bei den fünf Figuren ein bestimmtes Bild vor Augen gehabt?

Im Schreibprozess war mir der Zustand und die Situation wichtiger als die Frage, was das für Figuren sind. Ich wollte einen Lebensstil einfangen, dieses Gefühl nie irgendwo anzukommen und die Situation, dass immer mehr Menschen Fernbeziehungen führen, auch in meinem eigenen Umfeld. Und dann haben sich Tendenzen gebildet, die ich auf fünf Sprecher verteilt habe. Aber vom Text selbst her würde ich erstmal nicht von Figuren sprechen. „WAS WILL MAN EIGENTLICH MEHR?“ – PHILIPPE HEULE IM INTERVIEW weiterlesen

„STRATEGIEN, DIE WELT ZU RETTEN“ – EIN GESPRÄCH MIT CLAUDIA BAUER

Claudia Bauer

Regisseurin Claudia Bauer im Interview mit Dramaturg Dirk Baumann


„Die Simulanten“ ist das erste Stück des jungen Schweizer Dramatikers Philippe Heule. Wie bist Du darauf aufmerksam geworden?

Ich bin eigentlich ganz klassisch darauf aufmerksam geworden. Ich habe in der Broschüre des Henschel Verlags die Beschreibung gelesen, in der stand, dass Menschen an einem Ort ohne Wiederkehr den Weltklimagipfel simulieren. Das fand ich eine so bemerkenswerte Beschreibung, dass ich das Stück dann gleich gelesen habe.

Was ist für Dich das Interessante an diesem Stück?

Mich interessiert an dem Stück, dass es eine merkwürdige Art von Fegefeuer-, Zwischenwelt- oder Vorhöllensituation beschreibt, in der sich fünf Global Player plötzlich wiederfinden und verschiedene Strategien probieren, die Welt zu retten. Zu sehen, wie Menschen ohne Handyempfang, ohne Internet, ohne Nahrung, eigentlich nur ausgestattet mit 20 Stangen Marlboro und einer Sprinkleranlage, aus der sie trinken, wie sie in und trotz dieser ausweglosen Situation immer noch versuchen die Welt zu retten. Letztlich ist das vielleicht sogar ein Bild für den gesamten Planeten. „STRATEGIEN, DIE WELT ZU RETTEN“ – EIN GESPRÄCH MIT CLAUDIA BAUER weiterlesen

Foto: Flint Stelter

+++WICHTIG+++ ALLE DETAILS ZUR SPIEGELBARRIKADE

Wie funktioniert die Spiegel-Barrikade? Die Spiegel-Barrikade ist eine soziale Plastik, bestehend aus einer Vielzahl von silbern glänzenden, aufblasbaren Würfeln. Diese sind seit dem 27. April von hunderten Hände gebaut worden – u.a. im Schauspiel Dortmund und an 14 Dortmunder Schulen, die sich im Programm „Schulen ohne Rassismus“ zusammengeschlossen haben. Unterstützt wurden Schauspiel und Schulen dabei von dem Respekt-büro der Stadt Dortmund (im Kommunalen Integrationszentrum), von der Bezirksvertretung Innenstadt-West, von der Koordinierungsstelle für Vielfalt, Toleranz und Demokratie u.v.a. Die Würfel der Spiegel-Barrikade können auf vielfältige Weise eingesetzt werden: Man kann mit ihnen Formationen auf Straßen und Plätzen bilden, eine Demonstration auflockern, eine angespannte Situation deeskalieren und mit ihnen Straßen versperren. Wichtig ist dabei zu verstehen, dass jeder, der die Würfel benutzt, Verantwortung trägt, wie sie als „Werkzeug“ eingesetzt werden. Jeder, der sie benutzt, gibt ihnen eine eigene Bedeutung. Das Künstlerkollektiv „Tools for Action“, dass das Konzept der Würfel erdacht hat, glaubt dabei an die Macht der Poesie, an taktische Frivolität und an gewaltfreien Widerstand. +++WICHTIG+++ ALLE DETAILS ZUR SPIEGELBARRIKADE weiterlesen

WER SCHÖN IST, BRAUCHT NICHT AUCH NOCH GUT ZU SEIN

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„Schönheit ist ein Skandal“, schreibt der Autor Ulrich Renz in seinem Buch Schönheit. Eine Wissenschaft für sich. Die Schönheit Dorian Grays ist ein Skandal – denn sie altert nicht. Sein innigster Wunsch, das Bildnis, das sein Malerfreund Basil von ihm geschaffen hat, möge an seiner statt alt und runzlig werden, geht in Erfüllung. Mit der gesellschaftlichen Bevorteilung, die ihm ob seiner ewigen Jugend und Schönheit allenthalben entgegengebracht wird, verfällt jedoch sein moralisches Bewusstsein und führt ihn in ein geheimes Leben, beherrscht von Sünde und Verbrechen. Die Folgen trägt allein sein Bildnis, es mutiert in eine groteske, blutgetränkte Fratze. Nur er selbst bleibt äußerlich verschont, bleibt scheinbar ewig jung, schön und begehrenswert. WER SCHÖN IST, BRAUCHT NICHT AUCH NOCH GUT ZU SEIN weiterlesen