BILDER UND IHRE ECHOS

bilder und ihre echos

das sehen und das phänomen der nachbilder

Unser Sehvermögen ist das Ergebnis wundersamer Vorgänge zwischen Physik und Biochemie. Wenn Licht ins Auge fällt, strahlt es durch Hornhaut, Pupille und Linse und wird auf diesem Weg so präzise durch den Glaskörper gelenkt, dass es genau einen besonderen Punkt auf der Netzhaut trifft – den des schärfsten Sehens. Dort ist sie am höchsten, die Konzentration der elektrochemischen Wunderwerke, die wir Sehzellen oder Fotorezeptoren nennen. Grob sortiert schauen wir hier auf zwei Gruppen: „Stäbchen“ (für hell und dunkel) und „Zapfen“ (für das Sehen von Farben). Von letzteren haben wir drei Sorten – empfindlich entweder für rötliche, bläuliche oder grünliche Lichtwellen. Der Goldfisch hat noch eine vierte Zapfenart, genau wie viele Vögel: Sie können auch Lichtwellen aus dem UV-Bereich sehen – ob ihre Welt farbiger ist als die unsere? Das menschliche Auge jedenfalls kann tagsüber viele Millionen verschiedene Farbnuancen wahrnehmen. Nachts sind alle Katzen grau. BILDER UND IHRE ECHOS weiterlesen

DIE BILDER DES VERSCHWUNDENEN WESENS

„die bilder des verschwundenen wesens“

eine kleine kulturgeschichte der toten in der fotografie


du schnell vergehendes daguerrotyp in meinen langsamer vergehenden händen
rainer maria rilke: jugendbildnis meines vaters, 1888

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BORDERLINE PROZESSION GOES THEATERTREFFEN!

 

Wir freuen uns sehr: Das Schauspiel Dortmund ist mit DIE BORDERLINE PROZESSION von Kay Voges, Dirk Baumann und Alexander Kerlin (Regie: Kay Voges) zum 54. Berliner Theatertreffen eingeladen! Die Mitglieder der Theatertreffen-Jury haben aus 377 Inszenierungen die „10 bemerkenswertesten Inszenierungen“ ausgewählt. Das Theatertreffen findet vom 5. bis zum 21. Mai in Berlin statt.

In der Begründung der Theatertreffen-Jury heißt es:

Eine Musik-, Kunst-, Theater- und Filminstallation: philosophisches Totaltheater. Kay Voges vermisst die heutige Welt als rasend Bilder ausspeiende Maschinerie und lotet ihre Auswirkungen auf moderne Bewusstseinszustände aus. Die Zuschauer*innen haben unterschiedliche Einblicke in den gewaltigen 10-Zimmer-Gebäudekomplex in gediegenem Retro-Mittelstands-Schick. Sie sehen atmosphärische Stillleben, inspiriert von Künstlern wie Edward Hopper oder Gregory Crewdson, können sich geistig selbst bedienen aus dem darüber laufenden Musik-Medley und Zitatengewitter. Um sie herum kreist eine Prozession aus 23 Darsteller*innen mit Weihrauch und Gesang, als wolle man die irre gewordenen Weltgeister bannen. Bald wird der zunächst banale Alltag zur Festung gegen eine zusehends eskalierende Krise, die das behagliche Drinnen und den Firnis der Zivilisation durchbricht. „Borderline Prozession“ ist eine Reflexion über den Terror der gleichzeitigen Ereignisse, die wir uns süchtig permanent medial zuführen. Eine Meditation zur allgemeinen Weltverwirrung.

Die Inszenierung von Schauspiel-Intendant Kay Voges ist die insgesamt dritte Einladung nach Berlin für das Schauspiel Dortmund. Annegret Ritzel war 1988 mit Platonov dabei, und zuletzt war Michael Simons Black Rider 1995 nominiert. Nach 22 Jahren nimmt das Schauspiel Dortmund nun wieder am renommierten Berliner Theatertreffen teil. Es ist die erste Einladung für Kay Voges.

 

 

„WIRKLICH JEDER MENSCH IST FOTOGEN“

wirklich jeder mensch ist fotogen

marcel schaar über die fotografie bei „hell „und in seinem leben


Marcel Schaar, Fotograf aus Hamburg. Aufträge u.a. für die Commerzbank, Mercedes und Adidas. Persönlichkeiten wie Johannes Heesters, Andrea Petkovic und die Deutsche Fußballnationalmannschaft ließen sich von ihm ablichten und seine Arbeiten für die Hamburger Philharmoniker und das Konzerthaus Dortmund sorgten für Aufsehen. Seit 2007 beschäftigt er sich im „Polanerd“-Projekt künstlerisch mit der Polaroid-Fotografie. Bei hell / ein Augenblick steht er als vielleicht erster Live-Fotograf der Theatergeschichte auf der Bühne. Seine Werke sind in zahlreichen Ausstellungen zu sehen und wurden mit einer Vielzahl an Preisen und Auszeichnungen prämiert.


Was ist dein Job bei „hell“?

Das Fotografieren – erstmals auf der Bühne. Anfangs fühlte ich mich dabei verloren, schließlich bin ich kein Schauspieler. Wie verhalte ich mich? Aber mittlerweile habe ich von Kay und den Schauspielern ein bisschen Nachhilfe im Fach „Körperspannung“ bekommen. Die Präsenz eines Regisseurs, der zwischendurch Ansagen macht oder sich bestimmte Motive wünscht, ist für mich produktiv. Kay lässt mich da ja auch machen. Wir erarbeiten den Abend schließlich alle zusammen. „WIRKLICH JEDER MENSCH IST FOTOGEN“ weiterlesen

„WIR ARBEITEN AUS DER TOTALEN DUNKELHEIT HERAUS“

wir arbeiten aus der totalen dunkelheit heraus

kay voges über die probenarbeit zu „hell / ein augenblick“
 
Herr Voges, Ihr neues Stück heißt „hell / ein Augenblick“. Sie nennen das selbst ein großes Experiment und Abenteuer. Worauf dürfen die Zuschauer sich denn freuen?
Wir haben in den letzten Jahren viele gute Erfahrungen darin gesammelt, Theaterabende im Kollektiv zu entwickeln. In „Das Goldene Zeitalter“ habe ich gemeinsam mit Alexander Kerlin und dem Ensemble über Wiederholungen und Einzigartigkeit des Menschen gearbeitet. In „Die Borderline Prozession“ ging es um die Gleichzeitigkeit von Ereignissen, und wie wir das im Theater sinnlich machen können. Nun geht es um den „Augenblick“ – kann man ihn festhalten? Im Leben? Im Theater? Oder bedeutet Leben lernen nicht auch immer, loslassen zu lernen?
 
Das klingt nach „Faust“: „Augenblick, verweile doch – du bist so schön“.
In der Tat. Im Sommer habe ich viel Goethe gelesen und habe dabei immer wieder an die berühmte Stelle zurückgeblättert. Es ist natürlich eine Utopie, den Augenblick für immer konservieren zu wollen. Aber es gibt ein Medium, dass genau das seit bald 200 Jahren versucht: Die Fotografie. Also habe ich mich gefragt, ob man nicht eine Theaterform erfinden kann, die sich mit der Fotografie verbündet.
Kay Voges
Kay Voges
 
Und daran arbeiten Sie sich gerade ab?
Richtig, im Team mit 14 Schauspielern und vielen Mitarbeitern. Wir haben den Fotografen Marcel Schaar engagiert, der vielleicht erste Live-Fotograf in einer Theaterinszenierung. Wir arbeiten aus der totalen Dunkelheit heraus, man sieht nichts. Die anderen Sinne werden dadurch extrem angeregt, insbesondere das Hören. Tommy Finke, der auch schon bei „Die Borderline Prozession“ die Live-Musik macht, komponiert bereits den Soundtrack. Die Schauspieler spielen und sprechen also erstmal im Dunkeln. Dann, wie aus dem Nichts, kommt ein Biltzlicht: Und wir sehen riesige Fotos erscheinen. Das ist die Grundkonstellation für den Abend.
 
Und worum geht es inhaltlich?
Wenn wir über Fotografie sprechen, kommt man automatisch auf die großen, menschlichen Themen: Erinnerung, Vergessen, Vergänglichkeit und Zauber. Wir arbeiten wie schon zuvor mit Textzitaten aus vielen Jahrhunderten, von der jüdischen Kabbala bis zu Charles Bukowski, von Paul Celan bis Rainald Goetz – Goethe, Nietzsche und Baudelaire nicht zu vergessen. Aber das ist nur der Anfang. Wir sind in einer ständigen Suchbewegung und hoffen wie immer, das Publikum am Schluss zu überraschen und zu begeistern. Es ist ein Wagnis, bei dem es thematisch wieder um alles geht: Leben, Liebe und Tod. Und wir wollen uns selbst überfordern, um etwas Einzigartiges zu schaffen.
 

premiere am 11. februar (bereits ausverkauft), weitere termine gibt es hier.
 
anmerkung: zuschauern mit dunkelangst, akuten herzkrankheiten oder epilepsie wird dringend von einem besuch der vorstellung abgeraten.
 

EINIGE NACHRICHTEN AN DAS ALL

STERNSTUNDEN AUS DEM GEHEIMARCHIV #24

Einige Nachrichten an das All 

Als Weihnachtsgeschenk haben wir für euch – als letztes Türchen unseres diesjährigen Adventskalenders – eine ganz besondere Überraschung: wir zeigen Kay Voges‘ preisgekrönten Film Einige Nachrichten an das All exklusiv drei Tage lang hier – gratis und in voller Länge

Die filmische Inszenierung des Erfolgsstücks von Wolfram Lotz (unsere Eröffnungspremiere der Spielzeit 2012/13) wurde beim NRW-Theatertreffen 2012 als „Bestes Stück“ sowie auf Film-Festivals von Los Angeles bis St. Petersburg mehrfach ausgezeichnet. 


„Man kann nicht sagen, dass es das Glück nicht gibt. Es gibt das Glück. Es ist manchmal ganz real. Für einen Augenblick ist es ganz real. Es ist wie ein kleiner elektrischer Stoß, das Glück.“

Das Schauspiel Dortmund wünscht Frohe Weihnachten!

Und darum geht es:  Einige Nachrichten an das All ist so ungewöhnlich, wie es der Titel vermuten lässt. Ein Pärchen nimmt es mit dem Schicksal auf – der kleinwüchsige Purl Schweitzke und sein gehbehinderter Freund Lum wünschen sich ein gemeinsames Kind. Sie sehnen sich nach dieser sinnvollen Aufgabe im Leben – aller biologischen Wahrscheinlichkeit zum Trotz. Bang fragen sie sich: Hat der Autor des Bühnenstücks, in dem sie sich befinden, ein Kind für sie vorgesehen? Unterdessen tritt der „Leiter des Fortgangs“ auf. Er bedient eine Maschine, die gesprochene Worte in Funkwellen verwandelt. Auf Knopfdruck sendet eine Satellitenschüssel die Botschaften ins All – „damit man dort erfährt, was uns Menschen bewegt“. Zu Wort kommen nach dem Willen des Leiters nur „Personen aus Historie und Medien“: Die dicke Frau, die zu Gast war in der Talkshow Britt, der Botaniker Rafinesque aus dem 19. Jahrhundert, der CDU-Politiker Ronald Pofalla und Heinrich von Kleist. Unter den Blicken von Purl und Lum, die mit trotzigem Mut ihr Schicksal erwarten, ringen die Gäste um die richtige Nachricht ans All. Gibt es irgendetwas in diesem Leben, von dem es sich zu berichten lohnte? EINIGE NACHRICHTEN AN DAS ALL weiterlesen

DIE WIDERSPRÜCHE DER WELT MACHEN KEINEN HALT VOR DER KÜCHE

Regisseur Sascha Hawemann im Interview

Du inszenierst „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ von Bertolt Brecht. Beim Namen Brecht schwingen ja immer eine ganze Menge Emotionen, Haltungen und Erwartungen mit. Wie ist Deine Herangehensweise an den Text?

Das erste war Widerwille. Zu oft wurde ich mit Brecht in der Schule und im Elternhaus gegängelt. Irgendwie war er für mich immer diese nüchterne, kühle, kopfige DDR. Zu Hause stapelten sich seine Bücher, Portäts. Die Schallplattenecke gehörte Brecht, Busch und  Dessau, höchstens noch Pink Floyd von meiner Mutter. Meine Pistols und UK Subs hatten da keine Platz und wurden immer aus der Ecke entfernt.
Er stand eigentlich immer im Weg.
Später entdeckte ich den jungen Brecht, den 20iger Jahre Punk im Ledermantel, Klampfe in der Hand Pono und Anarchosongs singend, unheroisch, ‚unvölkisch‘, subkulturell durch Berlin streunend. Das hat mich ein wenig versöhnt. Das habe ich verstanden. Da wurde aus ihm ein Mensch und nicht mehr bloß diese Überfigur. Lieben tue ich ihn als Lyriker und Theatertheoretiker, als Stückeschreiber bleibt er fremde Heimat, aber eben doch Heimat. Man muss sich an ihr abarbeiten, man mag sie nicht und schätzt sie wohl, mal will man sie verlassen und bleibt dann doch.
Kurioserweise passiert mir das, was eine von Brechts wichtigsten Forderungen ans Theatermachen und Denken ist: Die Welt in ihren Widersprüchen zeigen. Wir leben in Widersprüchen, der Bertolt Brecht und ich. Ohne ihn würde es mich nicht geben, denn meine Mutter verliebte sich in den Sechzigern in einen jungen Mann mit Kurzhaarfrusur, Ledermantel, schlecht zur Klampfe singend und Zigarre rauchend, meinen Vater.

Uwe Schmieder
Uwe Schmieder; Foto: Birgit Hupfeld

Brecht betitelte das Stück in einem frühen Entwurf „Die Angst. Seelischer Aufschwung des deutschen Volkes unter der Naziherrschaft“, imamerikanischen Exil erarbeitete er eine Bühnenfassung für die USA und überschrieb sie mit „The Private Life of the Master Race“. Welche Rolle  spielen diese Titel für Dich?

Eigentlich interpretiere/interessiere/inszeniere ich das Stück diesbezüglich, nenne es auch so: Angst. Deutsches Volk. Naziherrschaft. Private Life of the Master Race. Ein deutsches Gräuelmärchen. Die agitatorische Strenge von „Furcht und Elend“ hat Brecht ja erst später titelgebend festgelegt. Aus assoziativ gedachtem Material, einer ‚großdeutschen‘ Wucherung, wurde im Nachhinein ein Tendenzstück. Wie so oft hat Brecht im Nachhinein das Unvollkommene, das Widersprüchliche kanonisiert. Egalitär begegnen sich Alptraum, Clownsspiel, Psychologie und Agitprop, Realismus und Groteske. Brecht zwingt einen nicht in Strukturen, Notate sind kein Diktat.
Verfremdung kein Muss. Eine Haltung zur Welt, zum Faschismus, Totalitarismus – der auch kapitalistisch/neoliberal sein kann – fordert Brecht ein, jedoch kein unlebendiges Parolentheater.

Brechts Collage versammelt Szenen, in denen sich der Aufstieg der NS-Herrschaft im alltäglichen Leben der Menschen niederschlägt. Angst, Verdächtigungen und Verrat bahnen sich ihren Weg bis in den Mikrokosmoszwischenmenschlicher Beziehungen. Eine Entwicklung, die sich auch auf das Heute übertragen lässt?

Da bin ich wohl widerwillig Brechtianer: Die Widersprüche der Welt machen doch keinen Halt vor der Küche. Der Terror der Straßenecke schläft im gemeinsamen Ehe-Bett. Die Faust im Gesicht der Frau gilt vielleicht dem fleißigen rumänischen Arbeitskollegen. Die Nackenschmerzen stammen vielleicht aus Aleppo. Die Angst vor der Welt gebiert den Wunsch nach Diktatur. Nach Vereinfachung. Die Herrschaft über die Familie – das letzte Bollwerk infrage gestellter Männlichkeit. Dialektik von Haben und Sein bestimmen nach wie vor unser Sozialverhalten.
Obwohl wir besoffen gemacht werden mit Thesen von posthistorischer, postfaktischer und anderer Post-Welt, kranken unsere emotionalen, sexuellen und geistigen Beziehungen an dem Draußen vor der Tür. Meine Lust starb als Jugoslawien brannte, kehrte wieder als Jahre später die Friedhofsruhe einkehrte.

Carlos Lobo Frank Genser Bettina Lieder Uwe Schmieder Alexander Xell Dafov
Carlos Lobo, Frank Genser, Bettina Lieder, Uwe Schmieder, Alexander Xell Dafov; Foto: Birgit Hupfeld

Es liegen insgesamt 30 Szenen vor, die Brecht dem Stück im Laufe seiner Entstehung zuordnete. Wie geht man mit dieser Fülle an Material um? Wie hast Du die Auswahl getroffen?

Ich habe mich für die privaten Szenen entschieden, in denen sich Frau und Mann, Eltern und Kind, junge und alte Paare, Freunde und Familie begegnen. Die im Stück vorkommenden Szenen totalitär-staatlicher Gewalt und Repression finden auch signifikant statt, sind in aber in der Stückfassung der ‚Krebs im Privatkörper‘, das Bild. Kopfkino. Das Konzentrationslager – ein Tumor im Kopf. Der Totschlag lauert im Kinderzimmer. Unter dem Weihnachtsbaum brennt eine Stadt.
Der Versuch besteht darin, durch das Private direkter mit Lebenserfahrungen des Zuschauers zu interagieren, ihn nicht zu entlassen in Historizismus und Drittes-Reich-Folklore. Das Dritte Reich in Farbe ist ein SpiegelTV-Knüller, im Theater eher ein Hemmnis für Rezeption. Ich bin da keine Ausnahme – wenn ich eine Nazi-Uniform sehe, atme ich befreit auf: Das war einmal – ich brauche viele Umwege, um das Dahinter, das Heute zuzulassen.

Fiederike Tiefenbacher Frank Genser Raafat Daboul Merle Wasmuth Carlos Lobo Bettina Lieder Maximilian Lindemann
Fiederike Tiefenbacher, Frank Genser, Raafat Daboul, Merle Wasmuth, Carlos Lobo, Bettina Lieder, Maximilian Lindemann; Foto: Birgit Hupfeld

In seinem Essay „Über experimentelles Theater“ schrieb Brecht: „Dieser Mensch ist so und so, weil die Verhältnisse so und so sind. Und die Verhältnisse sind so und so, weil der Mensch so und so ist.“ Für Brecht ist der Mensch also jemand, der aktiv Einfluss auf seine Umwelt nehmen und sie verändern kann. Inwiefern hat das für dich eine Rolle für Deine Inszenierung gespielt?

Eigentlich geht es hier um Dialektik, den Reichtum widersprüchlichen Denkens, und politisches Theater – und das ist für mich immer eine grundsätzliche Frage für meine Arbeit. Für die Inszenierung interessant ist es weil das „So“ einer Szene das „So“ einer anderen hervorruft und bedingt. Das Stück wird zu einem Körper, ist keine theoretische Montagehalle. Figuren korrespondieren miteinander, sind ein Gewebe, sprich: Man sieht/ahnt durchgehende Figuren und Geschichten, verfolgt Lebenswege und Entwürfe. Das ist im Verhältnis zur eigentlichen Stückstruktur eine große Intervention, der Versuch des Verbindens entgegen dem Agitkaleidoskop.

Die Fragen stellte Dirk Baumann.

 

„EINE ERSCHRECKENDE UNBEDARFTHEIT“

„Eine erschreckende Unbedarftheit“

Furcht und Hoffnung in Deutschland: Ich bin das Volk

Die Regisseurin Wiebke Rüter über Rechtspopulismus in Deutschland und ihre Collage von zwei Stücken des Volkstheater-Autors Franz Xaver Kroetz, die im Dezember im Megastore Premiere feiert: „Ich bin das Volk“ von 1993 und „Furcht und Hoffnung in Deutschland“ von 1983.

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„AUCH EIN BISSCHEN URSCHREI-THERAPIE“: TOMMY FINKE ÜBER DAS MUNDORGEL PROJECT

Seit 2015 wird im Schauspiel Dortmund gemeinsam Liedgut ge- und zerschmettert: das MUNDORGEL PROJECT von und mit Tommy Finke und Band ist längst zur Kult-Reihe  geworden. Das Konzept ist dabei simpel: das bekannte Liederbuch „Die Mundorgel“ wird im Institut oder der Megabar dem ultimativen Live-Test unterzogen – mithilfe der Band, des mitsingwilligen Publikums und Special Guests!

Am Samstag feiert das Mundorgel Project Jubiläum: zum zehnten Mal wird dann gemeinsam gejammt und gesungen. Anlässlich des Mundorgel Projects #10 hier ein paar Fragen an Tommy Finke.


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DER 9.11. HIER UND DORT

stbDer 9. November, ein Tag voller historischer Brüche. Amerika erwacht am 9. November 2016 in einer anderen Welt. Ob das Datum der US-Wahl in die Geschichte eingehen wird, weil es den politisch institutionalisierten Rückfall – oder Neubeginn – in eine Zeit der nationalistischen, chauvinistischen und rassistischten Politik der Ausgrenzung, Abschiebung und Entrechtung markiert, werden die Monate nach der Amtseinführung Donald Trumps zeigen.

Vielleicht markiert aber auch ein anderes Datum den „amerikanischen 9. November“: Vielleicht der Tag, an dem „TRUMP“ auf die Tür der muslimischen Studenten-Gemeinschaft an der New York University gekritzelt wird? Vielleicht der Tag, an dem Unbekannte einen Spielplatz in New York, dem verstorbenen (jüdischen) Beastie Boys-Mitglied Adam Yauch gewidmet, mit Hakenkreuzen und Trump-Parolen beschmieren? Vielleicht der Tag, an dem auf CNN zur besten Sendezeit die Banderole zu lesen steht: „Alt-Right Founder Questions If Jews Are People“ (i.e. „Der rechtsradikale Gründer der Alt-Right fragt, ob Juden wirklich Menschen sind“).

Die These, dass sich der Faschismus normalisiere und dass dies auch in Deutschland der Fall sei, findet ihre Begründung und ihren Ausdruck in einem Tweet zum Beispiel von Deutschlandradio Kultur: „Trump-Unterstützer mit Hitlergruß – was will die Alt-Right-Bewegung?“ Ist das jetzt purer Euphemismus oder einfach nur verantwortungslos?

Verantwortungslos und nicht zu verstehen ist in jedem Fall, dass es am „deutschen 9. November“, der seit 1938 als Gedenktag für die Nazi-Novemberprogrome in unseren Geschichtsbüchern steht, in Dortmund nicht gelingt, würdig an die von Faschischten ermordeten Juden zu erinnern. Am Denkmal für die einstige Dorstfelder Synagoge am Wilhelmsplatz „gelang“ es Dortmunder Nazis zum wiederholten Male, die Ansprachen aus Politik und Jüdischer Gemeinde durch lautstarke Rufe zu stören.

Geschichte vergeht nie, sagen die einen. Geschichte vergeht, wenn wir uns ihrer nicht mehr erinnern, sagen die anderen. Am 9. November diesen Jahres kehrt sie mit doppelter Macht zurück. Und zeigt uns einmal mehr, wie fragil die öffentliche Sprache ist, wie zerbrechlich unsere politische Ordnung…

Ursprünglich erschienen am 23.11.2016 in den Dortmunder Ruhr Nachrichten.

 

DAS ABENTEUER AUF DER SUCHE NACH DER WAHRHEIT

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Neue Wege sind der Schlüssel zu Veränderung. Ob als Flüchtling auf der Reise, Reporter auf der Jagd nach Fakten oder als Theaterschaff ender im Prozess, Geschichten auf die Bühne zu tragen. Das Stück Die schwarze Flotte ist erzählter Journalismus, eine erlebbare Reportage in gespielter Wirklichkeit. Über ein halbes Jahr hat das Reporterteam von CORRECTIV im internationalen Sumpf von Reedereien, Briefkastenfirmen, Waffen-, Drogen- und Menschenschmugglern recherchiert.
Welche Herausforderung es war, den Stoff in ein Theaterstück zu wandeln, welche Möglichkeiten und Chancen diese Liaison aus Journalismus und Bühnenkunst bietet, erklären Regisseur Kay Voges, die Autorin Anne-Kathrin Schulz und der Schauspieler Andreas Beck im Gespräch mit dem Chefdramaturgen Michael Eickhoff.

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