VERBRANNTE LEBEN

Verbrannte Leben.

Einige Assoziationen zum Widersacher

Jean-Claude Romand gibt jahrelang vor, ein erfolgreicher Forscher der WHO zu sein. Er täuscht seine Umwelt dabei so gründlich, dass niemand Verdacht schöpft. Erst als seine Finanzen aufgebraucht sind, beendet Romand seine Maskerade. Er ermordet seine Familie und wird in Haft zum frommen Katholiken. Emmanuel Carrère schreibt den unglaublichen Kriminalfall auf, Ed. Hauswirth inszeniert den daraus entstandenen Tatsachenroman am Schauspiel Dortmund.
Ein Essay zur Inszenierung von Matthias Seier
Alida Bohnen, Max Ranft, Berna Celebi

Femizid.
  1. 2019 gibt die dpa bekannt, die Begriffe „Familiendrama“ und „Beziehungstragödie“ ab sofort nicht mehr für Gewaltverbrechen im privaten Umfeld des Täters zu nutzen. Zu sehr würden die dem Theater entlehnten Begriffe „Drama“ und „Tragödie“ die gezielte Gewalt gegen Frauen und Kinder verschleiern und sie stattdessen in die Nähe eines schicksalhaften Geschehens rücken. Denn haben beim Drama im theatralen Kontext nicht oft auch die Opfer Anteil an der Tat? Und gehört es nicht zu einer echten Tragödie dazu, dass selbst die Täter irgendwie auch Opfer sind?
  2. Mehr als 114.000 Frauen sind im vergangenen Jahr Opfer von Partnerschaftsgewalt geworden. Insgesamt waren 2018 von solchen Übergriffen etwa 140.000 Menschen betroffen gewesen. Der Frauenanteil unter den Opfern beträgt dabei 81 Prozent. 122 Frauen sind 2018 von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet worden. Jeden Tag findet ein Versuch statt, an jedem dritten Tag wird ein Versuch vollendet. 
 
Rolle.
  1. Wie nähert man sich dem Unnahbaren an? In diesem Fall einer wahren Geschichte, die im tiefsten Inneren aber monströs und unerklärlich bleibt? In der im Zentrum ein Schmerzpunkt haust, der sich nie wird diagnostizieren und entfernen lassen? In der jeder Versuch, die eine letztgültige Wahrheit verkörpern zu können, direkt scheitern muss? In der jeder Satz, jede Rekonstruktion, jedes empathische Moment ein Versuch bleiben muss? In der jede Rollenzuteilung letztlich doch nur ein Kampf gegen das ist, das einem die Sprache raubt?
  2. „Als Jean-Claude Romand die häusliche Bühne seines Lebens betrat, dachte jeder, er käme von einer anderen, auf der er eine andere Rolle spielte. Doch es gab keine andere Bühne und kein anderes Publikum, vor dem er diese andere Rolle hätte spielen können. Ging er hinaus, fand er sich nackt wieder. Er kehrte zur Abwesenheit, zur Leere, zum Nichts zurück.“ (Emmanuel Carrère)
  3. Die Rolle des Autors: Emmanuel Carrère ist als Autor schonungslos autofiktionaler Tatsachenromane bekannt geworden. Einer seiner einflussreichsten Romane trägt den programmatischen Titel Alles ist wahr. Der Widersacher ist der erste Roman, in den er sich selbst als Figur mit in die Geschichte hineinschreibt: Er geht auf Spurensuche, besucht Romand im Gefängnis, recherchiert vor Ort, befragt ehemalige Freunde. Er gibt Kommentare ab, reflektiert seinen Schreibprozess, versucht einen Hybrid aus Reportage und Essay und Krimi. Damit wird seine Schreibpraxis und Konstruktion als Autor transparent und angreifbar (sagen die Einen), damit macht er sich aber auch ungeheuer wichtig (sagen die Anderen).
Uwe Rohbeck, Björn Gabriel
Banal.

Das Banale und das Böse sind seit jeher geschmeidige Tanzpartner in der Manege der Erzählungen. Auch der Fall Romand fußt auf einer banalen Notlüge, wie sie vielleicht jedem von uns in einem schwachen Moment hätte passieren können: Romand wollte als Student ein Scheitern nicht eingestehen und behauptete überall, er habe eine Medizinklausur bestanden, zu der er in Wahrheit gar nicht erschienen war. Auf diese Lüge folgte die nächste und daraufhin die nächste und irgendwann war das gesamte Leben nichts als Lüge.

Täuschung.
  1. Wenig fasziniert uns mehr als das Sujet der Hochstaplerei. Der Fall von Anna Sorokin, die sich in die High Society New Yorks schwindelte, fesselt unsere Imaginationskraft genauso sehr wie all die Reportagen über moderne Heiratsschwindler auf Tinder oder das berüchtigte Fyre Festival, bei dem auserlesene Instagram-Influencer auf einer Privatinsel statt eines exklusiven Festivals nur Funklöcher, undichte Plastikzelte, Hunger und Durst erleben durften. Wird unser Interesse an diesen Geschichten nicht stets auch durch heimliche Genugtuung gespeist? Durch das diebische Vergnügen daran, dass sich die Gesellschaft immer wieder kongenial täuschen lässt? Dass man eine Wahrheit von den Füßen auf den Kopf stellen kann? Dass es immer wieder Personen schaffen, die Porosität der gesellschaftlichen Raster und Kontrollmechanismen unter Beweis zu stellen? Dass ihre Lügen und Beschönigungen nicht auffallen, und sie zumindest eine Zeit lang die Früchte ihrer Manipulationen ernten können? (Moment. Ist es vielleicht mehr als Genugtuung? Ist es Neid?)
  2. In der Informationsarchitektur der Gegenwart ist man im Zeitalter des Diffusen und Unglaubwürdigen angelangt, scheint es: Politiker wie Trump, Johnson, Weidel oder Strache benehmen sich in aller Öffentlichkeit mal wie die halbseidenen Intriganten oder bauernschlauen Trottel eines House of Cards-Drehbuchs. Gregor Seeßlen und Markus Metz beschreiben dieses Gefühl als „kapitalistischen Surrealismus“ – es herrscht pure Kontingenz, Fiktion wirkt vertrauenswürdiger als Wirklichkeit, das Irreale erscheint uns immer mehr wie die natürliche Ordnung der Dinge.
  3. Die vielleicht am Schwersten zu durchschauende Täuschung ist die Selbsttäuschung – all die eigens fabrizierten Lügen, Irrglauben und Erzählungen, die uns durch das Leben begleiten und uns als veritabler Selbstschutz dienen. Unbequemen Wahrheiten, lästigen Einsichten und sonst unvermeidbaren Konfrontationen geht man am besten aus dem Weg, in dem man sie gar nicht erst realisiert. Auch im Fall Romand wird immer wieder darauf verwiesen, dass Romand sich die ihn lebenslang verfolgende Depression und Melancholie nie eingestehen wollte. Indem er sich ein Netz aus Lügen und Weltfluchten schuf, drückte er sich davor, zu seinem wirklichen, authentischen Selbst vorzudringen. Die schmerzhafte Konsequenz bestünde dabei natürlich auch darin, wirklich einmal einzusehen, was er getan hat.
  4. Das Ende jeder Täuschung ist die Desillusion, die Ent-Täuschung. Man wird eines Besseren belehrt und findet sich plötzlich inmitten der Ruinen wieder, die vormals noch Gewissheiten und Sicherheiten waren. Je brutaler und plötzlicher eine solche Ent-Täuschung geschieht, desto mehr relativiert sich der moralische Wert der Wahrheit. Sicherlich stehen Glück und die Freude eines Lebens nicht im proportionalen Verhältnis zur Wahrheit dieses Lebens. Wäre es manchmal nicht besser, in einem falschen Glauben gelassen zu werden? Oder hat Ingeborg Bachmann Recht, und ist die Wahrheit dem Menschen zumutbar?
Wahrheit.

„Wahrheit ist ein bewegliches Heer von Metaphern. Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind. Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind, Münzen, die ihr Bild verloren haben und nun als Metall, nicht mehr als Münzen in Betracht kommen.“ (Nietzsche, Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne)

 

Max Ranft, Alida Bohnen, Björn Gabriel
Familiendrama.
  1. Was einen Menschen zum Mord an der eigenen Familie treibt, ist längst ein eigener Forschungszweig der Kriminalistik. Oftmals offenbart sich bei den (eigentlich immer männlichen) Tätern ein unbedingtes Anspruchs- und Besitzdenken: Sie wollen mit fast schon kindischem Trotz bis in den Tod hinein die Kontrolle über die Leben ihrer Familienmitglieder ausüben. Ihre Familie wird ihr Besitz, und nur sie wissen, wie mit diesem Besitz am besten umzugehen sei.
  2. „Häufig heißt es, Misogynie sei eine Manifestation von Scham, was am Offenkundigsten ist, wenn sie von einem einzelnen Mann kommt, vielleicht aber auch darüber hinaus. Theoretisch könnte dies die Grundlage für Empathie oder Solidarität zwischen den Tätern und den Opfern sein. Misogyne Angriffe lösen bei ihren Opfern ein Gefühl der Scham aus (…). Solche Reaktionen sind nicht unbedingt irrational: Scham hat einen sozialen Sinn. Sie führt typischerweise zu einem Wunsch, die Sichtlinien zwischen sich selbst und dem anderen zu unterbrechen. Wir sprechen von dem Wunsch, das Gesicht zu verbergen, vom gesenkten Kopf und Blick. Das ist jedoch nicht die einzige Möglichkeit, eine solche Loslösung zu erreichen. Statt sich zu verstecken, kann man den Zuschauer beseitigen. ‚Derjenige, der beschämt ist, möchte die Welt zwingen, ihn nicht anzusehen und seine Blöße nicht zu bemerken. Er möchte die Augen der Welt zerstören‘, wie Erik Erikson es 1963 formulierte. Das männliche Personalpronomen mag an dieser Stelle unwillentlich vielsagend sein.“ (Kate Mann, Down Girl – Die Logik der Misogynie, 2019)
Scheitern.

Samuel Becketts Mantra „Try Again. Fail Again. Fail Better.“ fingiert als Glaubensbekenntnis einer Gesellschaft. Wer etwas auf sich hält, deutet sein privates oder berufliches Scheitern einfach um: in eine dornige Erfahrung auf dem Weg zum großen, lichtumkränzten Erfolg! Wahres, unumkehrbares Scheitern ist in einer Gesellschaft, die den Wert nur anhand von Erfolg und Effizienz misst, zum Tabu geworden – jeder darf so oft scheitern, wie man mag, aber nur solang das Scheitern im Handumdrehen als Erfolg verkauft werden kann! Jean-Claude Romand hat diese radikale Erfolgsphilosophie tief verinnerlicht: Der unumkehrbare Misserfolg (das Versagen in der Universität) darf niemals publik werden; aber der gelogene, herbeifantasierte Erfolg (die glänzende WHO-Karriere) wird so elegant und bescheiden behauptet wie nur möglich.
Uwe Rohbeck, Marlena Keil.

Schweigen.
  1. Häufiger Grund für das Ende einer Beziehung ist das Schweigen. Das wissentliche Nicht-Kommunizieren. Die absichtlich nicht angesprochenen Themen, die sich nach einer Zeit mehr und mehr in ein unberührbares Tabu verwandeln, in eine Landschaft des Geheimen, in einen achten Gesprächskontinent, der nicht mehr betreten werden soll. Die kurz- und mittelfristige Hoffnung dahinter ist oft, dass das Verschweigen einen potentiell schwelenden Konflikt nicht eskalieren lässt, dass er wie ein Pflaster eine Wunde vor möglicher Infektion schützt.
  2. „Weißt du, Folgendes ist mir damals passiert.“ Man versucht, das Nicht-Begreifliche der Vergangenheit durch Geschichten begreiflich zu machen. Wir dramatisieren und narrativisieren die Ereignisse, die uns eigentlich stammeln, vermuten, radebrechen, schweigen lassen müssten. Durch epische Kontrolle entsteht eine Ordnung und Struktur, eine Händelbarkeit und Abfolge, ein Kontext. Das Unverständliche wird als Teig in vorgeheizte Gussformen des Erzählens gegossen, von denen wir uns dann einen Teil abbrechen, um in Ruhe daran knabbern zu können.
Toxisch.

         “It’s impossible for a man and a woman to have a discussion. Men are tired, they are a bit sick, a bit suicidal, they don’t possess any real curiosity, they only possess a certain guilt. The future is female. I say that with a little sadness because I would like for the future to be both genders, but I believe it’s female. Men are sick with that sickness, masculinity, always and forever. I love men, I love only them.” (Marguerite Duras, 1981)

Idylle.

Die Idylle und ihr dazugehöriger Imperativ zum Schönen und Sittlichen ist gleichzeitig Auslöser und wasserdichtes Alibi für die Lügenwelt des Täters. Denn so wie die Inszenierung der Idylle nach außen hin wirkt, so wirkt sie auch nach innen. Menschen aus dem Umfeld der Romands beteuerten immer und immer wieder, Jean-Claude Romand sei tatsächlich ein guter Ehemann, liebender Vater, bester Freund, Fels in der Brandung gewesen. Niemand habe es kommen sehen.

Glauben.
Uwe Rohbeck im Bärenkostüm, Björn Gabriel
  1. Wie gern glauben wir das Unglaubliche? Glauben wir unseren Freunden lieber, wenn sie von steilen Karrieren, von optimalen Finanztipps und außergewöhnlichen Beziehungen sprechen? Oder glauben wir nur das Glaubhafte, das uns allerdings nicht mehr so aufregend erscheint – also den Leben mit durchschnittlichem Beruf, gewöhnlichem Erfolg und unspektakulärem Alltag?
  2. In Haft konvertiert Jean-Claude Romand innerhalb weniger Monate zum frommen Katholiken. Sein Glaube an Jesus ist felsenfest. Er hilft Carrère sogar mit Recherchen für eine Neuübersetzung des Markus-Evangeliums. Die Namen seiner Opfer erwähnt er in Briefen nie.
  3. „In der Geschichte von Jean-Claude Romand gibt es mehrere Dinge, die völlig unglaubwürdig sind. Die Fiktion ist an Plausibilität gebunden, die Wirklichkeit nicht.“ (Emmanuel Carrère)
Opfer.
  1. Wieso interessieren uns die Täter immer mehr als ihre Opfer? Was geschieht mit den Erzählungen der Opfer? Sind sie ewig dazu verdammt, die Unglücklichen der Geschichte zu bleiben? Passiv, wehrlos, ungesühnt, zur falschen Zeit am falschen Ort? Und wie können die Opfer nach ihrem Tod noch zu uns sprechen? Durch Gerichtsakten, Zeugenaussagen, Täterwissen? Durch unseren Versuch, ihre Geschichten in ein Verhältnis zu setzen? Ihre Leben, ihre Wünsche, ihre etwaigen geheimen Rebellionen zu rekonstruieren? Oder durch plötzlich zum Beweismittel gewordene Familienfotos? Was versuchen wir zu begreifen und zu spüren, wenn wir die Fotos der Opfer betrachten?
  2. Jean-Claude Romand schrieb in Haft mehrere Briefe an christliche Gefängnisinitiativen, in denen seine große Sühne- und Opferbereitschaft betonte. Er selbst habe sich schließlich zum Leben verurteilt, seine Existenz hinter Gittern weihe er dem Gedenken an seine Opfer.
  3. Die Opfer des 9. Januar 1993: Aimé (78) und Anne-Marie Romand (71) sowie Florence Romand (39) mit ihren Kindern Caroline (7) und Antoine (5).
Caroline Hanke
Gespenster.
  1. Ghosts of my Life – so der Titel eines Essays des viel, viel, viel zu früh verstorbenen Kulturtheoretikers Mark Fisher. Fisher beschäftigte sich zeit seines Lebens mit den seltsamen und mitunter unheimlich wirkenden Artefakten, die nicht eingelöste Utopien in der Gegenwart hinterlassen. Eine ungute Wehmut, eine schaurige Melancholie scheint in diesen entschwundenen, aber doch noch irgendwie greifbaren Objekten und Ideen zu spuken (Hauntology ist daher auch der Titel für Fishers Theorie). Ob es die euphorische Rave-Musik der 90er ist, die auf Wohlfahrt und Selbstermächtigung fußenden sozialen Wohnungsbauten der 70er, die futuristische Aufbruchsstimmung der Nachkriegs-Kunst, oder die nunmehr bloß schaurig anmutenden Gesellschaftsutopien des Ostblocks – Fisher spürt all diesen verstorbenen Hoffnungen auf eine bessere Zukunft nach, während unsere Gegenwart kaum mehr Zukunftsoptismismus, Vision und Sinnstiftung versprüht (Fisher schreibt von einer spürbaren slow cancellation of the future).
  2. Denken wir uns den Gedanken der Hauntology auf einer privaten Ebene. Was spukt in unseren Leben? Welche uneingelöste Hoffnung wird zum Wiedergänger? Wie unsicher ist der Boden unter unseren Füßen? Woher kommt die Rauchfahne über unserem Haus? Was bleibt von unseren Leben übrig, als Artefakt, als Brandstätte, als Ruine, als Spukschloss? Was sind die ghosts of my life?
  3. Whatever hour you woke there was a door shutting. From room to room they went, hand in hand, lifting here, opening there, making sure — a ghostly couple.” (Virginia Woolf, A Haunted House)

 


 

Der Widersacher, nach dem Roman von Emmanuel Carrère (aus dem Französischen von Claudia Hamm)

Es spielen: Alida Bohnen, Berna Celebi, Björn Gabriel, Caroline Hanke, Marlena Keil, Max Ranft, Uwe Rohbeck.
Termine: SO, 01. DEZEMBER 2019
FR, 06. DEZEMBER 2019
FR, 13. DEZEMBER 2019
SO, 29. DEZEMBER 2019
SO, 12. JANUAR 2020.  Weitere Termine folgen.

DER REVOLUTIONÄRE KATECHISMUS

von Sergej Netschajew

Die Pflichten des Revolutionärs sich selbst gegenüber

1. Der Revolutionär ist ein vom Schicksal verurteilter Mensch. Er hat keine persönlichen Interessen, keine geschäftlichen Beziehungen, keine Gefühle, keine seelischen Bindungen, keinen Besitz und keinen Namen. Alles in ihm wird von dem einzigen Gedanken an die Revolution und von der einzigen Leidenschaft für sie völlig in Anspruch genommen.
2. Der Revolutionär weiß, daß er in der Tiefe seines Wesens, nicht nur in Worten, sondern auch in Taten, alle Bande zerrissen hat, die ihn an die gesellschaftliche Ordnung und die zivilisierte Welt mit allen ihren Gesetzen, ihren moralischen Auffassungen und Gewohnheiten und mit allen ihren allgemein anerkannten Konventionen fesseln. Er ist ihr unversöhnlicher Feind, und wenn er weiterhin mit ihnen zusammenlebt, so nur deshalb, um sie schneller zu vernichten.
3. Der Revolutionär kennt nur eine Wissenschaft: die Wissenschaft der Zerstörung. Tag und Nacht befaßt er sich eingehend mit der allein wesentlichen Wissenschaft: mit dem Menschen, mit seinen entscheidenden Merkmalen und seinen Lebensumständen und allen Erscheinungen der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung. Das Ziel ist stets das gleiche: die sicherste und schnellste Methode, diese ganze verrottete Ordnung zu zerstören.
4. Der Revolutionär verachtet die öffentliche Meinung. Er verachtet und haßt das bestehende gesellschaftliche Moralgesetz in allen seinen Äußerungen. Für ihn ist Moral das, was zum Sieg der Revolution beiträgt. Unmoralisch und verbrecherisch ist hingegen alles, was diesem im Weg steht.
6. Tyrannisch gegenüber sich selber, muß er auch anderen gegenüber tyrannisch sein. Er muß all die sanften, schwächenden Gefühle der Verwandtschaft, Liebe, Freundschaft, Dankbarkeit und sogar der Ehre in sich unterdrücken und der eiskalten, zielstrebigen Leidenschaft für die Revolution Raum geben. Tag und Nacht darf er nur einen Gedanken haben, ein Ziel vor sich sehen — erbarmungslose Zerstörung. Während er unermüdlich und kaltblütig diesem Ziel zustrebt, muß er bereit sein, sich selber zu vernichten und mit seinen eigenen Händen alles zu vernichten, das der Revolution im Wege steht.
Zu allen Zeiten und an allen Orten darf der Revolutionär nicht etwa seinen persönlichen Impulsen gehorchen, sondern nur jenen, die der Sache der Revolution dienen.

Die Beziehungen des Revolutionärs zu seinen Genossen

Der wahre Revolutionär sollte sich selber als Kapital betrachten, das dem Triumph der Revolution geweiht ist; jedoch darf er ohne die einmütige Zustimmung aller vollkommen eingeweihten Genossen nicht persönlich und allein über dieses Kapital verfügen.
11. Ist ein Genosse in Gefahr und erhebt sich die Frage, ob er gerettet werden soll oder nicht, darf die Entscheidung nicht auf der Grundlage von Gefühlen gefällt werden, sondern einzig und allein nach den Gesichtspunkten des Interesses der revolutionären Sache.

Die Beziehungen des Revolutionärs zur Gesellschaft

13. Der Revolutionär dringt in die Welt des Staates, der privilegierten Klassen der sogenannten Zivilisation ein und lebt in dieser Welt nur zu dem Zweck, ihre rasche und totale Zerstörung herbeizuführen. Er ist kein Revolutionär, wenn er auch nur die geringste Sympathie für diese Welt aufbringt. Er sollte nicht zögern. irgendeine Stellung, einen Ort oder einen Mann auf dieser Welt zu zerstören. Er muß alle und alles in ihr mit dem gleichen Haß hassen. Um so schlimmer für ihn, wenn er irgendwelche Beziehungen zu Eltern, Freunden oder geliebten Wesen hat; läßt er sich von diesen Beziehungen ins Schwanken bringen, ist er kein Revolutionär mehr.
14. Mit dem Ziel der unversöhnlichen Revolution vor Augen wird der Revolutionär häufig innerhalb der Gesellschaft leben, er muß es sogar, während er vorgibt, ein ganz anderer zu sein als der, der er wirklich ist, denn er muß überall eindringen, in die höheren und mittleren Stände, in die Handeishäuser, die Kirchen und die Paläste der Aristokratie, und in die Welt der Bürokratie, der Literatur und des Militärs, und auch in die Dritte Abteilung und den Winterpalast des Zaren.
15. Genossen sollten eine Liste jener aufstellen, die nach der jeweiligen Schwere ihrer Verbrechen verurteilt werden sollten; und die Hinrichtungen sollten nach der ins Auge gefaßten Reihenfolge durchgeführt werden.
16. Auch ist es nicht nötig, den Haß zu beachten, der von diesen Leuten unter den Genossen oder beim Volk provoziert wird. Haß und das Gefühl der Empörung können sogar insoweit nützlich sein, als sie die Massen zur Erhebung aufreizen. Vor allem aber müssen jene, die der revolutionären Organisation besonders feindselig gegenüberstehen, vernichtet werden; ihr plötzlicher, gewaltsamer Tod wird in der Regierung die höchste Panik auslösen und dadurch, daß man ihre tüchtigsten und tatkräftigsten Anhänger um-brachte, ihr jeden Willen zum Handeln rauben.
18. Eine hohe Zahl von Rohlingen in hohen Stellungen, die sich weder durch Tüchtigkeit noch durch Energie hervorgetan haben, während sie sich dank ihres Ranges, ihres Reichtums, ihres Einflusses, ihrer Macht ihrer hohen Stellungen erfreuen können. Diese müssen auf jede nur mögliche Weise ausgebeutet werden; man muß sie in unsere Angelegenheiten verwikkeln und hineinziehen, ihre schmutzigen Geheimnisse müssen ausspioniert werden, und man muß sie in Sklaven verwandeln.
19. Der Revolutionär muß sich den Anschein geben, als arbeitete er mit ihnen zusammen, als folgte er ihnen blindlings, während er gleichzeitig ihre Geheimnisse ausspioniert, bis sie völlig in seiner Macht sind. Sie müssen so kompromittiert sein, daß es für sie keinen Ausweg gibt, und dann kann man sich ihrer bedienen, um im Staat Unordnung zu schaffen.

21. Frauen lassen sich in drei Gruppen aufteilen. Erstens jene frivolen, gedankenlosen, langweiligen Frauen, deren wir uns bedienen werden. Zweitens Frauen, die leidenschaftlich, tüchtig und hingebungsvoll sind, aber nicht zu uns gehören, weil sie noch keine leidenschaftslose, strenge, revolutionäre Erkenntnis entwickelt haben; sie muß man benutzen wie die Männer. Und schließlich gibt es die Frauen, die völlig auf unserer Seite stehen, das heißt jene, die sich ganz der Sache hingeben und unser Programm in seiner Gesamtheit anerkannt haben. Ohne ihre Hilfe bliebe uns der Erfolg versagt.

Die Einstellung der Gesellschaft gegenüber dem Volk

22. Die Gesellschaft hat kein anderes Ziel als die vollkommene Befreiung und die vollkommene Zufriedenheit der Massen, das heißt der Menschen, die von Hände-arbeit leben. In der Überzeugung, daß ihre Emanzipation und die Sicherstellung ihrer Zufriedenheit nur als Folge eines alles zerstörenden Volksaufstandes herbeigeführt werden können, wird die Gesellschaft alle ihre Mittel und ihre ganze Kraft darauf lenken, die Not und die Leiden des Volkes zu steigern und zu intensivieren, bis schließlich seine Geduld erschöpft ist und es zu einem allgemeinen Aufstand getrieben wird.
23. Unter Revolution versteht die Gesellschaft keinen in Ordnung sich vollziehenden Aufstand nach dem klassischen westlichen Vorbild. Die einzige Form einer Revolution, die dem Volk zugute kommt, ist die, die den gesamten Staat bis zu seinen Wurzeln hinab vernichtet und alle staatlichen Traditionen, Institutionen und Klassen in Rußland ausrottet.
24. Mit diesem Ziel vor Augen lehnt die Gesellschaft es daher ab, irgendeine neue Organisation von oben her dem Volk aufzuerlegen. Jede künftige Organisation wird sich zweifellos durch die Regsamkeit und das Leben des Volkes durchsetzen; aber das ist eine Angelegenheit, die künftige Generationen zu entscheiden haben werden. Unsere Aufgabe ist furchtbare, totale, universale und erbarmungslose Zerstörung.
25. Deshalb müssen wir, indem wir näher ans Volk heranrücken, vor allem mit jenen Elementen der Massen gemeinsame Sache machen, gegen alles protestieren, was mittelbar oder unmittelbar mit dem Staat verbunden war: gegen den Adel, die Bürokratie, die Geistlichkeit, die Händler und die parasitischen Kulaken. Wir müssen uns mit den abenteuerlustigen Stämmen von Briganten verbünden, die die einzig wahren Revolutionäre Rußlands sind.
26. Das Volk zu einer einzigen unbesiegbaren und alleszerstörenden Kraft zu sammenzuschmieden — das ist Ziel unserer Verschwörung und unsere Aufgabe.

Sergej Netschajew (ca. 1870)  nach: Robert Payne: Lenin – Sein Leben und sein Tod. München 1965

DIE NETSCHAJEW-AFFÄRE

Inspiration für Dostojewski

Für Dostojewskijs Die Dämonen stand der russische Revolutionär Sergej Netschajew (1847-1882) Pate, die Roman-Handlung – allen voran die Figur des Pjotr Werchowenskij – sind klar von Netschajew inspiriert. Dostojewskij lernte Netschajews Ideen während eines Aufenthalts in der Schweiz kennen – Genf war in den 1850ern zu einem Zentrum der russischen Revolutionäre geworden.

Sergei Netschajew hörte Vorlesungen an der Petersburger Universität und lernte dort die Ideen des linken Vordenkers Michail Bakunin kennen. 1868/1869 leitete Netschajew während der Studentenunruhen eine radikale Studentengruppe. Im Januar 1869 ließ er das Gerücht verbreiten, er sei in St. Petersburg festgenommen worden und flüchtete nach Genf. Hier suchte er den Kontakt zu anderen russischen Exilanten und gab sich als Leiter einer revolutionären Organisation aus. Außerdem traf er hier auf Michail Bakunin, mit dem er eine enge Freundschaft schloss. Zusammen gaben beide die Zeitschrift Das Volkstribunal in Genf heraus. Außerdem schrieb Netschajew unter Bakunins Einfluss sein Programm, den Revolutionären Katechismus. Er gewann Alexander Herzen dafür, eine Propagandareise zu finanzieren, bei der der Revolutionäre Katechismus nach Russland geschmuggelt und dort verbreitet wurde.

Im Zentrum von Netschajews Ideologie steht eine hierarchisch organisierte revolutionäre Bewegung – nur eine kleine Elite soll die wahren Absichten der Bewegung kennen, während die breite Basis in sog. Fünfergruppen organisiert werden soll. Die Anwendung von Gewalt wird ausdrücklich befürwortet. Dostojewskij gibt der von seiner Romanfigur Pjotr Werchowenski geführten Bewegung die gleiche Struktur – auch in Die Dämonen steht eine Fünfergruppe im Zentrum.

Im August 1869 kehrte Netschajew nach Russland zurück und gründete dort die Geheimorganisation Narodnaja Rasprawa („Volksvergeltung“, „Volksgericht“, „Volksrache“). Mit einem Mitglied der Gruppe, Iwan Iwanowitsch Iwanow, gab es Meinungsverschiedenheiten, Iwanow drohte damit, die Gruppe zu verlassen – das wollte Netschajew keinesfalls auf sich sitzen lassen: Gemeinsam mit vier Komplizen ermordete Netschajew daraufhin den Dissidenten Iwanow in der Nacht zum 22. November 1869, seine Leiche wird in einem nahe gelegenen Teich versenkt. Während seine Komplizen bald verhaftet werden, gelingt es Netschajew, sich in die Schweiz abzusetzen.

Die sog. „Netschajew-Affäre“ sorgte für ein großes Presseecho, sowohl russische als auch deutsche Zeitungen berichteten über das spektakuläre Verbrechen.

Zurück in der Schweiz überwarf sich Netschajew bald mit mit Bakunin. 1872 schließlich wurde Netschajew verraten und in Zürich festgenommen. Wegen des Mordes an Iwanow wurde Netschajew als gemeiner Verbrecher an Russland ausgeliefert und dort verurteilt. 1882 starb Sergei Netschajew in der Peter-und-Paul-Festung in Sankt Petersburg.

LITERATUR & LINKS

Bücher

  • Benjamin, Walter: Zur Kritik der Gewalt. In:  Ders.: Gesammelte Schriften, Vol. II.1,
    herausgegeben von R. Tiedemann & H. Schweppenhäuser, Frankfurt a.M. 1999, S. 179-204
  • Guski, Andreas: Dostojewski. Eine Biographie. München 2018.
    Hier insbesondere „Eine Vaudeville der Teufel: ‚Die Dämonen'“, S. 302-328.
  • Wegner, Michael (Hg.): Fjodor Dostojewski. Tagebuch eines Schriftstellers. 1873 und 1876-1881. Eine Auswahl. Aus dem Russischen von Günther Dalitz und Margit Bräuer.  Berlin 2003.

Links

 

#3: DECOLONIAL FEMINISM: MITHU SANYAL

(c) Regentaucher

Gibt es einen dekolonialen Feminismus? Und wenn ja, wie kann er helfen Brücken der Spaltung zu überwinden? Die Journalistin, Kulturwissenschaftlerin und Autorin Mithu Sanyal (u.a. Mithulogie, taz) gibt Einblicke darin, was Feminimus mit Antirassismus und Postkolonialismus zu tun haben kann.

Dr. Mithu Melanie Sanyal, geboren 1971 in Düsseldorf, ist Kulturwissenschaftlerin, Autorin, Journalistin, Referentin für Genderfragen und Dozentin an verschiedenen Universitäten. Sie schreibt unter anderem für WDR, Deutschlandfunk, taz und SPEX. Ihr erstes Buch – Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts – wurde in fünf Sprachen übersetzt.

# 1 SONJA EISMANN & MINDJ PANTHER

Diskussion und Konzert im Rahmen des 6. Djelem Djelem Roma-Kulturfestivals und der feministischen Reihe Butler, Butch, Beyoncé

In der ersten Ausgabe von Butler, Butch, Beyoncé spannt Sonja
Eismann, Mitbegründerin des Missy Magazine, den Bogen von den vier Wellen des Feminismus bis zu Netz-, Pop-, Anarchafeminismus … On top: Ein Konzert der feministischen Romnja- Rapperinnen Mindj Panther (Pussy Panther) aus Wien!

Immer mehr junge Frauen rund um die Welt machen in Presse, Blogs, sozialen Medien oder bei Auftritten auf ihre Überzeugungen aufmerksam und verleihen dem altgedienten Kampfbegriff Feminismus neue Relevanz: Er ist nicht mehr nur Diskurs, Feminismus darf auch Spaß machen! Grund genug, ihm auf den Zahn zu fühlen. Die neue Diskursreihe Butler, Butch, Beyoncé blickt hinter Mode und popkulturelle Phänomene und holt die ProtagonistInnen des politisch engagierten, jungen Feminismus zu Lesungen, Diskussionen und Konzerten ins Schauspiel Dortmund: um mit Beats und Argumenten die Grundfesten des Patriarchats zu erschüttern!

In Kooperation mit dem Gleichstellungsbüro der Stadt Dortmund, der TU Dortmund und dem Kulturbüro Dortmund

#2 FEMINIST ACTIVISM: PENELOPE KEMEKENIDOU

Die zweite Ausgabe der neuen feministischen Reihe Butler, Butch, Beyoncé.

Zu Gast bei der zweiten Ausgabe der neuen Reihe: Activist und Artivist Penelope Kemekenidou, Mitbegründerin von Gender Equality Media, einer Organisation, die sich gegen sexistische Berichterstattung in Deutschland einsetzt. Mit Kampagnen wie #StopBildSexism oder #unfollowpatriarchy setzt sich die Gruppe konkret gegen patriarchale Strukturen in der Medienlandschaft ein. Derzeit ist sie auch an dem Aufbau der Gruppe der #panyrosas/Brot und Rosen Deutschland beteiligt, einer der größten internationalen Frauenorganisationen* weltweit. Daneben ist sie Mitorganisatorin des Münchner Frauen*streiks 2020.

In Kooperation mit dem Gleichstellungsbüro der Stadt Dortmund, der TU Dortmund und dem Kulturbüro Dortmund.

„Das ganze Leben nichts als Lüge“: DER WIDERSACHER

Der Widersacher

Ed. Hauswirth inszeniert die Geschichte eines unglaublichen, aber wahren Kriminalfalls – als mörderisches Mentaldrama nach dem Kultroman von Emmanuel Carrère!

Ein Interview mit dem Regisseur vor der Premiere

Ist Ihnen der Begriff True Crime geläufig? Dieses Genre bezeichnet Werke, die sich mit besonderen, aber stets realen Kriminalfällen beschäftigen und sie nacherzählen wie ein Krimi oder eine Reportage. Als Klassiker des True Crime-Genres gilt Truman Capotes legendärer Roman Kaltblütig über einen Familienmord aus dem Jahr 1965. Derzeit feiert das True Crime-Genre insbesondere im Internet eine Renaissance. Dass das echte Leben unfassbare Geschichten zu schreiben vermag, beweist auch der französische Kultroman Der Widersacher von Emmanuel Carrère. Auch er erzählt einen Kriminalfall, den man beinahe nicht glauben mag, obwohl er wahr ist – und der 1993 ganz Frankreich erschütterte!

Worum geht es? Wenige Tage nach Neujahr 1993 tötet der bis dato unbescholtene Mediziner Jean-Claude Romand im Laufe mehrerer Tage seine Ehefrau, seine zwei kleinen Kinder, seine Eltern und deren Hund. Eine Liebhaberin aus Paris kommt nur durch Glück mit dem Leben davon. Nach der Tat herrscht große Ratlosigkeit: was trieb diesen kompetenten, freundlichen Traumschwiegersohn zu der monströsen Gewalttat? Freunde und Nachbarn im kleinen französischen Vorort beschreiben ihn als glücklichen Ehemann, liebenden Vater und auch als wohlhabenden, erfolgreichen Forscher bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf.

Jean-Claude Romand 1996 während des Gerichtsprozesses.

Doch die Ermittlungen der Polizei bringen schnell die Wahrheit über Jean-Claude Romand ans Licht. Seine gesamte Existenz war nichts als Fassade! Die Arbeit bei der WHO, wichtige Geschäftsreisen, berühmte Kollegen – alles frei erfunden! In Wahrheit verbrachte er die Zeit auf Raststätten oder ziellos durch die Wälder streifend. Das Geld für sein Doppelleben erlog er sich mit angeblichen perfekten Finanzkonditionen in der Schweiz aus seinem engsten Familienkreis. Jahrzehntelang hatte Romand ein gigantisches Bauwerk aus Lügen errichtet, bis es in einer Eruption aus Gewalt in sich zusammenstürzte.

Der Schriftsteller Emmanuel Carrère ging auf Spurensuche, besuchte Romand im Gefängnis, recherchierte vor Ort, befragte ehemalige Freunde. Wie konnte die Hochstapelei so lange unbemerkt bleiben? Gibt es einen Unterschied zwischen der Oberfläche und dem Wirklichen? Wie zerbrechlich sind unsere Masken?  Ed. Hauswirth seziert den Fall Romand: als Annäherung an das Monströse, als Blick hinter die Vorortfassade – und als zutiefst menschliche Auseinandersetzung mit dem Widersacher, der in uns allen steckt.

Ed. Hauswirth ist Gründungsmitglied und künstlerischer Leiter des Theater im Bahnhof in Graz. Seit 2016 inszeniert er regelmäßig am Schauspiel Dortmund („Triumph der Freiheit – Wir schaffen das schon“, „Die Liebe der Zeiten in Glasfaser“ und „Memory Alpha“).

Ed. Hauswirth, was interessiert dich am Fall Romand?

Das Besondere an diesem Fall ist, dass diese furchtbare Tat auf einer banalen Notlüge fußt: Romand wollte als Student ein Scheitern nicht eingestehen und behauptete überall, er habe eine Medizinklausur bestanden, zu der er in Wahrheit gar nicht erschienen war. Auf diese Lüge folgte die nächste, und daraufhin die nächste, und irgendwann war das gesamte Leben nichts als Lüge.

Romand ist gewissermaßen in diesen Abgrund hereingerutscht?

Sozusagen. Ich glaube, diese Ursprungslüge hätte vermutlich jedem von uns in einem schwachen Moment passieren können. Insofern können wir uns auch als Gesellschaft mitgemeint fühlen – wie präsentiere ich mich in der Öffentlichkeit, und wer bin ich in Wahrheit privat mit mir selbst?

Wie ging es dir, als du das erste Mal den Tatsachenroman von Carrère gelesen hast?

Was mich faszinierte, war die Banalität des Vorgangs und die Brutalität des Verbrechens gleichermaßen. Carrère beschreibt beeindruckend, was für ein gewaltiges Unterfangen es gewesen sein muss, diese gigantische Lebenslüge zuerst hochzuziehen und dann aufrecht zu erhalten. Romand verfügte einerseits über unglaubliches Charisma und große Glaubwürdigkeit, andererseits spürte er eine tierische Versagensangst und Panik, dass alles auffliegt. Und in diesem Spannungsverhältnis findet man sich heutzutage in der Leistungsgesellschaft immer öfter wieder – wenn auch gottseidank natürlich auf deutlich ungefährlichere Art und Weise!

„Auf eine Lüge folgte die nächste, und daraufhin die nächste, und irgendwann war das gesamte Leben nichts als Lüge.“

Wäre so ein Fall wie Romand heutzutage noch denkbar?

Durch die mediale Überwachung unserer Gegenwart und die genaue GPS-Ortung unserer Handys ist es vermutlich schwerer geworden – man kann nicht so wie Romand einfach in den Wald fahren und behaupten, man sei in Wahrheit bei der WHO. Aber das Prinzip der Täuschung ist immer noch möglich – die allgemeinen menschlichen und gesellschaftlichen Kräfte hinter diesem Fall gibt es immer noch. Mir geht es darum, mit unserem Ensemble eine Erzählung dafür zu finden, die auch heute noch Gültigkeit besitzt.

Rousseau sagte, das Theater sei eine „Schule der Lüge“. Bei guten Theaterabenden glaubt man als Publikum ja auch einer Erzählung, und damit eigentlich einer Lüge, sehr gern. Wie bringst du diesen Stoff also auf die Bühne?

Ja, auch Theater ist im Grunde nur ein großes „Was wäre wenn“, das sich im besten Falle verselbstständigt und wo man der Erzählung am Ende auch glaubt. Ich interessiere mich für das Narrativ, das man sich von seinem Leben macht: man erzählt sich etwas konsistent, aber in Wirklichkeit ist wahrscheinlich alles mehr eine Ansammlung von Bruchstücken, die also leicht ins Rutschen geraten können. Sich erzählen und Vorstellungen von etwas entwickeln ist zudem eine ureigene Tätigkeit für Schauspieler.

Was darf das Publikum bei deiner Inszenierung erwarten?

Der Abend wird hochspannend – wir bleiben der wahren Geschichte natürlich eng verhaftet – gleichzeitig entstehen aber auch unwillkürlich humorvolle Momente. Diese Geschichte hat mitunter so unglaubliche Momente, die man in einem fiktiven Stoff direkt als viel zu unglaubwürdig beanstandet hätte! Wir erzählen die Geschichte vorrangig aus der Sicht der Überlebenden, die auf die Geschichte zurückblicken wie auf einen Spuk.

„Was mich faszinierte, war die Banalität des Vorgangs und die Brutalität des Verbrechens gleichermaßen.“

Wieso griff Romand am Ende zu dieser entsetzlichen Tat? Wieso brachte er eher seine gesamte Familie um, anstatt die Wahrheit zu gestehen?

Wir haben viel zum Thema des in den Medien sogenannten „Familiendramas“ recherchiert. Bei diesen Taten spielt stets das Vermeiden von Kontakt eine Rolle, es wird etwas tabuisiert oder verschwiegen. Zugleich besteht ein unbedingtes Anspruchs- und Besitzdenken. Die Täter, eigentlich immer männlich, haben oft eine narzisstische Grundstörung: sie glauben, ihre Familie soll ohne sie nicht weiter auf der Welt sein und glücklich sein können. Manchmal geschehen diese Taten aus fast schon kindischem Trotz. Diese Brutalität und Banalität spuken gewissermaßen auch bei uns auf der Bühne.

Die Familie Romand 1991.

Inwiefern spielt das Thema der Männlichkeit da eine Rolle?

Hinter unseren Lebensvorstellungen liegen Werte, Haltungen, Erfahrungen. In den frühen 90ern, als sich dieser Fall ereignete, beginnt ein gesellschaftlicher Konsens zum Wettbewerb: wir befinden uns ab sofort in einer Wettbewerbsgesellschaft, ab sofort müssen wir flexibel und effizient sein, plötzlich redet man von erfolgreichen Männern und starken Frauen. Mich beschäftigt die Auseinandersetzung und Hinterfragung dieser Rollenbilder: ich kann mir nie gewiss sein, was oder wer ich eigentlich gerade bin. Welchen Konsens haben wir über die Rolle, die wir erfüllen sollen? Welche Vorstellungen von Idylle oder Albtraum bevölkern heute unsere Rollenbilder?

Romand erscheint bei Carrère ja auch als landläufige Verkörperung dessen, was man heute oftmals als toxische Männlichkeit umschreibt: weinerlich, sich permanent im Recht fühlend, unsensibel, herrschsüchtig.

Diese Sichtweise klingt bei der Lektüre des Romans im Jahr 2019 an. Romand gibt sich da oftmals ambivalent, laut allen Aussagen war er tatsächlich ein guter Ehemann und liebender Vater. Er erscheint mir als Vertreter einer sich auflösenden oder transformierenden Männlichkeit, die nichtsdestoweniger unerbittlich und gnadenlos ist. Er kann das Spiel der Macht schon spielen – sonst hätte er die Autorität des Arztes oder des Elite-Tiers nicht aufrechterhalten können. Das war die Rolleneinteilung, die sich Romand gegeben hat, und die konnte er offenbar einlösen! Und gleichzeitig muss es auch eine Projektion der Umgebung in ihn gegeben haben: man sieht ja auch immer, was man sehen will.

„Romand erscheint mir als Vertreter einer sich auflösenden oder transformierenden Männlichkeit, die nichtsdestoweniger unerbittlich und gnadenlos ist. Er kann das Spiel der Macht schon spielen – sonst hätte er die Autorität des Arztes nicht aufrechterhalten können.“
Jean-Claude und Florence.

Wie siehst du die Rolle von Jean-Claudes Ehefrau Florence, die sein erstes Opfer wurde? Im Roman wird sie einerseits als besonnen, fromm, etwas spießbürgerlich dargestellt; aber ebenfalls auch als lebenslustig, hedonistisch, offen.

Genau, es stellt sich die Frage: Wer erzählt uns von dieser Frau? Die Hauptquellen im Roman sind Gespräche mit den überlebenden Freunden Luc und Cecile, dann die Recherchematerialien im Gerichtsprozess, und ein Briefdialog mit dem Mörder. Höchstwahrscheinlich sind Einschätzungen und Rollenbilder dieser Quellen auch in die Figurenzeichnung miteingeflossen, das bleibt ja gar nicht aus. Das sind alles auf die eine oder andere Art Miterzähler dieses Arztes, die gesamte Dorfgemeinschaft wirkt wie ein großes Simulacrum. Und da werden Frauen oftmals dann mit zwei Kategorien umschreiben, nämlich offen/lebensfroh und gleichzeitig brav/systemerhaltend. Das ist sicher zu kurz gegriffen. Wir versuchen, bei unserer Arbeit Momente der Selbstbestimmung und Handlungsoption zu finden.

Das finde ich auch bemerkenswert, wie dieser Fall zu einer Zeit in Frankreich groß durch die Medien ging, als französische Philosophen wie Jean Baudrillard oder Paul Virilio eh eine Theorie der Simulation, und der medialen Chimärenhaftigkeit aller Eindrücke formulierten. Jedes Abbild ist gewissermaßen schon eine Hochstaplerei in sich, hieß es in den 90ern plötzlich.

Ja, Romand betrieb eine Simulation. Er triggerte unsere Imaginationskraft so sehr, dass man mitspielte. Bei unserem Versuch, diesen Roman für die Bühne anzueignen, wollen wir das nicht direkt vorspielen, aber wir wollen es vorstellbar machen.

Du hast gerade von Rolleneinteilung gesprochen. Wäre der Mörder Jean-Claude Romand ein guter Schauspieler auf der Bühne?

Ich glaube nicht. Er war ein sehr guter Erzähler im direkten Kontakt, im kleineren Gespräch konnte er einen um den Finger wickeln. Er war ein Tischzauberer, kein Schauspieler.


 

Der Widersacher, nach dem Roman von Emmanuel Carrère (aus dem Französischen von Claudia Hamm)

Es spielen: Alida Bohnen, Berna Celebi, Björn Gabriel, Caroline Hanke, Marlena Keil, Max Ranft, Uwe Rohbeck.
Termine: SO, 01. DEZEMBER 2019
FR, 06. DEZEMBER 2019
FR, 13. DEZEMBER 2019
SO, 29. DEZEMBER 2019
SO, 12. JANUAR 2020.  Weitere Termine folgen.

JEDER MENSCH HAT EINEN NAMEN

 

„Jeder Mensch hat einen Namen“

Von Donnerstag, 20.6. bis Samstag 22.6. ruft ein breites Bündnis um Seebrücke Dortmund, Evangelischer Kirchenkreis Dortmund, EKD, Schauspiel Dortmund u.v.a. zur Aktion „Jeder Mensch hat einen Namen“ auf. Anlässlich des Evangelischen Kirchentages soll in der Reinoldikirche und auf dem Platz der Alten Synagoge den in den Jahren 2014-18 auf der Flucht über das Mittelmeer Ertrunkenen gedacht werden, indem deren Namen von jeder/m Interessierten auf große Banner geschrieben werden.

Die Banner werden im Anschluss weithin sichtbar am Kirchturm der Reinoldikirche aufgehängt.


Was ist das Ziel der Aktion „Jeder Mensch hat einen Namen“?

Paul Gerhard Stamm (SEEBRÜCKE Dortmund):  „Wenn ich den Namen eines Ertrunkenen auf das Banner schreibe, dann trete ich in diesem Moment in eine Beziehung zu diesem Menschen. Ich lasse mich berühren, werde sicher nachdenklich. Aus einer abstrakten Zahl von Ertrunkenen – in diesem Jahr schon wieder 543 – werden Menschen, die leben wollten und denen wir nicht geholfen haben.“

Anja Sportelli (SEEBRÜCKE Dortmund):  „Die Banner an der Reinoldikirche werden ein Mahnmal sein. Wir erhoffen uns von dieser Aktion, dass der Aufschrei in der Zivilbevölkerung lauter wird, bis er von den Politker*innen nicht mehr überhört werden kann und es eine politische Lösung für sichere Fluchtwege gibt.“

Wie kam es zu der Kooperation?

Michael Eickhoff (Schauspiel Dortmund): „Die Aktion geht auf eine Idee der NGO Sea-Watch zurück, mit der wir seit einigen Jahren in verschiedenen Projekten zusammenarbeiten. Das ist die NGO, die ja aktuell leider wieder in der Presse ist, weil ihr zivil betriebenes Rettungsschiff „Sea-Watch 3“ keinen italienischen Hafen anlaufen darf. Sea-Watch verfügt über eine Liste, die alle bekannten Namen von auf der Flucht im Mittelmeer Ertrunkenen auflistet – dabei sind allerdings auch jede Menge Menschen, deren Namen und Identität nie bekannt wurden.“

Dirk Baumann (Schauspiel Dortmund): „Mit der Idee sind wir bei Seebrücke Dortmund und einem breiten Bündnis aus Kirche und Gesellschaft auf offene Ohren gestoßen. Ohne ein breites Bündnis wäre so eine große Aktion auch gar nicht zu schaffen. Als Schauspiel sehen wir uns in der Pflicht zivilgesellschaftlich und auch politisch zu wirken, indem wir die Besucher*innen des Kirchentages und andere Interessierte dazu aufrufen, aktiv zu werden, indem sie die unsichtbaren Schicksale sichtbar werden lassen.“

Was können Interessierte/Engagierte tun? Was passiert konkret?

Dirk Baumann (Schauspiel Dortmund): „Jede*r Interessierte*r kann einen oder mehrere Namen von auf der Flucht Ertrunkenen auf eines der Banner schreiben – und sie damit dem Vergessen entreißen. Schicksale, bei denen die Namen nicht bekannte sind, notieren wir das Ereignis und die Anzahl der Todesopfer. Das sind eine Menge.“

Was wollen Sie mit der Aktion erreichen? Was sind Ihre Forderungen?

Paul Gerhard Stamm (SEEBRÜCKE Dortmund): „Für uns, die SEEBRÜCKE-Aktivist*innen, ist es unerträglich, dass wir die Deklaration der Menschenrechte und das Grundgesetz feiern, während gleichzeitig im Mittelmeer die Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Seenotrettung ist Menschenrecht – in unseren Augen.
Gemeinsam mit vielen Verantwortlichen aus Kommunen, Kirchen und der Zivilgesellschaft meinen wir:
1.    2019 darf nicht zu einem verlorenen Jahr für die Seenotrettung im Mittelmeer werden.
2.    Die Kriminalisierung der zivilen Seenotrettung muss ein Ende haben. Jetzt!
3.    Seenotrettung muss auch eine staatliche Aufgabe bleiben. Was ist aus der europäischen Seenotrettung geworden? Deutschland sollte hier ein Zeichen setzen und Schiffe entsenden!
4.    Wir brauchen noch in diesem Sommer eine politische Notlösung, einen vorübergehenden Verteilmechanismus für Bootsflüchtlinge. Viele Städte und Kommunen in Europa wollen „Sichere Häfen“ sein! Lassen wir das Realität werden!
5.    Wir brauchen in der EU eine „Koalition der Willigen“, die jetzt handelt. Und eine zukunftsfähige Migrationspolitik entwickelt. Denn Menschen ertrinken lassen oder in die Lager Libyens zurückschicken, kann keine Option für Europa sein.“

Wie können sich Gemeinden und Kirchenmitglieder konkret in der Seenotrettung (auf dem Mittelmeer) engagieren?

Dr. h.c. Annette Kurschus (Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen): „Die Menschen, die in Booten und Lagern hocken; die Seenotretter, die kriminalisiert werden; die Politikerinnen und Politiker, die helfen oder helfen könnten: Sie alle brauchen unsere Aufmerksamkeit, unsere Solidarität, unseren Protest. Die Situation im Mittelmeer darf nicht aus unseren Gedanken, nicht aus den Medien, nicht aus unseren Gebeten und Gottesdiensten verschwinden – solange, bis sich wirklich etwas ändert. Ich bitte jeden und jede Einzelne, ich bitte unsere Gemeinden und Kirchenkreise: Bleiben Sie unruhig, halten Sie Barmherzigkeit wach und Protest lebendig. Auch nach dem Kirchentag. Unterstützen Sie – wo es geht – die Hilfsorganisationen wie Sea-Watch, Pro Asyl und Mediterranean Hope! Bitten Sie die Europaparlamentarier und Bundestagsmitglieder aus Ihrer Region, sich stärker für die Seenotretter und einen kurzfristigen Verteilmechanismus mit deutscher Beteiligung einzusetzen! Damit das Sterben im Mittelmeer endlich ein Ende hat.“


Ablauf

Donnerstag, 20. Juni 2019
22:30 – 23:30
Politisches Nachtgebet in der Reinoldikirche

Freitag, 21. Juni 2019
10:00 – 18:00
Platz der Alten Synagoge/Opernplatz: Beschriftung des Banners und Begleitausstellung zum Thema Flucht

Samstag, 22. Juni 2019
10:00 – 17:00
Platz der Alten Synagoge/Opernplatz: Beschriftung des Banners und Begleitausstellung zum Thema Flucht

17:00 – 18:00
Abschlussprogramm auf dem Platz der Alten Synagoge/Opernplatz

18:00 – 19:00
Trauermarsch zur Reinoldikirche und Hängung der Banner

IM IRRGARTEN DES WISSENS – LISTE DER TEXTE

Im Irrgarten des Wissens

Verzeichnis der Textquellen

 

Vor dem Haus:
Im Biergarten des Wissens
Performance von und mit Christian Freund und Ekkehard Freye

 

Chronologisch auf der Bühne:

1)        Ensemble: Schöpfungsmythen aus u.a. Grönland, Benin, der Najavo-Kultur, Borneo, Finnland…

2)        Bérénice Brause: Durch die Stadt und durch die Zeit

Text von Bérénice Brause

3)        Alexandra Sinelnikova: Danke, Deutschland

            Text von Matthias Seier

4)        Frieder Langenberger: Das Leben des Vernon Subutex 1

            Text von Virginie Despentes

5)        Andreas Beck: Zurück zum Nichts

            Text von Mikael Torfason

6)        Marlena Keil: Sicherheitseinweisungen

            Text/Improvisation von Marlena Keil

7)        Uwe Schmieder: Gleich werden wir noch…

            Text von Anne-Kathrin Schulz          

8)        Christian Freund: Die Bibliothek von Babel

            Text von Jorge Luis Borges

9)        Alexandra Sinelnikova: Heimat in jedem siebten Ei / Aufstand der Medusen

            Text von Alexander Kerlin / Matthias Seier

10)      Andreas Beck: Hass auf den Urknall

            Text von Anne-Kathrin Schulz

11)      Marlena Keil: Die Sommerfrau und der Wintermann

            Text von Terry Pratchett

12)      Friederike Tiefenbacher: Stille/Chaos

            Text von Friederike Tiefenbacher und Mikael Torfason

13)      Uwe Schmieder und Merle Wasmuth: Adam und Eva in der Wanne

            Text von Mikael Torfason

14)      Ekkehard Freye: Neue Formen der Vergemeinschaftung

            Text von Achille Mbembe

15)      Uwe Schmieder: Gleich werden wir noch… II

            Text von Anne-Kathrin Schulz

16)      Uwe Schmieder: 4‘33‘‘

            Performance nach John Cage

17)      Uwe Rohbeck: Brief an Daniels Mutter

            Text von Mikael Torfason

18)      Dortmunder Sprechchor: Trauerrede für Lilli Fehr-Rutter

            nach einer Trauerrede von Jochen Hering

19)      Caroline Hanke: Stammbaum der Familie

            Text von Caroline Hanke

20)      Frieder Langenberger: Brief von Oma

            Text von Sigrid „Ama“ Jipp

21)      Andreas Beck: Der oberste Sowjet hat nichts gegen ein Gastspiel von Udo Lindenberg in der DDR!

            Text von Andreas Beck

22)      Uwe Rohbeck: Was wäre wenn?

            Text von Uwe Rohbeck

23)      Ekkehard Freye: Rede auf der UN-Klimakonferenz Kattowitz 2018

            Text von Greta Thünberg

24)      Christian Freund: Brief an mein Patenkind Kai Frederik

            Text von Alexander Kerlin

25)      Mario Lopatta: Vorbereitungen zur Geburtstagsfeier meines Onkels

            Text von Mario Lopatta

Interview ohne Worte: Frank Genser über NORWAY TODAY

Am 26. Januar feiert NORWAY TODAY Premiere – das legendäre Stück von Igor Bauersima mit Alexandra Sinelnikova als Julie und Frieder Langenberger als August.

Regie führt Frank Genser, seit 2011 festes Ensemblemitglied am Schauspiel Dortmund und erstmals als Regisseur zu sehen. Vor der Premiere haben wir ihm 10 Fragen über seine ersten Erfahrungen als Regisseur sowie über das Stück gestellt – mitsamt der Forderung, kein Wort sagen zu dürfen. Frank Genser, sagen Sie jetzt nichts.


Frank Genser, seit über 20 Jahren stehen Sie auf der Bühne. Jetzt haben Sie erstmals ein Theaterstück inszeniert. Was ist der größte Unterschied zwischen Ihnen als Schauspieler und Ihnen als Regisseur?

 

Weshalb haben Sie sich bei Ihrem Regiedebüt für das Stück norway.today entschieden?

 

Die Figuren Julie und August treffen sich online und verabreden sich zum gemeinsamen Selbstmord auf einer 600m hohen Felskante in Norwegen. Wie würden Sie am Rand der Klippe in den Abgrund schauen?

 

Hat das Stück Ihrer Meinung nach ein Happy End?

Das Stück ist ein immerwährender Kampf zwischen Todessehnsucht und Lust aufs Leben. Aber was lohnt sich am Leben?

 

Julie und August lernen sich im Netz kennen. Zu dem Thema: was ist Ihre persönliche Social Media-Strategie, Herr Genser?

 

Alexandra Sinelnikova und Frieder Langenberger sind beides noch junge Schauspiel-Kollegen. Wie war Frank Genser als Schauspielschüler?

 

Jeder Regisseur hat Macken auf der Probe. Aber was ist Ihre?

 

Beschreiben Sie bitte Ihren Humor mit einer einzigen Geste.

 

Wie wird es Ihnen am Tag der Premiere um 19.55 Uhr gehen – fünf Minuten vor Beginn?


Alle Infos und Termine zu norway.today auf unserer Website.

WIR SIND VIELE – JEDE*R EINZELNE VON UNS!

Die NRW-Erklärung der Vielen


Kunst schafft einen Raum zur Veränderung der Welt.

Als Kulturschaffende in Deutschland stehen wir nicht über den Dingen, sondern auf einem Boden, von dem aus die größten Staatsverbrechen der Menschheitsgeschichte begangen wurden. In diesem Land wurde schon einmal Kunst als entartet diffamiert und Kultur flächendeckend zu Propagandazwecken missbraucht. Millionen Menschen wurden ermordet oder gingen ins Exil, unter ihnen auch viele Kunstschaffende.

Heute begreifen wir die Kunst- und Kultureinrichtungen als offene Räume, die Vielen gehören. Unsere Gesellschaft ist eine plurale Versammlung. Viele unterschiedliche Interessen treffen aufeinander und finden sich so im Dazwischen. Demokratie muss täglich neu verhandelt werden – aber immer unter einer Voraussetzung: Es geht um Alle, um jede*n Einzelne*n als Wesen der vielen Möglichkeiten! Der rechte Populismus, der die Kultureinrichtungen als Akteur*innen dieser gesellschaftlichen Vision angreift, steht der Kunst der Vielen feindselig gegenüber. Rechte Gruppierungen und Parteien stören Veranstaltungen, wollen in Spielpläne eingreifen, polemisieren gegen die Freiheit der Kunst und arbeiten an einer Renationalisierung der Kultur.

Ihr verächtlicher Umgang mit Menschen auf der Flucht, mit engagierten Kulturschaffenden, mit allen Andersdenkenden verrät, wie sie mit der Gesellschaft umzugehen gedenken, sobald sich die Machtverhältnisse zu ihren Gunsten verändern würden.

Wir als Unterzeichnende der NRW Kunst- und Kultureinrichtungen, ihrer Interessensverbände und freien Kunst- und Kulturschaffenden begegnen diesen Versuchen mit einer klaren Haltung:

• Die unterzeichnenden Kunst- und Kulturinstitutionen führen den offenen, aufklärenden, kritischen Dialog über rechte Strategien. Sie gestalten diesen Dialog mit Mitwirkenden und dem Publikum in der Überzeugung, dass die beteiligten Häuser den Auftrag haben, unsere Gesellschaft als eine demokratische fortzuentwickeln.
• Alle Unterzeichnenden bieten kein Podium für völkisch-nationalistische Propaganda.
• Wir wehren die illegitimen Versuche der Rechtsnationalen ab, Kulturveranstaltungen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.
• Wir verbinden uns solidarisch mit Menschen, die durch eine rechtsextreme Politik immer weiter an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.

Rassismus ist Alltag. Rechtsextremismus ist ein Symptom davon. Dieses Bündnis will nicht nur Symptome bekämpfen, sondern in die Tiefe wirken. Wir setzen uns deswegen mit den eigenen Strukturen auseinander und stellen diese zur Verhandlung. Wir müssen die Kunst- und Kulturräume sowie unsere Gesellschaft öffnen, damit wir wirklich Viele werden!

Solidarität statt Privilegien. Es geht um Alle. Die Kunst bleibt frei!