ERWACHET!

„ERWACHET!“

„Wir leben im Zeitalter der Troll-Politik, die ist total theatralisch“: Arne Vogelgesang über Propaganda im Netz und das Internet als grenzenlose Bühne


Arne Vogelgesang (*1977) studierte Regie am Max-Reinhardt-Seminar in Wien. 2005 gründete er das Theaterlabel internil, seitdem erarbeitete er unter diesem Namen freie Theater- und Performanceprojekte in Wien, Leipzig und Berlin, zuletzt vor allem mit Internet- und Software-Material.

Was bist du von Beruf? Archivar? Forscher? Politologe? Künstler? Mein Studienabschluss sagt, dass ich Regisseur bin. Aber ich sitze viel mehr vor dem Computer als im Theater. Das ist natürlich kein Beruf, eher ein Zustand. Irgendwo zwischen Bühne und Com­puter liegt also mein Profil.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag von Dir aus? Ich bin freischaffend, da ändern sich die Struk­turen ständig. Es gibt Phasen, da schlafe ich kaum, arbeite pausenlos. Texte, Bilder, Videos sortieren, schneiden und verbinden. Vorher muss ich das Material natürlich erstmal finden, also surfen, surfen, surfen. Facebook und Twitter sind z.B. wichtige Anlaufstellen. Ich habe mehrere Accounts in verschiedenen Filterblasen. Ständig stößt man auf etwas Neues. Über manche Entdeckung freue ich mich richtig. Entweder, weil sie wie ein Puzzlestück in einen meiner Zusam­menhänge passt. Oder weil sie derartig skurril ist, dass sie für sich alleine stehen kann. Solche Sachen, bei denen man denkt: Das kann nicht sein, dass jemand tatsächlich so etwas produziert hat. Dass es das wirklich gibt.

„Den Topos des politischen Erwachens findest Du quer durch alle Lager, von der Mitte bis ins Extrem. Aber in welcher Realität wacht man auf, wenn man dann aufwacht?“

Was ist Propaganda? Ich würde sagen: der Versuch, andere zu politischen Zwecken zu beeinflussen. Viele andere. In diesem Sinn gibt es das wahrscheinlich erst seit der Entste­hung der Massenkultur, Propaganda richtet sich nie nur an einzelne. Auch Werbung ist deswegen natürlich Propaganda. Die politische Botschaft ist da nur häufig schlechter zu erkennen, weil sie so Mainstream ist oder wir immer noch denken, es würde um Schuhe gehen, wenn eine Firma sagt: „Sei extrem“ oder „Sei du selbst“.

Und was ist Populismus? Wenn Politiker so sprechen, dass möglichst viele Menschen schnell „ja“ dazu sagen können. Tun das nicht die meisten? Für meinen Bereich spielt das aber kaum eine Rolle, weil ich Parteipolitik nur am Rande streife. Mich interessieren die sogenannten normalen Leute.

 

Die flammenden Köpfe, die Du über die Jahre gesammelt hast, sind sehr unterschiedlich in ihrer Ideologie. Aber sie sind sich in zwei rhetorischen Figuren alle ähnlich: Das politische Establishment muss weg, und die Menschen müssten endlich „aufwachen“. Kann man das so sagen? Ich interessiere mich ja nicht für die, die sagen: „Halt doch mal den Ball flach, ist doch super, wie es läuft“. Deshalb überrascht es nicht, dass fast alle meiner Köpfe mit der politischen Klasse aufräumen wollen. Aber den Topos des „Erwachens“ findest Du tatsächlich quer durch alle Lager, von der mittigsten Mitte bis ins äußerste Extrem. Anfang diesen Jahres gab es im „Tagesspiegel“ ein Interview mit Dunja Hayali und Anja Reschke über Wut und Hassmails. Was geschieht, wenn man den „rechten Volkswillen“ kritisiert? Und am Ende sagen sie sinngemäß: Das mit der er­starkenden AfD sei auch irgendwie gut, weil jetzt endlich die schweigende Mitte aufwache. Aber es kommt darauf an, in welcher Realität man aufwacht, wenn man aufwacht. Oder in welche Realität man die anderen aufwecken will. Und was dann da getan werden soll. Rechte Ver­schwörungsfans reden gerne von den „Schlaf­schafen”, die nur der Werbung hinterher trotten. Deswegen ist der Film MATRIX von den Wachowski-Geschwistern bei Verschwörungsfans auch so be­liebt: die Idee, dass plötzlich einer erkennt, dass wir alle gesteuert werden, dass alles manipuliert ist. Und den Kampf aufnimmt. Das wird dann als Erweckungserlebnis beschrieben, und als nächs­tes produziert man z.B. ein Video, in dem man genau das sagt – im Internet, in dem man weder schlafen noch wach sein kann.

Das Internet ist eine Bürgerbühne. Eher eine Landschaft von unfassbar vielen Bürgerbühnen. Das ist ein Bild dafür, dass die alte Vorstellung von der Bühne im Herzen der Stadt, auf der sich die Polis repräsentiert sieht, immer weniger Sinn macht. Das gilt auch für Parlamente. Es gibt immer weniger Menschen, für die Repräsentation funktioniert. „Wir sind das Volk“ ist auch ein Ausdruck davon, dass man höchstens noch daran glaubt, sich selbst reprä­sentieren zu können. Und je mehr sich die Leute an das Tempo im Netz gewöhnen, desto mehr haben sie das Gefühl, dass die demokratischen Institutionen viel zu langsam sind für sie. Das ganze Aushandeln, Kompromisse schließen, und dann kann ich nicht mal mitreden. Dann lieber Volksentscheidungen oder Revolution. Im Netz sind die Menschen scheinsouverän, da lässt sich das alles prima träumen.

„Das Internet ist eine Landschaft unendlich vieler Bürgerbühnen. Deswegen ergibt die alte Vorstellung von der Bühne im Herzen der Stadt, die die Polis repräsentiert, auch immer weniger Sinn.“

Du hast einmal gesagt, 2011 wäre das Inter­net in die Politik eingebrochen. Das ist natürlich meine spezielle Erzählung. Der „Arabische Frühling“, die Geschwindigkeit der Aufstände. „Occupy Wall Street“, die sich der Mit­tel der spanischen „Indignados“ bemächtigten. Deutschsprachige Islamisten starteten mit Video­botschaften im großen Stil Rekrutierungswellen. Und ein seltsamer Teil des Internets schwappte auf die Straße, „Anonymous“-Masken tauchten auf Demos auf, Rechte begannen mit Straßentheater und harmloser wirkenden Protest-Aktionen, die einen Meme-Charakter hatten. Das heißt, sie waren absichtlich leicht kopierbar, um damit potentiell eine Massenbewegung auszulösen. Und dann An­ders Breivik, der sich quasi aus dem Internet in die Realität gebombt und geschossen hat: eine Art von Guerilla-Marketing für sein „Manifest“, dass zum großen Teil mit Copy & Paste kompiliert ist.

Warum ist es so immens wichtig geworden, die Kulturtechnik des Kopierens gut zu ver­stehen? Man spricht heute viel von der „Ent­wendung der Mittel“, das heißt, dass die ehe­mals klaren Erkennungszeichen politischer Ideologien frei flottieren. Ich glaube, alle Begriffe erodieren. Wir ordnen die Welt nicht mehr sprachlich. Und wir haben erhebliche Zweifel am Sinn des Versuches, die Welt überhaupt zu begreifen. Es läuft ein ande­res Spiel im Moment. Das Argument, das der politische Gegner benutzt, kann ich ihm einfach zurück um die Ohren pfeffern. Es ist egal, was es bedeutet. Entscheidend ist der Effekt, den ein Satz auslöst. Kann ich damit etwas bewirken, z.B. meinem politischen Gegner schaden? „Du nennst mich Nazi? Du Nazi!“ – das ist Trollpolitik, die ist total theatralisch.

„Das Argument, das der politische Gegner benutzt, kann ich ihm einfach zurück um die Ohren pfeffern. Es ist egal, was es bedeutet. Entscheidend ist der Effekt, den ein Satz auslöst.“

Siehst Du in so einer Diagnose nicht auch die Gefahr von Relativismus? Macht Rechts oder Links nicht doch einen Unterschied? Ich bin jemand, der lieber mit dem Zweifel ar­beitet als mit der Beruhigung. Natürlich gibt es sehr unterschiedliche politische Lager und Hand­lungsräume. Natürlich kannst du dich auch in den gegenwärtigen Verhältnissen konkret ver­halten. Tun ja auch viele. Man kann der Neuen Rechten nun wirklich nicht nachsagen, dass sie keine Haltung hätte. Aber vom Theater aus ge­dacht ist eine Haltung dann erkennbar und von Bedeutung, wenn sie in einem konkreten Raum stattfindet. Wo es keinen begrenzten Raum mehr gibt, werden Haltungen austauschbar, weil ihr Ort nur noch eine Frage von Definitionen ist. Paradoxerweise nutzen diese grenzenlose Frei­heit diejenigen momentan weit besser aus, die mehr Grenzen fordern.

Was ist das für ein Raumverlust, von dem Du da sprichst? Das ist die Erfahrung im Netz. Da gibt es keinen Raum und auch keine Zeit. Oder zumindest etwas anderes als geregelte Zeit. Auch der eigene Körper verschwindet teilweise. Es ist ein poten­tiell grenzenloses Gebilde, man ist unterwegs von Link zu Link, Kreuzung zu Kreuzung. Der alte Begriff „surfen“ macht schon Sinn. Das Ende kommt nur, wenn du erschöpft bist oder die Welle alle ist. Aber im Internet ist die Welle nie alle. Weil alle die Welle sind.


Flammende Köpfe: Premiere am 25. März, weitere Aufführungen am 1. und 30. April, mehr Termine folgen.

KLEINES WHO IS WHO DES TRUMPISMUS

Wie wurde Donald Trump zu dem, wer und was er ist? Und wie wurde unsere politische Landschaft zu der, die sie ist? Das Stück „TRUMP“ von Mike Daisey versucht, einzelne Aspekte Trumps in den Blick zu nehmen – durch biografische und historische Anekdoten, durch eigene Theorien und Praxisbeispiele. Dabei stets im Text vorhanden: ein kraftvoller Zorn, eine analytische Schärfe und ein schlagfertiger Humor.

Die Figuren, die im Text auftauchen, sind zahlreich. Deshalb wollen wir hier im Blog Hintergrundinfos zu diesen im Text auftauchenden Unterstützern, Wegbereitern und Phänomenen Trumps liefern.


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„ICH BIN ZURZEIT ABSOLUT TRUMP-SÜCHTIG“

„Ich bin zurzeit absolut Trump-süchtig“

5 Fragen an TRUMP-Regisseur Marcus Lobbes

Marcus Lobbes arbeitet seit 1995 als Regisseur und Ausstatter in Musik- und Sprechtheater mit über 60 Produktionen in über 20 Städten. (Foto: privat) 

Eine der Herausforderungen bestand darin, dass dieser Text von Mike Daisey natürlich aus einem amerikanischen Blickwinkel für amerikanisches Publikum geschrieben wurde – also voller Anspielungen und Insider, mit denen nicht jeder hier so vertraut sein könnte. Wie hast du versucht, diesen Text auch für ein europäisches, für ein deutsches Publikum zu öffnen? Wie sehr musstest du Kompromisse eingehen?

Zum Glück haben wir eine hervorragende Übersetzung von meinen zwei großartigen Mitarbeitern bekommen. Wir haben dann bei der Erstellung der Spielfassung stets das deutsche Publikum im Blick gehabt, und so manche uns eher fremde Themen oder Anspielungen im Text nicht übernommen. Zum anderen bin ich persönlich kein besonderer Freund des „Erklärbär“-Theaters. Wenn sich eine Menschenmenge von 100 Menschen versammelt, dann gibt es genug Allgemeinwissen im Publikum, dass der eine mal das eine und der andere das andere erkennt und versteht. Und solange man quasi die „Big Points“ des Abends nicht versemmelt, ist das letztlich für einen Abend auch gar nicht so überlebensnotwendig, dass man jedes Motiv und jeden Witz in der Gänze versteht. Außerdem – und das ist ja auch der Grund für unsere Bühneneinrichtung – ist es nicht bloß eine reine Hörveranstaltung, in der man dem Autoren sehr konzentriert zwei Stunden lang dabei zuhören muss, wie er durch die eigene Kultur mäandert. Stattdessen wird man hier ja direkt anmoderiert und man bekommt auch viel Hilfestellung durch Andreas Beck und Bettina Lieder, die das Publikum durch den Abend führen – nicht nur wörtlich, sondern auch szenisch. Und das war auch einer meiner ersten Grundinstinkte: Es muss schon sein, dass man die Zuschauer an die Hand nimmt, damit sie den ganzen Weg des Stücks und des Themas mitgehen können.

Ich hatte bei Proben mit Testpublikum auch immer das schöne Gefühl, dass sich die Zuschauerschaft nach einer Weile auch wirklich als Gemeinschaft versteht: man ist kollektiv dazu eingeladen, sich 90 Minuten lang Gedanken über Trump und die Lage zu machen – ausgehend von den beiden Schauspielern, die einem dabei an die Hand nehmen. Das ist ein schönes Gefühl angesichts der Apathie und Resignation, die einem allerorten zurzeit entgegenweht.

Ein entscheidender Faktor an der Bühne ist, dass man sich hier nicht im Dunkeln empört – also wie heute im Netz, allein mit seiner Wut, ohne dass es jemand mitbekommt. Und zum anderen amüsiert man sich auch nicht im Dunkeln – wenn man über einen Gag des Abends lacht, kriegen es die anderen Zuschauer auch direkt mit. Und das schafft natürlich immer erstmal eine Art von gemeinschaftlichem Verständnis. Obwohl wir natürlich nicht stets davon ausgehen können, dass wir eine politisch amorphe Masse im Publikum haben – bestimmt werden diverse Ansichten im Raum herrschen. Sicherlich werden auch Menschen kommen, die nicht gegen Trump und trumpistisches Gedankengut sind – vermutlich werden sie nicht viele sein, aber es wird sie geben. Und da finde ich diese fast antike Situation, in der man sich gemeinschaftlich orientiert, weitaus spannender und fruchtvoller als das Zurückziehen in ein dunkles Erdloch, aus dem man nachschaut, wo die Sonne scheint.

Hast du persönlich mittlerweile einen medialen Umgang mit Trump gefunden, der akzeptabel ist? Ich denke mir ständig: „Ok, die Scheißschlagzeile ignoriere ich jetzt, sonst werde ich wahnsinnig.“ Und dann fragt man sich, ob Ignorieren die Lösung ist. Und dann denkt man: Das könnte ja aber auch bloß wieder eine Nebelkerze sein. Und dann denkt man: Aber auch Nebelkerzen können wichtig sein. Und dann, und dann, und dann… es ist ein endloser Feedback-Loop. 

Ich bin gespannt, wie es auf lange Sicht bei mir sein wird, auch nach den Proben für TRUMP. Denn zurzeit bin ich absolut trump-süchtig. Das erste, was ich morgens mache, ist das Einschalten von Nachrichtensendern  – welchen Irrsinn gibt es heute wieder? Und ich gehe mittlerweile auch direkt davon aus, dass es Irrsinn sein wird. Als neulich nach der ersten Rede vor den beiden Häusern im Kongress Kommentatoren anmerkten, dass Trump sich erstmals präsidentiell und würdevoll verhalten habe, dann war ich in dem Fall fast schon enttäuscht, dass es keine neuen Skandale und Beklopptheiten gab. Und dennoch gab es in dieser Rede ja laut Journalisten 51 Lügen in 61 Minuten – das ist auch für Trump ein ordentlicher Schnitt. Die Trump-Abnutzungserscheinungen spüre ich zurzeit bei mir eher im Comedy-Bereich. Ich fand das erste „America First – Europe Second“-Video noch lustig, aber mittlerweile gibt es ja vierzig davon! Die schau ich mir nicht mehr an, die klick ich einfach sofort weg. Neulich sah ich auch eine Kabarettsendung im Fernsehen, mit Dieter Nuhr und Konsorten. Nach wohl fünf Minuten Vortrag über Trump musste ich abschalten. So witzig fand ich es dann auch wieder nicht.

Im Vorfeld deiner Inszenierung wurden wir öfters von Journalisten und Zuschauern gefragt, ob Bettina die Rolle von Hillary oder Melania Trump und Andreas die Rolle von Trump spielen wird. Es gibt also zurzeit diesen Wunsch, Trump darstellbar zu machen. Aber auch bei den sehr beliebten Parodien – beispielsweise bei Saturday Night Live – äußert sich Kritik: indem man diese Menschen wie Stephen Bannon zu Comedy-Figuren überhöht, verstelle sich der Blick auf ihre wahre, echte, eigene Meinung und ihr Handeln.

In den letzten zwei Jahrzehnten gab es auch im Theater immer mehr Erwartungsdruck von außen. Hier ist die Erwartungshaltung nämlich erstmal, dass wir Teil der Unterhaltungsindustrie sind. Dass natürlich etwas Lustiges hier vorkommen wird. Dass man gemeinschaftlich rausgehen und befreiend „Ach ja, die blöden Amis!“ lachen kann. Dabei würde aber völlig in den Hintergrund treten, wie dem Zuschauer selbst es mit diesem Thema geht, wie es uns als Gesellschaft in der Gegenwart damit ergeht. Und da haben wir doch ganz ernste Probleme – auch anhand dieses Texts. Natürlich nehmen wir das Publikum an die Hand und verschrecken es auch nicht, man soll ja auch lachen am Abend, doch die Botschaft zum Schluss ist mindestens so düster wie der Abend „hell“ hier am Haus düster ist.

Die Hälfte der Leute meint derzeit, Amerika ist Trump hündisch ergeben. Und die andere Hälfte meint: Leute, der wird kein Jahr durchhalten, der wird zurücktreten müssen oder so. Was siehst du in den nächsten Monaten oder Jahren, wenn du in deine persönliche Zauberkugel guckst?

Die Hoffnung ist ja stets, dass Schreckensgestalten bald wieder von uns weichen. Doch so ein Impeachment-Verfahren – also dass man dem Präsidenten das Vertrauen entzieht und er zum Rücktritt gezwungen wird – besitzt derzeit enorm wenige Chancen. Und da stellt sich wieder die Frage der Gewöhnung: Es müsste ein noch unfassbarerer Skandal geschehen als es schon dutzende unfassbare Skandale gab – und da bin ich extrem pessimistisch! Ich kann mir einfach kein Szenario mehr vorstellen, außer er klaut vielleicht die Löffel aus der Kantine. Dass jetzt der nächste Bundesminister, Jeff Sessions, bei der Befragung unter Eid gelogen hat – was soll man da noch sagen? Wenn das alles so ohne Weiteres durchgewunken werden kann, dann wird es einfach so weitergehen. Und eventuell sogar schlimmer werden.

DAS PHÄNOMEN TRUMP ERZÄHLEN

Der zurückliegende US-Präsidentschaftswahl endete am 9. November 2016 mit einer Sensation: Donald Trump ist neuer Präsident der Vereinigen Staaten.

Prompt folgten erste europäische Glückwünsche von Rechtsaußen  – Frauke Petry („Dieses Wahlergebnis macht Mut für Deutschland und Europa“), Marine Le Pen, BREXIT-Kämpfer Farage, Viktor Orbán, Geert Wilders, getoppt vom italienischen Populisten Beppe Grillo, der wortgewaltig mit „Das ist der Zusammenbruch einer Epoche“ gratulierte.

Wie konnte es soweit kommen? Mike Daisey (Die Agonie und die Ekstase des Steve Jobs) erforscht in seinem neusten Theaterstück den Aufstieg Donald Trumps und die politische Selbstvergiftung des wichtigsten europäischen Bündnispartners. Im Echoraum die Frage: Ist es nur Amerikas Demokratie, die immer toxischer wird?

Mike Daisey (*1976), amerikanischer Performer und Autor von über zwanzig Bühnenprogrammen, wurde weltweit bekannt mit seinem Erfolgsmonolog Die Agonie und die Ekstase des Steve Jobs, der am Schauspiel Dortmund 2012 in der Regie von Jennifer Whigham seine Deutschsprachige Erstaufführung erlebte und bisher über 40 mal gespielt wurde. Mit TRUMP (Originaltitel: The Trump Card) präsentiert das Schauspiel Dortmund nun die zweite Deutschsprachige Erstaufführung eines Textes von Mike Daisey in Dortmund.


Vier Fragen an Regisseur Marcus Lobbes und Dramaturgin/ Übersetzerin Anne-Kathrin Schulz

 „Trump“ wurde kurzfristig in den Spielplan aufgenommen?
ANNE-KATHRIN SCHULZ
Das stimmt. Als wir das Stück im Spätherbst 2016 wenige Tage nach der verhängnisvollen Wahl gelesen haben, war uns sofort klar, dass wir es dem Publikum in Deutschland möglichst schnell präsentieren wollen, und zwar noch in der laufenden Spielzeit hier am Schauspiel Dortmund. Autor Mike Daisey ist bekannt dafür, immer aktuelle Themen der Zeit ins Visier zu nehmen – er wechselt dabei oft die Blickrichtung, geht auch stark in besondere Nahaufnahmen, und das macht seine Texte nachdenklich und unterhaltsam zugleich.

Im amerikanischen Original hat Mike Daisey den Text als Monolog aufgeführt. Wie wird es in Dortmund?
SCHULZ Während Mike Daisey selber seine Monologe immer an einem Tisch sitzend performt, werden bei Marcus Lobbes‘ Deutschsprachiger Erstaufführung die Schauspieler Andreas Beck und Bettina Lieder die Zuschauer in einem Bühnenraum empfangen. Autor Mike Daisey ermutigt die Theater generell immer dazu, ihren eigenen Weg durch einen Text von ihm zu entwickeln, sowohl was Stückfassung als auch Bühnensetting, Bühnengeschehen oder die Besetzung angeht. Das war schon bei „Die Agonie und die Ekstase des Steve Jobs“ so. Mike Daisey stellt seine Texte tatsächlich open source zur Verfügung.

Aus „The Trump Card“, so der Originaltitel, wird in Dortmund „TRUMP“?
SCHULZ Im englischen Originaltitel „The Trump Card“ schwingt eine schöne Doppeldeutigkeit – dem Nachnamen „Trump“ und dem Begriff „the trump card“, die Trumpfkarte in einem Kartenspiel. Wir haben natürlich über eine direkte Übertragung des Titels ins Deutsche nachgedacht, z.B. mit eingeklammertem f, uns aber letztendlich anders entschieden. Im Stück werden viele verschiedene Aspekte eines Phänomens beleuchtet, die Geschichte eines Mannes, der als Geschäftsmann über viele Jahre seinen Nachnamen erfolgreich zu einer Marke aufgebaut hat und heute Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist. So kamen wir zu unserem Titel: „TRUMP“.

Die Marke Trump –  Marcus Lobbes, im Deutschlandfunk sprachen Sie neulich darüber, was für einen spürbaren Stellenwert das Thema ‚finanzieller Erfolg‘ im zurückliegenden amerikanischen Wahlkampf hatte.
MARCUS LOBBES Es gibt für die ‚Bewegung Trump‘ nichts, was sie bewegt, außer, dass ein Mann sich hinstellt und sagt: ‚Mein Reichtum zeigt, dass ich ein Garant des Erfolges sein kann. Und ich werde jetzt gucken, dass alle daran teilhaben können, die mit mir sind.‘ Und das als Aussage ist Partisanentum innerhalb der politischen Landschaft. Es geht politisch nicht darum, wie man einen Ausgleich zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen schaffen oder Kooperation stärken kann, sondern, wie man propagiert, dass jeder jetzt auf sich schaut.


Weitere Infos und Tickets

BILDER UND IHRE ECHOS

bilder und ihre echos

das sehen und das phänomen der nachbilder

Unser Sehvermögen ist das Ergebnis wundersamer Vorgänge zwischen Physik und Biochemie. Wenn Licht ins Auge fällt, strahlt es durch Hornhaut, Pupille und Linse und wird auf diesem Weg so präzise durch den Glaskörper gelenkt, dass es genau einen besonderen Punkt auf der Netzhaut trifft – den des schärfsten Sehens. Dort ist sie am höchsten, die Konzentration der elektrochemischen Wunderwerke, die wir Sehzellen oder Fotorezeptoren nennen. Grob sortiert schauen wir hier auf zwei Gruppen: „Stäbchen“ (für hell und dunkel) und „Zapfen“ (für das Sehen von Farben). Von letzteren haben wir drei Sorten – empfindlich entweder für rötliche, bläuliche oder grünliche Lichtwellen. Der Goldfisch hat noch eine vierte Zapfenart, genau wie viele Vögel: Sie können auch Lichtwellen aus dem UV-Bereich sehen – ob ihre Welt farbiger ist als die unsere? Das menschliche Auge jedenfalls kann tagsüber viele Millionen verschiedene Farbnuancen wahrnehmen. Nachts sind alle Katzen grau. BILDER UND IHRE ECHOS weiterlesen

DIE BILDER DES VERSCHWUNDENEN WESENS

„die bilder des verschwundenen wesens“

eine kleine kulturgeschichte der toten in der fotografie


du schnell vergehendes daguerrotyp in meinen langsamer vergehenden händen
rainer maria rilke: jugendbildnis meines vaters, 1888

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BORDERLINE PROZESSION GOES THEATERTREFFEN!

 

Wir freuen uns sehr: Das Schauspiel Dortmund ist mit DIE BORDERLINE PROZESSION von Kay Voges, Dirk Baumann und Alexander Kerlin (Regie: Kay Voges) zum 54. Berliner Theatertreffen eingeladen! Die Mitglieder der Theatertreffen-Jury haben aus 377 Inszenierungen die „10 bemerkenswertesten Inszenierungen“ ausgewählt. Das Theatertreffen findet vom 5. bis zum 21. Mai in Berlin statt.

In der Begründung der Theatertreffen-Jury heißt es:

Eine Musik-, Kunst-, Theater- und Filminstallation: philosophisches Totaltheater. Kay Voges vermisst die heutige Welt als rasend Bilder ausspeiende Maschinerie und lotet ihre Auswirkungen auf moderne Bewusstseinszustände aus. Die Zuschauer*innen haben unterschiedliche Einblicke in den gewaltigen 10-Zimmer-Gebäudekomplex in gediegenem Retro-Mittelstands-Schick. Sie sehen atmosphärische Stillleben, inspiriert von Künstlern wie Edward Hopper oder Gregory Crewdson, können sich geistig selbst bedienen aus dem darüber laufenden Musik-Medley und Zitatengewitter. Um sie herum kreist eine Prozession aus 23 Darsteller*innen mit Weihrauch und Gesang, als wolle man die irre gewordenen Weltgeister bannen. Bald wird der zunächst banale Alltag zur Festung gegen eine zusehends eskalierende Krise, die das behagliche Drinnen und den Firnis der Zivilisation durchbricht. „Borderline Prozession“ ist eine Reflexion über den Terror der gleichzeitigen Ereignisse, die wir uns süchtig permanent medial zuführen. Eine Meditation zur allgemeinen Weltverwirrung.

Die Inszenierung von Schauspiel-Intendant Kay Voges ist die insgesamt dritte Einladung nach Berlin für das Schauspiel Dortmund. Annegret Ritzel war 1988 mit Platonov dabei, und zuletzt war Michael Simons Black Rider 1995 nominiert. Nach 22 Jahren nimmt das Schauspiel Dortmund nun wieder am renommierten Berliner Theatertreffen teil. Es ist die erste Einladung für Kay Voges.

 

 

„WIRKLICH JEDER MENSCH IST FOTOGEN“

wirklich jeder mensch ist fotogen

marcel schaar über die fotografie bei „hell „und in seinem leben


Marcel Schaar, Fotograf aus Hamburg. Aufträge u.a. für die Commerzbank, Mercedes und Adidas. Persönlichkeiten wie Johannes Heesters, Andrea Petkovic und die Deutsche Fußballnationalmannschaft ließen sich von ihm ablichten und seine Arbeiten für die Hamburger Philharmoniker und das Konzerthaus Dortmund sorgten für Aufsehen. Seit 2007 beschäftigt er sich im „Polanerd“-Projekt künstlerisch mit der Polaroid-Fotografie. Bei hell / ein Augenblick steht er als vielleicht erster Live-Fotograf der Theatergeschichte auf der Bühne. Seine Werke sind in zahlreichen Ausstellungen zu sehen und wurden mit einer Vielzahl an Preisen und Auszeichnungen prämiert.


Was ist dein Job bei „hell“?

Das Fotografieren – erstmals auf der Bühne. Anfangs fühlte ich mich dabei verloren, schließlich bin ich kein Schauspieler. Wie verhalte ich mich? Aber mittlerweile habe ich von Kay und den Schauspielern ein bisschen Nachhilfe im Fach „Körperspannung“ bekommen. Die Präsenz eines Regisseurs, der zwischendurch Ansagen macht oder sich bestimmte Motive wünscht, ist für mich produktiv. Kay lässt mich da ja auch machen. Wir erarbeiten den Abend schließlich alle zusammen. „WIRKLICH JEDER MENSCH IST FOTOGEN“ weiterlesen

„WIR ARBEITEN AUS DER TOTALEN DUNKELHEIT HERAUS“

wir arbeiten aus der totalen dunkelheit heraus

kay voges über die probenarbeit zu „hell / ein augenblick“
 
Herr Voges, Ihr neues Stück heißt „hell / ein Augenblick“. Sie nennen das selbst ein großes Experiment und Abenteuer. Worauf dürfen die Zuschauer sich denn freuen?
Wir haben in den letzten Jahren viele gute Erfahrungen darin gesammelt, Theaterabende im Kollektiv zu entwickeln. In „Das Goldene Zeitalter“ habe ich gemeinsam mit Alexander Kerlin und dem Ensemble über Wiederholungen und Einzigartigkeit des Menschen gearbeitet. In „Die Borderline Prozession“ ging es um die Gleichzeitigkeit von Ereignissen, und wie wir das im Theater sinnlich machen können. Nun geht es um den „Augenblick“ – kann man ihn festhalten? Im Leben? Im Theater? Oder bedeutet Leben lernen nicht auch immer, loslassen zu lernen?
 
Das klingt nach „Faust“: „Augenblick, verweile doch – du bist so schön“.
In der Tat. Im Sommer habe ich viel Goethe gelesen und habe dabei immer wieder an die berühmte Stelle zurückgeblättert. Es ist natürlich eine Utopie, den Augenblick für immer konservieren zu wollen. Aber es gibt ein Medium, dass genau das seit bald 200 Jahren versucht: Die Fotografie. Also habe ich mich gefragt, ob man nicht eine Theaterform erfinden kann, die sich mit der Fotografie verbündet.
Kay Voges
Kay Voges
 
Und daran arbeiten Sie sich gerade ab?
Richtig, im Team mit 14 Schauspielern und vielen Mitarbeitern. Wir haben den Fotografen Marcel Schaar engagiert, der vielleicht erste Live-Fotograf in einer Theaterinszenierung. Wir arbeiten aus der totalen Dunkelheit heraus, man sieht nichts. Die anderen Sinne werden dadurch extrem angeregt, insbesondere das Hören. Tommy Finke, der auch schon bei „Die Borderline Prozession“ die Live-Musik macht, komponiert bereits den Soundtrack. Die Schauspieler spielen und sprechen also erstmal im Dunkeln. Dann, wie aus dem Nichts, kommt ein Biltzlicht: Und wir sehen riesige Fotos erscheinen. Das ist die Grundkonstellation für den Abend.
 
Und worum geht es inhaltlich?
Wenn wir über Fotografie sprechen, kommt man automatisch auf die großen, menschlichen Themen: Erinnerung, Vergessen, Vergänglichkeit und Zauber. Wir arbeiten wie schon zuvor mit Textzitaten aus vielen Jahrhunderten, von der jüdischen Kabbala bis zu Charles Bukowski, von Paul Celan bis Rainald Goetz – Goethe, Nietzsche und Baudelaire nicht zu vergessen. Aber das ist nur der Anfang. Wir sind in einer ständigen Suchbewegung und hoffen wie immer, das Publikum am Schluss zu überraschen und zu begeistern. Es ist ein Wagnis, bei dem es thematisch wieder um alles geht: Leben, Liebe und Tod. Und wir wollen uns selbst überfordern, um etwas Einzigartiges zu schaffen.
 

premiere am 11. februar (bereits ausverkauft), weitere termine gibt es hier.
 
anmerkung: zuschauern mit dunkelangst, akuten herzkrankheiten oder epilepsie wird dringend von einem besuch der vorstellung abgeraten.
 

EINIGE NACHRICHTEN AN DAS ALL

STERNSTUNDEN AUS DEM GEHEIMARCHIV #24

Einige Nachrichten an das All 

Als Weihnachtsgeschenk haben wir für euch – als letztes Türchen unseres diesjährigen Adventskalenders – eine ganz besondere Überraschung: wir zeigen Kay Voges‘ preisgekrönten Film Einige Nachrichten an das All exklusiv drei Tage lang hier – gratis und in voller Länge

Die filmische Inszenierung des Erfolgsstücks von Wolfram Lotz (unsere Eröffnungspremiere der Spielzeit 2012/13) wurde beim NRW-Theatertreffen 2012 als „Bestes Stück“ sowie auf Film-Festivals von Los Angeles bis St. Petersburg mehrfach ausgezeichnet. 


„Man kann nicht sagen, dass es das Glück nicht gibt. Es gibt das Glück. Es ist manchmal ganz real. Für einen Augenblick ist es ganz real. Es ist wie ein kleiner elektrischer Stoß, das Glück.“

Das Schauspiel Dortmund wünscht Frohe Weihnachten!

Und darum geht es:  Einige Nachrichten an das All ist so ungewöhnlich, wie es der Titel vermuten lässt. Ein Pärchen nimmt es mit dem Schicksal auf – der kleinwüchsige Purl Schweitzke und sein gehbehinderter Freund Lum wünschen sich ein gemeinsames Kind. Sie sehnen sich nach dieser sinnvollen Aufgabe im Leben – aller biologischen Wahrscheinlichkeit zum Trotz. Bang fragen sie sich: Hat der Autor des Bühnenstücks, in dem sie sich befinden, ein Kind für sie vorgesehen? Unterdessen tritt der „Leiter des Fortgangs“ auf. Er bedient eine Maschine, die gesprochene Worte in Funkwellen verwandelt. Auf Knopfdruck sendet eine Satellitenschüssel die Botschaften ins All – „damit man dort erfährt, was uns Menschen bewegt“. Zu Wort kommen nach dem Willen des Leiters nur „Personen aus Historie und Medien“: Die dicke Frau, die zu Gast war in der Talkshow Britt, der Botaniker Rafinesque aus dem 19. Jahrhundert, der CDU-Politiker Ronald Pofalla und Heinrich von Kleist. Unter den Blicken von Purl und Lum, die mit trotzigem Mut ihr Schicksal erwarten, ringen die Gäste um die richtige Nachricht ans All. Gibt es irgendetwas in diesem Leben, von dem es sich zu berichten lohnte? EINIGE NACHRICHTEN AN DAS ALL weiterlesen

DIE WIDERSPRÜCHE DER WELT MACHEN KEINEN HALT VOR DER KÜCHE

Regisseur Sascha Hawemann im Interview

Du inszenierst „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ von Bertolt Brecht. Beim Namen Brecht schwingen ja immer eine ganze Menge Emotionen, Haltungen und Erwartungen mit. Wie ist Deine Herangehensweise an den Text?

Das erste war Widerwille. Zu oft wurde ich mit Brecht in der Schule und im Elternhaus gegängelt. Irgendwie war er für mich immer diese nüchterne, kühle, kopfige DDR. Zu Hause stapelten sich seine Bücher, Portäts. Die Schallplattenecke gehörte Brecht, Busch und  Dessau, höchstens noch Pink Floyd von meiner Mutter. Meine Pistols und UK Subs hatten da keine Platz und wurden immer aus der Ecke entfernt.
Er stand eigentlich immer im Weg.
Später entdeckte ich den jungen Brecht, den 20iger Jahre Punk im Ledermantel, Klampfe in der Hand Pono und Anarchosongs singend, unheroisch, ‚unvölkisch‘, subkulturell durch Berlin streunend. Das hat mich ein wenig versöhnt. Das habe ich verstanden. Da wurde aus ihm ein Mensch und nicht mehr bloß diese Überfigur. Lieben tue ich ihn als Lyriker und Theatertheoretiker, als Stückeschreiber bleibt er fremde Heimat, aber eben doch Heimat. Man muss sich an ihr abarbeiten, man mag sie nicht und schätzt sie wohl, mal will man sie verlassen und bleibt dann doch.
Kurioserweise passiert mir das, was eine von Brechts wichtigsten Forderungen ans Theatermachen und Denken ist: Die Welt in ihren Widersprüchen zeigen. Wir leben in Widersprüchen, der Bertolt Brecht und ich. Ohne ihn würde es mich nicht geben, denn meine Mutter verliebte sich in den Sechzigern in einen jungen Mann mit Kurzhaarfrusur, Ledermantel, schlecht zur Klampfe singend und Zigarre rauchend, meinen Vater.

Uwe Schmieder
Uwe Schmieder; Foto: Birgit Hupfeld

Brecht betitelte das Stück in einem frühen Entwurf „Die Angst. Seelischer Aufschwung des deutschen Volkes unter der Naziherrschaft“, imamerikanischen Exil erarbeitete er eine Bühnenfassung für die USA und überschrieb sie mit „The Private Life of the Master Race“. Welche Rolle  spielen diese Titel für Dich?

Eigentlich interpretiere/interessiere/inszeniere ich das Stück diesbezüglich, nenne es auch so: Angst. Deutsches Volk. Naziherrschaft. Private Life of the Master Race. Ein deutsches Gräuelmärchen. Die agitatorische Strenge von „Furcht und Elend“ hat Brecht ja erst später titelgebend festgelegt. Aus assoziativ gedachtem Material, einer ‚großdeutschen‘ Wucherung, wurde im Nachhinein ein Tendenzstück. Wie so oft hat Brecht im Nachhinein das Unvollkommene, das Widersprüchliche kanonisiert. Egalitär begegnen sich Alptraum, Clownsspiel, Psychologie und Agitprop, Realismus und Groteske. Brecht zwingt einen nicht in Strukturen, Notate sind kein Diktat.
Verfremdung kein Muss. Eine Haltung zur Welt, zum Faschismus, Totalitarismus – der auch kapitalistisch/neoliberal sein kann – fordert Brecht ein, jedoch kein unlebendiges Parolentheater.

Brechts Collage versammelt Szenen, in denen sich der Aufstieg der NS-Herrschaft im alltäglichen Leben der Menschen niederschlägt. Angst, Verdächtigungen und Verrat bahnen sich ihren Weg bis in den Mikrokosmoszwischenmenschlicher Beziehungen. Eine Entwicklung, die sich auch auf das Heute übertragen lässt?

Da bin ich wohl widerwillig Brechtianer: Die Widersprüche der Welt machen doch keinen Halt vor der Küche. Der Terror der Straßenecke schläft im gemeinsamen Ehe-Bett. Die Faust im Gesicht der Frau gilt vielleicht dem fleißigen rumänischen Arbeitskollegen. Die Nackenschmerzen stammen vielleicht aus Aleppo. Die Angst vor der Welt gebiert den Wunsch nach Diktatur. Nach Vereinfachung. Die Herrschaft über die Familie – das letzte Bollwerk infrage gestellter Männlichkeit. Dialektik von Haben und Sein bestimmen nach wie vor unser Sozialverhalten.
Obwohl wir besoffen gemacht werden mit Thesen von posthistorischer, postfaktischer und anderer Post-Welt, kranken unsere emotionalen, sexuellen und geistigen Beziehungen an dem Draußen vor der Tür. Meine Lust starb als Jugoslawien brannte, kehrte wieder als Jahre später die Friedhofsruhe einkehrte.

Carlos Lobo Frank Genser Bettina Lieder Uwe Schmieder Alexander Xell Dafov
Carlos Lobo, Frank Genser, Bettina Lieder, Uwe Schmieder, Alexander Xell Dafov; Foto: Birgit Hupfeld

Es liegen insgesamt 30 Szenen vor, die Brecht dem Stück im Laufe seiner Entstehung zuordnete. Wie geht man mit dieser Fülle an Material um? Wie hast Du die Auswahl getroffen?

Ich habe mich für die privaten Szenen entschieden, in denen sich Frau und Mann, Eltern und Kind, junge und alte Paare, Freunde und Familie begegnen. Die im Stück vorkommenden Szenen totalitär-staatlicher Gewalt und Repression finden auch signifikant statt, sind in aber in der Stückfassung der ‚Krebs im Privatkörper‘, das Bild. Kopfkino. Das Konzentrationslager – ein Tumor im Kopf. Der Totschlag lauert im Kinderzimmer. Unter dem Weihnachtsbaum brennt eine Stadt.
Der Versuch besteht darin, durch das Private direkter mit Lebenserfahrungen des Zuschauers zu interagieren, ihn nicht zu entlassen in Historizismus und Drittes-Reich-Folklore. Das Dritte Reich in Farbe ist ein SpiegelTV-Knüller, im Theater eher ein Hemmnis für Rezeption. Ich bin da keine Ausnahme – wenn ich eine Nazi-Uniform sehe, atme ich befreit auf: Das war einmal – ich brauche viele Umwege, um das Dahinter, das Heute zuzulassen.

Fiederike Tiefenbacher Frank Genser Raafat Daboul Merle Wasmuth Carlos Lobo Bettina Lieder Maximilian Lindemann
Fiederike Tiefenbacher, Frank Genser, Raafat Daboul, Merle Wasmuth, Carlos Lobo, Bettina Lieder, Maximilian Lindemann; Foto: Birgit Hupfeld

In seinem Essay „Über experimentelles Theater“ schrieb Brecht: „Dieser Mensch ist so und so, weil die Verhältnisse so und so sind. Und die Verhältnisse sind so und so, weil der Mensch so und so ist.“ Für Brecht ist der Mensch also jemand, der aktiv Einfluss auf seine Umwelt nehmen und sie verändern kann. Inwiefern hat das für dich eine Rolle für Deine Inszenierung gespielt?

Eigentlich geht es hier um Dialektik, den Reichtum widersprüchlichen Denkens, und politisches Theater – und das ist für mich immer eine grundsätzliche Frage für meine Arbeit. Für die Inszenierung interessant ist es weil das „So“ einer Szene das „So“ einer anderen hervorruft und bedingt. Das Stück wird zu einem Körper, ist keine theoretische Montagehalle. Figuren korrespondieren miteinander, sind ein Gewebe, sprich: Man sieht/ahnt durchgehende Figuren und Geschichten, verfolgt Lebenswege und Entwürfe. Das ist im Verhältnis zur eigentlichen Stückstruktur eine große Intervention, der Versuch des Verbindens entgegen dem Agitkaleidoskop.

Die Fragen stellte Dirk Baumann.