ES LIEGT HOFFNUNG IN DER DUNKELHEIT


ES LIEGT HOFFNUNG IN DER DUNKELHEIT

Von Christopher-Fares Köhler

Im Januar des Jahres 1915 schreibt Virginia Woolf in ihr Tagebuch: „Die Zukunft ist düster, und das ist das Beste, was die Zukunft sein kann, glaube ich“. [1] Zu diesem Zeitpunkt steht der Welt noch der Erste Weltkrieg bevor und auch die Spanische Grippe, eine Virus-Pandemie wird mehrere Millionen infizieren und sehr viele Menschen das Leben kosten. Es waren turbulente, unstetige Zeiten, aus denen die damals fast 33 – jährige Virginia Woolf schreibt.

Jahre später, genauer gesagt im Jahr 1925, wird sie den Roman Mrs Dalloway veröffentlichen. Ein Roman, der als stream of conciousness, als Bewusstseinsstrom geschrieben sein wird – eine damals neuartige, ungewöhnliche Form des Schreibens. Im Mittelpunkt steht Clarissa Dalloway, eine wohlhabende Frau, die vordergründig ein schönes, behütetes Leben führt und die an einem Junimorgen beschließt, dass sie die Blumen für ihre Dinner-Party selbst kaufen wird. So weit, so unspektakulär. Und dann ist da noch Septimus Warren Smith, ein junger Kriegsveteran des Ersten Weltkrieges, der Stimmen hört und nichts mehr fühlen kann – und seine Frau Lucrezia Warren Smith, die einen Therapeuten aufsucht, mit ihrem Mann zusammen.

Septimus und Clarissa werden sich im Verlauf der Geschichte, die sich an einem einzigen Tag bis in die Nacht vollzieht, nie begegnen. Sie werden sich aber beeinflusst haben. In Virginia Woolfs Roman schauen die Figuren aufeinander, man wird Teil ihres Innenlebens, ihrer Gedanken, Hoffnungen und Wünsche. Wir schauen der Autorin fast schon bei der Arbeit zu. Sehen die Schritte, Wege und Ideen. Und werden Zeitzeug*innen, im wörtlichsten Sinne; denn mit jedem Schlag von Big Ben wird uns und den Figuren die Zeit bewusst gemacht, bis wir tief in die Nacht hinein in der Dunkelheit angekommen sind. Clarissa Dalloway wird bis dahin ihr ganzes Leben in Frage gestellt haben, wird sich ihrer Vergangenheit und Zukunft unsicher sein. Und auch Virginia Woolf selbst – und hier komme ich noch einmal auf das obere Zitat zurück – ist sich zu diesem Zeitpunkt ihrer eigenen Zukunft unsicher. Man könnte als Leser*in nun dieses Zitat pessimistisch verstehen. Wir können es jedoch auch anders deuten – so wie z.B. die Journalistin und Autorin Rebecca Solnit es beschreibt:

„Es ist die Aufgabe von Autor*innen und Forscher*innen, noch mehr zu sehen, mit ‚leichtem Gepäck‘ zu reisen, wenn es darum geht, Vorurteile abzubauen, und mit offenen Augen in die Dunkelheit zu gehen. Nicht jeder von ihnen strebt dies an oder ist damit erfolgreich. (…) Es gibt so viel, was wir nicht wissen, und wahrheitsgetreu über ein Leben zu schreiben, das eigene oder das der Mutter oder das einer berühmten Persönlichkeit, ein Ereignis, eine Krise, eine andere Kultur, bedeutet, sich immer wieder mit diesen Flecken der Dunkelheit, mit diesen dunklen Nächten der Geschichte, mit diesen Orten des Unwissens auseinanderzusetzen“. [2]

Viele Jahre später, 74 Jahre später um genau zu sein, vollendet Sarah Kane ihr letztes Stück: 4.48 Psychose. Sarah Kane wird bis dahin vier andere Stücke veröffentlicht haben. Sind in ihren ersten Stücken wie Zerbombt noch Figuren vorhanden, lösen sich diese immer weiter auf, werden nur noch Buchstaben (Gier) und verschwinden dann gänzlich in 4.48 Psychose, das als Gedankenstrom, fast schon als Bewusstseins-partitur geschrieben sein wird. In Kanes Stück befinden wir uns bereits inmitten der Nacht, Motive der Depression, pathologische Berichte, Aussagen, Skizzen und Zahlen deuten auf die immer wieder- kehrende Uhrzeit 4.48 Uhr hin, eine Uhrzeit, die Kane als den dunkelsten und klarsten Moment der Erkenntnis beschreibt.

„Um 4 Uhr 48 wenn die Klarheit vorbeischaut für eine Stunde und zwölf Minuten bin ich ganz bei Vernunft. Kaum ist das vorbei, werd ich wieder verloren sein“. [3] Und auch hier, so viele Jahre später schauen wir einer Autorin zu, gehen Schritte und Gänge ihrer Gedanken mit. Versuchen zu verstehen und können es nicht verstehen, werden Teil ihres Innenlebens, ihrer Gedanken, Hoffnungen und Wünsche, aber auch ihrer Depression und dunkelsten Momente. Virginia Woolf und Sarah Kane werden sich im Verlauf der Geschichte nie begegnen. Sie werden sich und uns aber beeinflusst haben.

Und während ich, liebe Leser*innen, diesen Text schreibe, bewegen wir uns auf die dunkelsten und kürzesten Monate und Tage des Jahres zu. Ich schreibe Ihnen aus turbulenten, unstetigen, ungewissen Zeiten und Monaten. Die Zukunft ist ungewiss. Es liegt Hoffnung in der Dunkelheit. Vielleicht…


[1] Dieser Text basiert auf Rebecca Solnits Essay: Woolf’s Darkness: Embracing the Inexplicable (erschienen im Magazin The New Yorker- 2014) – https://www.newyorker.com/books/page-turner/woolfs-darkness-embracing-the-inexplicable

[2] Zitat – frei übersetzt – aus Rebecca Solnits Essay: Woolf’s Darkness: Embracing the Inexplicable (erschienen im Magazin The New Yorker- 2014 ) – https:// www.newyorker.com/books/page-turner/woolfs-darkness-embracing-the-inexplicable

[3] Sarah Kane – 4.48 Psychose

Hoffnung in der Dunkelheit

Diesen Artikel findet ihr auch in unserer digitalen Ausgabe der rosa Zeitung Nr. 2.