DIGITALES THEATER

Von Dramaturg Alexander Kerlin

 

Wir müssen uns die Telekomkunden in Siegen derzeit als glückliche Menschen vorstellen. Nach einem Brand in der Zentrale sind am Montag Internet und Telefonnetze zusammengebrochen. Märchenhafte Szenen mögen sich abgespielt haben: Ein junger Kaufmann blickt nach Jahren vom Bildschirm auf und bemerkt erstmals die Kollegin am Nachbartisch. Ein Blick, ein Lächeln, ein Kuss? Vater und Sohn sitzen unschlüssig mit ihren funktionslosen Smartphones im Wohnzimmer. Schüchtern fragt Vater den Sohn: „Wie geht’s dir eigentlich?“ Und über die Wange einer Webdesignerin mit Arbeitszwang rollt eine Freudenträne, weil sie die Vögel wieder zwitschern hört.

 

Mir ging ein Lied des Raggae-Sozialromantikers Macka B durch den Kopf, das uns einst warnte: „What are you gonna do, if the computers really crash?“ Selbstverständlich wäre die Antwort auf das Ende der Maschinen nicht einfach die Rückkehr einer wahrhaft empfindenden, natürlichen Menschheit, die eins mit sich selbst auf Blumenwiesen herumtollt. So hatte sich das der Philosoph Rousseau zu Beginn der Moderne ausgemalt. Sein Phantasma der Natürlichkeit übersah: Die Menschen sind immer schon Maschinenmenschen, die mit ihren Sinnen und Vorstellungen an Technik, Werkzeug und Maschine angeschlossen sind. Menschen bauen Maschinen, und die Maschinen gestalten die Menschen.

 

Auch das Theater ist eine große Maschine, einst erfunden um sehen zu helfen und Bilder zu produzieren. Insofern ist es mit seiner speziellen Architektur eine hoch künstliche Angelegenheit – eben Kunst: Auch die tiefste Empfindung ist das Ergebnis von Arbeit, Technik und Einsatz der Schauspieler. Robotik und Schauspielkunst sind bereits Kollegen gewesen, bevor Kameras, Computer und Videos die Bühnen eroberten.

 

Das Schauspiel Dortmund macht daraus Programm: Mit „Das Fest“ und „Der Live-Code“ werden derzeit Aufführungen geprobt, die – soviel sei verraten – Computer zu Mitspielern machen. Bestellen Sie jetzt online Ihre Karten! Eine besondere Einladung an die Siegener Freunde: Wir fühlen mit Euch!

 

Veröffentlicht am 23. Januar 2013 in den Ruhr Nachrichten.

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin war von 2010 - 2018 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.