Wissen ist Macht


Wissen ist Macht
Beim Tennis wie im Theater

von Hannah Saar

„Ich kenne ja die Regeln von dem Tennis noch nicht“, sagt Felix in Anne Leppers Theaterstück LA CHEMISE LACOSTE zu Philipp und Tobi. Gerade ist er angekommen in ihrer Welt. Auserwählt und aufgestiegen. Er darf jetzt Balljunge beim Tennis werden. Einen Schritt weiter auf dem Weg zum Tennisstar und dem vermeintlich besseren Leben.
Dass man die Regeln kennen muss, um mit-spielen zu können, gilt nicht nur für Felix und das Tennis. Als ich mit 17 Jahren angefangen habe, an einem Stadttheater zu arbeiten, war ich von vielen Dingen überrascht, die alle anderen als ganz selbstverständlich wahrnahmen.
Die ganzen unterschiedlichen Berufe, Abteilungen, Abläufe… Wie soll man sich da zurechtfinden, wenn einem niemand erklärt, „wie es läuft“? Oder wissen Sie beispielsweise, was eine „AmA“ ist? Dass die Schauspieler*innen nach einer Premiere gar nicht mehr weiter an dem Stück proben, sondern gleich in eine neue Produktion stolpern? Oder was für Stationen es für eine Theaterproduktion auf dem Weg zur Pre-miere gibt? Ich wusste es nicht. Doch nach einigen Jahren im Theaterapparat habe ich nicht nur verstanden, wie dieser funktioniert, ich habe seine Regeln und Codes selbst inter-nalisiert und halte sie für selbstverständlich. Da dem nicht so ist, hier ein Glossar der Entstehung einer Theaterproduktion:

REGIETEAM
ab ca. 1 1⁄2 Jahren vor Premiere:
Das Regieteam besteht aus den Verantwortli-chen für die Konzeption eines Theaterstücks. Wenn sich die Theaterleitung entschieden hat, einen Regisseurin für eine Insze-nierung an ihrem Theater zu engagieren, überlegt dieser gemeinsam mit der Drama-turgie, welchen Stoff (Theatertext, Roman, Film, Thema, o.ä.) sie gerne bearbeiten und auf die Bühne bringen wollen. Die Regis-seurinnen bringen dann meist Bühnen- und Kostümbildnerinnen mit, manchmal – je nach Konzept – auch Musikerinnen, Vi-deokünstlerinnen, Choreografinnen. Das Regieteam muss eng zusammenarbeiten, um die Ideen für das Theaterstück zu einem stimmigen Konzept zusammenzubringen und die Bühne, das Kostüm, die Musik, die Dramaturgie etc. aufeinander abzustimmen.

BP (Bauprobe)
ca. 1⁄2 Jahr vor Premiere:
Bei der Bauprobe wird das Bühnenbild auf der Originalbühne angedeutet, damit überprüft werden kann, wie das Bühnenbild im Raum wirkt. Im Vorfeld hat derdie Bühnenbildnerin ein Modell des Bühnen-bilds angefertigt und mit den technischen Abteilungen des Theaters vorbesprochen. Bei der Bauprobe wird ausprobiert, was das Bühnenbild alles kann. Auch Regie und Dramaturgie sind dabei. Alle überlegen gemeinsam mit den Gewerken, was tech-nisch machbar ist und wie die Ideen des Regieteams am besten umgesetzt werden können. Nach der Bauprobe wird ggf. noch an dem Bühnenbild weitergearbeitet. Ca. eine Woche später reicht derdie Bühnen-bildnerin bei den technischen Gewerken detaillierte Zeichnungen und Pläne ein, damit diese (z.B. Schreinerei, Schlosserei) das Original- Bühnenbild bauen können. Das heißt dann „Werkstattabgabe“. Dasselbe gibt es auch für das Kostüm. Da daran jedoch nur eine Abteilung beteiligt ist, ist die Kostü-mabgabe weniger strikt geplant.

KONZEPTIONSPROBE
ca. 6-8 Wochen vor Premiere:
Die Konzeptionsprobe ist die erste Probe mit dem gesamten Team. In der Konzeptionsprobe kommt das Regieteam mit den Schauspie-lerinnen und Regieassistenz, Bühnen- und Kostümassistenz u.a. zusammen und stellt die bisherigen Gedanken zu der Produktion vor. Meistens stellt das Regieteam den Schauspielerinnen etc. das Bühnenbild-Modell und die Kostüme vor. Anschließend wird gemeinsam die Textfassung gelesen, die von Regie und Dramaturgie zusammen im Vorfeld erstellt wurde, und die Ideen des Regieteams besprochen.


TE (Technische Einrichtung)
ca. 2 Wochen vor Premiere:
Bei der Technischen Einrichtung wird das Original-Bühnenbild auf der Bühne auf-gebaut und für die Bühnenproben vorbereitet. Außerdem finden Licht- und Toneinrichtung statt.

ENDPROBEN nach der TE:
Die ersten Wochen (in der Regel vier bis fünf Wochen) probt die Produktion auf einer Probebühne in einem Probenbühnenbild und mit Probenkostümen. Die Originale befinden sich noch in der Herstellung und auf der Bühne kann nicht geprobt werden, weil dort andere Aufführungen stattfinden. Die End-proben sind die Proben, die auf der Bühne im Original- Bühnenbild stattfinden.

AMA (Alles mit Allem)
ca. 1 Woche vor Premiere:

Die AmA ist der erste Stückablauf mit allen Gewerken (Kostüm, Maske, Licht, Ton, Video, etc.). Bei der AmA kommt alles zum ersten Mal zusammen und das Team sieht, was funktioniert und was nicht. Nach der AmA gibt es meist eine Auswertung und man bespricht, was gut funktioniert und was geändert werden muss.

HP (Hauptprobe)
2 und 3 Tage vor Premiere:

Nach der AmA gibt es noch zwei sogenannte Hauptproben zur Originalzeit der späteren Aufführungen. Diese heißen HP1 und HP2. In den Hauptproben geht es darum, die Änderungen nach der AmA umzusetzen und in eine Routine zu kommen. Manchmal sind diese „hausintern“, das heißt Mitarbei-ter*innen dürfen zuschauen.

GP (Generalprobe)
1 Tag vor Premiere:

Die Generalprobe ist die letzte Probe vor der Premiere. Der Theateraberglaube besagt, dass wenn diese schlecht läuft, die Premiere gut wird.

PREMIERE:
Die Premiere zeigt das offizielle Endprodukt des Probenprozesses vor Publikum und Presse. Vor der Premiere wünscht man sich „Toi Toi Toi“ und verschenkt oft kleine Premierengeschenke, die etwas mit der gemeinsamen Probenzeit zu tun haben. Der Theateraberglaube besagt, dass man sich für die „Toi Toi Toi“-Wünsche nicht bedanken darf, da dies sonst Unglück bringt. Meistens ist die Premiere noch etwas angespannt, weil alle sehr aufgeregt sind. Mit weiteren Aufführungen spielt sich „der Abend“ (so sagt man auch anstelle von „das Theater-stück“) meist noch mehr ein.

In LA CHEMISE LACOSTE steht nicht nur Felix irgendwann an dem Punkt, wo er sich fragen muss, von wem und für wen die Regeln dieser neuen Tennis-Welt gemacht sind. Und wir als Theatermacher*innen stehen bereits länger an dem Punkt, wo wir uns fragen müssen, von wem und für wen Theater gemacht ist. Theater ist ein Mikrokosmos mit klaren Regeln und Codes: für die Mitarbeitenden wie für das Publikum. Nur wer diese kennt, darf und kann Teil dieser Welt sein. Doch vielleicht sind ja nicht die Menschen falsch, die die Regeln nicht kennen, nicht verstehen – oder verstehen, aber nicht zu ihren machen wollen –, sondern die Regeln…

Wissen ist Macht

Diesen Artikel findet ihr auch in unserer digitalen Ausgabe der rosa Zeitung Nr. 2.