Ein digitaler Briefwechsel


Ein digitaler Briefwechsel

zwischen Kirsten Möller (Dramaturgin von “Faust”) und Silvia Federici

Gesendet: Di, 21. Juli 2020 5:33 Uhr

Liebe Silvia Federici,
Faust ist permanent umgeben von Hexen, Geistern und anderen magischen Wesen, mit denen ein anderes, verdrängtes Wissen an die Oberfläche drängt. Wie würden Sie seinen Konflikt zwischen diesem Durst nach dem Metaphysischen und dem aufgeklärten Gelehrtenwissen, zwischen Natur und Kultur beschreiben? Und wie sehen Sie den Auftritt der Hexen als Verkörperung dieses anderen Wissens?
Gretchen auf der anderen Seite erscheint als perfektes Beispiel der unschuldigen und tugendhaften Frau, gleichzeitig taucht sie in der Walpurgisnacht als Figur der Lilith auf, die oft mit dem „weiblichen Bösen“ schlechthin identifiziert wird.  Was sagt dies auch über den Wandel des Frauenbildes in dieser Zeit?

Erhalten: Mo, 27. Juli 2020 00:26

Liebe Kirsten,
wenn ich an Faust denke, denke ich an die Krise oder den Niedergang des Renaissancemagiers. Sein Streben nach übernatürlichem Wissen wird jetzt als dämonisch, unzulässig wahrgenommen und ist auf dem Weg, von der Wissenschaft verdrängt zu werden. Am Ende von Shakespeares Sturm zerbricht Prospero seinen Zauberstab. Faust ist in Gefahr, seine Seele zu verlieren.
Ich habe nie verstanden, warum Goethe die Walpurgisnacht in einer Weise einführte, die weder Farce noch offene Verurteilung ist, trotz der verheerenden Auswirkungen der Hexenverfolgung für Tausende von Frauen und ihre Gemeinschaften.
Sie haben Recht mit drei Motiven, die sich aus seiner Darstellung ergeben. Zuerst das spezielle Wissen der Frauen, das Wissen über Leben und Schwangerschaft, Geburt, darüber, wie man sexuelles Verlangen erregt und Impotenz verursacht, das Wissen über Kräuter und andere Mittel, um zu heilen, aber womöglich auch, um den Tod herbeizuführen. Es ist die Hexe, die den Trank herstellen kann, der Faust erneuert. Goethe war ein passionierter Kenner der klassischen griechischen Literatur und Kultur, und er mag an die griechischen Schicksalsgöttinnen gedacht haben bei seiner Darstellung der mächtigen Hexe, die das Geheimnis des Lebens in ihren Händen hält. Es ist interessant und weiter zu untersuchen, wie das Zeitalter der Frauen, das durch das 16. bis 18. Jahrhundert, insbesondere im Zuge der Hexenjagd, dekonstruiert wurde, diesen Widerspruch aufzeigt: Auf der einen Seite die Frau als Trägerin eines okkulten, gefährlichen Wissens, insbesondere über Fruchtbarkeit, Leben und Tod, die Erregung von Leidenschaften, und auf der anderen Seite das (von Martin Luther verheißene) Bild der Frau als schwach/kraftlos, leicht vom Teufel zu verführen, unfähig, andere Emotionen zu beherrschen, und auf männliche Führung und Kontrolle angewiesen. In gewisser Weise repräsentiert Gretchen diese Frau, trotz ihrer Unschuld. Es ist eine Unschuld, die kein Wissen, keine Weisheit und keine moralische Stärke besitzt. So kann sie sich leicht zur Lilith verkehren, sie kann leicht zu einem Geschöpf des Teufels werden, insbesondere unter dem Einfluss „fleischlicher Leidenschaften“. Und dann gibt es das Thema des Kindsmordes, zentral für die Hexenverfolgung, für den Gretchen geköpft wird, wie viele andere Frauen in derselben Zeit, in der Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden.

Gesendet: Wed, Aug 5, 2020 7:24

Liebe Silvia,
ich finde es bemerkenswert, dass Gretchen nie den Raum erhält, eigenständig zu handeln. Am Ende wird sie zwar verurteilt, aber mit großer Geste „freigesprochen und von oben gerettet“. Dabei wird ihre Geschichte überhaupt nicht erzählt, ihr Begehren, ihre Not, ihre Qualen im Kerker und vor der Hinrichtung – sie wird einfach wahnsinnig, was ein ebenso typischer und mächtiger weiblicher Topos ist….Wie bewerten Sie diese „Rettung“ von Gretchen am Ende? Und wie sehen Sie die feministische Wiederaneignung der Lilith-Figur heute?

Erhalten am 05. August 2020 um 18:17 Uhr

Liebe Kirsten,
der Gegensatz zwischen der „schlechten“ Frau, wissend, entschlossen, unabhängig von den Männern und eine Gefahr für sie oder zumindest nicht bereit, sich ihnen zu unterwerfen – und der „guten“ unschuldigen, aber ahnungslosen, schwachen, unentschlossenen, leicht beeinflussbaren Frau ist klassisch und hat sich fast bis in die Gegenwart fortgesetzt. Ich schaue mir nachts manchmal alte Hollywood-Filme auf einem Sender an, der sich auf Filme aus den 40er und 50er Jahren spezialisiert hat, und ich sehe immer wieder diesen Gegensatz –  die Dolch-Lady des Film noir, die am Ende immer sadistisch bestraft wird, und das unschuldige Opfer – das auch Probleme verursacht, aber von großmütigen Männern gerettet wird… Natürlich haben sich Feministinnen immer auf die Seite der bösen Frauen gestellt – das ist Teil der Anziehungskraft der „Hexe“, die in den Augen heutiger Feministinnen die Heilerin ist, aber auch die Frau, die sich gegen Kirche und Staat behauptet….
Wem nützt Gretchens Rettung… sie wird gerettet, um die großherzige Natur Gottes und der Männer zu beweisen oder um doch noch ein positives Vorbild zu sein – missbraucht, aber vergebend, aufopferungsvoll für das Wohl des potentiellen Ehemannes… Wie Ophelia im Hamlet, die in den Wahnsinn getrieben ist, der Wahnsinn erscheint als die große Rettung, als Ersatz für das Handeln.

Eine englische Version des Briefwechsels / English version of the correspondence between Silvia Federici and dramaturg Kirsten Möller below:

Ein digitaler Briefwechsel

Diesen Artikel findet ihr auch in unserer digitalen Ausgabe der rosa Zeitung Nr. 1.