Die Welt (wieder) verhexen



Irrlicht und Erdgeist, Chor der Geister und Engelschor, Hexen und Meerkatzen, Erzengel und Böser Geist, Lilith und Medusa – Die Welt, die Faust umgibt, ist magisch und voller Wunder:  Die vielen Figuren und Chöre von Kreaturen stellen dem Gelehrten ein anderes, ein animistisches Wissen gegenüber, das sich aus der Natur speist und die geordneten Wissenschaften übersteigt.


Faust ist verzweifelt auf der Suche nach Erkenntnis, nach dem, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Er vertreibt sich die Zeit mit alchimistischen Experimenten, blättert im Buch des Nostradamus und weicht doch zurück, sobald sich diese andere Seite der Welt zeigt. In den Hexen, die ihm sein jugendliches Aussehen zurückgeben, kann er nur Fratzen erkennen. Vom Angesicht des Erdgeists wendet er sich erschrocken ab. So muss er einsehen, dass er eben doch nicht gottgleich ist, kein Schöpfer und Wissender, sondern nur ein einfacher Mensch. Statt den verborgenen Geheimnissen der Natur näherzukommen, flüchtet er immer wieder in die geordnete Welt seiner Wissenschaft, die er begreift und die er doch verabscheut. Sein Drang nach Erfahrungsvielfalt, die sich gegen das Diesseits richtet, ist aus eigener Kraft nicht zu erlangen, ist zwangsläufig angewiesen auf ein anderes, jenseitiges Wissen. Diese innere Zerrissenheit treibt ihn zum Pakt mit dem Teufel (der wiederum selbst auf die Hilfe der Hexen angewiesen ist, um seine Pläne umzusetzen) – angeekelt vom alltäglichen Leben und dem eigenen Unvermögen, sich zum Göttlichen aufzuschwingen, das ihm seiner Meinung nach zusteht.

Historischer Kontext

Im Übergang zur Neuzeit am Ende des 15. Jahrhundert, in der Zeit also, in der auch das reale Vorbild für Goethes Faust lebte, der Wunderheiler, Wahrsager und Alchimist Georg Faust, wurde aus dem Kosmos der Wissenschaften vieles verdrängt, was an anderem Wissen, zwischen Alltag und Magie noch weit verbreitet war. Sogenannter Aberglaube und heidnische Bräuche, Amulette und andere okkulte Objekte waren eng verknüpft mit einer Vorstellung von Welt, in der Natur und Magie noch eng miteinander verbunden waren. Damit einher ging ein jahrhundertealtes Wissen um Pflanzen, Arzneien und andere Zusammenhänge, das später als Hexenwissen gebrandmarkt und zunehmend verfolgt wurde, bis in die kirchlichen und weltlichen Gerichte der Inquisition hinein. Bis ins 18. Jahrhundert wurden tausende Frauen angeklagt, gefoltert und hingerichtet. Die Philosophin Silvia Federici, die sich lange mit der Geschichte der Hexenverfolgung und ihren politischen Hintergründen beschäftigt hat, sieht in ihr die Vertreibung der Frauen aus Gesellschaft und Arbeitswelt im Zuge des neu aufstrebenden kapitalistischen Systems. So wurden viele Frauen aus Bereichen und Berufen verdrängt, die ihnen innerhalb der Gesellschaft einst wichtige Rollen und Funktionen zukommen ließen, wie ihre Expertise als Heilerinnen oder Geburtshelferinnen, aber auch bis weit in die offiziellen Gilden hinein.

Auch in Dortmund gab es im 15. und 16. Jahrhundert Hexenverfolgungen, Schauprozesse und auch Hinrichtungen. Zwischen 1451 und 1593 wurden 17 Personen (darunter 15 Frauen und 2 Männer) hingerichtet, viele weitere wurden gefoltert oder aus der Stadt vertrieben. Insgesamt gab es im ganzen Ruhrgebiet 198 Verbrennungen, darunter zu 80 Prozent Frauen. Die Dortmunder Prozesse fanden im alten Gerichtsgebäude in der Nähe der Reinoldikirche statt, die Hinrichtungen vor den Toren der Stadt am Westentor. Erst 2014 beschloss der Stadtrat Dortmund auf eine Initiative Dortmunder Bürger*innen hin, die sozialethisch-moralische Rehabilitierung der Opfer der Hexenprozesse.

Hexenverfolgung traf oftmals die Alten und Kranken, die Bettler, die Armen und Mittellosen und richtete sich somit einerseits gegen eine Form des frühen Proletariats, andererseits trieb es die Zerstörung gemeinschaftlicher Zusammenhänge voran. Man fürchtete einerseits die Macht der vermeintlichen Hexen, die man für Krankheiten oder Missernten verantwortlich machte, und hatte mit der Inquisition gleichzeitig ein Instrument gefunden, Sündenböcke auszumachen, sich unbequemer Personen zu entledigen und so das Wissen ganzer Generationen von (überwiegend) Frauen vergessen zu machen – ein Wissen, das bis heute fehlt. Neben der Anklage von vermeintlichen Hexen, kam es zur vermehrten Verfolgung von Frauen aus Gründen wie etwa Geburtenkontrolle oder Kindsmord. So hat Goethe selbst den Prozess und die Hinrichtung von Susanna Margaretha Brandt verfolgt, die 1771 ihr neugeborenes Kind tötete und dafür hingerichtet wurde, und diese reale Geschichte in der Gretchentragödie verarbeitet.

Margarethe und Lilith

In Goethes Faust, der sich aus heutiger Sicht nicht besonders feministisch hervortut, geht die Geschichte der historischen Margarethe auf unterschiedliche Weisen ein und offenbart dabei auch die Widersprüche und Doppelmoral der Zeit: Im Gretchen spiegelt sich der Inbegriff des tugendhaften Fräuleins, das ab der ersten Begegnung scheinbar ohne Chance den Begehren des alternden Mannes zum Opfer fallen muss. Zugleich erscheint sie Faust und Mephisto in der Walpurgisnacht als Lilith, Adams erster Frau, die in der jüdisch-christlichen Tradition als Dämonin und Kindsmörderin mit dem weiblichen Bösen schlechthin identifiziert wird. Es ist ein Vergleich, der den Anklagen ähnelt, die den Frauen zu Zeiten der Hexenverfolgung zu Last gelegt wurde: Das Sich-Einlassen mit dem Teufel und die leichte Verführbarkeit zeigt das paradoxe Frauenbild, als Gefahr und Schwäche zugleich.
In der Frauenbewegung seit den 60er Jahren kommt es dagegen zu einer interessanten feministischen Wiederaneignung der „witchcraft“, also einer positiven Umkehr und Selbstbezeichnung als Hexe. Auch die große Faszination an dem Phänomen Wicca, das als naturreligiöse Bewegung weltweit ca. 800.000 Anhänger*innen hat und dabei ganz verschiedene Ausprägungen mit je eigenen Schwerpunkten annimmt – seien es animistische Zusammenhänge oder feministischer Göttinnenglauben – zeigt das zunehmende Interesse für alternatives und spekulatives Wissen, für die Überwindung des angenommenen Widerspruchs zwischen Natur und Kultur. Die Wahrnehmung einer beseelten Natur, in der alles miteinander verbunden ist, lässt andere Zusammenhänge hervortreten, die lange vergessen geglaubt waren und die Welt im positiven Sinne (wieder) verhexen. Lasst uns also die Welt des Gelehrten Faust aus der Walpurgisnacht heraus erzählen…

Die Welt (wieder) verhexen

Diesen Artikel findet ihr auch in unserer digitalen Ausgabe der rosa Zeitung Nr. 1.