UnOrte

Fotoreihe UnOrte

Das Schauspiel Dortmund gibt zwei Mal in der Spielzeit eine rosa Theaterzeitung heraus. Für die zweite Ausgabe, hat China Hopson eine Fotoreihe zu Un_Orten in Dortmund gemacht. Zu diesem Auftrag wurde sie von Megha Kono-Patel interviewt.

China Hopsen

Fotografin

Die afrodeutsche Fotografin China Hopson (sie/ ihre) lebt, und arbeitet in Dortmund, Hannover und Stuttgart. Ihre fotografischen Arbeiten kreisen um die Visualisierung marginalisierter Gruppen, sei es durch essayistische Fotografien, dokumentarische Serien, Portraits oder Reportagen.

Interview

Ein Gespräch zwischen Megha Kono-Patel und China Hopsen

MK: China, ist es das erste Mal, dass du für eine Schauspielzeitung fotografierst?

CH: Das allererste Mal. Ich habe vorher noch nicht viel mit Theater zu tun gehabt.

MK: Du machst vor allem Fotos, die eine Backround-Geschichte haben.

CH: Ich mache nicht nur solche Sachen aber das mache und zeige ich auch gerne. Damit ich nicht einfach nur für mich fotografiere, sondern, dass sich Leute auch in den Fotos wiedererkennen können.

MK: Damit sprichst du von einer Identifikation, die du mit deinen Bildern schaffen möchtest. Wie war da deine Herangehensweise, als du die Begriffe „Nicht-Orte“ gehört hast?

CH: Ich habe mich hauptsächlich daran orientiert, welche Orte ich kenne oder welche Orte ich noch nicht kenne – ganz simpel. So bin ich beim „U“ gelandet. Das ist einer der ersten Orte, die ich kennengelernt habe. Dann habe ich auch über die Art und Weise wie ich fotografieren möchte nachgedacht. Durch die Doppelbelichtung zeige ich zwei Möglichkeiten: Ort und Nicht-Ort gleichzeitig.

MK: Was ist denn eigentlich ein Nicht-Ort für dich?

CH: Was für mich ein Ort ist, kann für eine andere Person ein Nicht-Ort sein und das wollte ich damit aufzeigen, dass es diese beiden Möglichkeiten gibt. Je nachdem für wen. Die Dorstfelder Brücke ist ein Gegend, von der nicht viele Leute wissen, dass dieser Ort existiert. Für mich aber existiert er, weil ich dort wohne – und dies dann auch zu zeigen. Oder diese Bahngleise. Das war anfangs ein Ort für mich, bei dem ich dachte, dass er spannend aussieht, gleichzeitig aber sind es doch nur öde Bahngleise und nichts Schönes. Aber wenn ich über diese eine Brücke laufe ist auf der einen Seite ein schönes kleines, buntes Blumenfeld und auf der anderen Seite diese Bahngleise. Da gibt es wieder diesen Ort, Nicht- Ort – Positiv und negativ.

MK: Ab wann kennt man eigentlich einen Ort?

CH: Ich glaube, den kennt man nie genug.

MK: Ich hatte bei den Orten das Gefühl, sie seien nicht in Besitz genommen. Also die Orte sind einfach da. Und indem du sie fotografiert hast, waren sie auf eine andere Weise da. Sonst sind sie einfach da, um eine Funktion zu erfüllen, so hatte ich den Eindruck, einer Kritik an Inbesitznahme.

CH: Das finde ich cool, dass du das so siehst.

MK: Ich finde cool, dass du es nicht bestätigst. Was bedeutet Unsichtbarkeit für dich?

CH: Unsichtbarkeit ist für mich, wenn ich es auf mich beziehe, zwei Sachen: persönlich etwas Negatives, weil ich das Gefühl habe, ich bin da und niemand nimmt mich wahr. Als würde ich in manchen Lebenssituationen schreien aber niemand kann mich hören. Auf professioneller Ebene etwas Positives: wenn ich z.B. nicht wahrgenommen werde während ich eine Reportage fotografiere. Dass die Leute nichts extra für mich tun, nur damit ich ein Foto bekomme, sondern mich einfach ignorieren können.

MK: Was würdest du sagen, wie viel von dir steckt denn in deinen Bildern?

CH: Das ist schwierig. Einerseits natürlich vieles, weil ich ja die Person bin, die sagt, ihr bekommt jetzt dieses Bild zu sehen, weil ich jetzt genau in diesem Moment, an diesem Tag, hier stehe und das fotografiere und das durch meine Augen. Das ist natürlich meine Sichtweise. Ich möchte vorrangig das Motiv für sich stehen haben, deswegen möchte ich mich da gar nicht so reindrücken aber gleichzeitig tue ich das, weil ich das Bild mache. Deswegen kann ich nie genau sagen, wie viel oder wie wenig da von mir drinsteckt.

MK: Fotografie ist, wenn nicht bearbeitet, eine Zustands- oder Gegenwartsdokumentation. Würdest du sagen, das stimmt?

CH: Vorranging ja. Aber auf einer Metaebene natürlich noch vieles mehr.

MK: Gibt es den Anspruch, Vergangenheit zu bearbeiten oder Zukunft mitzugestalten durch Fotografie?

CH: Was die Vergangenheit angeht sicher. Fotos sichten, um zu gucken was es in Bezug auf meine persönliche Vergangenheit gibt, die einer Gesellschaft, einer Community oder von Gruppen. Vor mir haben sich Menschen fotografisch auch mit Themen auseinander gesetzt, die mich heute beschäftigen. Diese Fotos lesen und verstehen lernen ist ein Anspruch an mich. Und/ oder diese neu umzusetzen. Und für die Zukunft: natürlich auch etwas hinterlassen wollen.

MK: In Form von Repräsentanz meinst du?

CH: Genau, Denkanstöße bieten und Leuten, die noch nie über ein bestimmtes Thema nachgedacht haben zu zeigen: guckt mal, diese Perspektive gibt es auch.

MK: Es ist ja immer so ein Dilemma, einerseits Fotograf*in zu sein und gleichzeitig Schwarze Fotograf*in zu sein. Bewegst du dich auch in diesem Spannungsverhältnis, wann soll es ein Thema sein und wann nicht?

CH: Klar.

MK: Wie gehst du damit um?

CH: Indem ich einfach auf mein Bauchgefühl höre und gucke, mit welcher Anfrage ich mich wohlfühle. Ich versuche das manchmal auszuschalten. Ich möchte nicht immer darüber nachdenken und möchte einfach nur fotografieren. Aber das geht natürlich nicht immer.

Oder es wird mir widergespiegelt von Personen um mich rum. Zum Beispiel wurde in letzter Zeit oft nach Schwarzen Fotograf*innen gesucht. Und dann frage ich mich bin ich jetzt nur deswegen ausgesucht oder weil ich einfach gute Fotos mache. Aber natürlich bin ich in erster Linie deswegen ausgesucht. Ich dachte mir in letzter Zeit öfter, wenn ihr mich bucht, weil ich eine Schwarze Fotografin bin, wie sieht es dann in drei Monaten aus? Kann ich dann auch mal Leute fotografieren, die nicht Schwarz sind?

MK: Gleichzeitig die Frage, kann eine Black-Lives-Matter-Demo fotografiert werden von einer weißen Person und inwiefern ist das okay?

CH: Praktisch ja. Aber eigentlich nein.

MK: Eben.

CH: Das haben viele gemacht aber da kriege ich direkt Gänsehaut. Das ärgert mich, weil das nicht aus der Mitte heraus entstehen kann. Das ist eher ein Draufschauen. Die Person wird sich damit nicht identifizieren können.

MK: Und das ist ja eine grundlegende Frage, die sich natürlich auch das Schauspiel Dortmund als weiße Institution stellen muss. Inwiefern wird da auch ein kritischer Blick auf sich gerichtet und wie werden Narrative verändert und Positionen anders besetzt.

CH: Ich bin gespannt.

MK: Du hast ja davon gesprochen, dass die Theater-Welt eigentlich gar nicht so deine Welt ist. Wie würdest du denn das Schauspiel Dortmund beschreiben?

CH: So wie ich es bis jetzt kennengelernt habe: offenherzig mit einem Lächeln im Gesicht und mit offenen Armen. Jung und mit einem positiven Gefühl. Es ist nicht so, dass ich hierherkomme und alles ist grau, sondern es ist als wenn die Farben irgendwie leuchten würden.

MK: Letzte Frage: Ist Dortmund ein guter Standort, um fotografisch zu arbeiten?

CH: Ich habe noch nicht so viel in Dortmund kennen lernen können aber ich habe schon Jobs innerhalb von ein paar Monaten, trotz Corona, bekommen. Also auf jeden Fall. Es gibt hier viele coole Menschen. Ich denke dadurch entsteht auch schon super viel. Und obwohl hier sehr viele Fotografen leben habe ich nicht das Gefühl, überflüssig zu sein, sondern eher: Okay cool, es ist jemand Neues da, alles klar, das passt.

MK: cool, vielen Dank, China.

CH: Ja gern!

Bildergalerie

UnOrte
Becoming Dortmund

UnOrte

Fotoreihe UnOrte

Das Schauspiel Dortmund gibt zwei Mal in der Spielzeit eine rosa Theaterzeitung heraus. Für die zweite Ausgabe, hat China Hopson eine Fotoreihe zu Un_Orten in Dortmund gemacht. Zu diesem Auftrag wurde sie von Megha Kono-Patel interviewt.

China Hopsen

Fotografin

Die afrodeutsche Fotografin China Hopson (sie/ ihre) lebt, und arbeitet in Dortmund, Hannover und Stuttgart. Ihre fotografischen Arbeiten kreisen um die Visualisierung marginalisierter Gruppen, sei es durch essayistische Fotografien, dokumentarische Serien, Portraits oder Reportagen.

Interview

Ein Gespräch zwischen Megha Kono-Patel und China Hopsen

MK: China, ist es das erste Mal, dass du für eine Schauspielzeitung fotografierst?

CH: Das allererste Mal. Ich habe vorher noch nicht viel mit Theater zu tun gehabt.

MK: Du machst vor allem Fotos, die eine Backround-Geschichte haben.

CH: Ich mache nicht nur solche Sachen aber das mache und zeige ich auch gerne. Damit ich nicht einfach nur für mich fotografiere, sondern, dass sich Leute auch in den Fotos wiedererkennen können.

MK: Damit sprichst du von einer Identifikation, die du mit deinen Bildern schaffen möchtest. Wie war da deine Herangehensweise, als du die Begriffe „Nicht-Orte“ gehört hast?

CH: Ich habe mich hauptsächlich daran orientiert, welche Orte ich kenne oder welche Orte ich noch nicht kenne – ganz simpel. So bin ich beim „U“ gelandet. Das ist einer der ersten Orte, die ich kennengelernt habe. Dann habe ich auch über die Art und Weise wie ich fotografieren möchte nachgedacht. Durch die Doppelbelichtung zeige ich zwei Möglichkeiten: Ort und Nicht-Ort gleichzeitig.

MK: Was ist denn eigentlich ein Nicht-Ort für dich?

CH: Was für mich ein Ort ist, kann für eine andere Person ein Nicht-Ort sein und das wollte ich damit aufzeigen, dass es diese beiden Möglichkeiten gibt. Je nachdem für wen. Die Dorstfelder Brücke ist ein Gegend, von der nicht viele Leute wissen, dass dieser Ort existiert. Für mich aber existiert er, weil ich dort wohne – und dies dann auch zu zeigen. Oder diese Bahngleise. Das war anfangs ein Ort für mich, bei dem ich dachte, dass er spannend aussieht, gleichzeitig aber sind es doch nur öde Bahngleise und nichts Schönes. Aber wenn ich über diese eine Brücke laufe ist auf der einen Seite ein schönes kleines, buntes Blumenfeld und auf der anderen Seite diese Bahngleise. Da gibt es wieder diesen Ort, Nicht- Ort – Positiv und negativ.

MK: Ab wann kennt man eigentlich einen Ort?

CH: Ich glaube, den kennt man nie genug.

MK: Ich hatte bei den Orten das Gefühl, sie seien nicht in Besitz genommen. Also die Orte sind einfach da. Und indem du sie fotografiert hast, waren sie auf eine andere Weise da. Sonst sind sie einfach da, um eine Funktion zu erfüllen, so hatte ich den Eindruck, einer Kritik an Inbesitznahme.

CH: Das finde ich cool, dass du das so siehst.

MK: Ich finde cool, dass du es nicht bestätigst. Was bedeutet Unsichtbarkeit für dich?

CH: Unsichtbarkeit ist für mich, wenn ich es auf mich beziehe, zwei Sachen: persönlich etwas Negatives, weil ich das Gefühl habe, ich bin da und niemand nimmt mich wahr. Als würde ich in manchen Lebenssituationen schreien aber niemand kann mich hören. Auf professioneller Ebene etwas Positives: wenn ich z.B. nicht wahrgenommen werde während ich eine Reportage fotografiere. Dass die Leute nichts extra für mich tun, nur damit ich ein Foto bekomme, sondern mich einfach ignorieren können.

MK: Was würdest du sagen, wie viel von dir steckt denn in deinen Bildern?

CH: Das ist schwierig. Einerseits natürlich vieles, weil ich ja die Person bin, die sagt, ihr bekommt jetzt dieses Bild zu sehen, weil ich jetzt genau in diesem Moment, an diesem Tag, hier stehe und das fotografiere und das durch meine Augen. Das ist natürlich meine Sichtweise. Ich möchte vorrangig das Motiv für sich stehen haben, deswegen möchte ich mich da gar nicht so reindrücken aber gleichzeitig tue ich das, weil ich das Bild mache. Deswegen kann ich nie genau sagen, wie viel oder wie wenig da von mir drinsteckt.

MK: Fotografie ist, wenn nicht bearbeitet, eine Zustands- oder Gegenwartsdokumentation. Würdest du sagen, das stimmt?

CH: Vorranging ja. Aber auf einer Metaebene natürlich noch vieles mehr.

MK: Gibt es den Anspruch, Vergangenheit zu bearbeiten oder Zukunft mitzugestalten durch Fotografie?

CH: Was die Vergangenheit angeht sicher. Fotos sichten, um zu gucken was es in Bezug auf meine persönliche Vergangenheit gibt, die einer Gesellschaft, einer Community oder von Gruppen. Vor mir haben sich Menschen fotografisch auch mit Themen auseinander gesetzt, die mich heute beschäftigen. Diese Fotos lesen und verstehen lernen ist ein Anspruch an mich. Und/ oder diese neu umzusetzen. Und für die Zukunft: natürlich auch etwas hinterlassen wollen.

MK: In Form von Repräsentanz meinst du?

CH: Genau, Denkanstöße bieten und Leuten, die noch nie über ein bestimmtes Thema nachgedacht haben zu zeigen: guckt mal, diese Perspektive gibt es auch.

MK: Es ist ja immer so ein Dilemma, einerseits Fotograf*in zu sein und gleichzeitig Schwarze Fotograf*in zu sein. Bewegst du dich auch in diesem Spannungsverhältnis, wann soll es ein Thema sein und wann nicht?

CH: Klar.

MK: Wie gehst du damit um?

CH: Indem ich einfach auf mein Bauchgefühl höre und gucke, mit welcher Anfrage ich mich wohlfühle. Ich versuche das manchmal auszuschalten. Ich möchte nicht immer darüber nachdenken und möchte einfach nur fotografieren. Aber das geht natürlich nicht immer.

Oder es wird mir widergespiegelt von Personen um mich rum. Zum Beispiel wurde in letzter Zeit oft nach Schwarzen Fotograf*innen gesucht. Und dann frage ich mich bin ich jetzt nur deswegen ausgesucht oder weil ich einfach gute Fotos mache. Aber natürlich bin ich in erster Linie deswegen ausgesucht. Ich dachte mir in letzter Zeit öfter, wenn ihr mich bucht, weil ich eine Schwarze Fotografin bin, wie sieht es dann in drei Monaten aus? Kann ich dann auch mal Leute fotografieren, die nicht Schwarz sind?

MK: Gleichzeitig die Frage, kann eine Black-Lives-Matter-Demo fotografiert werden von einer weißen Person und inwiefern ist das okay?

CH: Praktisch ja. Aber eigentlich nein.

MK: Eben.

CH: Das haben viele gemacht aber da kriege ich direkt Gänsehaut. Das ärgert mich, weil das nicht aus der Mitte heraus entstehen kann. Das ist eher ein Draufschauen. Die Person wird sich damit nicht identifizieren können.

MK: Und das ist ja eine grundlegende Frage, die sich natürlich auch das Schauspiel Dortmund als weiße Institution stellen muss. Inwiefern wird da auch ein kritischer Blick auf sich gerichtet und wie werden Narrative verändert und Positionen anders besetzt.

CH: Ich bin gespannt.

MK: Du hast ja davon gesprochen, dass die Theater-Welt eigentlich gar nicht so deine Welt ist. Wie würdest du denn das Schauspiel Dortmund beschreiben?

CH: So wie ich es bis jetzt kennengelernt habe: offenherzig mit einem Lächeln im Gesicht und mit offenen Armen. Jung und mit einem positiven Gefühl. Es ist nicht so, dass ich hierherkomme und alles ist grau, sondern es ist als wenn die Farben irgendwie leuchten würden.

MK: Letzte Frage: Ist Dortmund ein guter Standort, um fotografisch zu arbeiten?

CH: Ich habe noch nicht so viel in Dortmund kennen lernen können aber ich habe schon Jobs innerhalb von ein paar Monaten, trotz Corona, bekommen. Also auf jeden Fall. Es gibt hier viele coole Menschen. Ich denke dadurch entsteht auch schon super viel. Und obwohl hier sehr viele Fotografen leben habe ich nicht das Gefühl, überflüssig zu sein, sondern eher: Okay cool, es ist jemand Neues da, alles klar, das passt.

MK: cool, vielen Dank, China.

CH: Ja gern!

Bildergalerie

UnOrte
Becoming Dortmund

UnOrte

Fotoreihe UnOrte

Das Schauspiel Dortmund gibt zwei Mal in der Spielzeit eine rosa Theaterzeitung heraus. Für die zweite Ausgabe, hat China Hopson eine Fotoreihe zu Un_Orten in Dortmund gemacht. Zu diesem Auftrag wurde sie von Megha Kono-Patel interviewt.

China Hopsen

Fotografin

Die afrodeutsche Fotografin China Hopson (sie/ ihre) lebt, und arbeitet in Dortmund, Hannover und Stuttgart. Ihre fotografischen Arbeiten kreisen um die Visualisierung marginalisierter Gruppen, sei es durch essayistische Fotografien, dokumentarische Serien, Portraits oder Reportagen.

Interview

Ein Gespräch zwischen Megha Kono-Patel und China Hopsen

MK: China, ist es das erste Mal, dass du für eine Schauspielzeitung fotografierst?

CH: Das allererste Mal. Ich habe vorher noch nicht viel mit Theater zu tun gehabt.

MK: Du machst vor allem Fotos, die eine Backround-Geschichte haben.

CH: Ich mache nicht nur solche Sachen aber das mache und zeige ich auch gerne. Damit ich nicht einfach nur für mich fotografiere, sondern, dass sich Leute auch in den Fotos wiedererkennen können.

MK: Damit sprichst du von einer Identifikation, die du mit deinen Bildern schaffen möchtest. Wie war da deine Herangehensweise, als du die Begriffe „Nicht-Orte“ gehört hast?

CH: Ich habe mich hauptsächlich daran orientiert, welche Orte ich kenne oder welche Orte ich noch nicht kenne – ganz simpel. So bin ich beim „U“ gelandet. Das ist einer der ersten Orte, die ich kennengelernt habe. Dann habe ich auch über die Art und Weise wie ich fotografieren möchte nachgedacht. Durch die Doppelbelichtung zeige ich zwei Möglichkeiten: Ort und Nicht-Ort gleichzeitig.

MK: Was ist denn eigentlich ein Nicht-Ort für dich?

CH: Was für mich ein Ort ist, kann für eine andere Person ein Nicht-Ort sein und das wollte ich damit aufzeigen, dass es diese beiden Möglichkeiten gibt. Je nachdem für wen. Die Dorstfelder Brücke ist ein Gegend, von der nicht viele Leute wissen, dass dieser Ort existiert. Für mich aber existiert er, weil ich dort wohne – und dies dann auch zu zeigen. Oder diese Bahngleise. Das war anfangs ein Ort für mich, bei dem ich dachte, dass er spannend aussieht, gleichzeitig aber sind es doch nur öde Bahngleise und nichts Schönes. Aber wenn ich über diese eine Brücke laufe ist auf der einen Seite ein schönes kleines, buntes Blumenfeld und auf der anderen Seite diese Bahngleise. Da gibt es wieder diesen Ort, Nicht- Ort – Positiv und negativ.

MK: Ab wann kennt man eigentlich einen Ort?

CH: Ich glaube, den kennt man nie genug.

MK: Ich hatte bei den Orten das Gefühl, sie seien nicht in Besitz genommen. Also die Orte sind einfach da. Und indem du sie fotografiert hast, waren sie auf eine andere Weise da. Sonst sind sie einfach da, um eine Funktion zu erfüllen, so hatte ich den Eindruck, einer Kritik an Inbesitznahme.

CH: Das finde ich cool, dass du das so siehst.

MK: Ich finde cool, dass du es nicht bestätigst. Was bedeutet Unsichtbarkeit für dich?

CH: Unsichtbarkeit ist für mich, wenn ich es auf mich beziehe, zwei Sachen: persönlich etwas Negatives, weil ich das Gefühl habe, ich bin da und niemand nimmt mich wahr. Als würde ich in manchen Lebenssituationen schreien aber niemand kann mich hören. Auf professioneller Ebene etwas Positives: wenn ich z.B. nicht wahrgenommen werde während ich eine Reportage fotografiere. Dass die Leute nichts extra für mich tun, nur damit ich ein Foto bekomme, sondern mich einfach ignorieren können.

MK: Was würdest du sagen, wie viel von dir steckt denn in deinen Bildern?

CH: Das ist schwierig. Einerseits natürlich vieles, weil ich ja die Person bin, die sagt, ihr bekommt jetzt dieses Bild zu sehen, weil ich jetzt genau in diesem Moment, an diesem Tag, hier stehe und das fotografiere und das durch meine Augen. Das ist natürlich meine Sichtweise. Ich möchte vorrangig das Motiv für sich stehen haben, deswegen möchte ich mich da gar nicht so reindrücken aber gleichzeitig tue ich das, weil ich das Bild mache. Deswegen kann ich nie genau sagen, wie viel oder wie wenig da von mir drinsteckt.

MK: Fotografie ist, wenn nicht bearbeitet, eine Zustands- oder Gegenwartsdokumentation. Würdest du sagen, das stimmt?

CH: Vorranging ja. Aber auf einer Metaebene natürlich noch vieles mehr.

MK: Gibt es den Anspruch, Vergangenheit zu bearbeiten oder Zukunft mitzugestalten durch Fotografie?

CH: Was die Vergangenheit angeht sicher. Fotos sichten, um zu gucken was es in Bezug auf meine persönliche Vergangenheit gibt, die einer Gesellschaft, einer Community oder von Gruppen. Vor mir haben sich Menschen fotografisch auch mit Themen auseinander gesetzt, die mich heute beschäftigen. Diese Fotos lesen und verstehen lernen ist ein Anspruch an mich. Und/ oder diese neu umzusetzen. Und für die Zukunft: natürlich auch etwas hinterlassen wollen.

MK: In Form von Repräsentanz meinst du?

CH: Genau, Denkanstöße bieten und Leuten, die noch nie über ein bestimmtes Thema nachgedacht haben zu zeigen: guckt mal, diese Perspektive gibt es auch.

MK: Es ist ja immer so ein Dilemma, einerseits Fotograf*in zu sein und gleichzeitig Schwarze Fotograf*in zu sein. Bewegst du dich auch in diesem Spannungsverhältnis, wann soll es ein Thema sein und wann nicht?

CH: Klar.

MK: Wie gehst du damit um?

CH: Indem ich einfach auf mein Bauchgefühl höre und gucke, mit welcher Anfrage ich mich wohlfühle. Ich versuche das manchmal auszuschalten. Ich möchte nicht immer darüber nachdenken und möchte einfach nur fotografieren. Aber das geht natürlich nicht immer.

Oder es wird mir widergespiegelt von Personen um mich rum. Zum Beispiel wurde in letzter Zeit oft nach Schwarzen Fotograf*innen gesucht. Und dann frage ich mich bin ich jetzt nur deswegen ausgesucht oder weil ich einfach gute Fotos mache. Aber natürlich bin ich in erster Linie deswegen ausgesucht. Ich dachte mir in letzter Zeit öfter, wenn ihr mich bucht, weil ich eine Schwarze Fotografin bin, wie sieht es dann in drei Monaten aus? Kann ich dann auch mal Leute fotografieren, die nicht Schwarz sind?

MK: Gleichzeitig die Frage, kann eine Black-Lives-Matter-Demo fotografiert werden von einer weißen Person und inwiefern ist das okay?

CH: Praktisch ja. Aber eigentlich nein.

MK: Eben.

CH: Das haben viele gemacht aber da kriege ich direkt Gänsehaut. Das ärgert mich, weil das nicht aus der Mitte heraus entstehen kann. Das ist eher ein Draufschauen. Die Person wird sich damit nicht identifizieren können.

MK: Und das ist ja eine grundlegende Frage, die sich natürlich auch das Schauspiel Dortmund als weiße Institution stellen muss. Inwiefern wird da auch ein kritischer Blick auf sich gerichtet und wie werden Narrative verändert und Positionen anders besetzt.

CH: Ich bin gespannt.

MK: Du hast ja davon gesprochen, dass die Theater-Welt eigentlich gar nicht so deine Welt ist. Wie würdest du denn das Schauspiel Dortmund beschreiben?

CH: So wie ich es bis jetzt kennengelernt habe: offenherzig mit einem Lächeln im Gesicht und mit offenen Armen. Jung und mit einem positiven Gefühl. Es ist nicht so, dass ich hierherkomme und alles ist grau, sondern es ist als wenn die Farben irgendwie leuchten würden.

MK: Letzte Frage: Ist Dortmund ein guter Standort, um fotografisch zu arbeiten?

CH: Ich habe noch nicht so viel in Dortmund kennen lernen können aber ich habe schon Jobs innerhalb von ein paar Monaten, trotz Corona, bekommen. Also auf jeden Fall. Es gibt hier viele coole Menschen. Ich denke dadurch entsteht auch schon super viel. Und obwohl hier sehr viele Fotografen leben habe ich nicht das Gefühl, überflüssig zu sein, sondern eher: Okay cool, es ist jemand Neues da, alles klar, das passt.

MK: cool, vielen Dank, China.

CH: Ja gern!

Bildergalerie

UnOrte
Becoming Dortmund

UnOrte

Fotoreihe UnOrte

Das Schauspiel Dortmund gibt zwei Mal in der Spielzeit eine rosa Theaterzeitung heraus. Für die zweite Ausgabe, hat China Hopson eine Fotoreihe zu Un_Orten in Dortmund gemacht. Zu diesem Auftrag wurde sie von Megha Kono-Patel interviewt.

China Hopsen

Fotografin

Die afrodeutsche Fotografin China Hopson (sie/ ihre) lebt, und arbeitet in Dortmund, Hannover und Stuttgart. Ihre fotografischen Arbeiten kreisen um die Visualisierung marginalisierter Gruppen, sei es durch essayistische Fotografien, dokumentarische Serien, Portraits oder Reportagen.

Interview

Ein Gespräch zwischen Megha Kono-Patel und China Hopsen

MK: China, ist es das erste Mal, dass du für eine Schauspielzeitung fotografierst?

CH: Das allererste Mal. Ich habe vorher noch nicht viel mit Theater zu tun gehabt.

MK: Du machst vor allem Fotos, die eine Backround-Geschichte haben.

CH: Ich mache nicht nur solche Sachen aber das mache und zeige ich auch gerne. Damit ich nicht einfach nur für mich fotografiere, sondern, dass sich Leute auch in den Fotos wiedererkennen können.

MK: Damit sprichst du von einer Identifikation, die du mit deinen Bildern schaffen möchtest. Wie war da deine Herangehensweise, als du die Begriffe „Nicht-Orte“ gehört hast?

CH: Ich habe mich hauptsächlich daran orientiert, welche Orte ich kenne oder welche Orte ich noch nicht kenne – ganz simpel. So bin ich beim „U“ gelandet. Das ist einer der ersten Orte, die ich kennengelernt habe. Dann habe ich auch über die Art und Weise wie ich fotografieren möchte nachgedacht. Durch die Doppelbelichtung zeige ich zwei Möglichkeiten: Ort und Nicht-Ort gleichzeitig.

MK: Was ist denn eigentlich ein Nicht-Ort für dich?

CH: Was für mich ein Ort ist, kann für eine andere Person ein Nicht-Ort sein und das wollte ich damit aufzeigen, dass es diese beiden Möglichkeiten gibt. Je nachdem für wen. Die Dorstfelder Brücke ist ein Gegend, von der nicht viele Leute wissen, dass dieser Ort existiert. Für mich aber existiert er, weil ich dort wohne – und dies dann auch zu zeigen. Oder diese Bahngleise. Das war anfangs ein Ort für mich, bei dem ich dachte, dass er spannend aussieht, gleichzeitig aber sind es doch nur öde Bahngleise und nichts Schönes. Aber wenn ich über diese eine Brücke laufe ist auf der einen Seite ein schönes kleines, buntes Blumenfeld und auf der anderen Seite diese Bahngleise. Da gibt es wieder diesen Ort, Nicht- Ort – Positiv und negativ.

MK: Ab wann kennt man eigentlich einen Ort?

CH: Ich glaube, den kennt man nie genug.

MK: Ich hatte bei den Orten das Gefühl, sie seien nicht in Besitz genommen. Also die Orte sind einfach da. Und indem du sie fotografiert hast, waren sie auf eine andere Weise da. Sonst sind sie einfach da, um eine Funktion zu erfüllen, so hatte ich den Eindruck, einer Kritik an Inbesitznahme.

CH: Das finde ich cool, dass du das so siehst.

MK: Ich finde cool, dass du es nicht bestätigst. Was bedeutet Unsichtbarkeit für dich?

CH: Unsichtbarkeit ist für mich, wenn ich es auf mich beziehe, zwei Sachen: persönlich etwas Negatives, weil ich das Gefühl habe, ich bin da und niemand nimmt mich wahr. Als würde ich in manchen Lebenssituationen schreien aber niemand kann mich hören. Auf professioneller Ebene etwas Positives: wenn ich z.B. nicht wahrgenommen werde während ich eine Reportage fotografiere. Dass die Leute nichts extra für mich tun, nur damit ich ein Foto bekomme, sondern mich einfach ignorieren können.

MK: Was würdest du sagen, wie viel von dir steckt denn in deinen Bildern?

CH: Das ist schwierig. Einerseits natürlich vieles, weil ich ja die Person bin, die sagt, ihr bekommt jetzt dieses Bild zu sehen, weil ich jetzt genau in diesem Moment, an diesem Tag, hier stehe und das fotografiere und das durch meine Augen. Das ist natürlich meine Sichtweise. Ich möchte vorrangig das Motiv für sich stehen haben, deswegen möchte ich mich da gar nicht so reindrücken aber gleichzeitig tue ich das, weil ich das Bild mache. Deswegen kann ich nie genau sagen, wie viel oder wie wenig da von mir drinsteckt.

MK: Fotografie ist, wenn nicht bearbeitet, eine Zustands- oder Gegenwartsdokumentation. Würdest du sagen, das stimmt?

CH: Vorranging ja. Aber auf einer Metaebene natürlich noch vieles mehr.

MK: Gibt es den Anspruch, Vergangenheit zu bearbeiten oder Zukunft mitzugestalten durch Fotografie?

CH: Was die Vergangenheit angeht sicher. Fotos sichten, um zu gucken was es in Bezug auf meine persönliche Vergangenheit gibt, die einer Gesellschaft, einer Community oder von Gruppen. Vor mir haben sich Menschen fotografisch auch mit Themen auseinander gesetzt, die mich heute beschäftigen. Diese Fotos lesen und verstehen lernen ist ein Anspruch an mich. Und/ oder diese neu umzusetzen. Und für die Zukunft: natürlich auch etwas hinterlassen wollen.

MK: In Form von Repräsentanz meinst du?

CH: Genau, Denkanstöße bieten und Leuten, die noch nie über ein bestimmtes Thema nachgedacht haben zu zeigen: guckt mal, diese Perspektive gibt es auch.

MK: Es ist ja immer so ein Dilemma, einerseits Fotograf*in zu sein und gleichzeitig Schwarze Fotograf*in zu sein. Bewegst du dich auch in diesem Spannungsverhältnis, wann soll es ein Thema sein und wann nicht?

CH: Klar.

MK: Wie gehst du damit um?

CH: Indem ich einfach auf mein Bauchgefühl höre und gucke, mit welcher Anfrage ich mich wohlfühle. Ich versuche das manchmal auszuschalten. Ich möchte nicht immer darüber nachdenken und möchte einfach nur fotografieren. Aber das geht natürlich nicht immer.

Oder es wird mir widergespiegelt von Personen um mich rum. Zum Beispiel wurde in letzter Zeit oft nach Schwarzen Fotograf*innen gesucht. Und dann frage ich mich bin ich jetzt nur deswegen ausgesucht oder weil ich einfach gute Fotos mache. Aber natürlich bin ich in erster Linie deswegen ausgesucht. Ich dachte mir in letzter Zeit öfter, wenn ihr mich bucht, weil ich eine Schwarze Fotografin bin, wie sieht es dann in drei Monaten aus? Kann ich dann auch mal Leute fotografieren, die nicht Schwarz sind?

MK: Gleichzeitig die Frage, kann eine Black-Lives-Matter-Demo fotografiert werden von einer weißen Person und inwiefern ist das okay?

CH: Praktisch ja. Aber eigentlich nein.

MK: Eben.

CH: Das haben viele gemacht aber da kriege ich direkt Gänsehaut. Das ärgert mich, weil das nicht aus der Mitte heraus entstehen kann. Das ist eher ein Draufschauen. Die Person wird sich damit nicht identifizieren können.

MK: Und das ist ja eine grundlegende Frage, die sich natürlich auch das Schauspiel Dortmund als weiße Institution stellen muss. Inwiefern wird da auch ein kritischer Blick auf sich gerichtet und wie werden Narrative verändert und Positionen anders besetzt.

CH: Ich bin gespannt.

MK: Du hast ja davon gesprochen, dass die Theater-Welt eigentlich gar nicht so deine Welt ist. Wie würdest du denn das Schauspiel Dortmund beschreiben?

CH: So wie ich es bis jetzt kennengelernt habe: offenherzig mit einem Lächeln im Gesicht und mit offenen Armen. Jung und mit einem positiven Gefühl. Es ist nicht so, dass ich hierherkomme und alles ist grau, sondern es ist als wenn die Farben irgendwie leuchten würden.

MK: Letzte Frage: Ist Dortmund ein guter Standort, um fotografisch zu arbeiten?

CH: Ich habe noch nicht so viel in Dortmund kennen lernen können aber ich habe schon Jobs innerhalb von ein paar Monaten, trotz Corona, bekommen. Also auf jeden Fall. Es gibt hier viele coole Menschen. Ich denke dadurch entsteht auch schon super viel. Und obwohl hier sehr viele Fotografen leben habe ich nicht das Gefühl, überflüssig zu sein, sondern eher: Okay cool, es ist jemand Neues da, alles klar, das passt.

MK: cool, vielen Dank, China.

CH: Ja gern!

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