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DIE WILDEN SIND LOS!

Am Wochenende gab es ein feuriges Premieren-Stelldichein am Schauspiel Dortmund zu bewundern. In „Szenen einer Ehe“ verwandelte die Regisseurin Claudia Bauer unser Ensemble in ein wildgewordenes Rudel, das den Lebenswunsch nach einer harmonischen Ehe genüsslich zerfleischt. In „Nosferatu“ erinnerte uns Jörg Buttgereit an das ureigene Verlangen, die Fantasiewelt in ein lustvolles Horrorkabinett zu tauchen. Und just brüte ich über der Textfassung unserer Punk-Operette „Häuptling Abendwind“, in der eine Horde Kannibalen einen musikalisch-karnivorischen Festschmaus zubereitet. Die legendäre Ruhrpott-Punkband Die Kassierer wird diesen Abend live begleiten – ungestüm und laut natürlich! Sind die Errungenschaften unserer Zivilisation also in Gefahr? Steckt unter dem Deckmantel der Kultiviertheit allzeit das unbändige Tier? Steppt da der Bär?

Gehen wir nicht gerade ins Theater, um uns besonders kultiviert zu zeigen? Mit dem Gläschen Sekt in der einen Hand und der brandaktuellen Zeitdiagnose auf dem Zeigefinger der anderen Hand reflektieren wir die Abgründe des Menschseins – aber bitte distinguiert und distanziert. Oder steckt der wahre Spaß am Theaterbesuch nicht viel eher darin, dem schändlichen Drachen ins Maul zu schauen, dem Leviathan auf den schäbigen Essteller zu gucken? – Schließlich kennen wir die darauf lauernden ungesunden Ingredienzien nur all zu genau…

Also wenn das nächste Mal auf der Bühne ein großes, wildes – wenn auch bloß symbolisches – Menschenfressen stattfindet, denke ich einfach an die Worte des Ethnologen Claude Lévi-Strauss: „Wenn bestimmte Zeremonien bei ganz verschiedenen Völkern immer wiederkehren, dann muss es sich um etwas handeln, was nicht vollkommen absurd ist.“ Egal ob Kannibalen, Vampire oder Ehebrecher die Szene bevölkern, der „wilde“, im Mythos verankerte Mensch versucht doch stets, die gleichen Fragen zu beantworten wie der „zivilisierte“ Mensch.

 

Veröffentlicht am 3. Dezember 2014 in den Ruhr Nachrichten.