Schlagwort-Archive: Zentrum für Politische Schönheit

LET´S MOBILIZE!

Die Tagung ist beendet. Drei Tage voller interessanter Gespräche, Diskussionen, Bier, Sauna, Theater und Party.

45 Wissenschaftler_innen, Aktivist_innen, Schauspieler_innen, Journalist_innen, Künstler_innen und Kurator_innen waren 3 Tage lang zusammen, und nicht nur die Sauna hat die Köpfe zum Rauchen gebracht, sondern auch viele Fragen, die sich im Zusammenhang mit Theater und Aktion stellten: Was hat Theater überhaupt mit Aktion zu tun? Was können beide Bereiche voneinander lernen? Welche Rolle spielt eigentlich das Publikum? Was verändert sich, wenn der Rahmen einer Aktion eine Theaterbühne ist, im Gegensatz zu einer medialen Bühne oder einfach der Straße? Wie unterscheiden sich die unterschiedlichen Diskurse und was vereint sie? LET´S MOBILIZE! weiterlesen

2099

(Einige Gedanken zum Ansatz der Inszenierung)

Das erste Theaterstück des Zentrums für Politische Schönheit stellt vier Philosophen vom Ende des 21. Jahrhunderts auf eine Theaterbühne des Jahres 2015. Menschen vom Beginn des Jahrhunderts sehen sich Menschen vom Ende des Jahrhunderts gegenüber. In dieser Gegenüberstellung fliegt der Funke einer historischen Kraft: Menschen, die sich gerade erst aufmachen, ihr politisches Wollen im 21. Jahrhundert zu erforschen, werden auf der Bühne des Schauspiels Dortmund mit dem Urteil konfrontiert, das sich die Nachwelt über sie gebildet hat. Eine Theater-Zeitreise, die allen Beteiligten – sowohl auf, vor, neben und hinter der Bühne – buchstäblich alles abverlangt. Die Philosophen aus dem Jahre 2099 versuchen dabei, die Geschichte des 21. Jahrhundert umzuschreiben und das Schicksal zu korrigieren. Von dieser Überzeugung sind sie alle getragen – Natur würfelt nicht, aber die Geschichte würfelt. Das Publikum muss handeln, bevor es zu spät ist. 2099 weiterlesen

SCHAUSPIEL DISTANZIERT SICH VON ZWERGAFFENDIEBSTAHL

Dortmund 18. September 2015

Das Schauspiel Dortmund hat sich nach langer Beratung dazu entschieden, sich öffentlich von dem Diebstahl der beiden Zwergagutis aus dem Dortmunder Zoo durch das „Zentrum für Politische Schönheit“ (ZPS) in der Nacht vom 10. auf den 11. August zu distanzieren. Die Intendanz des Schauspiels ist in den Vorgang durch die KünstlerInnen des ZPS weder im Vorhinein eingeweiht gewesen, noch hätte sie ihm in der Durchführung jemals zugestimmt. Die Intendanz behält sich vor, mit allen zur Verfügung stehenden rechtlichen Mitteln dagegen vorzugehen. Diebstahl fremden Eigentums ist nach §242 StGB strafbar und nicht durch die Kunstfreiheit Art. 5 Abs. 3 (GG) gedeckt. Die heutige Bekanntgabe des ZPS, dass die beiden Exemplare der seltenen Zwergseidenaffen-Art in seinem Besitz seien und darüber hinaus in der morgigen Premiere auf der Bühne präsentiert werden sollen, hat die Intendanz ebenso überrascht wie verärgert. Das Schauspiel Dortmund sieht an dieser Stelle eindeutig eine moralische und ethische Grenze überschritten, die durch nichts gerechtfertigt ist.

Für das Wohlergehen der Tiere kann die Intendanz des Schauspiels keine Verantwortung übernehmen, weil der derzeitige Aufenthaltsort vom ZPS geheim gehalten wird. Die Intendanz hat die KünstlerInnen des ZPS heute mehrfach aufgefordert, sich umgehend mit den Tieren der Polizei zu stellen oder deren Aufenthaltsort zu verraten. Sollte dies nicht geschehen, behält sich das Schauspiel Dortmund vor, die morgige Premiere abzubrechen, wenn die Affen auf der Bühne präsentiert würden.

 

gez. Kay Voges, Intendant

sowie Dirk Baumann, Michael Eickhoff, Alexander Kerlin, Anne-Kathrin Schulz (Dramaturgie)

 

Foto: dpa

WENN DIE SYRER WALE WÄREN

von Philipp Ruch / Zentrum für Politische Schönheit

„Warum sollen wir Mitleid mit Menschen haben?
Von ihnen können wir jederzeit mehr machen,
aber ein Pferd – versuch mal, ein Pferd zu machen!“
Stalin

stbAls der letzte Bär im Zoo von Sarajevo 1992 während des Bosnien-Krieges verhungerte, war die öffentliche Empörung groß. Der geplante Massenmord von Hunderttausend Menschen, gerade auch die mit gezielten Kopfschüssen getöteten Kinder zu Kriegsbeginn, verkörperten dagegen das kleinere Problem. Der Dortmunder Zoo ist ein Liebling der Lokalmedien; bedrohte Tiere sind immer auch eine Herzensangelegenheit der (medialen) Weltöffentlichkeit. WENN DIE SYRER WALE WÄREN weiterlesen

WORTE HELFEN NICHT, SONDERN TATEN

An einem Dienstagmorgen im Juni auf einem muslimischen Friedhof in Berlin. Aufgeworfene Erde. Zwei Särge werden hinabgelassen – ein großer und ein kleiner für eine Mutter und ihr zweijähriges Kind. Eine kleine Trauergemeinde spricht mit dem Imam das islamische Totengebet. Zahlreiche Journalisten umringen das Grab. Davor auf rotem Teppich mehrere Reihen leere Stühle. Doch die geladenen Trauergäste sind nicht erschienen: Angela Merkel, Thomas de Mazière und viele andere. Ein privater Moment, der Öffentlichkeit sucht… WORTE HELFEN NICHT, SONDERN TATEN weiterlesen

MAUERN, ZÄUNE UND ZAHLEN

Am 9. November jährt sich der Fall der Berliner Mauer zum 25. Mal. Ein Grund zum Feiern und zur Erinnerung an politische Gefangene der SED-Diktatur und die Menschen, die am innerdeutschen Grenzzaun starben. Während in Berlin durch die symbolische Markierung des Mauerverlaufs mit einer „Lichtgrenze“ aus 8000 leuchtenden Ballons allein der Vergangenheit gedacht wird, versuchen die Aktionskünstler des „Zentrum für Politische Schönheit“ eine Engführung von Gedenken und Gegenwart: Die innerdeutsche Mauer ist weg, aber an den Außengrenzen der EU ist in den vergangenen Jahren eine neue „Mauer“ entstanden – hochgerüstete Grenzanlagen in Bulgarien, Griechenland, im spanischen Melilla. An dieser Mauer wird gestorben, jetzt und heute.

Sicher ist es moralisch streitbar – wie geschehen – Teile der Gedenkstätte für die Mauertoten zu entfernen und an den EU-Außengrenzen zu inszenieren. Aber die kontroverse Diskussion der letzten Tage zeigt die Brisanz des Themas: Wo liegt unsere Verantwortung Flüchtlingen von heute gegenüber? Wir alle kennen die Berichte von gekenterten Nussschalen auf dem Mittelmeer und überfüllten Aufnahmelagern in Italien. Und auch bei uns: volle Aufnahmelager, Gewaltexzesse von Sicherheitsdiensten, Hausbesetzungen durch Asylbewerber, politische Diskussionen um die weitere Aufnahme von vergleichsweise wenigen Flüchtlingen.

Die Gedenkstätte für die Mauertoten erinnert an individuelle Schicksale. Aber wer verleiht den Flüchtlingen der Gegenwart ein Gesicht? Hinter der anonymen Masse stehen Menschen. Im Gepäck: Verzweiflung und Hoffnung auf eine Zukunft. Wie damals an der innerdeutschen Grenze. Der Autor Miltiadis Oulios gibt den Schicksalen der Gegenwart in seinem Buch „Blackbox Abschiebung“ eine Stimme: Menschen, die es zwar nach Deutschland geschafft haben, aber nicht bleiben durften. Gemeinsam mit dem Stadtmagazin Bodo, Pro Asyl und dem Schauspiel Dortmund präsentiert Oulios sein Buch am 9. Dezember im Institut des Schauspiels (19:30 Uhr). Der Eintritt ist frei.

Veröffentlicht am 5. November 2014 in den Ruhr Nachrichten