Schlagwort-Archive: Zeit

WÖRTERBUCH DER BORDERLINE PROZESSION


LANGFASSUNG

Beiträge von Dirk Baumann und Matthias Seier

Fotos von Birgit Hupfeld und Maximilian Steffan

 BLP = Die Borderline Prozession WÖRTERBUCH DER BORDERLINE PROZESSION weiterlesen

ZEIT

Jenseits der Frage, ob sie nun an sich existiert oder nur ein Produkt unseres vergänglichen irdischen Bewusstseins ist (die Philosophen haben sich darüber die Köppe eingehauen), muss man doch vermuten, dass ihr Empfinden körperlich bedingt ist: Einer Raupe etwa wird unser →ALLTAG vorkommen wie ein Film in 64facher Geschwindigkeit.

RISS DURCH DIE ZEIT

Von Dramaturg Alexander Kerlin

Als meine eineinhalb jährige Tochter vor ein paar Tagen mit ihrem Zeigefinger über ein altes Foto strich, begriff ich einmal mehr, dass sich etwas Grundlegendes in der Welt verändert hat. Die Kleine erwartete, ein digitales Bild vor sich zu haben – und war irritiert darüber, dass das Foto nicht mit einem Wisch verschwindet.

In der wöchentlichen Dramaturgie-Sitzung erzählte ich davon und benutzte die Wendung, dass ich wohl aus der „alten Zeit“ stamme. Die 1990er und 2000er Jahre durchzieht ein Riss, der das digitale vom analogen Zeitalter trennt. Man wird von ihm sagen, dass nach ihm nichts geblieben ist, wie es war.

Meine Tochter macht die digitale vor der analogen Erfahrung. Meine Jugend: Telefon mit Schnur, Fotoalbum mit Klebefolie, Nachschlagen im „Meyers Lexikon“. Die meiner Tochter: Smartphone, 3D-Drucker, Google. Walter Benjamin hatte einst über die Fotographie gesagt, dass sie die Aura des „Originals“ gefährdet. Heute sind digitale Kopien ohne Qualitätsverlust möglich: die Rede vom „Original“ ist endgültig zweifelhaft geworden. Ein Foto ist kein Ding mehr, das zu einem Ort gehört. Die Endgeräte sind Dienstleister, die überall Zugang zu den persönlichen Daten verschaffen.

Generationen, die heftigen Technologie-Schüben ausgesetzt sind, erfahren gehörigen Anpassungsdruck. Die unbegrenzte Verfügbarkeit von Wissen und Unterhaltung ist in der Tat eine Attacke auf die Psyche von Menschen, die es noch gewohnt waren, CDs in Endlosschleife zu hören oder 1000-Seiten-Romane in wochenlanger Konzentration durchzuackern. Wir werden Kulturtechniken entwickeln müssen, die uns die Kontrolle über die Zeit zurückgeben.

Das Theater, dieser ganz alte Ort, hat viel Erfahrung mit dem Virtuellen: Wozu sonst gibt es z.B. den roten Vorhang, wenn nicht dafür, Bilder mit einem Wisch von der Bühne verschwinden zu lassen? Also doch nicht so tief, der Riss? Kann uns das Theater mit 2500 Jahren Erfahrung vielleicht sogar dabei helfen, uns im neuen, digitalen Umfeld besser zu orientieren? Wir arbeiten dran: mehr unter www.cyberleiber-festival.de.

Veröffentlicht am 1.Mai 2013 in den Ruhr Nachrichten.