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GLOSSAR

Achill
Sohn des Peleus und der Meeresgöttin Thetis; galt als größter Held im griech. Heer vor Troja. Bei Christa Wolf stets mit dem Attribut „das Vieh“ versehen, zeigt sich A. besonders grausam im Kampf (ermordete Troilos, Hektor, Penthesilea). Getötet durch einen Hinterhalt von Paris (Achillesverse).

Agamemnon
König von Mykene; Ehemann der Klytaimnestra; Vater von Orestes, Elektra, Iphigenie, Chrysothemis; Bruder des Menelaos. Weil vor seinem Aufbruch in den Trojanischen Krieg Windstille herrschte, opferte A. seine Tochter Iphigenie der Göttin Artemis und zog dadurch die Rache seiner Frau Klytaimnestra auf sich. Nach seiner Rückkehr nach Mykene gemeinsam mit seiner Kriegsbeute Kassandra von Klytaimnestra erschlagen.

Kassandra

Aineias
Sohn des Anchises und der Aphrodite. Mehrfach durch göttliche Schutzhand gerettet, gelang es A. schließlich, mit einigen Verbündeten aus Troja zu fliehen und eine neue Stadt zu gründen (umstrittener Stammvater Roms). Bei Wolf erscheint A. als idealisierter Geliebter Kassandras, von dem sie sich schlussendlich trennt.

Anchises
Trojaner königlicher Herkunft; zeugte in der gr. Mythologie mit der Göttin Aphrodite Aineias. Wird am Ende des Trojanischen Krieges von Aineias in einem Korb vor den Griechen gerettet. Bei Wolf ideologischer Mittelpunkt der Gemeinschaft am Fluss Skamandros.

Apollon
Allg. bekannt als Gott u.a. des Lichts, der Weissagung und der Künste; Sohn des Zeus, Vater des Orpheus. Bei Wolf ist A. derjenige, der Kassandra im Traum die Sehergabe verleiht; dabei zeigt er sich nicht edelmütig, sondern sexuell bedrängend.

Arisbe
In der gr. Mythologie Tochter des Merops, erste Frau des Priamos, Mutter des Aisakos. Bei Wolf Teil der Gemeinschaft am Fluss Skamandros; Muttergestalt für Kassandra.

Briseis
Tochter des Kalchas, Frau von Kassandras Bruder Troilos. Nach dessen Tod wechselt sie zu ihrem Vater ins Griechenlager, kehrt später aber zurück und wird Teil der Gemeinschaft am Skamandros.

Eumelos
Von Wolf nur dem Namen nach der gr. Mythologie entnommen. Niedriger Herkunft, Sohn eines Schreibers und einer Sklavin aus Kreta. Erster Offizier Trojas, wichtigster (Kriegs-)Berater des Priamos.

Hekabe
Königin von Troja; Frau des Priamos. Mutter zahlreicher Kinder, u.a. von Hektor, Paris, Kassandra, Polyxena, Troilos. Wird nach dem Fall Trojas Sklavin des Odysseus und von diesem verschleppt. Zu Beginn von Wolfs Erzählung noch unangefochtene Königin, wird sie von ihrem Mann Priamos im Führungsanspruch verdrängt.

Hektor
Ältester Sohn des Priamos und der Hekabe; mutigster Feldherr Trojas; wird im Zweikampf mit Achill getötet. Bei Wolf sieht Kassandra ihren Bruder im Gegensatz zum troj. Königshaus nicht als Held.

Kassandra

Helena
Tochter des Zeus; in der gr. Mythologie allgemein als schönste aller Frauen bekannt. Bei Wolf nur namentlich erwähnt: Paris, der H. ihrem Gatten Menelaos entführt, verliert sie in Ägypten an den dortigen König; dennoch ist sie Kriegsgrund im Trojanischen Krieg. Kassandra selbst begreift erst spät, dass H. gar nicht in Troja ist.

Kalchas
Seher der Griechen während des Trojanischen Krieges. Bei Wolf zunächst Vertrauter Kassandras, der dann zu den Griechen überläuft und später auch seine Tochter Briseis ins feindliche Lager holt.

Kassandra
Tochter des Priamos und der Hekabe; von Apollon begehrt und mit der Sehergabe beschenkt; Hauptfigur der gleichnamigen Christa-Wolf-Erzählung. Gilt in der gr. Mythologie als tragische Figur, da niemand ihren (zutreffenden) Weissagungen Glauben schenkt. Wird von Agamemnon nach dem Sieg der Griechen als dessen Geliebte nach Mykene entführt, wo sie von Klytaimnestra mit der Axt erschlagen wird.

Klytaimnestra
Tochter eines Spartanerkönigs; Schwester der schönen Helena; Gattin und Mörderin des Agamemnon; Königin von Mykene. Mutter von Iphigenie, Orestes, Elektra, Chrysothemis. Mörderin Kassandras.

Kybele
Fruchtbarkeitsgöttin aus dem kleinasiatischen Raum; von einigen Griechen bzw. Trojanern als „Große Mutter“ verehrt. Bei Wolf ist der Kybele-Kult Gegenpol zur „etablierten“ Götterwelt.

Menelaos
König von Sparta; floh nach Ermordung seines Vaters mit dem älteren Bruder Agamemnon aus Mykene und vermählte sich mit Helena. Bei Wolf wird M. von Paris provoziert und auf seine Frau angesprochen, die Paris später entführt, woraufhin M. Troja den Krieg erklärt.

Mykene
Im Altertum eine der wichtigsten Städte Griechenlands; gelegen auf der Peloponnes, nördlich der Ebene von Argos. Sitz des Königshauses des Agamemnon und der Klytaimnestra. Heimat von Orestes, Elektra, Iphigenie, Chrysothemis.

Panthoos
Randfigur in der gr. Mythologie, Teil der trojanischen Seite; Priester griechischer Herkunft, der mit einem Schiff nach Troja gelangte.

Parthena
Wird nur bei Wolf erwähnt; Amme Kassandras, die diese zum ersten Mal mit dem Namen Kybele konfrontiert.

Penthesilea
Königin und Heerführerin der Amazonen; kämpfte nach Hektors Tod auf Seiten der Trojaner gegen die Griechen. Bei Wolf männerverachtend und prinzipientreu; wird von Achill im Zweikampf getötet und anschließend geschändet.

Polyxena
Tochter des Priamos und der Hekabe; jüngere Schwester Kassandras. In einigen Antikenbearbeitungen Liebesobjekt Achills. Wird bei Wolf von den Trojanern als Lockvogel für Achill benutzt; dieser fordert darauf im Sterben, P. auf seiner Grabstätte zu opfern.

Priamos
König von Troja, Ehemann der Hekabe, mit der er laut gr. Mythologie 50 Söhne und 12 Töchter hatte. Sohn des troj. Königs Laomedon, Bruder der Hesione. Bei Wolf ist Kassandra zunächst Lieblingstochter des P., wird dann aber von ihm verstoßen und kurzzeitig in Gefangenschaft genommen, als sie den Kriegsplänen in die Quere kommt. Nach der Niederlage Trojas wird P. am Altar des Zeus erschlagen.

Kassandra

Telamon
König von Salamis; gewann laut gr. Mythologie die trojanische Königsschwester Hesione in einer früheren Schlacht in Troja und machte sie zu seiner Frau und Königin. Bei Wolf nur namentlich erwähnt.

Troja
Griech. Ilios oder Ilion, lat. Troja; sagenumwobene Stadt in Kleinasien (Nordwesten der heutigen Türkei). Geographische Lage seit den Ausgrabungen Heinrich Schliemanns Ende des 19. Jahrhunderts bekannt. Im zehnjährigen Trojanischen Krieg (Mittelpunkt von Homers Ilias) von den Griechen belagert und nach Einnahme mithilfe der List des Trojanischen Pferds dem Erdboden gleichgemacht.

Troilos
Jüngster Sohn des Priamos und der Hekabe; Bruder Kassandras. Randfigur der trojanischen Sagenwelt, Titelfigur eines Shakespeare-Stücks (Troilus und Cressida). Bei Wolf erstes prominentes Opfer des Trojanischen Krieges: T. wird von Achill unter Kassandras Augen im Apollon-Tempel hingerichtet.

WHAT REALLY HAPPENS

Crow ist entsetzt darüber, dass Anderton ihn nicht tötet, denn er ist von morbider Todessehnsucht. Er klärt Anderton über die Vorgeschichte auf: Er ist nicht der Entführer oder Mörder von Sammy, sondern ein verurteilter Verbrecher, der von einem Unbekannten dazu genötigt wurde, den Entführer zu spielen. Anderton ist abermals fassungslos. Beinahe hätte er den Falschen exekutiert, was er darüber hinaus nach getaner Tat niemals hätte erfahren können. Er senkt die Waffe, aber Crow greift entschlossen nach seiner Hand, Andertons Zeigefinger ist noch immer am Abzug, und hält sie sich direkt vor den Bauch. KILL ME. Anderton kann Crow kurzfristig beruhigen, abermals senkt er die Waffe. LEB WOHL LEO CROW. Als Anderton sich abwenden will, reißt Crow die Waffe hoch, Agatha schreit, Close-Up der Waffe, Crows Hände am Lauf, aber eindeutig nicht in der Nähe des Abzugs. Crow und Anderton stehen 20 cm voneinander entfernt, wenn der Schuss fällt. Andertons Arm mit der Waffe sehen wir nicht, er müsste jedoch in einem Winkel von ca. 90° gebeugt sein. Schnitt auf ein frisches Einschussloch in der Glasfassade. Durchschuss durch Körper und Fenster. Und dann der Schnitt, durch den MINORITY REPORT von einem sehr guten Film zu einem ernstzunehmenden Kunstwerk aufsteigt. Anderton steht da, mit Entschlossenheit im Blick und ausgestrecktem Arm, die Waffe auf Crow gerichtet, im Abstand von vielleicht zwei Metern. Leo Crow fliegt rückwärts durch die Scheibe, von der Wucht des tödlichen Treffers zurückgeschleudert. Der Zuschauer sieht – nur für zwei eindringliche Einstellungen, Bruchteile einer Sekunde – die Bilder der Hinrichtung aus Affekt, die der Zuschauer aus der Vorhersage kennt. Die Logik bringt Bild 1 (Anderton und Crow im Abstand von 20 cm, Arm gebeugt, Anderton im Abwenden begriffen) und Bild 2 (Abstand 2m, der entschlossene Anderton mit ausgestrecktem Arm) nicht zusammen. Der Rückstoß des Schusses, wie er sich aus Bild 1 ergeben hätte, geht mit dem gestreckten Arm aus Bild 2 nicht zusammen. Schnittfehler? Nachlässigkeit? Nur der aufmerksamste Zuschauer wird nach dem ersten Sehen all das rekapitulieren können. Ob es sich jetzt um einen Schnittfehler handelt oder, was wahrscheinlicher ist, clevere Berechnung von Spielberg, man könnte zunächst argumentieren, dass die Schnittfolge unnötig komplex ist – schließlich ist bereits Andertons freier Entschluss, Crow nicht zu töten, und der unmittelbar anschließende „Einspruch der Moiren“ Paradox genug: Crow reißt die Waffe rum, der Schuss fällt, und das ERGEBNIS des Showdowns wird ununterscheidbar von dem der Vorhersage. Crow tot, Anderton (steht da wie) ein Mörder, freier Wille hin oder her. Man könnte schon an dieser Stelle schöne Sätze aufschreiben wie: Man kann die Zukunft verändern, aber man kann sie nicht verändern. Es gibt den freien Willen, aber es gibt ihn nicht. Es hilft, die Zukunft zu kennen, aber es hilft nichts. In Abwandlung von Heiner Müllers „Wie soll ich ihn nennen: Mörder seiner Schwester oder Sieger über Alba?“ (aus: DER HORATIER, ein Stück über das moralische Dilemma im Zuge einer Kriegslist, die den Horatier zugleich schuldig und zum Helden macht) könnte man sagen: „Wie soll ich Anderton nennen: Mörder von Crow oder Beweisführer der Freiheit?“ Die Wahrheiten stehen nebeneinander, verknüpft durch ein sich ausschließendes ODER. Das gibt schon genug zu denken auf. Warum aber dieser rätselhafte Schnitt auf den BLOSSEN KILLER, der nahelegt, die Vorhersage habe sich doch 1 zu 1 erfüllt? Vielleicht ist er dazu da, Unsicherheit zu verbreiten über die generelle Lesbarkeit der Szene? So dass man drüber sprechen muss? Vielleicht ist sie als Vergrößerung des Umstands gedacht, dass Crows Finger nicht auf dem Andertons liegt, wenn der Schuss fällt (was zahlreichen Zusammenfassungen des Plots tatsächlich entgeht)? Wofür der Dreischritt? 1) Anderton begehrt auf und setzt seinen Freien Willen durch, 2) Dafür interessiert sich aber das Ergebnis der Situation nicht, und Andertons  „Wer weiß schon, warum Menschen so handeln, wie sie gerade handeln? Der entscheidende Punkt ist, DASS sie es tun!“ erweist sich als unterkomplex und juristisch unhaltbar. Motive gehören bei der Bewertung einer Tat dazu. 3) Alle Komplexität relativiert nicht die Tatsache, dass Anderton geworden ist, was er immer schon sein sollte, wie Orest, wie Ödipus: ein Mörder.

IM INNERN DER SPRACHE

Von Dramaturg Alexander Kerlin

Meine Tochter ist knapp eineinhalb Jahre alt, und seit einigen Monaten fallen ihr die ersten sinnvollen Silben aus dem Mund. Jeder neue Konsonant ist ein Kraftakt. Das erste Wort war Ball, inzwischen gehen auch ein paar wichtige Befehle: „Appetit!“, „Runter!“ und „Tür auf!“

Der Vorteil für meine Tochter ist Effizienz. Die Eltern raten nicht mehr hilflos herum: weniger Geschrei, schnellerer Erfolg! Sprechen zu können, erleichtert das Verhältnis zur Dingwelt und schont den Gefühlshaushalt. Kasper Hauser hatte Angst, als er einen Sonnenuntergang sah – doch als er das Wort dafür lernte, bekam er sie in den Griff.  Was mir bei meiner Tochter aufgefallen ist: Wörter werden am besten gelernt in einer Mischung aus Erfahrung an der Dingwelt und dem Erkennen von Abbildern. Einen Baum anfassen + ein Bild von einem Baum im Buch erkennen = Wort nachhaltig verstanden.  Das Bild wird wohl gebraucht, um das „Allgemeine“ an einem Wort zu verstehen – d.h. das eine Wort auf jeden Baum anwenden zu können.

Wenn das Bild ebenso wichtig für das Erlernen eines Wortes ist wie das gemeinte Ding, was heißt das für den Charakter von Sprache? Ist Sprache wirklich eine weit geöffnete Tür zur Realität, die ihre Befehle entgegennimmt? Gründet unsere Fähigkeit zu Sprechen nicht auch darauf, dass im Innern der Sprache eine Bühne aufgebaut ist, auf der die Dinge „nicht ganz als sie selbst“ erscheinen? Auf der sie Farce, Tragödie, Drama spielen? Unsere Kommunikation, die uns Zugang zur Welt, Objektivität und Effizienz verspricht, wäre dann ein permanentes Theaterspiel an der Grenze von Wahrheit und Täuschung. Und zwar überall, wo je geschrieben und gesprochen wurde.

Menschenwelt ist Sprechtheater! Wittgenstein sagte, der Mensch hole sich „Beulen beim Anrennen an die Grenzen der Sprache“. Wo die Dingwelt kompliziert und Sprache unscharf wird, tut’s weh. Man kann die Sprache dafür aber auch lieben: Dinge und Worte sind nie ganz versöhnt, weshalb wir immer ein bisschen Kasper Hauser bleiben. Und um jeden neuen Konsonant ringen und weiter Theater spielen werden.

PS (Geheimbotschaft): Freitag, 19 Uhr, HMKV im Dortmunder U, Vernissage „His Master’s Voice – Von Stimme und Sprache“ – mit Gästen aus dem Schauspielhaus … ?

 

Veröffentlicht am 20. März 2013 in den Ruhr Nachrichten.