Schlagwort-Archive: Uwe Schmieder

ALLES IST MATERIAL FÜR DIE KUNST, AUCH LIEBESBEZIEHUNGEN

Ein Interview mit Ed Hauswirth, dem Erfinder der neusten Schauspiel-Produktion im MEGASTORE

Ed Hauswirth 3

Der Regisseur Ed Hauswirth hat mit seinem Schauspielensemble ein unheimliches Drama über Fernbeziehungen entwickelt: Vier Menschen, zwei Paare – Tonia (Julia Schubert) ist Studentin der Mediensoziologie und geht für ein Auslandssemester nach Rom. Ihren Freund Tomasz (Peer Oscar Musinowski) lässt sie dabei zurück – er steht vor einen Karrieresprung bei IKEA. Tonias Professor Wolf-Adam (Uwe Schmieder) tritt seinerseits eine Gastprofessur in Aalborg, Dänemark an. Seine Frau Helena ist Schauspielerin und geht für eine internationale Theaterproduktion nach Breslau in Polen. „Wird das halten?“ fragt Wolf. Das Auseinanderdriften der Beziehungen beginnt schon kurz nach dem Aufbruch in die neue Heimat. Trotz Skype. Wegen Skype? Misstrauen und Fremdheitsgefühle treten zwischen die Figuren. Wie beeinflusst das Medium Skype die menschlichen Beziehungen? Darüber haben wir uns mit Ed Hauswirth im Vorfeld der Premiere von „Die Liebe in Zeiten der Glasfaser“ unterhalten. ALLES IST MATERIAL FÜR DIE KUNST, AUCH LIEBESBEZIEHUNGEN weiterlesen

DIE SHOW BEIM NACHTKRITIK THEATERTREFFEN DABEI

Nach einer Woche Abstimmungszeit hat es DIE SHOW – Ein Millionenspiel um Leben und Tod von Kay Voges, Alexander Kerlin und Anne-Kathrin Schulz unter die besten 10 aus 47 nominierten Inszenierungen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum geschafft! Wir freuen uns sehr und möchten uns bei allen Freund*innen und Unterstützer*innen bedanken, die in den vergangenen Tagen fleißig für uns abgestimmt haben! DIE SHOW BEIM NACHTKRITIK THEATERTREFFEN DABEI weiterlesen

KRIEG OHNE SCHLACHT – INTERVIEW MIT UWE SCHMIEDER

KRIEG OHNE SCHLACHT

Soll ich von mir reden Ich wer

Von wem ist die Rede wenn

Von mir die Rede geht

Ich Wer ist das

(aus: Medea Material, Landschaft mit Argonauten, Heiner Müller)

Der Theater-Malocher Uwe Schmieder hat sich ein Jahr lang dem Werk des politischen Dramatikers und Lyrikers Heiner Müller (1929-1995) gewidmet. An zehn Abenden, jeder für sich einzigartig und immer ungeprobt, hat er dem Publikum Text und Themen aus dem uferlosen Werk vorgestellt. Mal in einer eindringlichen Lesung im Studio, mal als offene Performance mit Bratwurst auf dem Vorplatz des Schauspielhauses, und immer wieder mit Gästen aus dem Ensemble: Schauspieler_innen, Dortmunder Sprechchor, Jugendclub Theaterpartisanen oder Dramaturgie. Was an Müllers 86. Geburtstag am 9. Januar 2015 begann, geht nun am 30. Dezember mit seinem 20. Todestag zu Ende. Schmieder plant eine ausufernde Totenfeier für den Dichter und einen Rückblick auf alle Folgen der Factory: Zeit, mit dem Schauspieler ein bewegtes Jahr zu rekapitulieren. Alexander Kerlin hat ihm eine Email geschrieben. KRIEG OHNE SCHLACHT – INTERVIEW MIT UWE SCHMIEDER weiterlesen

NUN SPRICHT MUTTER LOTZ: „MEIN SOHN HAT GENUG MUT“

Bangt um ihren Sohn: Elisabeth Lotz (56) vor ihrem Wohnsitz in Marl. (Foto: DIE-TV)

Elisabeth Lotz ist in diesen Tagen Mutter der Nation. Ihr Sohn Bernhard Lotz hat sich als zehnter Kandidat der DIE SHOW beworben und wird in diesem Moment vom TV-Kommando durch Dortmund und Umgebung gejagt.

Seine Mutter Elisabeth (56) sitzt derweil in Marl und bangt um ihren Sohn. Wir konnten mit der besorgten Mutter über ihre bewegte Vergangenheit, Bernhard und ihre Meinung zur Sendung sprechen.

Frau Lotz, wie geht es Ihnen zurzeit?

Es geht. Man fühlt sich sehr hilflos, das ist das Schlimmste. Man weiß, dass Killer den eigenen Sohn gerade am Liebsten tot sehen würden. Das ist ein ganz und gar fürchterlicher Gedanke. Man muss versuchen, sich abzulenken. NUN SPRICHT MUTTER LOTZ: „MEIN SOHN HAT GENUG MUT“ weiterlesen

VERSTEHEN IST DIE ABSOLUTE LANGEWEILE

Ein Gespräch mit dem Regisseur und Schauspieler Uwe Schmieder über seine Arbeit an Heiner Müllers DIE HAMLETMASCHINE, die am 18. Mai 2014 im Studio Premiere feierte.
Die Fragen stellte Dramaturg Alexander Kerlin.

 

Die Hamletmaschine

Alexander Kerlin: Heiner Müller ist vielleicht der wichtigste und ungewöhnlichste Theaterautor Deutschlands in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Trotzdem ist Müller einem breiten Publikum nahezu unbekannt und noch immer nicht auf den Spielplänen „angekommen“, insbesondere in Westdeutschland.

Uwe Schmieder: Das hat sicherlich damit zu tun, dass es in seinen Texten etwas gibt, das der Kanonisierung Widerstand leistet. 1981, da war ich als 21jähriger noch bei der Armee, hatte ich mein Vorsprechen an der Theaterhochschule „Hans Otto“ in Leipzig. Wir haben eine Liste mit Stücken bekommen, die wir durchlesen sollten. Ich kannte nur wenige Autoren, z.B. Volker Braun, seine Stücke habe ich beim Lesen sofort kapiert. Von Müller waren Lohndrücker und Die Bauern mit auf der Liste. Das war ganz anders als Volker Braun. Ich habe erst gehofft, dass das nur Sekundärmaterial ist. Wie kann jemand nur Sätze aufschreiben, die keiner versteht? Ich war völlig verstört.

 

Du hast die Sachen zunächst weggeworfen?

Ja. Aber 1982, in meinem ersten Studienjahr, da war in Leipzig die Kulturkonferenz der FDJ, die alle zwei Jahre stattfand. Bei der Konferenz sollten die vier Schauspielschulen der DDR nationale Dramatik aufführen, in einem internen Wettbewerb. Wir Leipziger hatten Inszenierungen von Traktor und Schlacht erarbeitet: meine erste szenische Erfahrung mit Müller. Im Gegensatz zu dem russischen Realismus, den wir sonst so gemacht haben, war Müller für mich fremd und spannend: Wir konnten Clownsszenen erarbeiten, und haben einen Traktor aus Menschen gebaut. Fast zeitgleich zu dieser Konferenz hat Müller an der Volksbühne in Berlin seine Macbeth-Übersetzung inszeniert, ein totaler Skandal. Das Zentralkomitee (ZK) war entsetzt von der fatalistischen Sicht auf die Geschichte, das war ganz unsozialistisch. Und unsere Arbeiten von Traktor und Schlacht wurden verboten, wir durften sie nicht zeigen. Wir haben nicht verstanden weshalb, uns aber dennoch wie Märtyrer gefühlt. Gefahr ist eben anziehend.

 

Die Hamletmaschine

All dem zum Trotz nahmen wir beim Empfang teil, es gab ein dreißig Meter langes Buffet, und Egon Krenz dirigierte eine Jugend-Blaskapelle. Er war sehr stolz dabei, drehte sich immer zum Publikum um und grinste. Wir nannten ihn auch Egon Grins. In der Rückschau weiß ich, dass diese Erlebnisse und die Begegnung mit Müller entscheidend waren für meine Geschmacksbildung und mein Gespür für das Politische im Theater – dafür, wie wir letztendlich auch später im Orphtheater Berlin gearbeitet haben.

 

Sein Werk hat dich immer begleitet?

Als Schauspieler habe ich häufig Müller-Stücke gespielt: Bildbeschreibung, Medeamaterial, Fatzer, Mauser. Aber erst später, nach seinem Tod 1995, habe ich einen persönlichen Zugang gefunden, indem ich mich von hinten nach vorne durch sein Werk gewühlt habe. Mit dem Scheitern der DDR und der kommunistischen Utopie war Müllers ganzer Schreibauftrag infrage gestellt, plötzlich war kein ideologischer Widerstand mehr für ihn da, und in den fünf Jahren vor seinem Tod hat er fast nur noch Prosa und Lyrik verfasst, ich glaube er hat nur noch an Germania gearbeitet. Ich habe mich ihm z.B. durch seine Traumtexte nahe gefühlt: der Umgang mit dem eigenen Tod, damit, sehr spät im Leben noch mal Vater geworden zu sein und fast zeitgleich eine Krebsdiagnose zu bekommen: Ein alter Mann mit einem Kind – während er schreibt, dass das Leben sinnlos ist.

 

Die Hamletmaschine

Ziemlich genau in der Mitte von Müllers Schaffen steht Die Hamletmaschine.

1977, das war wie ein Bruch mit seinem alten Schreibstil, mehr noch, eine Text-Revolution, aber vielleicht auch eine logische Konsequenz seines Denkens. Im Schriftbild von Die Hamletmaschine erkennt man keine dramatische Struktur mehr, keine Akte, keine durchgehenden Figuren, und das Stück ist bloß neun Seiten lang. In den 1960er Jahren hat Müller ein Projekt mit dem Titel Hamlet in Budapest begonnen, in dem es darum ging, das Original von Shakespeare mit dem Aufstand in Budapest von 1956 zu überblenden. Er hat das Projekt nie beendet. Später aber hat er für eine Aufführung an der Volksbühne in Ost-Berlin, bei der Benno Besson Regie geführt hat, den ganzen Hamlet übersetzt. In Die Hamletmaschine fließen Erfahrungen und Zitate aus einem halben Schriftstellerleben ein, ein großes Flechtwerk mit vielen Referenzen, von Shakespeare über Charles Manson bis Elektra.

 

 Aber ist das nicht nur für Schreibtischtäter interessant?

Für mich ist Die Hamletmaschine ein Glutkern von Müllers Werk. Da steht alles drin. Jeder Satz ist ein komplettes Theaterstück, dicht, rätselhaft, schön, provokant, rhythmisch und ungeheuer lustig. Ich habe immer die Position des Naiven eingenommen gegenüber Müllers Texten. Dann zerfleischen dich die Texte, aber dieses Einlassen schafft auch Raum, um Erfahrungen zu machen. Die Hamletmaschine hat fast keine Regieanweisungen, nur Freiheit. Und Müller hat sie selbst einmal als chorischen Text bezeichnet, vermutlich weil es ihm um kollektive Erfahrungen ging und nicht um die Nöte von Einzelpersonen. Deshalb habe ich sie für den Dortmunder Sprechchor vorgeschlagen. Man muss die Zitate nicht erkennen, aber wenn man in das Werk eintaucht, denkt man oft: Das habe ich doch gerade schon woanders gelesen. Müllers Werk ist ein Kosmos, in dem die Fragmente untereinander austauschbar werden; teuflisch, wenn man darin versackt.

 

Die Hamletmaschine

 

Das Gegenwartstheater will aber verständlich sein.

Ja, und das Publikum will immer nur verstehen. Schrecklich. Etwas zu verstehen, bedeutet, mit ihm fertig zu sein, und das ist die absolute Langeweile. Wenn du so lange im Theater arbeitest wie ich, lernst du Phasen kennen, in denen du die Orientierung und die Ziele verlierst: Schaffenskrisen, in denen du denkst, das sollten jetzt lieber die Jüngeren machen. Als wir uns im Orphtheater in den späten 1990ern gegenseitig aufgefressen haben, da habe ich bei Müller einen Halt gefunden. Er hat die Suche nach einer Utopie nie aufgegeben, wusste aber nicht, wie die aussieht. Er wusste nur, dass es so wie es ist nicht weiter gehen kann.

 

Klingt ein Text von Heiner Müller 2014 in Dortmund anders als 1982 in Leipzig?

Natürlich. Ich wollte nicht die hundertste Hamletmaschine inszenieren, sondern mit Müller in der Gegenwart arbeiten. Die Mitglieder des Sprechchors fanden den Text von Anfang an beeindruckend, aber um sie restlos zu überzeugen, habe ich noch mehr Material von Müller mitgebracht, das noch direkter mit unserer Lebensrealität heute zu tun hat. Wie Müller mit Sondergenehmigung vom ZK durch die Reihenhäuser am Chiemsee oder die Fußgängerzone in Düsseldorf geht: sein ganzer Ekel an der Marktwirtschaft, vor diesen Einkaufsgesichtern. Um das zu verstehen,

muss man ja nur die Straßenseite wechseln und in die Dortmunder Shopping-Mall Thier-Galerie gehen. Aber Müller hat auch gewusst, dass sein Ekel ein Privileg ist: das Privileg eines Autors, der aufgrund seines Ansehens überhaupt in den Westen reisen durfte.

 

Hast du also auch Texte hinzugefügt?

Ich bin in Müllers Arbeit an der Collage eingestiegen. Mich interessiert Diskurs. Ich habe Müllers Sprache eine andere entgegengesetzt, keine dramatische, sondern die Sprache aus seinen berühmt gewordenen Gesprächen, z.B. mit Alexander Kluge. So hat sich der Text während der Probenzeit immer weiter entwickelt. Ich lasse den Chor auch singen – schließlich bin ich beeinflusst vom Agitprop-Theater der DDR: mit Chor und Sprechern zwischen zwei Blumenkästen.

 

Die Hamletmaschine