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WÖRTERBUCH DER BORDERLINE PROZESSION


LANGFASSUNG

Beiträge von Dirk Baumann und Matthias Seier

Fotos von Birgit Hupfeld und Maximilian Steffan

 BLP = Die Borderline Prozession WÖRTERBUCH DER BORDERLINE PROZESSION weiterlesen

WENN UNS EINER TRÄUMT

Das goldene Zeitalter

Als mein Cousin sechs Jahre alt war, saß er mit seinem Vater zusammen im Computerzimmer. Er blätterte in einem Buch, während sein Papa auf den Bildschirm blickte. Beide waren in ihre Gedanken und Aufgaben vertieft. Plötzlich sah mein Cousin auf und sagte nachdenklich: „Papa. Wenn uns einer träumt, der träumt aber lange.“

Wenn uns einer träumt, der träumt aber lange. Das ist ein Satz, den in seiner Schlichtheit und Tiefe kein Dichter am Schreibtisch herbei phantasieren könnte. Was mich an ihm so berührt, ist die Mischung aus Unbedarftheit, Melancholie, Weisheit und dieser besonderen Inspiration von Kindern. Mein Cousin hatte offenbar schon früh eine Ahnung für das Absurde am Dasein.

Was, wenn der, der uns träumt, plötzlich aufwacht? Sind wir dann alle weg? Sigmund Freud ging davon aus, dass wir im Traum nur in Zitaten sprechen, sehen und in gewisser Weise auch fühlen. In Träumen gibt es keine Originale. Wenn wir also Objekte im Traum eines Anderen wären – was wären wir dann anderes als Zitate von etwas, das wir selbst nicht sind?

Die Frage ist, ob das nicht eigentlich eine ganz treffende Definition des Menschen wäre. Menschen sind Zitate. Die Sprache? Gab es vor unserer Geburt. Unsere politischen Haltungen? Nichts als ausgeborgte Gesten. Die Gefühle? Angst, Liebe und Traurigkeit sind Jahrtausende älter als unsere individuellen Leben. Unsere Gedanken? Milliardenfach gedacht zu allen Zeiten.

Und das Theater? Ein Ort, gebaut für das Rezitieren selbst: Dort schleudern wir uns die Zitate aus Literatur, Kunst und Musik um die Ohren. Wir experimentieren mit dem Nachlass der Welt, aus dem wir uns selbst zusammensetzen. Wozu? Wo Zitat auf Zitat trifft, in noch nicht dagewesener Weise – an diesen „Nahtstellen“ kommt es mitunter zu glücklichen Momenten, die unplanbar und unwiederholbar sind, in denen unser Dasein als Zitat übertroffen wird.

Am Freitag ist Premiere von „the return of DAS GOLDENE ZEITALTER“: Schopenhauer trifft auf Mario Götze trifft auf Sahnejoghurt trifft auf Goethe trifft auf Duracell-Hase trifft auf Karl Marx trifft auf Wagner trifft auf „Die Ärzte“ treffen auf Supergirl. Hoffentlich werden wir geküsst von der Inspiration der Kinder. Auf meinen Cousin. Der Abend ist für dich. Zitat Ende.

 

Das Sterntagebuch wurde am 25. Januar 2015 in den Ruhr Nachrichten veröffentlicht.

Foto: Edi Szekely

AMERIKANISCHER TRAUM TRIFFT CHRISTLICHE SEXUALMYSTIK

Komm in meinen Wigwam – Eine Pilgerreise in die wunderbare Welt der katholischen Aufklärungs- und Anstandsliteratur von Wenzel Storch feiert parallel zu Tod eines Handlungsreisenden von Arthur Miller Premiere.

 

Komm in meinen Wigwam

Der Kult-Filmregisseur Wenzel Storch entführt uns auf eine Reise in die wundersamen Abgründe der christlichen Sexualmystik. In üppig knospenden Gärten voll schwellender Stengel und Kelche, umrankt von sakralen Tapeten beginnt ein feierliches Puppenspiel im Beichtstuhl – und auf einmal fällt der Startschuss für die Popel-Rallye zum Vatikan. Dazwischen lodern kunstvolle Super-8-Bilder aus einem römisch-katholischen Propagandafilm auf.

Im Mittelpunkt steht das Wirken des päpstlichen Ehrenprälaten Berthold Lutz (1923-2013), Autor zahlreicher verträumter Aufklärungsbücher mit Titeln wie Peter hängt die Latte höher oder Noch viel schöner, Ursula. Bizarre Bücher voll unbewusster Ferkeleien, die in den 1950er und 60er Jahren Riesenauflagen erzielten, heute jedoch der Amtskirche höchst peinlich sind. Untermalt werden die zu neuem Leben erweckten Geschichten mit musikalischen Perlen des Sakro-Pop von Pater Perne bis Kaplan Flury – und auch die Kastelruther Spatzen und Heino dürfen nicht fehlen.

Das gottverdammt prächtige, umwerfend komische, elendiglich poetische Gesamtwerk des Wenzel Storch!“, schwärmt der Kritiker Georg Seeßlen in Die Zeit von Storchs einzigartigem anarchisch-surrealistischem Kosmos. Mit seinen Filmen Der Glanz dieser Tage (1989), Sommer der Liebe (1992) und Die Reise ins Glück (2004), gilt Storch vielen als der deutsche Terry Gilliam. Nun schreibt er für das Schauspiel Dortmund sein erstes Theaterstück. Schon seine Kolumnen für die Zeitschrift konkret sowie seine Bücher Der Bulldozer Gottes und Das ist die Liebe der Prälaten entführen uns mit barocker Bilderflut in gar nicht allzu abseitige Themen unserer Zeit. Wenzel Storch ist eingetragen ins Goldene Buch des Bonifatiuswerkes sowie immerwährendes Mitglied im Pallottiner Messbund.

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Tod eines Handlungsreisenden

Arthur Millers weltberühmtes Familiendrama über Sehnsucht und zerplatzende Träume: Willy Loman ist Vertreter eines Textilienvertriebs. Mit Fleiß und Disziplin hat er sich und seiner Familie eine mittelständische Existenz aufgebaut. Doch mit den steigenden Anforderungen und ökonomischen Zwängen in der Firma und den Veränderungen in der eigenen Familie kann er irgendwann nicht mehr mithalten. Dass er für seinen Arbeitgeber mittlerweile wertlos geworden ist und seine beiden Söhne Biff und Happy längst erwachsen sind – ohne bislang viel zu Stande gebracht zu haben –, will Willy nicht wahrhaben: Denn Scheitern gibt es im Hause Loman nicht! Vergeblich versuchen der Herumtreiber Biff und der einfache Büroangestellte Happy, den Erwartungen ihres Vaters zu entsprechen. Mehr und mehr flüchtet sich Willy in seinen unerschütterlichen Glauben an Erfolg durch Leistung und in eine Vergangenheit voller Hoffnungen, in der der Traum eines besseren Lebens noch zum Greifen nah schien. In der Gegenwart jedoch drohen Schulden, die Familie endgültig zu erdrücken. Schließlich weiß Willy nur noch einen Ausweg …

Traum und Wirklichkeit, ein Leben zwischen großer Hoffnung und ernüchternder Realität – Arthur Millers 1949 mit dem Pulitzerpreis und dem Tony Award ausgezeichnetes Gesellschaftsdrama erzählt zwei Geschichten in einer: Das Scheitern eines Mannes an einer sich wandelnden Ökonomie und sein moralisches Versagen als Familienvater. Die Verfilmung Volker Schlöndorffs mit Dustin Hoffmann als Willy Loman und John Malkovich als sein Sohn Biff wurde mit insgesamt drei Emmys und einem Golden Globe ausgezeichnet.

Regie führt Liesbeth Coltof, Künstlerische Leiterin der Toneelmakerij in Amsterdam. Für zahlreiche ihrer Arbeiten wurde sie ausgezeichnet, zuletzt 2013 mit dem niederländischen Theaterpreis Gouden Krekel. Seit mehr als 15 Jahren arbeitet sie auch im Nahen Osten, u. a. in Gaza, Hebron, Ramallah und Dschenin. Am Schauspiel Dortmund inszenierte sie bereits Edward Albees Wer hat Angst vor Virginia Woolf? und Wajdi Mouawads Verbrennungen.

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