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FEUER UND ASCHE

Von Dramaturg Alexander Kerlin

Schon als der Mann den Raum betritt, habe ich ein ungutes Gefühl. Um seinen grauen Anzug weht die Aura des Gelehrten. Dieser Mann atmet Bücher. Sofort stolpern meine Gedanken, stockt der Redefluss: Ein neurotischer Reflex, den mir die Universität und ihr Wettbewerb um den genausten Gedanken mit ins Leben gegeben hat. Ich stehe im Foyer-Institut und führe das Publikum in die Aischylos-Tragödie „Die Perser“ ein, die es gleich sehen wird: Eine 2500 Jahre alte Geschichte. Der Mann hört kurz zu, atmet hörbar aus und verlässt den Raum.

Zwei Stunden später. Im Nachgespräch mit dem Ensemble sitzt der Herr wieder da, bei ihm ein jüngerer Kollege. Mein Eindruck hat sich nicht getäuscht. Die zwei sind Altphilologen, Experten für griechische und römische Antike. Sie sind außer sich über unseren Abend, der ihnen im Text-Umgang zu frei erscheint. Mehrfach verweist der Ältere auf „gelungene Interpretationen“ aus den frühen 80ern („Leere Bühne. Schauspieler steht und spricht!“). Dem jüngeren verknotet sich fast die Zunge, als er Aischylos wie zum Beweis seiner intellektuellen Autorität höchst griechisch ausspricht (er sagt „Ei-Ski-Loss“, und nicht wie wir „Ei-Schie-Loss“). Die Professoren schimpfen, bis eine Dame schüchtern bekennt, dass sie der Abend – „natürlich habe ich nicht so viel Wissen wie die beiden“ – irgendwie aufgewühlt habe.

„Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers“ (Gustav Mahler). Vier Jahre nach unseren Persern traten mir noch mal die beiden Gelehrten vor Augen. Aber was heißt das: Feuer? Ich würde das zum Test so übersetzen: Die lebendige Wut einer Künstlerin oder eines Künstlers angesichts von Missständen im Miteinander, von Ungerechtigkeit, Verletzung und Beleidigung. Angesichts des Todes.

Und wie funktioniert jetzt die Weitergabe? Beinhaltet der Begriff „Weitergabe“ doch Konstanz und stetige Neuerung zugleich. Wut ist immer gegenwärtig. Und in das Kreuzfeuer einer Wut gerät ein Material („Die Perser“), das wiederum eine vergangene Wut (die von Aischylos) in sich aufhebt. Und Ei-Ski-Loss’ Feuer setzt sich zur Wehr, womit wir ein Schlachtfeld des Theaters identifiziert hätten, auf dem im besten Falle ein künstlerischer Flächenbrand entsteht. Die ganze Werktreue-Debatte? Wird völlig uninteressant, wenn wir der Wut im Jetzt das gleiche Existenz-Recht zugestehen und die gleiche Neugier entgegenbringen wie den alten Geschichten und genauen Gedanken.

Veröffentlicht in den Ruhr Nachrichten am 8. Oktober 2014.

IM INNERN DER SPRACHE

Von Dramaturg Alexander Kerlin

Meine Tochter ist knapp eineinhalb Jahre alt, und seit einigen Monaten fallen ihr die ersten sinnvollen Silben aus dem Mund. Jeder neue Konsonant ist ein Kraftakt. Das erste Wort war Ball, inzwischen gehen auch ein paar wichtige Befehle: „Appetit!“, „Runter!“ und „Tür auf!“

Der Vorteil für meine Tochter ist Effizienz. Die Eltern raten nicht mehr hilflos herum: weniger Geschrei, schnellerer Erfolg! Sprechen zu können, erleichtert das Verhältnis zur Dingwelt und schont den Gefühlshaushalt. Kasper Hauser hatte Angst, als er einen Sonnenuntergang sah – doch als er das Wort dafür lernte, bekam er sie in den Griff.  Was mir bei meiner Tochter aufgefallen ist: Wörter werden am besten gelernt in einer Mischung aus Erfahrung an der Dingwelt und dem Erkennen von Abbildern. Einen Baum anfassen + ein Bild von einem Baum im Buch erkennen = Wort nachhaltig verstanden.  Das Bild wird wohl gebraucht, um das „Allgemeine“ an einem Wort zu verstehen – d.h. das eine Wort auf jeden Baum anwenden zu können.

Wenn das Bild ebenso wichtig für das Erlernen eines Wortes ist wie das gemeinte Ding, was heißt das für den Charakter von Sprache? Ist Sprache wirklich eine weit geöffnete Tür zur Realität, die ihre Befehle entgegennimmt? Gründet unsere Fähigkeit zu Sprechen nicht auch darauf, dass im Innern der Sprache eine Bühne aufgebaut ist, auf der die Dinge „nicht ganz als sie selbst“ erscheinen? Auf der sie Farce, Tragödie, Drama spielen? Unsere Kommunikation, die uns Zugang zur Welt, Objektivität und Effizienz verspricht, wäre dann ein permanentes Theaterspiel an der Grenze von Wahrheit und Täuschung. Und zwar überall, wo je geschrieben und gesprochen wurde.

Menschenwelt ist Sprechtheater! Wittgenstein sagte, der Mensch hole sich „Beulen beim Anrennen an die Grenzen der Sprache“. Wo die Dingwelt kompliziert und Sprache unscharf wird, tut’s weh. Man kann die Sprache dafür aber auch lieben: Dinge und Worte sind nie ganz versöhnt, weshalb wir immer ein bisschen Kasper Hauser bleiben. Und um jeden neuen Konsonant ringen und weiter Theater spielen werden.

PS (Geheimbotschaft): Freitag, 19 Uhr, HMKV im Dortmunder U, Vernissage „His Master’s Voice – Von Stimme und Sprache“ – mit Gästen aus dem Schauspielhaus … ?

 

Veröffentlicht am 20. März 2013 in den Ruhr Nachrichten.