Schlagwort-Archive: Theater

„WIRKLICH JEDER MENSCH IST FOTOGEN“

wirklich jeder mensch ist fotogen

marcel schaar über die fotografie bei „hell „und in seinem leben


Marcel Schaar, Fotograf aus Hamburg. Aufträge u.a. für die Commerzbank, Mercedes und Adidas. Persönlichkeiten wie Johannes Heesters, Andrea Petkovic und die Deutsche Fußballnationalmannschaft ließen sich von ihm ablichten und seine Arbeiten für die Hamburger Philharmoniker und das Konzerthaus Dortmund sorgten für Aufsehen. Seit 2007 beschäftigt er sich im „Polanerd“-Projekt künstlerisch mit der Polaroid-Fotografie. Bei hell / ein Augenblick steht er als vielleicht erster Live-Fotograf der Theatergeschichte auf der Bühne. Seine Werke sind in zahlreichen Ausstellungen zu sehen und wurden mit einer Vielzahl an Preisen und Auszeichnungen prämiert.


Was ist dein Job bei „hell“?

Das Fotografieren – erstmals auf der Bühne. Anfangs fühlte ich mich dabei verloren, schließlich bin ich kein Schauspieler. Wie verhalte ich mich? Aber mittlerweile habe ich von Kay und den Schauspielern ein bisschen Nachhilfe im Fach „Körperspannung“ bekommen. Die Präsenz eines Regisseurs, der zwischendurch Ansagen macht oder sich bestimmte Motive wünscht, ist für mich produktiv. Kay lässt mich da ja auch machen. Wir erarbeiten den Abend schließlich alle zusammen. „WIRKLICH JEDER MENSCH IST FOTOGEN“ weiterlesen

LET´S MOBILIZE!

Die Tagung ist beendet. Drei Tage voller interessanter Gespräche, Diskussionen, Bier, Sauna, Theater und Party.

45 Wissenschaftler_innen, Aktivist_innen, Schauspieler_innen, Journalist_innen, Künstler_innen und Kurator_innen waren 3 Tage lang zusammen, und nicht nur die Sauna hat die Köpfe zum Rauchen gebracht, sondern auch viele Fragen, die sich im Zusammenhang mit Theater und Aktion stellten: Was hat Theater überhaupt mit Aktion zu tun? Was können beide Bereiche voneinander lernen? Welche Rolle spielt eigentlich das Publikum? Was verändert sich, wenn der Rahmen einer Aktion eine Theaterbühne ist, im Gegensatz zu einer medialen Bühne oder einfach der Straße? Wie unterscheiden sich die unterschiedlichen Diskurse und was vereint sie? LET´S MOBILIZE! weiterlesen

POESIE DES WIDERSTANDS: MEGAFONCHOR

„Ich habe Lust, sie wahnsinnig zu nerven – obwohl ich eigentlich gar nicht der Typ dafür bin.“

 

 

Im Frühjar 2014 wurden in Sankt Pauli in Hamburg die Esso-Häuser abgerissen. Ein Hauskomplex mit viel Wohnraum und einer als Dorfplatz genutzten Esso-Tankstelle. Im Vorfeld des Abrisses formierte sich eine große Protestbewegung, die für den Erhalt der Esso-Häuser und gegen Gentrifizierung kämpfte. Silvi Kretzschmar, Choreographin und Künstlerin an der Schnittstelle von Performance und politischer Aktion, Mitglied des Schwabinggrad Ballets, sammelte in dieser Zeit Interviews und Statements der Bewohner_innen des Kiezes und schrieb daraus eine kollektive Rede. Diese Rede wurde von 10 Frauen mit Megafonen als Schwarm vorgetragen, mal während einer Demonstration, als Straßentheater oder im Nachruf „Esso Häuser Echo“ auf Kampnagel auf einer Theaterbühne. Es ist eine Mischung aus Textfragmenten, welche nicht nur inhaltlich sondern auch musikalisch arrangiert sind, Choreographie und dem Formulieren politischer Inhalte, inklusice Zögern und Unsicherheiten, die entstehen, wenn auf einmal ein großes Publikum zuschaut.

+++ BREAKING NEWS: THEATER IST GAR NICHT PER SE EMANZIPATORISCH +++

Sogar im Gegenteil: Theater reproduziert hegemoniale Machtstrukturen und Hierarchien. Selbst Theateransätze, welche sich im Kern als politisch begreifen und zum Ziel haben, das Publikum zu aktivieren und die Revolution weiter zu treiben, basieren auf Machtverhältnissen und Hierarchien. +++ BREAKING NEWS: THEATER IST GAR NICHT PER SE EMANZIPATORISCH +++ weiterlesen

„SUBVERSION. EINE KLEINE DISKURSANALYSE EINES VIELFÄLTIGEN BEGRIFFS.“

Theater und Aktion

In: Psychologie & Gesellschaftskritik. 32. Jg., Heft 128 (2008), S. 9-34.

Wir beginnen den Blog mit einer Diskursanalyse des Begriffs der Subversion, um diesen wichtigen Begriff im Zusammenhang von politischer Aktion und Kunst einmal zu umreißen und zu verdeutlichen, wie unterschiedlich er genutzt wurde.

Nach Thomas Ernst entwickelten sich seit der Französischen Revolution im deutschsprachigen Raum vier Diskurse der Subversion. „SUBVERSION. EINE KLEINE DISKURSANALYSE EINES VIELFÄLTIGEN BEGRIFFS.“ weiterlesen

DIE RÜCKKEHR DES GOLDENEN ZEITALTERS

Alles neu – Das Dortmunder Kultstück ist zurück

„The return of DAS GOLDENE ZEITALTER – 100 Wege dem Schicksal das Sorgerecht zu entziehen“. Regisseur Kay Voges beantwortet die wichtigsten Fragen.

Herr Voges, eine zweite Premiere vom gleichen Stück? Wie geht das?

Wir haben bisher 12 Vorstellungen gespielt, und jede war auf ihre Art eine neue Aufführung. Wir haben dutzende Szenen, die wir jedes Mal aufs Neue miteinander kombinieren. Durch meine Live-Regie und die Improvisation der Schauspieler kommt eine Unberechenbarkeit in den Abend, der an Performance erinnert. Und für „Die Rückkehr“ des Stücks entwickeln wir gerade eine Reihe neuer Ideen und Figuren, die wir mit den bekannten Szenen mischen. Es ist wie in der berühmten Beckett-Formulierung: Das Gleiche noch mal anders. DIE RÜCKKEHR DES GOLDENEN ZEITALTERS weiterlesen

WENN UNS EINER TRÄUMT

Das goldene Zeitalter

Als mein Cousin sechs Jahre alt war, saß er mit seinem Vater zusammen im Computerzimmer. Er blätterte in einem Buch, während sein Papa auf den Bildschirm blickte. Beide waren in ihre Gedanken und Aufgaben vertieft. Plötzlich sah mein Cousin auf und sagte nachdenklich: „Papa. Wenn uns einer träumt, der träumt aber lange.“

Wenn uns einer träumt, der träumt aber lange. Das ist ein Satz, den in seiner Schlichtheit und Tiefe kein Dichter am Schreibtisch herbei phantasieren könnte. Was mich an ihm so berührt, ist die Mischung aus Unbedarftheit, Melancholie, Weisheit und dieser besonderen Inspiration von Kindern. Mein Cousin hatte offenbar schon früh eine Ahnung für das Absurde am Dasein.

Was, wenn der, der uns träumt, plötzlich aufwacht? Sind wir dann alle weg? Sigmund Freud ging davon aus, dass wir im Traum nur in Zitaten sprechen, sehen und in gewisser Weise auch fühlen. In Träumen gibt es keine Originale. Wenn wir also Objekte im Traum eines Anderen wären – was wären wir dann anderes als Zitate von etwas, das wir selbst nicht sind?

Die Frage ist, ob das nicht eigentlich eine ganz treffende Definition des Menschen wäre. Menschen sind Zitate. Die Sprache? Gab es vor unserer Geburt. Unsere politischen Haltungen? Nichts als ausgeborgte Gesten. Die Gefühle? Angst, Liebe und Traurigkeit sind Jahrtausende älter als unsere individuellen Leben. Unsere Gedanken? Milliardenfach gedacht zu allen Zeiten.

Und das Theater? Ein Ort, gebaut für das Rezitieren selbst: Dort schleudern wir uns die Zitate aus Literatur, Kunst und Musik um die Ohren. Wir experimentieren mit dem Nachlass der Welt, aus dem wir uns selbst zusammensetzen. Wozu? Wo Zitat auf Zitat trifft, in noch nicht dagewesener Weise – an diesen „Nahtstellen“ kommt es mitunter zu glücklichen Momenten, die unplanbar und unwiederholbar sind, in denen unser Dasein als Zitat übertroffen wird.

Am Freitag ist Premiere von „the return of DAS GOLDENE ZEITALTER“: Schopenhauer trifft auf Mario Götze trifft auf Sahnejoghurt trifft auf Goethe trifft auf Duracell-Hase trifft auf Karl Marx trifft auf Wagner trifft auf „Die Ärzte“ treffen auf Supergirl. Hoffentlich werden wir geküsst von der Inspiration der Kinder. Auf meinen Cousin. Der Abend ist für dich. Zitat Ende.

 

Das Sterntagebuch wurde am 25. Januar 2015 in den Ruhr Nachrichten veröffentlicht.

Foto: Edi Szekely

THE NOISE OF ELEKTRA II – LARRY MULLINS

 Bei ELEKTRA steht ein wahnsinniges Musik-Trio auf der Bühne. Larry Mullins, Geoffrey Burton und Paul Wallfisch liefern den Sound der zersplitterten Tragödie. Ob nun laut und lärmend, sanft oder grotesk – die drei Vollblutmusiker sind Meister ihres Fachs. Kurz vor der Generalprobe von ELEKTRA hat Matthias Seier bei den drei Mitgliedern aufgeschnappt, welche Musik sie privat hören. Womit wuchsen sie auf? Was hat sie beeinflusst? Wem schulden sie Dank? Den Anfang macht Drummer und Perkussionist LARRY MULLINS, bekannt durch seine Arbeit mit Iggy Pop und den Swans. THE NOISE OF ELEKTRA II – LARRY MULLINS weiterlesen

WILLY LOMAN ODER DER KLEINE MANN VON HEUTE

Die Popularität von Arthur Millers mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Drama „Tod eines Handlungsreisenden“ ist seit seiner Uraufführung 1949 ungebrochen – es zählt zu den modernen Klassikern auf den Bühnen der Welt, wie beispielsweise zuletzt am New Yorker Broadway. WILLY LOMAN ODER DER KLEINE MANN VON HEUTE weiterlesen

GLOSSAR

Achill
Sohn des Peleus und der Meeresgöttin Thetis; galt als größter Held im griech. Heer vor Troja. Bei Christa Wolf stets mit dem Attribut „das Vieh“ versehen, zeigt sich A. besonders grausam im Kampf (ermordete Troilos, Hektor, Penthesilea). Getötet durch einen Hinterhalt von Paris (Achillesverse).

Agamemnon
König von Mykene; Ehemann der Klytaimnestra; Vater von Orestes, Elektra, Iphigenie, Chrysothemis; Bruder des Menelaos. Weil vor seinem Aufbruch in den Trojanischen Krieg Windstille herrschte, opferte A. seine Tochter Iphigenie der Göttin Artemis und zog dadurch die Rache seiner Frau Klytaimnestra auf sich. Nach seiner Rückkehr nach Mykene gemeinsam mit seiner Kriegsbeute Kassandra von Klytaimnestra erschlagen.

Kassandra

Aineias
Sohn des Anchises und der Aphrodite. Mehrfach durch göttliche Schutzhand gerettet, gelang es A. schließlich, mit einigen Verbündeten aus Troja zu fliehen und eine neue Stadt zu gründen (umstrittener Stammvater Roms). Bei Wolf erscheint A. als idealisierter Geliebter Kassandras, von dem sie sich schlussendlich trennt.

Anchises
Trojaner königlicher Herkunft; zeugte in der gr. Mythologie mit der Göttin Aphrodite Aineias. Wird am Ende des Trojanischen Krieges von Aineias in einem Korb vor den Griechen gerettet. Bei Wolf ideologischer Mittelpunkt der Gemeinschaft am Fluss Skamandros.

Apollon
Allg. bekannt als Gott u.a. des Lichts, der Weissagung und der Künste; Sohn des Zeus, Vater des Orpheus. Bei Wolf ist A. derjenige, der Kassandra im Traum die Sehergabe verleiht; dabei zeigt er sich nicht edelmütig, sondern sexuell bedrängend.

Arisbe
In der gr. Mythologie Tochter des Merops, erste Frau des Priamos, Mutter des Aisakos. Bei Wolf Teil der Gemeinschaft am Fluss Skamandros; Muttergestalt für Kassandra.

Briseis
Tochter des Kalchas, Frau von Kassandras Bruder Troilos. Nach dessen Tod wechselt sie zu ihrem Vater ins Griechenlager, kehrt später aber zurück und wird Teil der Gemeinschaft am Skamandros.

Eumelos
Von Wolf nur dem Namen nach der gr. Mythologie entnommen. Niedriger Herkunft, Sohn eines Schreibers und einer Sklavin aus Kreta. Erster Offizier Trojas, wichtigster (Kriegs-)Berater des Priamos.

Hekabe
Königin von Troja; Frau des Priamos. Mutter zahlreicher Kinder, u.a. von Hektor, Paris, Kassandra, Polyxena, Troilos. Wird nach dem Fall Trojas Sklavin des Odysseus und von diesem verschleppt. Zu Beginn von Wolfs Erzählung noch unangefochtene Königin, wird sie von ihrem Mann Priamos im Führungsanspruch verdrängt.

Hektor
Ältester Sohn des Priamos und der Hekabe; mutigster Feldherr Trojas; wird im Zweikampf mit Achill getötet. Bei Wolf sieht Kassandra ihren Bruder im Gegensatz zum troj. Königshaus nicht als Held.

Kassandra

Helena
Tochter des Zeus; in der gr. Mythologie allgemein als schönste aller Frauen bekannt. Bei Wolf nur namentlich erwähnt: Paris, der H. ihrem Gatten Menelaos entführt, verliert sie in Ägypten an den dortigen König; dennoch ist sie Kriegsgrund im Trojanischen Krieg. Kassandra selbst begreift erst spät, dass H. gar nicht in Troja ist.

Kalchas
Seher der Griechen während des Trojanischen Krieges. Bei Wolf zunächst Vertrauter Kassandras, der dann zu den Griechen überläuft und später auch seine Tochter Briseis ins feindliche Lager holt.

Kassandra
Tochter des Priamos und der Hekabe; von Apollon begehrt und mit der Sehergabe beschenkt; Hauptfigur der gleichnamigen Christa-Wolf-Erzählung. Gilt in der gr. Mythologie als tragische Figur, da niemand ihren (zutreffenden) Weissagungen Glauben schenkt. Wird von Agamemnon nach dem Sieg der Griechen als dessen Geliebte nach Mykene entführt, wo sie von Klytaimnestra mit der Axt erschlagen wird.

Klytaimnestra
Tochter eines Spartanerkönigs; Schwester der schönen Helena; Gattin und Mörderin des Agamemnon; Königin von Mykene. Mutter von Iphigenie, Orestes, Elektra, Chrysothemis. Mörderin Kassandras.

Kybele
Fruchtbarkeitsgöttin aus dem kleinasiatischen Raum; von einigen Griechen bzw. Trojanern als „Große Mutter“ verehrt. Bei Wolf ist der Kybele-Kult Gegenpol zur „etablierten“ Götterwelt.

Menelaos
König von Sparta; floh nach Ermordung seines Vaters mit dem älteren Bruder Agamemnon aus Mykene und vermählte sich mit Helena. Bei Wolf wird M. von Paris provoziert und auf seine Frau angesprochen, die Paris später entführt, woraufhin M. Troja den Krieg erklärt.

Mykene
Im Altertum eine der wichtigsten Städte Griechenlands; gelegen auf der Peloponnes, nördlich der Ebene von Argos. Sitz des Königshauses des Agamemnon und der Klytaimnestra. Heimat von Orestes, Elektra, Iphigenie, Chrysothemis.

Panthoos
Randfigur in der gr. Mythologie, Teil der trojanischen Seite; Priester griechischer Herkunft, der mit einem Schiff nach Troja gelangte.

Parthena
Wird nur bei Wolf erwähnt; Amme Kassandras, die diese zum ersten Mal mit dem Namen Kybele konfrontiert.

Penthesilea
Königin und Heerführerin der Amazonen; kämpfte nach Hektors Tod auf Seiten der Trojaner gegen die Griechen. Bei Wolf männerverachtend und prinzipientreu; wird von Achill im Zweikampf getötet und anschließend geschändet.

Polyxena
Tochter des Priamos und der Hekabe; jüngere Schwester Kassandras. In einigen Antikenbearbeitungen Liebesobjekt Achills. Wird bei Wolf von den Trojanern als Lockvogel für Achill benutzt; dieser fordert darauf im Sterben, P. auf seiner Grabstätte zu opfern.

Priamos
König von Troja, Ehemann der Hekabe, mit der er laut gr. Mythologie 50 Söhne und 12 Töchter hatte. Sohn des troj. Königs Laomedon, Bruder der Hesione. Bei Wolf ist Kassandra zunächst Lieblingstochter des P., wird dann aber von ihm verstoßen und kurzzeitig in Gefangenschaft genommen, als sie den Kriegsplänen in die Quere kommt. Nach der Niederlage Trojas wird P. am Altar des Zeus erschlagen.

Kassandra

Telamon
König von Salamis; gewann laut gr. Mythologie die trojanische Königsschwester Hesione in einer früheren Schlacht in Troja und machte sie zu seiner Frau und Königin. Bei Wolf nur namentlich erwähnt.

Troja
Griech. Ilios oder Ilion, lat. Troja; sagenumwobene Stadt in Kleinasien (Nordwesten der heutigen Türkei). Geographische Lage seit den Ausgrabungen Heinrich Schliemanns Ende des 19. Jahrhunderts bekannt. Im zehnjährigen Trojanischen Krieg (Mittelpunkt von Homers Ilias) von den Griechen belagert und nach Einnahme mithilfe der List des Trojanischen Pferds dem Erdboden gleichgemacht.

Troilos
Jüngster Sohn des Priamos und der Hekabe; Bruder Kassandras. Randfigur der trojanischen Sagenwelt, Titelfigur eines Shakespeare-Stücks (Troilus und Cressida). Bei Wolf erstes prominentes Opfer des Trojanischen Krieges: T. wird von Achill unter Kassandras Augen im Apollon-Tempel hingerichtet.

VOM WOLF BESTRAFT

Von Dramaturg Alexander Kerlin

Haben Sie mal versucht, einem kleinen Kind (klein im Sinne von wirklich klein) ein Grimm-Märchen nachzuerzählen? Dann sind Sie bestimmt – wie ich gestern – eher früh als spät auf die Frage gestoßen, ob man nicht doch auf ein paar Details verzichten sollte. Beispiel Aschenputtel: Den Tod der Mama habe ich gestrichen. Die Tauben, die aus Rache die Augenhöhlen der Schwestern leer picken, auch. Die abgehackten Fußteile hingegen: dramaturgisch unverzichtbar. Und ganz ohne Blut macht’s auch keinen Spaß.

„Kinder brauchen Märchen.“ Ja? Ich war immer skeptisch, wenn Lehrer mit Studium in den 1960er Jahren den Bettelheim-Buchtitel wie eine allgemeine Wahrheit zitierten. Wozu denn genau? Die Rollenbilder der Grimms sind furchtbar. Aschenputtel wäre heute eine kichernde Dumpfbacke, die sich von Prinz Bohlen auf einem Braut-Casting willig einkaufen lässt. Es ging den Grimms um die Produktion von Normen für das zu gründende deutsche Gemeinwesen im frühen 19. Jahrhundert: bürgerliche, heterosexuelle Kleinfamilie mit Blutsverwandtschaft und ein starker Souverän im Staat. Vom Weg abgehen wird vom Wolf bestraft. Deutschland war von Anfang an kein Land für Abweichler. Wer der Moral der Märchen Vorbildcharakter zuspricht, unterschreibt auch Online-Petitionen gegen die Besprechung von Homosexualität in Schulen.

In älteren Fassungen sind die Märchen radikaler. In der Urfassung verspeist Rotkäppchen erst ihre Oma und wird dann vom Wolf selbst verschlungen. Schluss. Kein Jäger, der alles wieder gut macht. Nur so ungebändigt sind die Märchen interessant – und definitiv nichts für Kinder. Es sind Splatter-Filme, Exerzitien der sieben Todsünden, Kaleidoskope aller Verbrechen, die Menschen je an Menschen begangen haben. Märchen interessieren sich nicht für Moral. Das ist ihre Stärke und macht sie für das Theater interessant.

In einem Monat hat unser Märchenmassaker „Republik der Wölfe“ Premiere. Wir stecken mittendrin im Proben-Kampf. Wenn Sie wissen wollen, was Sie beim nächsten Mal definitiv weglassen, wenn sie Ihrem Kind ein Märchen erzählen: Buchen Sie noch heute ein Ticket.

Veröffentlicht am 10. Januar 2014 in den Ruhr Nachrichten.