Schlagwort-Archive: Szenen einer Ehe

WÜNSCHE, LIEBE, LÜGEN

Nicht zu übersehen, nicht zu verdrängen derzeit: Weihnachten steht vor der Tür. Wir schenken uns was, hoffen auf Erfüllendes und tauschen allenthalben Grüße, Geschenke, Wünsche.

Ob unter all den dahingesagten Wünschen jetzt im Dezember jene nach Toleranz und Frieden noch Konjunktur haben? Wenn sie sich auf die große Politik beziehen – wer weiß? Ich würde mir wünschen, diese Wünsche könnten voll Selbstbewusstsein und Mut auf einen Passus des Matthäus-Evangeliums gedacht sein: „Jesus Christus spricht: Wer einen Fremden aufnimmt, der in Not ist, der nimmt mich auf; wer einen Fremden, der Hilfe braucht, zurückweist, der weist mich zurück.“ Voll Scham können wir derzeit erkennen, wie begrenzt die Macht unserer Wünsche ist – angesichts von PEGIDA in Dresden, Dügida in Düsseldorf und HoGeSa in Köln, angesichts einer menschenfeindlichen Asylpolitik einer Koalition, deren hälftiger Part das Adjektiv „christlich“ in ihrem Namen zu führen sich nicht schämt. Allein, es liegt in unserer Hand, unseren Wünschen auch Taten Folgen zu lassen… WÜNSCHE, LIEBE, LÜGEN weiterlesen

DIE WILDEN SIND LOS!

Am Wochenende gab es ein feuriges Premieren-Stelldichein am Schauspiel Dortmund zu bewundern. In „Szenen einer Ehe“ verwandelte die Regisseurin Claudia Bauer unser Ensemble in ein wildgewordenes Rudel, das den Lebenswunsch nach einer harmonischen Ehe genüsslich zerfleischt. In „Nosferatu“ erinnerte uns Jörg Buttgereit an das ureigene Verlangen, die Fantasiewelt in ein lustvolles Horrorkabinett zu tauchen. Und just brüte ich über der Textfassung unserer Punk-Operette „Häuptling Abendwind“, in der eine Horde Kannibalen einen musikalisch-karnivorischen Festschmaus zubereitet. Die legendäre Ruhrpott-Punkband Die Kassierer wird diesen Abend live begleiten – ungestüm und laut natürlich! Sind die Errungenschaften unserer Zivilisation also in Gefahr? Steckt unter dem Deckmantel der Kultiviertheit allzeit das unbändige Tier? Steppt da der Bär?

Gehen wir nicht gerade ins Theater, um uns besonders kultiviert zu zeigen? Mit dem Gläschen Sekt in der einen Hand und der brandaktuellen Zeitdiagnose auf dem Zeigefinger der anderen Hand reflektieren wir die Abgründe des Menschseins – aber bitte distinguiert und distanziert. Oder steckt der wahre Spaß am Theaterbesuch nicht viel eher darin, dem schändlichen Drachen ins Maul zu schauen, dem Leviathan auf den schäbigen Essteller zu gucken? – Schließlich kennen wir die darauf lauernden ungesunden Ingredienzien nur all zu genau…

Also wenn das nächste Mal auf der Bühne ein großes, wildes – wenn auch bloß symbolisches – Menschenfressen stattfindet, denke ich einfach an die Worte des Ethnologen Claude Lévi-Strauss: „Wenn bestimmte Zeremonien bei ganz verschiedenen Völkern immer wiederkehren, dann muss es sich um etwas handeln, was nicht vollkommen absurd ist.“ Egal ob Kannibalen, Vampire oder Ehebrecher die Szene bevölkern, der „wilde“, im Mythos verankerte Mensch versucht doch stets, die gleichen Fragen zu beantworten wie der „zivilisierte“ Mensch.

 

Veröffentlicht am 3. Dezember 2014 in den Ruhr Nachrichten.

 

„UNPSYCHOLOGISCHE MASSENPHÄNOMENE“ – EIN KANTINENGESPRÄCH MIT CLAUDIA BAUER

„Johan und Marianne haben keine Streitkultur – sie können ihre Aggressionen oder Wünsche nicht ausleben oder zeigen. Erst im Laufe des Stücks lernen sie mühselig, miteinander wirklich zu sprechen.“ Claudia Bauer („Welt am Draht“, „Republik der Wölfe“) inzeniert das legendäre TV-Kammerspiel „Szenen einer Ehe“ von Ingmar Bergman mit acht Schauspielern auf der großen Bühne. Am Tag vor der Premiere traf Dramaturgieassistent Matthias Seier die Regisseurin in der Kantine und stellte ein paar Fragen. „UNPSYCHOLOGISCHE MASSENPHÄNOMENE“ – EIN KANTINENGESPRÄCH MIT CLAUDIA BAUER weiterlesen

SOUNDTRACK EINER EHE

„Liebe und Musik gehören fest zueinander, das ist ein ganz klares Narrativ. Jeder hat seine Lieblings-Liebeslieder, aber kaum jemand hat Lieblings-Liebesbücher. Die ganzen Themen, die in Szenen einer Ehe vorkommen, sind auch typische Themen von Songtexten: Liebe, Trennung, Utopie, Heimat“, so die Regisseurin, Claudia Bauer, im Interview. Acht Songs werden an dem Abend gespielt – vom heiteren Anzüglichkeiten-Pop der 60er bis zu traurigen Herzschmerz-Oden mit Gitarrenverstärker; von Herzschmerz-Hymnen der 70er bis zu euphorischem Disco-Funk der späten 80er. Von Roy Orbison bis Pink Floyd, von Adriano Celentano bis David Lynch. Wir dokumentieren hier die Trackliste des Abends – als YouTube-Clips sowie mit Spotify-Playlist. SOUNDTRACK EINER EHE weiterlesen

SÜSSE ILLUSIONEN

Etwa 25 Millionen Euro ließ sich das englische Königshaus im April 2011 die Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton kosten. In mehr als 180 Länder wurde das Spektakel übertragen und erreichte dort bis zu zwei Milliarden Menschen. Facebook registrierte knapp drei Millionen Beiträge zum Thema, Twitter 237 Tweets pro Sekunde. Zehntausende Untertanen versammelten sich am Buckingham Palace, um den – laut Experten übrigens deutlich zu kurzen – Kuss des frisch vermählten Paars zu bejubeln. SÜSSE ILLUSIONEN weiterlesen