Schlagwort-Archive: Sterntagebuch

GRENZENLOSER EINBLICK

stbIch weiß nicht, vielleicht ist das eine masochistische Ader von mir. Ich lese obsessiv die Facebook-Seiten der politisch ganz Rechten. Ich verzweifle dabei – aber ich tu es. So fand ich mich schon kurz nach den Paris-Anschlägen auf der Seite von Pegida. Um in der Annahme bestätigt zu werden, dass der islamistische Terror dort sofort mit dem Schicksal der Geflüchteten in einen Kausalzusammenhang gebracht wird, der aus einer großen Mehrzahl von Opfern Täter macht.

Facebook hat ein überragendes Gedächtnis. Aber es weiß nicht, mit welcher Haltung jemand liest – kritisch oder bejahend. Es weiß nur: den interessiert Pegida, und die Algorithmen laufen dann automatisch. In meiner Timeline tauchen derzeit vermehrt „gesponserte Beiträge“ (sprich: Werbung) vom rechten Rand auf, z.B. von GDD („Gegen die Destabilisierung Deutschlands“) oder von der „European Defence League“. Letztere griffen mich kürzlich mit einem Video an, das wahllos Bilder von rennenden, dunklen Menschenmassen mit bedrohlicher Musik kombiniert und weiße Menschen zeigt, die dazu schluchzen: „Sie drangen in mein Haus ein und nahmen mir alles.“ GRENZENLOSER EINBLICK weiterlesen

AUSSTEIGEN: „INTELEXIT“

stbWer zuviel trinkt, findet Hilfe bei den Anonymen Alkoholikern. Wer zuviel arbeitet, geht zu den Anonymen Arbeitssüchtigen. Wer kein Bock mehr darauf hat, ein Neonazi zu sein, wendet sich an Initiativen wie „Exit Deutschland“. Oder du bist gewaltbereiter Salafist? Versuch es mal mit dem Projekt „Wegweiser“. Willst du aus der linksextremen Szene raus? Für dich bietet der Verfassungsschutz Aussteiger-Programme an.

Nun gibt es eine neue Initiative für Menschen, die eigentlich auf dem Radar der Hilfebedürftigkeit nicht auftauchen. Sie heißt „Intelexit“ und richtet sich an Mitarbeiter von Geheimdiensten wie dem Bundesnachrichtendienst, der NSA oder dem britischen GCHQ. „Diese Menschen“, so die Wiener Psychologin Angelika Schneider in einem Informationsvideo von „Intelexit“, „leiden unter dem, was wir Kognitive Dissonanz nennen.“ Darunter versteht man den Leidensdruck von Menschen, die ständig gezwungen sind, Dinge zu tun, die ihren Werten zuwider sind. AUSSTEIGEN: „INTELEXIT“ weiterlesen

TROLLE

Vor kurzem gab es bei Maybrit Illner eine Meinungsverschiedenheit zwischen dem Aktivisten Sascha Lobo und dem Kripo-Gewerkschafter André Schulz. Die Frage: Ist der gegenwärtige Hass gegen Fremde ein Randphänomen („eine Gruppe von ca. 20.000 radikalisierten Deutschen“, Schulz)? Oder ist der Rassismus längst ein Massenphänomen (Lobo)?

Lobos Einschätzung ist durch das Netz geprägt. Er beobachtet eine tiefgreifende Veränderung des Verhaltens in den Sozialen Medien. Offen rassistische und verfassungsfeindliche Kommentare werden massenhaft unter „Klarnamen“ (d.h. nicht mehr unter Pseudonymen) veröffentlicht – ein Indiz für Lobo, dass ein gesellschaftliches Tabu gebrochen ist. Zum Glück stimmt das nicht ganz: Die Website „Perlen aus Freital“ hat in den letzten Wochen freundlicherweise Facebook-Rassisten und Holocaust-Leugner direkt mit ihren Arbeitgebern in Kontakt gebracht hat – in mehreren Fällen kam es zu Entlassungen. So mancher wird sich da über sein Netz-Verhalten geärgert haben: „Nüchtern bin ich doch eigentlich ganz anders und sogar Roberto Blanco-Fan“. TROLLE weiterlesen

WILLKOMMEN UND ABSCHIED

Ich persönlich bin ja ganz schlecht darin, ein Ende zu finden. Sowohl beim Zeitpunkt – auf Parties bleibe ich meist zu lange – als auch beim Abschied an sich. Da bin ich ein großer Fan des stillen Abgangs: einfach ohne persönliche Verabschiedung gehen. Anfänge sind mir da lieber: Der Urlaubsbeginn, das frisch angeschnittene Brot, das neu beginnende Projekt. Jedem Anfang wohnt eben ein Zauber inne, das schrieb schon Hermann Hesse.

Aber alles hat eben irgendwann ein Ende. Manchmal ist das ein Grund zur Freude – und manchmal ist man sehr traurig. Wenn Beziehungen in die Brüche gehen, lieb gewonnene Menschen sterben oder einfach eine schöne Zeit zu Ende geht. Das ist im echten Leben genauso wie im Theater. Im Schauspiel mussten wir uns z.B. gerade von DAS GOLDENE ZEITALTER verabschieden. Und dabei wurde sicher das ein oder andere Tränchen im Publikum und bei den Beteiligten verdrückt. WILLKOMMEN UND ABSCHIED weiterlesen

AUF IN DEN SPIEGEL

Visitor Q

 

Als mein Onkel ein Kind war, pflegte er, sobald es unter einer Autobrücke her ging, zu schluchzen: „Ich will oben lang, Vati.“ Wenn Vati, der geduldige, den Wagen aber ein paar Schleifen später über die Brücke steuerte, war das auch nicht richtig. „Ich will doch unten lang“, weinte er dann.

Was der arme Junge eigentlich wollte, war unmöglich: auf der Brücke stehen und sich selbst dabei zusehen, wie er unter ihr her fährt. Am besten noch Winken dabei. Schmerzhaft ist die Erkenntnis, dass die einzige lebendige Person, die einem mit Sicherheit niemals zuwinken wird, man selbst ist. Man steht sich buchstäblich zu nah – hat sich aber deshalb auch am schlechtesten im Blick. AUF IN DEN SPIEGEL weiterlesen

DIE ECHTE ZOE

Meine Tochter ist Fan der Zeichentrickserie „Zoés Zauberschrank“, in der ein Mädchen namens Zoé mit ihren Freunden Abenteuer besteht. Der Schritt in den Kleiderschrank katapultiert sie mal nach Schottland, wo sie als golfende Ärzte einen blinden Büffel heilen, mal ins Weltall, wo sie als reinliche Astronauten die eingestaubten Sterne zu altem Glanz wienern. Einige Folgen sind ziemlich raffiniert (meine Empfehlung: „Der Schatz des sprechenden Berges“), und ich ziehe „Zoé“ anderen Schrecklichkeiten wie „Peppa Wutz“ (über eine debile Schweinefamilie) oder „Der Bär im großen blauen Haus“ (über einen Bär in einem großen blauen Haus) bei weitem vor. DIE ECHTE ZOE weiterlesen

WENN UNS EINER TRÄUMT

Das goldene Zeitalter

Als mein Cousin sechs Jahre alt war, saß er mit seinem Vater zusammen im Computerzimmer. Er blätterte in einem Buch, während sein Papa auf den Bildschirm blickte. Beide waren in ihre Gedanken und Aufgaben vertieft. Plötzlich sah mein Cousin auf und sagte nachdenklich: „Papa. Wenn uns einer träumt, der träumt aber lange.“

Wenn uns einer träumt, der träumt aber lange. Das ist ein Satz, den in seiner Schlichtheit und Tiefe kein Dichter am Schreibtisch herbei phantasieren könnte. Was mich an ihm so berührt, ist die Mischung aus Unbedarftheit, Melancholie, Weisheit und dieser besonderen Inspiration von Kindern. Mein Cousin hatte offenbar schon früh eine Ahnung für das Absurde am Dasein.

Was, wenn der, der uns träumt, plötzlich aufwacht? Sind wir dann alle weg? Sigmund Freud ging davon aus, dass wir im Traum nur in Zitaten sprechen, sehen und in gewisser Weise auch fühlen. In Träumen gibt es keine Originale. Wenn wir also Objekte im Traum eines Anderen wären – was wären wir dann anderes als Zitate von etwas, das wir selbst nicht sind?

Die Frage ist, ob das nicht eigentlich eine ganz treffende Definition des Menschen wäre. Menschen sind Zitate. Die Sprache? Gab es vor unserer Geburt. Unsere politischen Haltungen? Nichts als ausgeborgte Gesten. Die Gefühle? Angst, Liebe und Traurigkeit sind Jahrtausende älter als unsere individuellen Leben. Unsere Gedanken? Milliardenfach gedacht zu allen Zeiten.

Und das Theater? Ein Ort, gebaut für das Rezitieren selbst: Dort schleudern wir uns die Zitate aus Literatur, Kunst und Musik um die Ohren. Wir experimentieren mit dem Nachlass der Welt, aus dem wir uns selbst zusammensetzen. Wozu? Wo Zitat auf Zitat trifft, in noch nicht dagewesener Weise – an diesen „Nahtstellen“ kommt es mitunter zu glücklichen Momenten, die unplanbar und unwiederholbar sind, in denen unser Dasein als Zitat übertroffen wird.

Am Freitag ist Premiere von „the return of DAS GOLDENE ZEITALTER“: Schopenhauer trifft auf Mario Götze trifft auf Sahnejoghurt trifft auf Goethe trifft auf Duracell-Hase trifft auf Karl Marx trifft auf Wagner trifft auf „Die Ärzte“ treffen auf Supergirl. Hoffentlich werden wir geküsst von der Inspiration der Kinder. Auf meinen Cousin. Der Abend ist für dich. Zitat Ende.

 

Das Sterntagebuch wurde am 25. Januar 2015 in den Ruhr Nachrichten veröffentlicht.

Foto: Edi Szekely

OTTER UND DACHS

Meine Töchter haben kürzlich von Opa und Oma zwei Kuscheltiere geschenkt bekommen: einen kleinen Otter und einen kleinen Dachs. Die neunmalkluge Dreijährige hatte sofort zwei super Rufnamen parat – und zwar „Otter“ und „Dachs“. Mit dem Dreh, dass der kleine Otter nun Dachs und der kleine Dachs nun Otter heißen sollte. Entscheidungen dieser Art zweifelt man nicht an. Getauft ist getauft. Jedoch: Wir haben es mit einer verzwickten Überkreuzung von Gattungs- und Eigennamen zu tun, die durch die Angewohnheit im Pott, Eigennamen mit bestimmten Artikeln (der oder die) zu versehen, noch verkompliziert wird. OTTER UND DACHS weiterlesen

LIEBES JAHR 2015

Dialog am Frühstückstisch. Meine Frau: „Hast du gute Vorsätze für das neue Jahr?“ Ich: „Interessant. Genau zu dieser Frage wollte ich mein Sterntagebuch schreiben. Ich finde gute Vorsätze bescheuert.“ „Warum? Sie sind das einzig wirklich Sinnvolle an Silvester.“ „Aber wozu sollte ich mir vom Kalender diktieren lassen, wann ich mein Leben ändern will? Ich kann mir Vorsätze auch zum 21. Mai machen. Oder einfach gar nicht. Als ob das Leben nicht von allein genug Druck auf die Menschen ausübt.“ „Hast du wirklich keinem einzigen guten Vorsatz?“ LIEBES JAHR 2015 weiterlesen

MAUERN, ZÄUNE UND ZAHLEN

Am 9. November jährt sich der Fall der Berliner Mauer zum 25. Mal. Ein Grund zum Feiern und zur Erinnerung an politische Gefangene der SED-Diktatur und die Menschen, die am innerdeutschen Grenzzaun starben. Während in Berlin durch die symbolische Markierung des Mauerverlaufs mit einer „Lichtgrenze“ aus 8000 leuchtenden Ballons allein der Vergangenheit gedacht wird, versuchen die Aktionskünstler des „Zentrum für Politische Schönheit“ eine Engführung von Gedenken und Gegenwart: Die innerdeutsche Mauer ist weg, aber an den Außengrenzen der EU ist in den vergangenen Jahren eine neue „Mauer“ entstanden – hochgerüstete Grenzanlagen in Bulgarien, Griechenland, im spanischen Melilla. An dieser Mauer wird gestorben, jetzt und heute.

Sicher ist es moralisch streitbar – wie geschehen – Teile der Gedenkstätte für die Mauertoten zu entfernen und an den EU-Außengrenzen zu inszenieren. Aber die kontroverse Diskussion der letzten Tage zeigt die Brisanz des Themas: Wo liegt unsere Verantwortung Flüchtlingen von heute gegenüber? Wir alle kennen die Berichte von gekenterten Nussschalen auf dem Mittelmeer und überfüllten Aufnahmelagern in Italien. Und auch bei uns: volle Aufnahmelager, Gewaltexzesse von Sicherheitsdiensten, Hausbesetzungen durch Asylbewerber, politische Diskussionen um die weitere Aufnahme von vergleichsweise wenigen Flüchtlingen.

Die Gedenkstätte für die Mauertoten erinnert an individuelle Schicksale. Aber wer verleiht den Flüchtlingen der Gegenwart ein Gesicht? Hinter der anonymen Masse stehen Menschen. Im Gepäck: Verzweiflung und Hoffnung auf eine Zukunft. Wie damals an der innerdeutschen Grenze. Der Autor Miltiadis Oulios gibt den Schicksalen der Gegenwart in seinem Buch „Blackbox Abschiebung“ eine Stimme: Menschen, die es zwar nach Deutschland geschafft haben, aber nicht bleiben durften. Gemeinsam mit dem Stadtmagazin Bodo, Pro Asyl und dem Schauspiel Dortmund präsentiert Oulios sein Buch am 9. Dezember im Institut des Schauspiels (19:30 Uhr). Der Eintritt ist frei.

Veröffentlicht am 5. November 2014 in den Ruhr Nachrichten