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„EINE LIVE ERZÄHLTE FILMISCHE GESCHICHTE“

NILS VOGES ÜBER „DER FUTUROLOGISCHE KONGRESS“ UND DAS LIVE ANIMATION CINEMA

Gewalttätige Auseinandersetzungen am Rande des Futurologischen Weltkongresses und ein böser Verdacht: Werden Glücksgase als Kampfmittel eingesetzt? Schmusium? Oder gar Edelpassionat? Schnell stellt sich dem berühmten Sternenfahrer Ijon Tichy die Frage, was Wirklichkeit ist und was Illusion… Doch damit nicht genug – bald muss er erfahren, dass es eine neue Regierungsform gibt: die Chemokratie!

Erstaunliche Kosmen, soweit das Auge blickt, durchzogen von funkelnden Sprachneuschöpfungen und galaktischer Kreativität: Der polnische Philosophie-Science- Fiction-Weltstar Stanisław Lem (1921-2006) ist Meister im Spiel mit der Phantasie. Ein brillanter Visionär, der die technische Evolution der Menschheit stets so genau im Blick hielt, dass er bereits in den 1970er-Jahren die Nanotechnik, Virtuelle Realität und die Künstliche Intelligenz literarisch erfunden hatte. Nun sein berühmter Roman DER FUTUROLOGISCHE KONGRESS als große Reise durch Raum und Zeit auf der Theaterbühne – mit Regisseur Nils Voges sprach Anne-Kathrin Schulz.

Der Futurologische Kongress im Megastore

2015 feierte am Schauspiel Dortmund der erste Live- Animationsfi lm der Welt Premiere – sputnics „Die Möglichkeit einer Insel”. Zusammen mit Ihren beiden Kollegen Malte Jehmlich und Nicolai Skopalik hatten Sie dafür ein Set-Up entwickelt, in dem die Schauspieler direkt vor den Augen der Theater-Zuschauer einen Trickfilm entstehen ließen. Dieses „Live- Animation-Cinema“ war ein völlig neues Kunstformat irgendwo zwischen Theater und Film – wie ist die Idee entstanden?

NILS VOGES: Seit 2004 ist das Künstlerkollektiv sputnic, zu dem ich gehöre, einerseits im Bereich klassischer Animation unterwegs, z.B. für Kurzfi lme und Musikvideos, andererseits sind wir regelmäßig als Videokünstler auf internationalen Bühnen in Theaterstücke eingebunden. Es lag auf der Hand, die zwei Bereiche zu verbinden. Da klassische Animation ein sehr langwieriger Prozess ist (für unseren zwölfminütigen Stop Motion-Kurzfilm „Südstadt“ brauchten wir anderthalb Jahre), mussten wir für die Theaterbühne eine völlig neue Animationsform erfinden. Als ästhetische Inspirationsquelle dienten zunächst die frühen Lotte Reiniger-Schattenrissfilme. Mit jedem neuen Projekt aber entwickeln wir unsere Ästhetik und Technik weiter. DER FUTUROLOGISCHE KONGRESS ist nun die erste Live-Animation, die dank eines neuen Setups komplett texturiert und in Farbe sein kann. Das ermöglicht uns, die ca. 120 wundervollen Illustrationen von Julia Zejn, Elena Minaeva und Caro Perez Hemphill nun in voller Schönheit zeigen zu können.

Als Zuschauer kann man einen Trickfilm sehen, mit Figuren, die “leben” und gleichzeitig, wie unsere vier Schauspieler und unser Musiker diese Welten kreieren – ein wirklich verblüffendes Zusammenspiel. Wie wichtig ist Ihnen diese Live-Ebene?

Genau darum geht es bei Live Animation. Den Moment der Herstellung mitzuerleben ist magisch. Die Performer werden zu Zauberern. Obwohl der Zuschauer alle „Tricks” im einzelnen, mit den eigenen Augen nachvollziehen kann, entsteht durch das Zusammenspiel der Schauspieler etwas neues: eine live erzählte filmische Geschichte mit eigenem Rhythmus und eigener Sprache.

Was fasziniert Sie an der Welt von Stanisław Lem? Wieso haben Sie sich für seinen Roman DER FUTUROLOGISCHE KONGRESS entschieden?

Storyboard-Auszug

Man könnte meinen, Stanisław Lem hat 1971 mit nahezu hellseherischen Fähigkeiten den Roman für die heutige Gegenwart geschrieben. Viele der Themen sind aktueller denn je: Proteste gegen Weltwirtschaftsgipfel, künstliche Intelligenzen, Gender-Identitäten, Neuro-Enhancement, chemische Kriegsführung und postfaktische Politik. Und das alles garniert er mit einer gehörigen Portion Satire. Ich hatte den Roman gelesen und war begeistert von der philosophischen Ideenflut und den vielen Realitätsebenen. Für Live Animation bot sich der Stoff an, da man für diese verschiedenen Wirklichkeitsebenen auf der Bühne unterschiedlichsten Techniken nutzen kann: Schauspiel, Puppenspiel, Live Animation und Video.

Als langjährige Kritikerin der Schwerkraft ist mein Lieblingsdetail im Bühnenbild ja die Internationale Raumstation.

Die ISS, genau. Hierfür hat Artur Gerz ein wunderbares, detailreiches Modell gebaut, aus Konservendosen und Elektroschrott. Mit der richtigen Beleuchtung, Atmo, Musik und einer Kamera kreieren die Schauspieler mit ihr Filmbilder, die an große Sci-Fi Klassiker erinnern. Es ist phantastisch!


Premiere am 11. Juni (bereits ausverkauft), weitere Termine im Juni und Juli!

DIE MÖGLICHKEIT EINER INSEL

LIVE GESPIELT, ANIMIERT, GESCHNITTEN UND VERTONT VON VIER SCHAUSPIELERN:
DER ALLERERSTE LIVE-TRICKFILM DER GESCHICHTE

Mit Die Möglichkeit einer Insel schreibt das Schauspiel Dortmund nach DAS FEST (nominiert für den Deutschen Theaterpreis DER FAUST 2013) und MINORITY REPORT oder MÖRDER DER ZUKUNFT erneut Theater- und Filmgeschichte – im Geiste des Dortmunder Manifests DOGMA 20_13: Eine große Reise durch Zeit und Raum, live gespielt, animiert, geschnitten und vertont von vier Schauspielern, direkt vor den Augen der Zuschauer mit über 200 handgemachten Zeichnungen  auf teil-beweglichen Animation-Plates sowie mit zahlreichen liebevoll gestalteten Miniaturen, vier Tricktischen, zwei Dolly-Robotern und fünf Kameras Michel Houellebecqs Figuren zum Leben erwecken – der allererste Theaterabend, in dem ein Trickfilm live auf der Theaterbühne erschaffen wird.

Das Krefelder Design- und Künstlerkollektiv sputnic (Malte Jehmlich, Nicolai Skopalik, Nils Voges) arbeitet deutschlandweit und international im Spannungsfeld zwischen Theater, Film, Musik, Performance und Installation. 2008 für ihrenwurde ihr Stop-Motion-Trickfilm SÜDSTADT mit dem renommierten European Grand Off-Award für die Beste Animation ausgezeichnet. Am Schauspiel Dortmund entwickelte sputnic zuletzt Animationen und Visual Effects für EINIGE NACHRICHTEN AN DAS ALL und erfand (zusammen mit kainkollektiv) die Reihe STADT OHNE GELD.

Das „Making of  Die Möglichkeit einer Insel“ von Jan Voges gibt Einblick in den Live-Trickfilm und schaut hinter die Kulissen: