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POESIE DES WIDERSTANDS: MEGAFONCHOR

„Ich habe Lust, sie wahnsinnig zu nerven – obwohl ich eigentlich gar nicht der Typ dafür bin.“

 

 

Im Frühjar 2014 wurden in Sankt Pauli in Hamburg die Esso-Häuser abgerissen. Ein Hauskomplex mit viel Wohnraum und einer als Dorfplatz genutzten Esso-Tankstelle. Im Vorfeld des Abrisses formierte sich eine große Protestbewegung, die für den Erhalt der Esso-Häuser und gegen Gentrifizierung kämpfte. Silvi Kretzschmar, Choreographin und Künstlerin an der Schnittstelle von Performance und politischer Aktion, Mitglied des Schwabinggrad Ballets, sammelte in dieser Zeit Interviews und Statements der Bewohner_innen des Kiezes und schrieb daraus eine kollektive Rede. Diese Rede wurde von 10 Frauen mit Megafonen als Schwarm vorgetragen, mal während einer Demonstration, als Straßentheater oder im Nachruf „Esso Häuser Echo“ auf Kampnagel auf einer Theaterbühne. Es ist eine Mischung aus Textfragmenten, welche nicht nur inhaltlich sondern auch musikalisch arrangiert sind, Choreographie und dem Formulieren politischer Inhalte, inklusice Zögern und Unsicherheiten, die entstehen, wenn auf einmal ein großes Publikum zuschaut.

EINE NEUE SEKTE? EIN FLASHMOB? ODER BLOß THEATER?

Auf dem Hansaplatz wacht die Militärpolizei. Es ist Champions-League-Tag. FC-Arsenal-Fans feuern ihre Mannschaft in der Stadt schon ab den frühen Mittagsstunden lautstark an. Für die Polizei gilt: Obacht vor weiteren Versammlungen, als ein Mädchen mitten auf dem Platz zum Stehen kommt. Nur wenig Zeit vergeht. Dann stellt sich eine ältere Dame daneben und nimmt das Mädchen bei der Hand. Zufällig hält ein weiterer Passant, ein adrett gekleideter Herr mittleren Alters, stellt sich dazu und nimmt die Dame an die Hand.

 

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Und der Zufall scheint es gut mit den vom realen Treiben entrückt erscheinenden Händchenhaltern gemeint zu haben. Innerhalb weniger Minuten hat sich eine Menschenreihe von gut 50 Metern über den gesamten Platz angesammelt. Passanten machen Fotos. „Dat is ma ne Aussage!“ Die Polizisten tuscheln. Ein Polizist geht auf das eine Ende der Reihe zu und fragt eine sympathisch wirkende Frau, was das denn sei – und bekommt keine Antwort. Nach kurzem Zögern flüstert er der Frau zu, dass er schon wisse, dass es sich um eine Solidaritätsbekundung für die Beschäftigten des Karstadthauses handele und sie natürlich nichts sagen dürfe, von wegen unangekündigter Versammlung… und schlich wieder von dannen. Der Polizist hatte schnell eine Antwort parat, die umherstehenden Passanten eher nicht. Es wird gerätselt, was das soll. Vielleicht ein Flashmob? Oder eine neuartige Sekte? Aber ganz normale Menschen? Was, wenn ich mich einfach dazustelle – gehöre ich dann dazu? Antworten der Beteiligten bekommt man ja nicht. Aber es fühlt sich gut an, so Hand in Hand auf dem Marktplatz in einer Reihe, die vom einen bis zum anderen Ende der Gebäude reicht.
Ein Phantom mit 80 Gesichtern geistert durch die Stadt. Taucht es vielgestaltig in der Stadt, auf einem öffentlichen Platz oder in einem Geschäft, auf, wirken seine Aktionen auf die Passanten ansteckend. Doch in die Karten gucken lässt es sich nicht. Sollte es sich bei den Aktionen doch um Theater handeln, könnte man meinen, das Diktum des Dichters Birger Sellins, „Einmal spreche ich mal etwas ohne Worte“, werde endlich in die Tat umgesetzt. Macht denn Sprache frei? Schlägt sie goldene Brücken von Herz zu Herz? Oder ist sie ein zu eng geschnürtes Korsett? Zieht die Sprache unsichtbare Mauern zwischen den Menschen hoch?

 

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Liebe Dortmunder Mitbürger, seien Sie auf der Hut! Zwischen Smartphone-Zombies und Securitypersonal geht in der Innenstadt ein Phantom der Unbescholtenheit umher und verlockt Sie, mit ihm und miteinander in Kontakt zu treten – auf die denkbar einfachste und höchstmenschliche Weise. Es hört auf den Namen Kaspar Hauser.

Und für alle die DIE HAMLETMASCHINE nach Heiner Müller mit dem Dortmunder Sprechchor noch nicht gesehen haben, es gibt neue Termine und wieder Karten.

 

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MARGOT MARIA RAKETE

von Sprechchormitglied Katrin Osbelt

Als ich letzte Woche von der Probe des Dortmunder Sprechchors nach Hause fuhr, war ich ganz bei mir. Fast drei Stunden konzentrierter Sprecharbeit lagen hinter mir: Endproben für das Studio-Stück „Das phantastische Leben der Margot Maria Rakete“.  Also: hinein ins Auto, Hirn auf Stand-by, die neue „Strokes“ in den CD-Schacht. Da sind nur der Rhythmus der Musik – und ich. In Höhe des Stadions durchzuckt es meinen rechten Fuß: Marco Reus und Robert Lewandowski – tolle Jungs! Die geben Gas! Es blitzt rot auf. Kurzer Reflex, Bremse treten, zu spät. Eine Kelle am Straßenrand. „Können Sie sich ausweisen?“ Eine Plastikkarte genügt, um zu beweisen, dass ich „ich“ bin. Aber das war doch gar nicht ich, die da die Tempo-Grenze überschritten hat …
Die Welt eines wundervollen Wesens
Und schon bin ich wieder Teil von Margot Maria Rakete, und mitten drin in der Welt eines wundervollen Wesens, das sich aus den Biografien von rund 80 Chormitgliedern nährt, das sich in unseren – aktuell fast täglichen – abendlichen Proben unablässig auf neue Weise entwirft und immer wieder Fragen aufwirft: Wann handle ich frei und selbstbestimmt? Geben mir Konventionen und Gesetze Sicherheit? Oder machen sie mich klein und verweisen mich in meine Schranken? Ist es der Blick der anderen, der das Bild von mir prägt? Oder bin ich das Maß aller Dinge? So gelange ich schnell zu ganz großen Fragen: Der Weltraum – unendliche Weiten! Welche Bedeutung hat in Anbetracht der Ewigkeit das kurze Aufflackern unserer Existenz? Ist das, was wir Realität nennen, nicht bloß ein spiegelndes Bruchstück, von dem wir Menschen kühn behaupten, es sei die Realität? Und was unterscheidet diese Realität dann von Traum, Phantasie oder Einbildung?
Ein das Bewusstsein erweiterndes Theaterexperiment
„Das phantastische Leben der Margot Maria Rakete“ ist keine Biografien-Collage, keine Doku-Soap, keine Reality-Show. „Das phantastische Leben der Margot Maria Rakete“ ist ein alle Sinne ansprechendes, auf erfrischende Weise das Bewusstsein erweiterndes, mutiges Theaterexperiment – als Uraufführung zu sehen am 1. Juni 2013 im Studio des Dortmunder Schauspiels!

 

Veröffentlicht am 15. März 2013 in den Ruhr Nachrichten.

* Katrin Osbelt ist seit zwei Jahren im Dortmunder Sprechchor, der mit annähernd hundert Mitgliedern das 17. Ensemblemitglied am Schauspiel Dortmund ist.

VERSTEHEN IST DIE ABSOLUTE LANGEWEILE

Ein Gespräch mit dem Regisseur und Schauspieler Uwe Schmieder über seine Arbeit an Heiner Müllers DIE HAMLETMASCHINE, die am 18. Mai 2014 im Studio Premiere feierte.
Die Fragen stellte Dramaturg Alexander Kerlin.

 

Die Hamletmaschine

Alexander Kerlin: Heiner Müller ist vielleicht der wichtigste und ungewöhnlichste Theaterautor Deutschlands in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Trotzdem ist Müller einem breiten Publikum nahezu unbekannt und noch immer nicht auf den Spielplänen „angekommen“, insbesondere in Westdeutschland.

Uwe Schmieder: Das hat sicherlich damit zu tun, dass es in seinen Texten etwas gibt, das der Kanonisierung Widerstand leistet. 1981, da war ich als 21jähriger noch bei der Armee, hatte ich mein Vorsprechen an der Theaterhochschule „Hans Otto“ in Leipzig. Wir haben eine Liste mit Stücken bekommen, die wir durchlesen sollten. Ich kannte nur wenige Autoren, z.B. Volker Braun, seine Stücke habe ich beim Lesen sofort kapiert. Von Müller waren Lohndrücker und Die Bauern mit auf der Liste. Das war ganz anders als Volker Braun. Ich habe erst gehofft, dass das nur Sekundärmaterial ist. Wie kann jemand nur Sätze aufschreiben, die keiner versteht? Ich war völlig verstört.

 

Du hast die Sachen zunächst weggeworfen?

Ja. Aber 1982, in meinem ersten Studienjahr, da war in Leipzig die Kulturkonferenz der FDJ, die alle zwei Jahre stattfand. Bei der Konferenz sollten die vier Schauspielschulen der DDR nationale Dramatik aufführen, in einem internen Wettbewerb. Wir Leipziger hatten Inszenierungen von Traktor und Schlacht erarbeitet: meine erste szenische Erfahrung mit Müller. Im Gegensatz zu dem russischen Realismus, den wir sonst so gemacht haben, war Müller für mich fremd und spannend: Wir konnten Clownsszenen erarbeiten, und haben einen Traktor aus Menschen gebaut. Fast zeitgleich zu dieser Konferenz hat Müller an der Volksbühne in Berlin seine Macbeth-Übersetzung inszeniert, ein totaler Skandal. Das Zentralkomitee (ZK) war entsetzt von der fatalistischen Sicht auf die Geschichte, das war ganz unsozialistisch. Und unsere Arbeiten von Traktor und Schlacht wurden verboten, wir durften sie nicht zeigen. Wir haben nicht verstanden weshalb, uns aber dennoch wie Märtyrer gefühlt. Gefahr ist eben anziehend.

 

Die Hamletmaschine

All dem zum Trotz nahmen wir beim Empfang teil, es gab ein dreißig Meter langes Buffet, und Egon Krenz dirigierte eine Jugend-Blaskapelle. Er war sehr stolz dabei, drehte sich immer zum Publikum um und grinste. Wir nannten ihn auch Egon Grins. In der Rückschau weiß ich, dass diese Erlebnisse und die Begegnung mit Müller entscheidend waren für meine Geschmacksbildung und mein Gespür für das Politische im Theater – dafür, wie wir letztendlich auch später im Orphtheater Berlin gearbeitet haben.

 

Sein Werk hat dich immer begleitet?

Als Schauspieler habe ich häufig Müller-Stücke gespielt: Bildbeschreibung, Medeamaterial, Fatzer, Mauser. Aber erst später, nach seinem Tod 1995, habe ich einen persönlichen Zugang gefunden, indem ich mich von hinten nach vorne durch sein Werk gewühlt habe. Mit dem Scheitern der DDR und der kommunistischen Utopie war Müllers ganzer Schreibauftrag infrage gestellt, plötzlich war kein ideologischer Widerstand mehr für ihn da, und in den fünf Jahren vor seinem Tod hat er fast nur noch Prosa und Lyrik verfasst, ich glaube er hat nur noch an Germania gearbeitet. Ich habe mich ihm z.B. durch seine Traumtexte nahe gefühlt: der Umgang mit dem eigenen Tod, damit, sehr spät im Leben noch mal Vater geworden zu sein und fast zeitgleich eine Krebsdiagnose zu bekommen: Ein alter Mann mit einem Kind – während er schreibt, dass das Leben sinnlos ist.

 

Die Hamletmaschine

Ziemlich genau in der Mitte von Müllers Schaffen steht Die Hamletmaschine.

1977, das war wie ein Bruch mit seinem alten Schreibstil, mehr noch, eine Text-Revolution, aber vielleicht auch eine logische Konsequenz seines Denkens. Im Schriftbild von Die Hamletmaschine erkennt man keine dramatische Struktur mehr, keine Akte, keine durchgehenden Figuren, und das Stück ist bloß neun Seiten lang. In den 1960er Jahren hat Müller ein Projekt mit dem Titel Hamlet in Budapest begonnen, in dem es darum ging, das Original von Shakespeare mit dem Aufstand in Budapest von 1956 zu überblenden. Er hat das Projekt nie beendet. Später aber hat er für eine Aufführung an der Volksbühne in Ost-Berlin, bei der Benno Besson Regie geführt hat, den ganzen Hamlet übersetzt. In Die Hamletmaschine fließen Erfahrungen und Zitate aus einem halben Schriftstellerleben ein, ein großes Flechtwerk mit vielen Referenzen, von Shakespeare über Charles Manson bis Elektra.

 

 Aber ist das nicht nur für Schreibtischtäter interessant?

Für mich ist Die Hamletmaschine ein Glutkern von Müllers Werk. Da steht alles drin. Jeder Satz ist ein komplettes Theaterstück, dicht, rätselhaft, schön, provokant, rhythmisch und ungeheuer lustig. Ich habe immer die Position des Naiven eingenommen gegenüber Müllers Texten. Dann zerfleischen dich die Texte, aber dieses Einlassen schafft auch Raum, um Erfahrungen zu machen. Die Hamletmaschine hat fast keine Regieanweisungen, nur Freiheit. Und Müller hat sie selbst einmal als chorischen Text bezeichnet, vermutlich weil es ihm um kollektive Erfahrungen ging und nicht um die Nöte von Einzelpersonen. Deshalb habe ich sie für den Dortmunder Sprechchor vorgeschlagen. Man muss die Zitate nicht erkennen, aber wenn man in das Werk eintaucht, denkt man oft: Das habe ich doch gerade schon woanders gelesen. Müllers Werk ist ein Kosmos, in dem die Fragmente untereinander austauschbar werden; teuflisch, wenn man darin versackt.

 

Die Hamletmaschine

 

Das Gegenwartstheater will aber verständlich sein.

Ja, und das Publikum will immer nur verstehen. Schrecklich. Etwas zu verstehen, bedeutet, mit ihm fertig zu sein, und das ist die absolute Langeweile. Wenn du so lange im Theater arbeitest wie ich, lernst du Phasen kennen, in denen du die Orientierung und die Ziele verlierst: Schaffenskrisen, in denen du denkst, das sollten jetzt lieber die Jüngeren machen. Als wir uns im Orphtheater in den späten 1990ern gegenseitig aufgefressen haben, da habe ich bei Müller einen Halt gefunden. Er hat die Suche nach einer Utopie nie aufgegeben, wusste aber nicht, wie die aussieht. Er wusste nur, dass es so wie es ist nicht weiter gehen kann.

 

Klingt ein Text von Heiner Müller 2014 in Dortmund anders als 1982 in Leipzig?

Natürlich. Ich wollte nicht die hundertste Hamletmaschine inszenieren, sondern mit Müller in der Gegenwart arbeiten. Die Mitglieder des Sprechchors fanden den Text von Anfang an beeindruckend, aber um sie restlos zu überzeugen, habe ich noch mehr Material von Müller mitgebracht, das noch direkter mit unserer Lebensrealität heute zu tun hat. Wie Müller mit Sondergenehmigung vom ZK durch die Reihenhäuser am Chiemsee oder die Fußgängerzone in Düsseldorf geht: sein ganzer Ekel an der Marktwirtschaft, vor diesen Einkaufsgesichtern. Um das zu verstehen,

muss man ja nur die Straßenseite wechseln und in die Dortmunder Shopping-Mall Thier-Galerie gehen. Aber Müller hat auch gewusst, dass sein Ekel ein Privileg ist: das Privileg eines Autors, der aufgrund seines Ansehens überhaupt in den Westen reisen durfte.

 

Hast du also auch Texte hinzugefügt?

Ich bin in Müllers Arbeit an der Collage eingestiegen. Mich interessiert Diskurs. Ich habe Müllers Sprache eine andere entgegengesetzt, keine dramatische, sondern die Sprache aus seinen berühmt gewordenen Gesprächen, z.B. mit Alexander Kluge. So hat sich der Text während der Probenzeit immer weiter entwickelt. Ich lasse den Chor auch singen – schließlich bin ich beeinflusst vom Agitprop-Theater der DDR: mit Chor und Sprechern zwischen zwei Blumenkästen.

 

Die Hamletmaschine