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THE NOISE OF ELEKTRA II – LARRY MULLINS

 Bei ELEKTRA steht ein wahnsinniges Musik-Trio auf der Bühne. Larry Mullins, Geoffrey Burton und Paul Wallfisch liefern den Sound der zersplitterten Tragödie. Ob nun laut und lärmend, sanft oder grotesk – die drei Vollblutmusiker sind Meister ihres Fachs. Kurz vor der Generalprobe von ELEKTRA hat Matthias Seier bei den drei Mitgliedern aufgeschnappt, welche Musik sie privat hören. Womit wuchsen sie auf? Was hat sie beeinflusst? Wem schulden sie Dank? Den Anfang macht Drummer und Perkussionist LARRY MULLINS, bekannt durch seine Arbeit mit Iggy Pop und den Swans. THE NOISE OF ELEKTRA II – LARRY MULLINS weiterlesen

WENN GOTT DIE WIEDERHOLUNG NICHT GEWOLLT HÄTTE

Eine Backstage-Dokumentation über DAS GOLDENE ZEITALTER 

Mario Simons Backstage-Dokumentation gibt Einblicke in den Denk-Kosmos der überregional gefeierten Theater-Performance DAS GOLDENE ZEITALTER – 100 Wege dem Schicksal die Show zu stehlen. Die Künstler und Schauspieler um den Regisseur Kay Voges kommen zu Wort und der komplexe technische Aufbau („Die Maschine“) wird erklärt. Zahlreiche Szenenausschnitte werden gezeigt. Darüber hinaus erzählen Zuschauer von ihren Eindrücken während des Abends: verstört, wütend, begeistert.

Die Welt urteilte nach der Uraufführung: „Mit DAS GOLDENEZEITALTER etabliert sich das Dortmunder Ensemble als führendes deutsches Theaterlabor.“ Und amusio.de polterte: „Der größte Theaterskandal des Jahres.“


DER BAUSCHUTT DER MODERNE

Müssen wir in den Theatern eine Stunde Null ausrufen? Matthias Weigels Vorschlag (Kritiker bei nachtkritik.de), die Images der Theater mit „Pools und Party“ zu neutralisieren, ist vermutlich augenzwinkernd gemeint – und doch legt er dem Theater nahe, sich von einem bestimmten Strang seiner Geschichte zu trennen, zumindest zu distanzieren. Dieser Strang betrifft, wenn ich das richtig verstehe, in erster Linie die sogenannten „Klassiker“: die großen Erzählungen, die großen und kleineren Würfe seit dem 16. (England), 17. (Frankreich) und 18. Jahrhundert (Deutschland) sowie die Tragödien der griechischen Antike. Weigels Vorschlag kommt vermutlich nicht zufällig zu einem Zeitpunkt, an dem unser Vorrat an Vergangenheit ohnehin merklich schwindet – eine der unzähligen Folgen der Digitalen Revolution. Im Netz erreichen uns die Botschaften unabhängig von ihrer objektiven Relevanz in Permanenz, Überfülle und Echtzeit. Daher meine erste These: Die „Klassiker“ taugen durchaus als Munitionslager, um sich gegen den von Apple, Google, Facebook, Twitter und Amazon orchestrierten Angriff des Jetzt auf unsere Leben zu wehren. Andererseits hat Weigel recht, wenn er implizit in Zweifel zieht, dass uns die „Klassiker“ überhaupt noch ohne Umwege „etwas sagen“. Jeder sensible Bewohner des 21. Jahrhunderts wird das im Theater schon gespürt haben. Das wäre die zweite These, die ebenfalls als eine Folge der Digitalisierung beschrieben werden kann: Das Internet hat die Macht des Kanons längst gebrochen. Um diesen Widerspruch soll es im Folgenden gehen: Wir können die Klassiker nicht mehr gebrauchen, aber wir brauchen sie. Was machen wir also mit ihnen? DER BAUSCHUTT DER MODERNE weiterlesen

COME AS YOU ARE

Unsere neue Fassadengestaltung
Die Berliner Künster von Innerfields haben im Sommer zwei neue Bilder auf die Fassade des Schauspielhauses gezaubert. Mit Fassadenfarbe und Sprühlack haben sie in 6tägiger Arbeit unseren alten Bannern neuen Glanz verliehen und für das Schauspielhaus zwei leuchtende und auffällig zum Wall hin strahlende Kunstwerke kreiert.
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Das Motiv rechts über dem Haupteingang zeigt unseren „Duracell“-Hasen aus dem Stück DAS GOLDENE ZEITALTER – 100 Wege dem Schicksal die Show zu stehlen (darin: Schauspieler Uwe Schmieder), mit ausholenden Drum-Sticks. Darüber steht BIGGER THAN LIFE – was man für die Bühne sinngemäß interpretieren könnte: Theater ist – wenn es gut ist – größer als das Leben: eine Überhöhung und Zuspitzung der Wirklichkeit, keine Abbildung.
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Zum Wall hin sieht man Adam und Eva, ebenfalls aus DAS GOLDENE ZEITALTER (Eva Verena Müller und Caroline Hanke). Der Baum der Erkenntnis und der Sünde zwischen ihnen wurzelt in einer Leiterplatte, einer Platine.
Beide Bilder, sowohl Hase als auch Adam und Eva, sind angegriffen, zerstört, beschädigt, vervollständigt, perfektioniert durch Glitsches, Fehler bzw. Verzögerungen in der Daten-Übertragung. Siehe bitte auch GLITCH. Ursprünglich war geplant, dass sich um den Baumstamm noch ein weißes iPhone-Ladekabel schlängelt – im Stress der Fertigstellung haben Künstler und wir das allerdings vergessen.
So oder so: Das Publikum soll kommen, wie es ist. Immer Ausschau halten nach unserem Stern.

VERSTEHEN IST DIE ABSOLUTE LANGEWEILE

Ein Gespräch mit dem Regisseur und Schauspieler Uwe Schmieder über seine Arbeit an Heiner Müllers DIE HAMLETMASCHINE, die am 18. Mai 2014 im Studio Premiere feierte.
Die Fragen stellte Dramaturg Alexander Kerlin.

 

Die Hamletmaschine

Alexander Kerlin: Heiner Müller ist vielleicht der wichtigste und ungewöhnlichste Theaterautor Deutschlands in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Trotzdem ist Müller einem breiten Publikum nahezu unbekannt und noch immer nicht auf den Spielplänen „angekommen“, insbesondere in Westdeutschland.

Uwe Schmieder: Das hat sicherlich damit zu tun, dass es in seinen Texten etwas gibt, das der Kanonisierung Widerstand leistet. 1981, da war ich als 21jähriger noch bei der Armee, hatte ich mein Vorsprechen an der Theaterhochschule „Hans Otto“ in Leipzig. Wir haben eine Liste mit Stücken bekommen, die wir durchlesen sollten. Ich kannte nur wenige Autoren, z.B. Volker Braun, seine Stücke habe ich beim Lesen sofort kapiert. Von Müller waren Lohndrücker und Die Bauern mit auf der Liste. Das war ganz anders als Volker Braun. Ich habe erst gehofft, dass das nur Sekundärmaterial ist. Wie kann jemand nur Sätze aufschreiben, die keiner versteht? Ich war völlig verstört.

 

Du hast die Sachen zunächst weggeworfen?

Ja. Aber 1982, in meinem ersten Studienjahr, da war in Leipzig die Kulturkonferenz der FDJ, die alle zwei Jahre stattfand. Bei der Konferenz sollten die vier Schauspielschulen der DDR nationale Dramatik aufführen, in einem internen Wettbewerb. Wir Leipziger hatten Inszenierungen von Traktor und Schlacht erarbeitet: meine erste szenische Erfahrung mit Müller. Im Gegensatz zu dem russischen Realismus, den wir sonst so gemacht haben, war Müller für mich fremd und spannend: Wir konnten Clownsszenen erarbeiten, und haben einen Traktor aus Menschen gebaut. Fast zeitgleich zu dieser Konferenz hat Müller an der Volksbühne in Berlin seine Macbeth-Übersetzung inszeniert, ein totaler Skandal. Das Zentralkomitee (ZK) war entsetzt von der fatalistischen Sicht auf die Geschichte, das war ganz unsozialistisch. Und unsere Arbeiten von Traktor und Schlacht wurden verboten, wir durften sie nicht zeigen. Wir haben nicht verstanden weshalb, uns aber dennoch wie Märtyrer gefühlt. Gefahr ist eben anziehend.

 

Die Hamletmaschine

All dem zum Trotz nahmen wir beim Empfang teil, es gab ein dreißig Meter langes Buffet, und Egon Krenz dirigierte eine Jugend-Blaskapelle. Er war sehr stolz dabei, drehte sich immer zum Publikum um und grinste. Wir nannten ihn auch Egon Grins. In der Rückschau weiß ich, dass diese Erlebnisse und die Begegnung mit Müller entscheidend waren für meine Geschmacksbildung und mein Gespür für das Politische im Theater – dafür, wie wir letztendlich auch später im Orphtheater Berlin gearbeitet haben.

 

Sein Werk hat dich immer begleitet?

Als Schauspieler habe ich häufig Müller-Stücke gespielt: Bildbeschreibung, Medeamaterial, Fatzer, Mauser. Aber erst später, nach seinem Tod 1995, habe ich einen persönlichen Zugang gefunden, indem ich mich von hinten nach vorne durch sein Werk gewühlt habe. Mit dem Scheitern der DDR und der kommunistischen Utopie war Müllers ganzer Schreibauftrag infrage gestellt, plötzlich war kein ideologischer Widerstand mehr für ihn da, und in den fünf Jahren vor seinem Tod hat er fast nur noch Prosa und Lyrik verfasst, ich glaube er hat nur noch an Germania gearbeitet. Ich habe mich ihm z.B. durch seine Traumtexte nahe gefühlt: der Umgang mit dem eigenen Tod, damit, sehr spät im Leben noch mal Vater geworden zu sein und fast zeitgleich eine Krebsdiagnose zu bekommen: Ein alter Mann mit einem Kind – während er schreibt, dass das Leben sinnlos ist.

 

Die Hamletmaschine

Ziemlich genau in der Mitte von Müllers Schaffen steht Die Hamletmaschine.

1977, das war wie ein Bruch mit seinem alten Schreibstil, mehr noch, eine Text-Revolution, aber vielleicht auch eine logische Konsequenz seines Denkens. Im Schriftbild von Die Hamletmaschine erkennt man keine dramatische Struktur mehr, keine Akte, keine durchgehenden Figuren, und das Stück ist bloß neun Seiten lang. In den 1960er Jahren hat Müller ein Projekt mit dem Titel Hamlet in Budapest begonnen, in dem es darum ging, das Original von Shakespeare mit dem Aufstand in Budapest von 1956 zu überblenden. Er hat das Projekt nie beendet. Später aber hat er für eine Aufführung an der Volksbühne in Ost-Berlin, bei der Benno Besson Regie geführt hat, den ganzen Hamlet übersetzt. In Die Hamletmaschine fließen Erfahrungen und Zitate aus einem halben Schriftstellerleben ein, ein großes Flechtwerk mit vielen Referenzen, von Shakespeare über Charles Manson bis Elektra.

 

 Aber ist das nicht nur für Schreibtischtäter interessant?

Für mich ist Die Hamletmaschine ein Glutkern von Müllers Werk. Da steht alles drin. Jeder Satz ist ein komplettes Theaterstück, dicht, rätselhaft, schön, provokant, rhythmisch und ungeheuer lustig. Ich habe immer die Position des Naiven eingenommen gegenüber Müllers Texten. Dann zerfleischen dich die Texte, aber dieses Einlassen schafft auch Raum, um Erfahrungen zu machen. Die Hamletmaschine hat fast keine Regieanweisungen, nur Freiheit. Und Müller hat sie selbst einmal als chorischen Text bezeichnet, vermutlich weil es ihm um kollektive Erfahrungen ging und nicht um die Nöte von Einzelpersonen. Deshalb habe ich sie für den Dortmunder Sprechchor vorgeschlagen. Man muss die Zitate nicht erkennen, aber wenn man in das Werk eintaucht, denkt man oft: Das habe ich doch gerade schon woanders gelesen. Müllers Werk ist ein Kosmos, in dem die Fragmente untereinander austauschbar werden; teuflisch, wenn man darin versackt.

 

Die Hamletmaschine

 

Das Gegenwartstheater will aber verständlich sein.

Ja, und das Publikum will immer nur verstehen. Schrecklich. Etwas zu verstehen, bedeutet, mit ihm fertig zu sein, und das ist die absolute Langeweile. Wenn du so lange im Theater arbeitest wie ich, lernst du Phasen kennen, in denen du die Orientierung und die Ziele verlierst: Schaffenskrisen, in denen du denkst, das sollten jetzt lieber die Jüngeren machen. Als wir uns im Orphtheater in den späten 1990ern gegenseitig aufgefressen haben, da habe ich bei Müller einen Halt gefunden. Er hat die Suche nach einer Utopie nie aufgegeben, wusste aber nicht, wie die aussieht. Er wusste nur, dass es so wie es ist nicht weiter gehen kann.

 

Klingt ein Text von Heiner Müller 2014 in Dortmund anders als 1982 in Leipzig?

Natürlich. Ich wollte nicht die hundertste Hamletmaschine inszenieren, sondern mit Müller in der Gegenwart arbeiten. Die Mitglieder des Sprechchors fanden den Text von Anfang an beeindruckend, aber um sie restlos zu überzeugen, habe ich noch mehr Material von Müller mitgebracht, das noch direkter mit unserer Lebensrealität heute zu tun hat. Wie Müller mit Sondergenehmigung vom ZK durch die Reihenhäuser am Chiemsee oder die Fußgängerzone in Düsseldorf geht: sein ganzer Ekel an der Marktwirtschaft, vor diesen Einkaufsgesichtern. Um das zu verstehen,

muss man ja nur die Straßenseite wechseln und in die Dortmunder Shopping-Mall Thier-Galerie gehen. Aber Müller hat auch gewusst, dass sein Ekel ein Privileg ist: das Privileg eines Autors, der aufgrund seines Ansehens überhaupt in den Westen reisen durfte.

 

Hast du also auch Texte hinzugefügt?

Ich bin in Müllers Arbeit an der Collage eingestiegen. Mich interessiert Diskurs. Ich habe Müllers Sprache eine andere entgegengesetzt, keine dramatische, sondern die Sprache aus seinen berühmt gewordenen Gesprächen, z.B. mit Alexander Kluge. So hat sich der Text während der Probenzeit immer weiter entwickelt. Ich lasse den Chor auch singen – schließlich bin ich beeinflusst vom Agitprop-Theater der DDR: mit Chor und Sprechern zwischen zwei Blumenkästen.

 

Die Hamletmaschine