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GRAUBEREICHE DES LEGALEN

stbWurde über die Causa Böhmermann schon genug gesagt? Ja. Und nein. Was man liest, ist viel Affekt und wenig Analyse. Es gibt etwas an dem Konflikt, der es bis in die Tagesschau „geschafft“ hat, das mich nachhaltig fasziniert. Vermutlich, weil ich mich für Graubereiche des Legalen in der Kunst interessiere. Wie kann es sein, dass ein Gedicht – übervoll rassistischer Klischees – der Ausgangspunkt eines gewaltigen Medien-Kunstwerks werden kann, das meiner Meinung nach gefeiert werden sollte? GRAUBEREICHE DES LEGALEN weiterlesen

SIND DIE LETZTEN SPHÄREN DER ZIVILGESELLSCHAFT IN DER KULTURPRODUKTION ZU FINDEN?

Gastbeitrag von Jean Peters (Artist in Residence am Schauspielhaus, Monat September)

Wir sind jetzt für einen Monat am Schauspielhaus Dortmund. Überall Schauspieler hier und Menschen, die über gute und schlechte Kunst reden, die um Legitimität ihrer Leistung kämpfen und dabei trotzdem versuchen, den Theaterkritiker_innen zu gefallen. Es geht um Ästhetik und darum, die Balance zu halten, dass Kritik nicht in einer Geste der Kunst verpufft. Das Schauspielhaus sitzt genau an diesem Puls.

Wir spüren – genauso wie wir in unserem kleinen Kollektiv auf der Suche nach neuen Formen politischer Kampagnen sind -, dass hier neue Formen der Inszenierungen erforscht werden. Ein gutes Stück erkennt man das an den polarisierten Kritiken, z.B. zu Hamlet. Wir, von Peng, freuen uns, zusammen mit den Machern vom Schauspielhaus Dortmund zu denken.

Wie schön es doch wäre, wenn uns die gnadenlose Offenheit des Schauspielhauses auch aus unserer Heimat, der Kampagnenwelt entgegenkommen würde. Es laden uns zwar massig NGOs ein und wollen mit uns zusammenarbeiten, doch die Handbremsen bleiben angezogen: während Geheimdienste nach jeden Skandal mehr Geld bekommen und Proteste gegen geheime „Freihandelsabkommen“ wie TTIP und CETA von der EU testweise verboten werden, Flüchtlinge illegalisiert und die neuen Rechte mit der AfD salonfähig werden, findet die stärkste Mobilisierung in Deutschland noch gegen Bienensterben statt. Was ist da los?

Unsere professionalisierte Zivilgesellschaft hat hunderte von Handbremsen, die ihr die Schneidezähne stumpfpolieren: Karrierenstreben und Habitusspiele der Kampagnenelite, strukturelle Abhängigkeiten wie Bündnisverpflichtungen, politische Resignation, Angst vor Neuem und der Würgegriff der Konventionen. Dazu kommen organisationeller Selbsterhalt, der darauf abzielt Spenden für die eigene Stelle zu generieren, und die generellen marktwirtschaftlichen Strategien die überall Einzug genommen haben.

All das findet man im Theater auch. Aber die Hoffnung ist, dass wir mit der hübschen Mischung aus Kunstfreiheit und Kampagnendenken einen neuen Raum schaffen können. Einen Raum, in dem die neuen und überwältigenden gesellschaftlichen Grundsatzdebatten verdaut werden können. Während unser Alltag implodiert und uns täglich neue Herausforderungen überholen.

Einen strukturellen, gesellschaftlichen Umschwung kann man immer nur in der Retrospektive erklären. Peng sucht nach den Grenzen verfassungskonformen Regelbruchs, das Theater sucht nach Kunstfreiheitskonformen Regelbruch. Beides schafft Veränderung.