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„KEIN GESICHERTER GRUND UNTER DEN FÜSSEN“ – HANS HÜTT IM INTERVIEW

Autor Hans Hütt über revolutionäres Sprechen, Triumph der Freiheit #1 und den Versuch, die Gefahren der Zeit zu überbrüllen


Hans Hütt ist rhetorischer Berater sowie Autor, u.a. für FAZ, Freitag, taz und ZEIT. 2014 erhielt er für den Essay Angst vor der Gleichheit den Michael-Althen-Preis für Kritik.

Auf Einladung des Schauspiel Dortmund begleitete er die Proben von „Triumph der Freiheit #1“.


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Hans Hütt

Sie haben das Stück gelesen. Ganz platt gefragt, worum geht es?

Es ist auf jeden Fall kein Historiendrama. Ich würde das Stück als „Palimpsest“ beschreiben. Ein Palimpsest ist eine alte Textstelle, die abgeschabt, gereinigt und dann mit einem anderen Text überschrieben wurde. Der alte, überschriebene Text schimmert immer noch leicht durch, die Vergangenheit bleibt sichtbar. So ist es auch bei Triumph der Freiheit #1. Durch dieses Stück schimmert eine politische Gattungsgeschichte, in der alle Revolutionen und Konterrevolutionen seit 1789 übereinander geschichtet sind. Man hört Echos aller Niederlagen und Aufstände im Zeitalter der Moderne. „KEIN GESICHERTER GRUND UNTER DEN FÜSSEN“ – HANS HÜTT IM INTERVIEW weiterlesen

GRENZENLOSER EINBLICK

stbIch weiß nicht, vielleicht ist das eine masochistische Ader von mir. Ich lese obsessiv die Facebook-Seiten der politisch ganz Rechten. Ich verzweifle dabei – aber ich tu es. So fand ich mich schon kurz nach den Paris-Anschlägen auf der Seite von Pegida. Um in der Annahme bestätigt zu werden, dass der islamistische Terror dort sofort mit dem Schicksal der Geflüchteten in einen Kausalzusammenhang gebracht wird, der aus einer großen Mehrzahl von Opfern Täter macht.

Facebook hat ein überragendes Gedächtnis. Aber es weiß nicht, mit welcher Haltung jemand liest – kritisch oder bejahend. Es weiß nur: den interessiert Pegida, und die Algorithmen laufen dann automatisch. In meiner Timeline tauchen derzeit vermehrt „gesponserte Beiträge“ (sprich: Werbung) vom rechten Rand auf, z.B. von GDD („Gegen die Destabilisierung Deutschlands“) oder von der „European Defence League“. Letztere griffen mich kürzlich mit einem Video an, das wahllos Bilder von rennenden, dunklen Menschenmassen mit bedrohlicher Musik kombiniert und weiße Menschen zeigt, die dazu schluchzen: „Sie drangen in mein Haus ein und nahmen mir alles.“ GRENZENLOSER EINBLICK weiterlesen

PARIS, PEGIDA UND DIE ANGST

Wie das politische Klima in Europa einen Probenprozess verändert hat

Am 7. Februar feiert die Tragödie Elektra Uraufführung im Schauspielhaus. Der Dramaturg und Autor Alexander Kerlin hat in Zusammenarbeit mit Regisseur Paolo Magelli, dem Ensemble und Musiker Paul Wallfisch ein Stück geschrieben, das sich an dem antiken Vorbild von Euripides orientiert – und dabei einen eigenen Fokus setzt. Wir haben mit ihm über seine Arbeit gesprochen. PARIS, PEGIDA UND DIE ANGST weiterlesen

WEM GEHÖRT CHARLIE?

Sonntagabend, kurz vorm Dortmunder Tatort. Die Tagesschau läuft. Ein kleiner Bericht über die jährliche Kranzniederlegung am Grab Rosa Luxemburgs, eine Kamerafahrt über die Stele: „Die Toten mahnen uns.“ Ich schaue aus dem Fenster und sehe die großen, weißen Buchstaben des „JE SUIS CHARLIE“-Schriftzugs am Dortmunder U. Auch die Toten der fürchterlichen Terroranschläge in Paris mahnen uns. Scheint es. Doch jeder erhält anscheinend eine andere Ermahnung: die einen zur Wahrung der Meinungsfreiheit und Toleranz, die anderen zum erneuten lauten Nachdenken über Vorratsdatenspeicherung und verschärfte Grenzkontrollen. PEGIDA und Sympathisanten fühlen sich zur islamophoben, unbelehrbaren Hetze ermahnt. Und AfD-Politiker zum Wahlkampf.

Schon wenige Stunden nach den Anschlägen hatten sich Abertausende mit den Opfern solidarisiert, als wäre es ein Wettlauf. Sowohl die Organisatoren der PEGIDA- und HoGeSa-Demos wie auch die Organisatoren der Gegendemonstrationen ließen verlauten, sie seien Charlie. Die Opfer waren noch nicht bestattet und wurden schon für die unterschiedlichsten Zwecke vereinnahmt. Die überall spürbare Angst und Unruhe der letzten Tage fördert wieder einmal den Kampf um die Aussagekraft und Botschaft der Toten. Wer also bemächtigt sich ihrer? Wer bemächtigt sich der Vergangenheit und ihrer Erinnerung? Und wie?

„Du malst den Toten Sprechblasen auf die Grabsteine / die du mit deinen eigenen Gesetzestexten füllst.“ Das sagt Elektra zu ihrer Mutter, der Königin Klytaimnestra. Auf unseren Proben zur „Elektra“ (Premiere am 7. Februar) wird derzeit viel über Vergangenheit und Gegenwart geredet: über das nächtelange, fassungslose Lesen der PEGIDA-Facebookseiten, den aufflammenden Naziprotest gegen die Asylunterkunft in Eving, das Verschwimmen von linker und rechter Gesinnung. Über das diffuse Gefühl, dass gerade ziemlich viel vor die Hunde geht.

Aber Angst produziert keine gute Zukunft. Wir müssen Ängste anschaulich machen, damit sie bearbeitet werden können: Herzlich willkommen in der Erzählmaschine Schauspiel Dortmund. Es gibt noch Karten für die Elektra-Premiere. Gemeinsam gegen die Angst!

Das Sterntagebuch wurde am 14. Januar 2015 in den Ruhr Nachrichten veröffentlicht.

WÜNSCHE, LIEBE, LÜGEN

Nicht zu übersehen, nicht zu verdrängen derzeit: Weihnachten steht vor der Tür. Wir schenken uns was, hoffen auf Erfüllendes und tauschen allenthalben Grüße, Geschenke, Wünsche.

Ob unter all den dahingesagten Wünschen jetzt im Dezember jene nach Toleranz und Frieden noch Konjunktur haben? Wenn sie sich auf die große Politik beziehen – wer weiß? Ich würde mir wünschen, diese Wünsche könnten voll Selbstbewusstsein und Mut auf einen Passus des Matthäus-Evangeliums gedacht sein: „Jesus Christus spricht: Wer einen Fremden aufnimmt, der in Not ist, der nimmt mich auf; wer einen Fremden, der Hilfe braucht, zurückweist, der weist mich zurück.“ Voll Scham können wir derzeit erkennen, wie begrenzt die Macht unserer Wünsche ist – angesichts von PEGIDA in Dresden, Dügida in Düsseldorf und HoGeSa in Köln, angesichts einer menschenfeindlichen Asylpolitik einer Koalition, deren hälftiger Part das Adjektiv „christlich“ in ihrem Namen zu führen sich nicht schämt. Allein, es liegt in unserer Hand, unseren Wünschen auch Taten Folgen zu lassen… WÜNSCHE, LIEBE, LÜGEN weiterlesen