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WHAT REALLY HAPPENS

Crow ist entsetzt darüber, dass Anderton ihn nicht tötet, denn er ist von morbider Todessehnsucht. Er klärt Anderton über die Vorgeschichte auf: Er ist nicht der Entführer oder Mörder von Sammy, sondern ein verurteilter Verbrecher, der von einem Unbekannten dazu genötigt wurde, den Entführer zu spielen. Anderton ist abermals fassungslos. Beinahe hätte er den Falschen exekutiert, was er darüber hinaus nach getaner Tat niemals hätte erfahren können. Er senkt die Waffe, aber Crow greift entschlossen nach seiner Hand, Andertons Zeigefinger ist noch immer am Abzug, und hält sie sich direkt vor den Bauch. KILL ME. Anderton kann Crow kurzfristig beruhigen, abermals senkt er die Waffe. LEB WOHL LEO CROW. Als Anderton sich abwenden will, reißt Crow die Waffe hoch, Agatha schreit, Close-Up der Waffe, Crows Hände am Lauf, aber eindeutig nicht in der Nähe des Abzugs. Crow und Anderton stehen 20 cm voneinander entfernt, wenn der Schuss fällt. Andertons Arm mit der Waffe sehen wir nicht, er müsste jedoch in einem Winkel von ca. 90° gebeugt sein. Schnitt auf ein frisches Einschussloch in der Glasfassade. Durchschuss durch Körper und Fenster. Und dann der Schnitt, durch den MINORITY REPORT von einem sehr guten Film zu einem ernstzunehmenden Kunstwerk aufsteigt. Anderton steht da, mit Entschlossenheit im Blick und ausgestrecktem Arm, die Waffe auf Crow gerichtet, im Abstand von vielleicht zwei Metern. Leo Crow fliegt rückwärts durch die Scheibe, von der Wucht des tödlichen Treffers zurückgeschleudert. Der Zuschauer sieht – nur für zwei eindringliche Einstellungen, Bruchteile einer Sekunde – die Bilder der Hinrichtung aus Affekt, die der Zuschauer aus der Vorhersage kennt. Die Logik bringt Bild 1 (Anderton und Crow im Abstand von 20 cm, Arm gebeugt, Anderton im Abwenden begriffen) und Bild 2 (Abstand 2m, der entschlossene Anderton mit ausgestrecktem Arm) nicht zusammen. Der Rückstoß des Schusses, wie er sich aus Bild 1 ergeben hätte, geht mit dem gestreckten Arm aus Bild 2 nicht zusammen. Schnittfehler? Nachlässigkeit? Nur der aufmerksamste Zuschauer wird nach dem ersten Sehen all das rekapitulieren können. Ob es sich jetzt um einen Schnittfehler handelt oder, was wahrscheinlicher ist, clevere Berechnung von Spielberg, man könnte zunächst argumentieren, dass die Schnittfolge unnötig komplex ist – schließlich ist bereits Andertons freier Entschluss, Crow nicht zu töten, und der unmittelbar anschließende „Einspruch der Moiren“ Paradox genug: Crow reißt die Waffe rum, der Schuss fällt, und das ERGEBNIS des Showdowns wird ununterscheidbar von dem der Vorhersage. Crow tot, Anderton (steht da wie) ein Mörder, freier Wille hin oder her. Man könnte schon an dieser Stelle schöne Sätze aufschreiben wie: Man kann die Zukunft verändern, aber man kann sie nicht verändern. Es gibt den freien Willen, aber es gibt ihn nicht. Es hilft, die Zukunft zu kennen, aber es hilft nichts. In Abwandlung von Heiner Müllers „Wie soll ich ihn nennen: Mörder seiner Schwester oder Sieger über Alba?“ (aus: DER HORATIER, ein Stück über das moralische Dilemma im Zuge einer Kriegslist, die den Horatier zugleich schuldig und zum Helden macht) könnte man sagen: „Wie soll ich Anderton nennen: Mörder von Crow oder Beweisführer der Freiheit?“ Die Wahrheiten stehen nebeneinander, verknüpft durch ein sich ausschließendes ODER. Das gibt schon genug zu denken auf. Warum aber dieser rätselhafte Schnitt auf den BLOSSEN KILLER, der nahelegt, die Vorhersage habe sich doch 1 zu 1 erfüllt? Vielleicht ist er dazu da, Unsicherheit zu verbreiten über die generelle Lesbarkeit der Szene? So dass man drüber sprechen muss? Vielleicht ist sie als Vergrößerung des Umstands gedacht, dass Crows Finger nicht auf dem Andertons liegt, wenn der Schuss fällt (was zahlreichen Zusammenfassungen des Plots tatsächlich entgeht)? Wofür der Dreischritt? 1) Anderton begehrt auf und setzt seinen Freien Willen durch, 2) Dafür interessiert sich aber das Ergebnis der Situation nicht, und Andertons  „Wer weiß schon, warum Menschen so handeln, wie sie gerade handeln? Der entscheidende Punkt ist, DASS sie es tun!“ erweist sich als unterkomplex und juristisch unhaltbar. Motive gehören bei der Bewertung einer Tat dazu. 3) Alle Komplexität relativiert nicht die Tatsache, dass Anderton geworden ist, was er immer schon sein sollte, wie Orest, wie Ödipus: ein Mörder.

UNREINE WAHRHEIT

Bei Heiner Müller in DER HORATIER geht es ums Gedenken und Bestrafen, um eine Politik der Erinnerung und der Schuld. Soll der listige Horatier als Held verehrt, oder als Mörder getötet werden? Wikipedia über den Kerngedanken des Stücks: „Es werde entschieden, stets Verdienst und Schuld zugleich zu benennen, nicht fürchtend die unreine Wahrheit […], nicht verbergend den Rest. Hiermit beschreibt Müller eine andere Lösung, nämlich eine, die kenntlich machend die Dinge die Widersprüchlichkeit menschlichen Handelns beschreibt.“ (kursiv: Original Heiner Müller). NICHT VERBERGEND DEN REST.