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DAS PHÄNOMEN TRUMP ERZÄHLEN

Der zurückliegende US-Präsidentschaftswahl endete am 9. November 2016 mit einer Sensation: Donald Trump ist neuer Präsident der Vereinigen Staaten.

Prompt folgten erste europäische Glückwünsche von Rechtsaußen  – Frauke Petry („Dieses Wahlergebnis macht Mut für Deutschland und Europa“), Marine Le Pen, BREXIT-Kämpfer Farage, Viktor Orbán, Geert Wilders, getoppt vom italienischen Populisten Beppe Grillo, der wortgewaltig mit „Das ist der Zusammenbruch einer Epoche“ gratulierte.

Wie konnte es soweit kommen? Mike Daisey (Die Agonie und die Ekstase des Steve Jobs) erforscht in seinem neusten Theaterstück den Aufstieg Donald Trumps und die politische Selbstvergiftung des wichtigsten europäischen Bündnispartners. Im Echoraum die Frage: Ist es nur Amerikas Demokratie, die immer toxischer wird?

Mike Daisey (*1976), amerikanischer Performer und Autor von über zwanzig Bühnenprogrammen, wurde weltweit bekannt mit seinem Erfolgsmonolog Die Agonie und die Ekstase des Steve Jobs, der am Schauspiel Dortmund 2012 in der Regie von Jennifer Whigham seine Deutschsprachige Erstaufführung erlebte und bisher über 40 mal gespielt wurde. Mit TRUMP (Originaltitel: The Trump Card) präsentiert das Schauspiel Dortmund nun die zweite Deutschsprachige Erstaufführung eines Textes von Mike Daisey in Dortmund.


Vier Fragen an Regisseur Marcus Lobbes und Dramaturgin/ Übersetzerin Anne-Kathrin Schulz

 „Trump“ wurde kurzfristig in den Spielplan aufgenommen?
ANNE-KATHRIN SCHULZ
Das stimmt. Als wir das Stück im Spätherbst 2016 wenige Tage nach der verhängnisvollen Wahl gelesen haben, war uns sofort klar, dass wir es dem Publikum in Deutschland möglichst schnell präsentieren wollen, und zwar noch in der laufenden Spielzeit hier am Schauspiel Dortmund. Autor Mike Daisey ist bekannt dafür, immer aktuelle Themen der Zeit ins Visier zu nehmen – er wechselt dabei oft die Blickrichtung, geht auch stark in besondere Nahaufnahmen, und das macht seine Texte nachdenklich und unterhaltsam zugleich.

Im amerikanischen Original hat Mike Daisey den Text als Monolog aufgeführt. Wie wird es in Dortmund?
SCHULZ Während Mike Daisey selber seine Monologe immer an einem Tisch sitzend performt, werden bei Marcus Lobbes‘ Deutschsprachiger Erstaufführung die Schauspieler Andreas Beck und Bettina Lieder die Zuschauer in einem Bühnenraum empfangen. Autor Mike Daisey ermutigt die Theater generell immer dazu, ihren eigenen Weg durch einen Text von ihm zu entwickeln, sowohl was Stückfassung als auch Bühnensetting, Bühnengeschehen oder die Besetzung angeht. Das war schon bei „Die Agonie und die Ekstase des Steve Jobs“ so. Mike Daisey stellt seine Texte tatsächlich open source zur Verfügung.

Aus „The Trump Card“, so der Originaltitel, wird in Dortmund „TRUMP“?
SCHULZ Im englischen Originaltitel „The Trump Card“ schwingt eine schöne Doppeldeutigkeit – dem Nachnamen „Trump“ und dem Begriff „the trump card“, die Trumpfkarte in einem Kartenspiel. Wir haben natürlich über eine direkte Übertragung des Titels ins Deutsche nachgedacht, z.B. mit eingeklammertem f, uns aber letztendlich anders entschieden. Im Stück werden viele verschiedene Aspekte eines Phänomens beleuchtet, die Geschichte eines Mannes, der als Geschäftsmann über viele Jahre seinen Nachnamen erfolgreich zu einer Marke aufgebaut hat und heute Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist. So kamen wir zu unserem Titel: „TRUMP“.

Die Marke Trump –  Marcus Lobbes, im Deutschlandfunk sprachen Sie neulich darüber, was für einen spürbaren Stellenwert das Thema ‚finanzieller Erfolg‘ im zurückliegenden amerikanischen Wahlkampf hatte.
MARCUS LOBBES Es gibt für die ‚Bewegung Trump‘ nichts, was sie bewegt, außer, dass ein Mann sich hinstellt und sagt: ‚Mein Reichtum zeigt, dass ich ein Garant des Erfolges sein kann. Und ich werde jetzt gucken, dass alle daran teilhaben können, die mit mir sind.‘ Und das als Aussage ist Partisanentum innerhalb der politischen Landschaft. Es geht politisch nicht darum, wie man einen Ausgleich zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen schaffen oder Kooperation stärken kann, sondern, wie man propagiert, dass jeder jetzt auf sich schaut.


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„DIE ZUKUNFT IST SCHON DA! WIR SIND SCHON CYBORGS!“ – EIN GESPRÄCH MIT MIKE DAISEY

Der Film Steve Jobs wird für Oscars nominiert. Die Entwickler wehren sich gegen FBI-Versuche, bestimmte iPhones durchsuchen zu dürfen. Auf Keynotes stellt Apple-CEO Tim Cook das neue iPhone SE vor. Und im Studio vom Schauspielhaus ist Die Agonie und Ekstase des Steve Jobs ein Dauerrenner. Der Apple-Konzern ist und bleibt also Thema.

Dramaturgin Anne-Kathrin Schulz traf 2012 den Autor des Monologs Die Agonie und Ekstase des Steve Jobs in Berlin. Mit dem 1976 geborenen Autor von mehr als 20 Bühnenstücken sprach sie über Steve Jobs, über iLiebe, westliche Globalisierungsethik, seinen Monolog, die Kritik an seiner Person und vieles mehr. Hier nun das Gespräch in voller Länge. „DIE ZUKUNFT IST SCHON DA! WIR SIND SCHON CYBORGS!“ – EIN GESPRÄCH MIT MIKE DAISEY weiterlesen

EIN HERBST, MANY APPLES UND FUSSTRITTE INS GESICHT

In der iWelt ist derzeit viel los: Da ist ein neues iPhone (mit eigenem #bendgate), es gibt Vorwürfe gegen Apple bezüglich gestohlener Nacktbilder und iCloud-Sicherheit  – und aus Hong Kong werden gezielte chinesische Trojaner-Angriffe auf Apple-Geräte von Protestanten gemeldet. Und wieder und wieder in der Presse: Die harten Arbeitsbedingungen bei den asiatischen Apple-Zulieferern. Das Stück dazu läuft ab dem 6. November wieder am Schauspiel Dortmund: Andreas Beck in Mike Daiseys DIE AGONIE UND DIE EKSTASE DES STEVE JOBS (Regie: Jennifer Whigham)! Unsere deutsche Übersetzung hat außerdem morgen am Theater Freiburg Premiere, in der Inszenierung von Robert Teufel! Toitoitoi an die Freiburger Kollegen!

Mit DIE AGONIE UND DIE EKSTASE DES STEVE JOBS-Autor Mike Daisey haben wir im Mai 2012 über westliche Globalisierungsethik, iLiebe und Cyborgs gesprochen:

 

MIKE  DAISEY
Gerade Hightech-Fans sind ja oft besessen von Fragen wie, wo genau eine bestimmte Platine herkommt, mit was für einem Chipset, es gibt Codes auf den Bauteilen… Und mir wurde klar, dass ich zwar viel darüber wusste, wo Bauteile herkommen, aber nicht, wie sie zusammengesetzt werden. Genau da gab es bei mir einen blinden Fleck, eine Leerstelle. Und interessanterweise lag diese Leerstelle genau an dem Punkt, wo sie bei uns offenbar immer liegt: Beim Punkt Arbeitkraft. Immer wenn es um Arbeit, Arbeitskraft geht, legen wir gerne eine Leerstelle drüber, weil wir nicht hinschauen wollen.
Ich bin von Hause aus eigentlich kein Aktivist, hab e zwar viele politische Ansichten, war aber nie im Umfeld von politischen Gruppen. Dieser Monolog ist mit Abstand der aktivistischste, den ich je gemacht habe – und der Grund ist wohl, dass mir bei der Recherche bewusst wurde, dass man tatsächlich ziemlich einfach etwas tun könnte. Was aber nicht passiert.
Es ist nicht die Sorte Theater, die zwar über die Arbeitsbedingungen in China erzählt, aber dann sagt: „Wirtschaft ist ein sehr komplexes Thema, China ist ein komplexes Land. Und wie können wir jemals wissen, was richtig und was falsch ist? Die Welt ist so groß. Und wir alle leben in ihr.“ Und dann eine lange Pause, bevor langsam die Scheinwerfer dunkler werden. Und alle würden rausgehen mit einem „Jaja…alles furchtbar komplex…“. Ich glaube, dass die logistischen Fragen zwar komplex sind, aber nicht so komplex und unüberwindbar, dass mein, dass unser Verhalten zu rechtfertigen wäre.

 

ANNE-KATHRIN SCHULZ
Auch die Firmen würden wohl kaum in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Apple beispielsweise gilt seit Jahren als visionärstes und innovativstes Unternehmen der Branche und ist finanziell höchst erfolgreich. Anfang 2012 gab Apple bekannt, dass die Bruttogewinnspanne im vierten Quartal 2011 bei 44,7 Prozent lag – dass also durchschnittlich knapp die Hälfte des Verkaufspreises jedes Geräts direkt auf die Apple Konten fließen. Die Firma hat ein Barvermögen von 100 Milliarden Dollar.

 

DAISEY
Die Arbeitskosten in China sind lächerlich gering. Andere Elektronikfirmen haben vielleicht kleinere Gewinnmargen als Apple, aber alle könnten sich Reformen finanziell leisten, ohne Frage. Ich habe schon NEUROMANCER oder SNOW CRASH erwähnt – solche Bücher faszinieren mich, und mir ist irgendwann bewusst geworden, dass solche Szenarien nicht nur im Science-Fiction-Genre zu finden sind, sondern bereits in unserer realen Welt existieren. Und ich das lediglich nicht sehen wollte.
Mit den Sonderwirtschaftszonen hat China Orte geschaffen, in denen die Unternehmen das Sagen haben. Da kann man sehen, wie die Zukunft aussehen wird. Es ist kein menschlicher Stiefel mehr, der einem da ins Gesicht tritt, es ist der Fußtritt eines Unternehmens. Welches immer noch einen Teil von uns darstellt, klar. Aber es ist ein Fußtritt jenseits persönlicher Verantwortung. Man kann keine Individuen mehr verantwortlich machen.

 

SCHULZ
Könnte es sein, dass eine Geschichte, die hinter die ökonomischen Kulissen eines Smartphones blickt, auf die dunkle Seite, uns emotional eher betrifft, als wenn es um unseren Teppich ginge, wo und wie dieser hergestellt wird und von wem?

 

DAISEY
Wir haben hier ein Gerät, dass so Teil unserer intimsten Privatsphäre ist, als wäre es Teil von uns, in uns eingebaut, Teil unserer Körper. Im Monolog heißt es: Die Zukunft ist schon da, wir sind schon Cyborgs. Diese Geräte sind ein untrennbarer Bestandteil unseres Blicks auf unsere Existenz. Wir sehen die Welt, und zwar auch durch unser Telefon. Man sitzt z.B. physisch miteinander beim Kaffee und ist gleichzeitig auf Facebook und Twitter aktiv. Das fasziniert mich.
Ich war schon früh in Netzwerken unterwegs, noch bevor es das Internet gab, wie wir es heute kennen. Aber ich und die anderen damals wussten, dass wir Freaks waren, Außenseiter. Aber heutzutage ist praktisch jeder dabei. Die Welt heute besteht aus vielen Schichten. Heutzutage sind wir hier und gleichzeitig kennen wir Leute per Facebook und Twitter. Und je realer all diese Sachen werden und sich all diese Schichten um uns legen, desto wertvoller ist die Option, diese ganzen menschlichen Beziehungen per Telefon zu pflegen. Das einzige, was ich vielleicht – und das ist jetzt ein großes „vielleicht“ – öfter bei mir habe als mein Telefon, ist mein Portemonnaie. Vielleicht. Aber das ist nur ein Behältnis. Mein Telefon ist etwas völlig anderes. Es ist ein Portal.

 

SCHULZ
Und damit etwas sehr persönliches. Ich war beim ersten Lesen von DIE AGONIE UND DIE EKSTASE DES STEVE JOBS überrascht über die Fallgeschwindigkeit, die der Text in mir erreicht. Ich bin kein leidenschaftlicher Apple-Fan oder Computerexperte – ich benutze zwar ein Laptop, würde es aber sicher nicht zur Entspannung in seine 43 Einzelteile zerlegen, aber: Es ist ein Stück über uns, heute. Das irritiert, das trifft.

 

DAISEY
Interessanterweise gab es eigentlich immer zwei Shows, die sehr verschieden sind – die im Theater und die draußen. Seit der Uraufführung haben Tech-Experten und Branchenvertreter sehr bösartig agiert, reagiert, auf den Halbschatten an Informationen, den es über den Abend gab, auf die Fußabdrücke, die er hinterließ – aber nicht im Theaterraum selber.

 

SCHULZ
Nach der New Yorker Premiere kam der große Erfolg.

 

DAISEY
Ich habe teilweise bis zu zwei, drei Interviews am Tag gegeben, über Monate, während ich abends aufgetreten bin. Tagsüber gab es also eine ganz andere Art von Theater als abends. Eine Kernfrage die der Abend stellt ist: „Sollte es uns kümmern?“ – auf den ersten Blick erstmal eine Frage, die man doch nicht ernsthaft überhaupt stellen muss. Aber dennoch das Herz des Stückes.

 

SCHULZ
Der Text behauptet, ein Virus zu beinhalten.

 

DAISEY
Und man kann nicht kontrollieren, wie genau die Immunreaktion auf ein Virus ausfällt – weder im Theaterraum, noch global.

 

Das komplette Interview findet Sie hier.