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DAS MEDIUM IST DIE NACHRICHT

Von Dramaturg Alexander Kerlin

Dienstag, 27. Mai 2014, 16:23 Uhr. Circa 60 Minuten bis Abgabeschluss. Der Platz für die Kolumne ist reserviert, aber das Word-Dokument ist weiß. Ich bin ohne Fahrplan. Wie immer wünsche ich mir drei Dinge auf einmal: klug sein, unterhaltsam sein, und en passant soll unsere Arbeit am Schauspiel gut dastehen. Das ist nicht alles. Von zeitgenössischer Philosophie verseucht, versuche ich immer auch die Bedingungen meines Schreibens zu thematisieren – zum Beispiel, indem ich Ihnen hier davon erzähle, wie ich erzähle, während ich erzähle.

16:35 Uhr. Zeitungspapier ist nicht neutral. Hier herrschen journalistische Gesetze: Tu dies nicht, tu aber das. Und diese Gesetze, so würde ein Philosoph vielleicht sagen, sind immer „abwesend anwesend“, während Sie lesen: Sie strukturieren jede Botschaft, sind selbst aber unsichtbar – wie eine Grammatik.

16:48 Uhr. Noch 35 Minuten. Wir Theatermacher, die sich in einer Tradition mit Bertolt Brecht sehen, haben die Obsession, nicht nur bestimmte Inhalte vermitteln zu wollen. Wir sprechen eigentlich am liebsten darüber, wie die Form aussieht und entsteht, durch die diese Inhalte vermittelt werden. Kurz: Wir machen die Form zu einem Inhalt. Warum? Marshall McLuhan, Vordenker im 20. Jahrhundert, hat gesagt: Das Medium ist die Nachricht. Das heißt: Der Umstand, dass Sie täglich fernsehen (Form), ist ebenso wichtig für Ihr Leben wie das, was sie dort sehen (Inhalt).

16:55 Uhr. Bühnen sind auch nicht neutral. Deshalb ist wichtig, auf ihnen nicht nur etwas auszusagen – sondern auch zu sagen, unter welchen Bedingungen diese Aussage entstanden ist. Das ungefähr war die Idee von Brecht, die bis heute politischer, farbenfroher und aufregender ist als das meiste, was uns sonst so als politische Kunst angeboten wird, meist aber moralinsaurer Mist ist.

17:10 Uhr. Unter Zeitdruck schreiben. Noch 13 Minuten. 500 Zeichen Platz. Angst, dass die Kolumne eitel wirkt. Völlig überfordernd an Ihrem Frühstückstisch? Überarbeitung der ersten Absätze. Füllworte raus. Plötzlich ist ein echter Inhalt da: Selbstzweifel des Autors an der Form. Sind nicht längst alle Leser ausgestiegen? Trotz der innovativen Countdown-Dramaturgie, die alle zitternd mit mir fiebern lässt? Wird er die Frist einhalten? Mein Chef liest noch schnell und lacht: „Zumindest ist der Text eine Gräte“. Eine Minute Zeit für einen letzten Satz, der alle Fäden zusammenführt, oder alles noch mal öffnet.

Veröffentlicht am 29. Mai 2013 in den Ruhr Nachrichten.