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„WAS AUF DEN PHILIPPINEN PASSIERT IST EINE AUSLAGERUNG UNSERER SÜNDEN.“

„Was auf den Philippinen passiert ist eine Auslagerung unserer Sünden.“


Regisseur Moritz Riesewieck und Dramaturgin Tina Ebert über „Nach Manila“


Eine Stadt, drei Schicksale und eine Industrie, von der nur wenige wissen: Maggy, Nasim und Dodong sind „Clickarbeiter“ in Manila auf den Philippinen. Sie sichten und sperren Fotos, die auf Facebook, Tinder und anderen sozialen Netzwerken Anstoß erregen könnten: Pornografie, Gewalt und Missbrauch. Eine Autorin aus dem Westen versucht, dem Leben und der Arbeit der Clickarbeiter auf die Spur zu kommen – und verwickelt sich dabei immer tiefer in die Abgründe unserer digitalen Gegenwart: Wie kann es sein, dass die sozialen Netzwerke so „sauber“ sind – frei von gewalttätigen oder pornografischen Bildern? Wo wird der ganze digitale Müll eigentlich abgeladen? Wer sortiert ihn? Und mit welchen Folgen für die Seele?


Moritz Riesewieck. *1985, aufgewachsen im Ruhrgebiet, studierte bis 2015 Regie an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin. Seine Diplominszenierung Voiceck wurde zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen. 2015 wurde er mit dem Elsa-Neumann- Stipendium des Landes Berlin ausgezeichnet.

Moritz, Du warst vier Mal in Manila und hast dort vor Ort recherchiert. Es ist ein Buch entstanden, jetzt ein Theaterstück. Wird es Dir noch nicht zu viel mit dem Thema?

Das Thema hat so viele Aspekte: Wie normiert wollen wir unsere digitale Öffentlichkeit? Wer und was dürfen dort vorkommen? Wer kommt beim Großreinemachen unter die Räder, wenn die Löschtruppe ihre Arbeit als Mission gegen die Sünden der Welt begreift und lieber einmal zu oft als einmal zu selten löscht? Was wird aus der Gesellschaft, wenn wir alles Unangenehme unsichtbar machen? Haben wir ein Recht darauf, allzu Schreckliches auf Billiglohnarbeiter in Drittweltstaaten abzuwälzen? Genügend Stoff für Buch, Stück und Hörspiel. Jedes Medium erlaubt einen anderen Zugang zu diesen Fragen.

Ihr habt Euch bewusst gegen Dokumentartheater und für eine fiktive Geschichte entschieden. Was ist von der Recherche im Stück übrig geblieben?

Alle Figuren und Szenen haben einen dokumentarischen Kern. Aber das Reale, um das es hier geht, ist für uns mehr als das, was sich mit der Kamera oder dem Diktiergerät festhalten lässt: Das Reale lässt sich nur durch die poetische Übersetzung oder Überhöhung sichtbar machen. Wir haben versucht, Bilder und Sprachbilder zu erfinden, die das Unfassbare greifbar machen. Die Schauspieler erwecken sie zum Leben.

Wenn vier westliche Schauspieler die Leidensgeschichten von philippinischen Click-Arbeitern erzählen, steckt nicht auch eine Anmaßung darin?

Es ist wichtig, im Theater auch über Themen sprechen zu können, die außerhalb des eigenen Kontextes liegen. Was wäre denn die Alternative: Philippinische Schauspieler zu besetzen? Das würde das Problem nicht lösen – die „Repräsentationsfrage“ würde sich weiterhin stellen. Echte philippinische „Content Moderators“ auf die Bühne stellen? Das würde einen ganz anderen Fokus setzen. Uns ist das Problem aber bewusst. Daher versuchen wir, unsere westliche Perspektive immer mit zu erzählen: Unsere Spielleiterin an diesem Abend ist die Figur einer westlichen Autorin, gespielt von Caroline Hanke, die den Garten und die Geschichte aus ihrer Perspektive „entwirft“.

Christliche Passionsrituale auf den Philippinen (Foto: Moritz Riesewieck)

Warum sprecht ihr in Bezug auf die Click-Arbeiter von der „Passionsgeschichte des Internets”?

Was auf den Philippinen passiert, ist eine Auslagerung unserer Sünden. Die Click-Arbeiter werden mit ihnen konfrontiert und leiden in der Folge häufig psychisch und körperlich darunter. Aber lässt sich das „Böse“ outsourcen und durch Stellvertreter löschen? Ist es sinnvoll, ein Regelwerk zu erfinden, das die sozialen Netzwerke wie ummauerte Gärten penibel sauber hält? Wir müssen uns doch mit dem Bösen konfrontieren. Es ist ein Teil des Menschen. Wenn wir es outsourcen, kommt es wie ein Bumerang mit voller Wucht zu uns zurück.

Wo verläuft die Grenze zwischen Zensur und notwendiger Löschung von Inhalten?

Das sollten weder wir entscheiden noch eine kleine Gruppe von Facebook-Leuten im Silicon Valley. Auch keine philippinischen Billiglohnarbeiter. Diese Frage sollte immer wieder neu und demokratisch beantwortet werden. Wir sollten Facebook endlich als das anerkennen, was es längst ist: die digitale Öffentlichkeit. Genauso, wie wir im analogen Leben Wert darauf legen, demokratisch gewählte Vertreter entscheiden zu lassen, sollten wir dies auch für die digitale Öffentlichkeit einfordern.

Raafat Daboul in „Nach Manila“ (Probenfoto)

Premiere von NACH MANILA am 3. Juni, weitere Termine am 9. Juni (ausverkauft), 2. und 5. Juli!