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VOM STAUBFÄNGER ZUR WELTLITERATUR: MOBY DICK ODER DER WAL

von Marina Biermann

Als Hermann Melville im Jahr 1851 seinen Roman Moby Dick oder der Wal veröffentlichte, wurde sein Werk vom Publikum und den Kritikern verrissen. Melville, bekannt geworden durch seine ersten beiden Romane Taipi und Umu, konnte den Erwartungen nach einem weiteren romantischen Südseeabenteuer nicht gerecht werden. Heute hingegen zählt Moby Dick zur Weltliteratur und zu den Klassikern des englischsprachigen Realismus. Zunächst verstaubte das 900 Seiten starke Werk jedoch jahrelang in der Walkundeabteilung der Yale-Universität. In den 1920er wurde es wiederentdeckt und hat seitdem viel Beachtung gefunden. Entlang der Geschichte um den Ich-Erzähler Ismael entspannen sich kaleidoskopartig zahlreiche philosophische, wissenschaftliche, kunstgeschichtliche und mythologische Exkurse. Die Erzählung lebt außerdem von einer großen stilistischen Vielfalt, die sich von wissenschaftlichen Kapiteln, über dialogische Szenen bis hin zu inneren Monologen erstreckt. VOM STAUBFÄNGER ZUR WELTLITERATUR: MOBY DICK ODER DER WAL weiterlesen

VOM SCHEITERN

Von Dramaturg Alexander Kerlin

Das unsinkbare Schiff sinkt, und unter dem teilnahmslosen Blick der Sterne reißt es 2.200 Menschen mit sich in die Eiseskälte. Auf einer Holzplanke halten sich zwei gerade lang genug, um sich noch einmal tief in die Augen zu blicken – dann ertrinkt der eine. Die andere wird gerettet. Toll gemacht, Spannung bis zur letzten Sekunde. Aufgewühlt verlassen wir das Kino, diesen Ort, der uns beibringt, wie wir zu begehren haben, wenn man dem Philosophen Slavoj Žižek Glauben schenkt.

Wir lieben es, den Dingen und Menschen beim Sinken zuzusehen – oder zumindest dabei, wie sie der Gefahr des Scheiterns ausgesetzt werden. Nur hübsch aufbereitet sollte es sein. Die Bewohner des Dschungelcamps, die Shopping-Queens, die Models von Heidi Klum – alle permanent am Rande des persönlichen Supergaus.

Und was wären die wichtigsten Theater-Erzählungen ohne ihre gescheiterten Figuren, die uns so viel Freude machen? Tschechows Schriftsteller auf ihren sinkenden Sternen. Gorkis Kaputte, die erst gar nicht gestiegen sind. Ibsens ewige Azubis im Handwerk des Zwischenmenschlichen. „Große Literatur!“ sagt man und fügt hinzu: „Ein Meisterwerk! Eine lebendige Darstellung des Sterbens.“ (Könnte man stutzig werden, nicht wahr?)

Wir begehren, das Scheitern dann zu sehen, wenn es „toll gemacht“ ist, so dass wir die Arbeit an der Darstellung ausblenden können – die doch bekanntermaßen auch ein ständiges Navigieren durch Gewässer voller Eisberge ist. Und was geschieht, wenn das Kunstprodukt, das doch das Scheitern darstellen wollte, selbst scheitert? Wenn der Untergangs-Unterhaltung der Strom ausgeht?

Das ist schon viel schwieriger zu verkraften. Wenn die Darstellung selbst scheitert, bleibt ihr Thema nicht in sicherer Entfernung der Fiktion, sondern springt uns unmittelbar an. Wir wollen Bilder vom Scheitern, und keine gescheiterten Bilder. Plötzlich liegen die Herzen blank, und kein Wort wird mehr leichtfertig verloren.

Veröffentlicht am 17. April 2013 in den Ruhr Nachrichten.