Schlagwort-Archive: Kontrolle

DATENHAMSTER

Von Dramaturg Alexander Kerlin

Geht es Ihnen auch so? Seitdem die Totalüberwachung unserer Internet- und Telekommunikation durch Geheimdienste endlich öffentlich diskutiert wird, frage ich mich noch häufiger, welche Daten ich gerade produziere – und wer sie zu welchem Zweck speichert.

Ich fahre mit meinem Smartphone-Navi auf der B1: mein Bewegungsprofil aktualisiert sich. Ich zahle mit Karte: Das Profil meines Konsumverhaltens wird exakter. Ich schreibe ein Sterntagebuch, das die Vokabeln Terror, NSA und Widerstand enthält. Rückt mein Name in der Liste potentieller Staatsfeinde nach oben?

Die Netzgemeinde hat sich bereits angewöhnt, die Mitarbeiter der National Security Agency in ihren Mails im PS zu grüßen. Und während sich unsere Politiker disqualifizieren (Merkel: „Das Internet ist für uns alle Neuland“, Gauck: „Wir wissen zum Beispiel, dass es nicht so ist wie bei der Stasi, dass es dicke Aktenbände gibt. Das ist es nicht.“), fragen sich all jene, die für die lückenlose Verschlüsselung ihre Kommunikation weder Zeit noch Expertise haben, wie sie sich in Zukunft – öffentlich und privat – ohne Selbstzensur über ihre Interessen verständigen sollen.

Und wie schaffen wir es, das eigene Ich vom Virus der Kontrolle frei zu halten – neigen wir doch dazu, in vorauseilendem Gehorsam den unsichtbaren Zuhörer immer schon mitzudenken? In ihrem Pamphlet „Der kommende Aufstand“ schlägt die Gruppe Unsichtbares Komitee vor, sich wieder mehr vis-à-vis zu treffen, um elektronische Spuren zu vermeiden.

Das löst nicht das Problem, bringt uns aber auf das Theater: die Kunstform des vis-à-vis schlechthin. Gerade die Flüchtigkeit der Spuren, die es in seinen Besuchern erzeugt und die in ihnen individuell weiterarbeiten, entwickelt im Zeitalter der Datenhamster und Faktensammler eine ungeahnte Qualität. Das Theater sollte sich anstrengen auch in Zukunft ein Trainingslager gegen Fremd- und Selbstüberwachung zu sein – dann wird es unverzichtbar bleiben. Freiheit ist nicht an sich vorhanden, sondern will immer wieder gemeinsam ersonnen sein.

Veröffentlicht am 10. Juli 2013 in den Ruhr Nachrichten.