Schlagwort-Archive: Heiner Müller

DAS KOMMENDE BILD

DAS KOMMENDE BILD.
Ein Begleitessay zur Borderline Prozession von Anika Koswič.
Borderline Bühne 2 bb


Anika Koswič (*1976) ist freie Autorin und Lehrbeauftragte
für Visuelle Ideengeschichte. Für ihren Lyrikband „Rauchfang.Schleuse“
erhielt sie ein Stipendium der Rudolf Meyer-Gesellschaft
in Bamberg. Im Auftrag des Schauspiel Dortmund
begleitete sie die Proben von DIE BORDERLINE PROZESSION.

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HEINER MÜLLER WAR DIE DROGE, ÜBER DIE ICH INS THEATER GEKOMMEN BIN

USA, 1970er. Ex-Vietnamsoldat John Rambo wird von einem Sheriff misshandelt. Er flieht. Schnell hat er eine ganze Armee gegen sich – Vertreter einer Weltmacht, die das Trauma des Kriegs weiter verdrängen will. Zeitsprung, Ortswechsel: 1920er, Russland. Auch für Gleb Tschumalow ist der Krieg vorbei. Doch wo ist die erträumte bessere Welt? Keine Arbeit, das einstige Zementwerk liegt brach, in Trümmern, jenseits jeder Utopie. Müllers ZEMENT (entstanden 1972 nach dem gleichnamigen Roman von Fjodor Gladkow) und RAMBO von 1982 – Klaus Gehre kombiniert die Geschichten zweier Kriegs-Heimkehrer. Mit Klaus Gehre sprach Anne-Kathrin Schulz. HEINER MÜLLER WAR DIE DROGE, ÜBER DIE ICH INS THEATER GEKOMMEN BIN weiterlesen

KRIEG OHNE SCHLACHT – INTERVIEW MIT UWE SCHMIEDER

KRIEG OHNE SCHLACHT

Soll ich von mir reden Ich wer

Von wem ist die Rede wenn

Von mir die Rede geht

Ich Wer ist das

(aus: Medea Material, Landschaft mit Argonauten, Heiner Müller)

Der Theater-Malocher Uwe Schmieder hat sich ein Jahr lang dem Werk des politischen Dramatikers und Lyrikers Heiner Müller (1929-1995) gewidmet. An zehn Abenden, jeder für sich einzigartig und immer ungeprobt, hat er dem Publikum Text und Themen aus dem uferlosen Werk vorgestellt. Mal in einer eindringlichen Lesung im Studio, mal als offene Performance mit Bratwurst auf dem Vorplatz des Schauspielhauses, und immer wieder mit Gästen aus dem Ensemble: Schauspieler_innen, Dortmunder Sprechchor, Jugendclub Theaterpartisanen oder Dramaturgie. Was an Müllers 86. Geburtstag am 9. Januar 2015 begann, geht nun am 30. Dezember mit seinem 20. Todestag zu Ende. Schmieder plant eine ausufernde Totenfeier für den Dichter und einen Rückblick auf alle Folgen der Factory: Zeit, mit dem Schauspieler ein bewegtes Jahr zu rekapitulieren. Alexander Kerlin hat ihm eine Email geschrieben. KRIEG OHNE SCHLACHT – INTERVIEW MIT UWE SCHMIEDER weiterlesen

DIE ECHTE ZOE

Meine Tochter ist Fan der Zeichentrickserie „Zoés Zauberschrank“, in der ein Mädchen namens Zoé mit ihren Freunden Abenteuer besteht. Der Schritt in den Kleiderschrank katapultiert sie mal nach Schottland, wo sie als golfende Ärzte einen blinden Büffel heilen, mal ins Weltall, wo sie als reinliche Astronauten die eingestaubten Sterne zu altem Glanz wienern. Einige Folgen sind ziemlich raffiniert (meine Empfehlung: „Der Schatz des sprechenden Berges“), und ich ziehe „Zoé“ anderen Schrecklichkeiten wie „Peppa Wutz“ (über eine debile Schweinefamilie) oder „Der Bär im großen blauen Haus“ (über einen Bär in einem großen blauen Haus) bei weitem vor. DIE ECHTE ZOE weiterlesen

DER ZOMBIE – DAS BIN DOCH ICH!

Julia Schubert und Mario Simon im Interview

Im Theater stehen die Toten, so Heiner Müller, immer mit auf der Bühne. Das Schauspiel Dortmund geht jetzt einen Schritt weiter und überlässt den Untoten die virtuelle Bühne. Passend zu Halloween veröffentlichen wir auf YouTube eine Zombie-Saga. Neben Trailern für die Herbstpremieren, die den zentralen Wesenskern der Inszenierungen auf ungewöhnliche Art und Weise darstellen, wird auch das Leben, das Sterben sowie das Zombie-Dasein dieser allzu menschlichen Figuren in den Clips verhandelt. Wieviel Untotes steckt im Leben? Wie kam es zu dieser neuen Videoästhetik? Wer soll damit angesprochen werden? Fragen, die Dramaturgieassistent Matthias Seier den Machern der Clips, dem Videokünstler und Produzenten Mario Simon sowie der Schauspielerin Julia Schubert, an einem sonnigen Herbstnachmittag stellte. DER ZOMBIE – DAS BIN DOCH ICH! weiterlesen

UNREINE WAHRHEIT

Bei Heiner Müller in DER HORATIER geht es ums Gedenken und Bestrafen, um eine Politik der Erinnerung und der Schuld. Soll der listige Horatier als Held verehrt, oder als Mörder getötet werden? Wikipedia über den Kerngedanken des Stücks: „Es werde entschieden, stets Verdienst und Schuld zugleich zu benennen, nicht fürchtend die unreine Wahrheit […], nicht verbergend den Rest. Hiermit beschreibt Müller eine andere Lösung, nämlich eine, die kenntlich machend die Dinge die Widersprüchlichkeit menschlichen Handelns beschreibt.“ (kursiv: Original Heiner Müller). NICHT VERBERGEND DEN REST.

VERSTEHEN IST DIE ABSOLUTE LANGEWEILE

Ein Gespräch mit dem Regisseur und Schauspieler Uwe Schmieder über seine Arbeit an Heiner Müllers DIE HAMLETMASCHINE, die am 18. Mai 2014 im Studio Premiere feierte.
Die Fragen stellte Dramaturg Alexander Kerlin.

 

Die Hamletmaschine

Alexander Kerlin: Heiner Müller ist vielleicht der wichtigste und ungewöhnlichste Theaterautor Deutschlands in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Trotzdem ist Müller einem breiten Publikum nahezu unbekannt und noch immer nicht auf den Spielplänen „angekommen“, insbesondere in Westdeutschland.

Uwe Schmieder: Das hat sicherlich damit zu tun, dass es in seinen Texten etwas gibt, das der Kanonisierung Widerstand leistet. 1981, da war ich als 21jähriger noch bei der Armee, hatte ich mein Vorsprechen an der Theaterhochschule „Hans Otto“ in Leipzig. Wir haben eine Liste mit Stücken bekommen, die wir durchlesen sollten. Ich kannte nur wenige Autoren, z.B. Volker Braun, seine Stücke habe ich beim Lesen sofort kapiert. Von Müller waren Lohndrücker und Die Bauern mit auf der Liste. Das war ganz anders als Volker Braun. Ich habe erst gehofft, dass das nur Sekundärmaterial ist. Wie kann jemand nur Sätze aufschreiben, die keiner versteht? Ich war völlig verstört.

 

Du hast die Sachen zunächst weggeworfen?

Ja. Aber 1982, in meinem ersten Studienjahr, da war in Leipzig die Kulturkonferenz der FDJ, die alle zwei Jahre stattfand. Bei der Konferenz sollten die vier Schauspielschulen der DDR nationale Dramatik aufführen, in einem internen Wettbewerb. Wir Leipziger hatten Inszenierungen von Traktor und Schlacht erarbeitet: meine erste szenische Erfahrung mit Müller. Im Gegensatz zu dem russischen Realismus, den wir sonst so gemacht haben, war Müller für mich fremd und spannend: Wir konnten Clownsszenen erarbeiten, und haben einen Traktor aus Menschen gebaut. Fast zeitgleich zu dieser Konferenz hat Müller an der Volksbühne in Berlin seine Macbeth-Übersetzung inszeniert, ein totaler Skandal. Das Zentralkomitee (ZK) war entsetzt von der fatalistischen Sicht auf die Geschichte, das war ganz unsozialistisch. Und unsere Arbeiten von Traktor und Schlacht wurden verboten, wir durften sie nicht zeigen. Wir haben nicht verstanden weshalb, uns aber dennoch wie Märtyrer gefühlt. Gefahr ist eben anziehend.

 

Die Hamletmaschine

All dem zum Trotz nahmen wir beim Empfang teil, es gab ein dreißig Meter langes Buffet, und Egon Krenz dirigierte eine Jugend-Blaskapelle. Er war sehr stolz dabei, drehte sich immer zum Publikum um und grinste. Wir nannten ihn auch Egon Grins. In der Rückschau weiß ich, dass diese Erlebnisse und die Begegnung mit Müller entscheidend waren für meine Geschmacksbildung und mein Gespür für das Politische im Theater – dafür, wie wir letztendlich auch später im Orphtheater Berlin gearbeitet haben.

 

Sein Werk hat dich immer begleitet?

Als Schauspieler habe ich häufig Müller-Stücke gespielt: Bildbeschreibung, Medeamaterial, Fatzer, Mauser. Aber erst später, nach seinem Tod 1995, habe ich einen persönlichen Zugang gefunden, indem ich mich von hinten nach vorne durch sein Werk gewühlt habe. Mit dem Scheitern der DDR und der kommunistischen Utopie war Müllers ganzer Schreibauftrag infrage gestellt, plötzlich war kein ideologischer Widerstand mehr für ihn da, und in den fünf Jahren vor seinem Tod hat er fast nur noch Prosa und Lyrik verfasst, ich glaube er hat nur noch an Germania gearbeitet. Ich habe mich ihm z.B. durch seine Traumtexte nahe gefühlt: der Umgang mit dem eigenen Tod, damit, sehr spät im Leben noch mal Vater geworden zu sein und fast zeitgleich eine Krebsdiagnose zu bekommen: Ein alter Mann mit einem Kind – während er schreibt, dass das Leben sinnlos ist.

 

Die Hamletmaschine

Ziemlich genau in der Mitte von Müllers Schaffen steht Die Hamletmaschine.

1977, das war wie ein Bruch mit seinem alten Schreibstil, mehr noch, eine Text-Revolution, aber vielleicht auch eine logische Konsequenz seines Denkens. Im Schriftbild von Die Hamletmaschine erkennt man keine dramatische Struktur mehr, keine Akte, keine durchgehenden Figuren, und das Stück ist bloß neun Seiten lang. In den 1960er Jahren hat Müller ein Projekt mit dem Titel Hamlet in Budapest begonnen, in dem es darum ging, das Original von Shakespeare mit dem Aufstand in Budapest von 1956 zu überblenden. Er hat das Projekt nie beendet. Später aber hat er für eine Aufführung an der Volksbühne in Ost-Berlin, bei der Benno Besson Regie geführt hat, den ganzen Hamlet übersetzt. In Die Hamletmaschine fließen Erfahrungen und Zitate aus einem halben Schriftstellerleben ein, ein großes Flechtwerk mit vielen Referenzen, von Shakespeare über Charles Manson bis Elektra.

 

 Aber ist das nicht nur für Schreibtischtäter interessant?

Für mich ist Die Hamletmaschine ein Glutkern von Müllers Werk. Da steht alles drin. Jeder Satz ist ein komplettes Theaterstück, dicht, rätselhaft, schön, provokant, rhythmisch und ungeheuer lustig. Ich habe immer die Position des Naiven eingenommen gegenüber Müllers Texten. Dann zerfleischen dich die Texte, aber dieses Einlassen schafft auch Raum, um Erfahrungen zu machen. Die Hamletmaschine hat fast keine Regieanweisungen, nur Freiheit. Und Müller hat sie selbst einmal als chorischen Text bezeichnet, vermutlich weil es ihm um kollektive Erfahrungen ging und nicht um die Nöte von Einzelpersonen. Deshalb habe ich sie für den Dortmunder Sprechchor vorgeschlagen. Man muss die Zitate nicht erkennen, aber wenn man in das Werk eintaucht, denkt man oft: Das habe ich doch gerade schon woanders gelesen. Müllers Werk ist ein Kosmos, in dem die Fragmente untereinander austauschbar werden; teuflisch, wenn man darin versackt.

 

Die Hamletmaschine

 

Das Gegenwartstheater will aber verständlich sein.

Ja, und das Publikum will immer nur verstehen. Schrecklich. Etwas zu verstehen, bedeutet, mit ihm fertig zu sein, und das ist die absolute Langeweile. Wenn du so lange im Theater arbeitest wie ich, lernst du Phasen kennen, in denen du die Orientierung und die Ziele verlierst: Schaffenskrisen, in denen du denkst, das sollten jetzt lieber die Jüngeren machen. Als wir uns im Orphtheater in den späten 1990ern gegenseitig aufgefressen haben, da habe ich bei Müller einen Halt gefunden. Er hat die Suche nach einer Utopie nie aufgegeben, wusste aber nicht, wie die aussieht. Er wusste nur, dass es so wie es ist nicht weiter gehen kann.

 

Klingt ein Text von Heiner Müller 2014 in Dortmund anders als 1982 in Leipzig?

Natürlich. Ich wollte nicht die hundertste Hamletmaschine inszenieren, sondern mit Müller in der Gegenwart arbeiten. Die Mitglieder des Sprechchors fanden den Text von Anfang an beeindruckend, aber um sie restlos zu überzeugen, habe ich noch mehr Material von Müller mitgebracht, das noch direkter mit unserer Lebensrealität heute zu tun hat. Wie Müller mit Sondergenehmigung vom ZK durch die Reihenhäuser am Chiemsee oder die Fußgängerzone in Düsseldorf geht: sein ganzer Ekel an der Marktwirtschaft, vor diesen Einkaufsgesichtern. Um das zu verstehen,

muss man ja nur die Straßenseite wechseln und in die Dortmunder Shopping-Mall Thier-Galerie gehen. Aber Müller hat auch gewusst, dass sein Ekel ein Privileg ist: das Privileg eines Autors, der aufgrund seines Ansehens überhaupt in den Westen reisen durfte.

 

Hast du also auch Texte hinzugefügt?

Ich bin in Müllers Arbeit an der Collage eingestiegen. Mich interessiert Diskurs. Ich habe Müllers Sprache eine andere entgegengesetzt, keine dramatische, sondern die Sprache aus seinen berühmt gewordenen Gesprächen, z.B. mit Alexander Kluge. So hat sich der Text während der Probenzeit immer weiter entwickelt. Ich lasse den Chor auch singen – schließlich bin ich beeinflusst vom Agitprop-Theater der DDR: mit Chor und Sprechern zwischen zwei Blumenkästen.

 

Die Hamletmaschine