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HORROR & MÄRCHEN

5 FRAGEN AN REGISSEURIN CLAUDIA BAUER

 

 Gruseln Dich die Märchen noch?

Als ich die Märchen in der Vorbereitung wieder gelesen habe, war das überraschend unheimlich. Wenn man z.B. die Fuß-Verstümmelung der Aschenputtel-Schwestern nicht symbolisch, sondern konkret versteht. Und dann kommt auch noch die Rache-Taube und hackt den Schwestern die Augen raus. Da geht es um pure Anatomie. Das ist Horror.

 

Was fasziniert Dich daran?

Ich fühle mich hingezogen zu allem, was Angst macht. Ich meine aber nicht nur den B-Movie-Kino-Horror, sondern mich interessiert der alltägliche Horror in unserer Gesellschaft: Die Messer des Schönheitschirurgen zum Beispiel – moderne Werkzeuge der Selbstverstümmelung.

 

Sind denn dann Märchen überhaupt für Kinder?

Sie sind für alle, also auch für Kinder. Ich habe sie meiner Patentochter vorgelesen und gemerkt, dass sie die schlimmen Dinge gut verarbeitet, weil das Grauen am Ende die bösen Figuren trifft. Die Guten werden für ihr Gutsein belohnt. Erwachsene sind sensibler für die Graustufen, weil sie wissen, dass prinzipiell jeder ein Recht auf Glück, Leben und Unversehrtheit hat. Und plötzlich hat man z.B. Sympathien für die Schneewittchen-Königin, die in glühenden Schuhen zu Tode tanzt.

 

Auch für den bösen Wolf?

Immerhin folgt er seiner Natur und wird dafür vom Jäger maßlos gefoltert. Der Wolf ist in unserer Inszenierung ein Triebtäter. Allgemeiner verstanden steht er auch für den Anderen, der uns das Leben mit seinen Ansprüchen schwer macht: der Nachbar, Chef, Ehegatte. Das ist aber ein ungerechtes Image: Als biologische Spezies ist der Wolf sehr sozial.

 

Sind die Märchen politisch?

Ja, weil sie Themen verhandeln, die immer irgendwie aktuell sind: Knallharte Konkurrenz, die für den Verlierer übel endet. Viele Figuren mit zweifelhaften materialistischen Zielen. Man kann also mit den Märchen unsere Werte betrachten, drehen, wenden. Darüber hinaus ist es aber wichtig zu verstehen, dass die Figuren Archetypen sind, Modelle: Es geht um Situationen, die unabhängig vom konkreten Individuum überall und immer wiederkehren. Rotkäppchen ist kein psychologisch ausdifferenzierter Mensch. Sie ist eine kleine Unschuld, die in eine wilde Situation gerät. Die Situation kann dann auf unterschiedlichen Ebenen befragt werden. Das finde ich viel interessanter, als irgendeine Moral vorzutragen.

 

Claudia Bauer (*1966) ist Regisseurin u.a. in Leipzig, Berlin, Stuttgart und Hannover. Von 2000 bis 2004 leitete sie das Theaterhaus Jena. Republik der Wölfe ist nach Welt am Draht (2013) ihre zweite Regiearbeit am Schauspiel Dortmund.

VOM WOLF BESTRAFT

Von Dramaturg Alexander Kerlin

Haben Sie mal versucht, einem kleinen Kind (klein im Sinne von wirklich klein) ein Grimm-Märchen nachzuerzählen? Dann sind Sie bestimmt – wie ich gestern – eher früh als spät auf die Frage gestoßen, ob man nicht doch auf ein paar Details verzichten sollte. Beispiel Aschenputtel: Den Tod der Mama habe ich gestrichen. Die Tauben, die aus Rache die Augenhöhlen der Schwestern leer picken, auch. Die abgehackten Fußteile hingegen: dramaturgisch unverzichtbar. Und ganz ohne Blut macht’s auch keinen Spaß.

„Kinder brauchen Märchen.“ Ja? Ich war immer skeptisch, wenn Lehrer mit Studium in den 1960er Jahren den Bettelheim-Buchtitel wie eine allgemeine Wahrheit zitierten. Wozu denn genau? Die Rollenbilder der Grimms sind furchtbar. Aschenputtel wäre heute eine kichernde Dumpfbacke, die sich von Prinz Bohlen auf einem Braut-Casting willig einkaufen lässt. Es ging den Grimms um die Produktion von Normen für das zu gründende deutsche Gemeinwesen im frühen 19. Jahrhundert: bürgerliche, heterosexuelle Kleinfamilie mit Blutsverwandtschaft und ein starker Souverän im Staat. Vom Weg abgehen wird vom Wolf bestraft. Deutschland war von Anfang an kein Land für Abweichler. Wer der Moral der Märchen Vorbildcharakter zuspricht, unterschreibt auch Online-Petitionen gegen die Besprechung von Homosexualität in Schulen.

In älteren Fassungen sind die Märchen radikaler. In der Urfassung verspeist Rotkäppchen erst ihre Oma und wird dann vom Wolf selbst verschlungen. Schluss. Kein Jäger, der alles wieder gut macht. Nur so ungebändigt sind die Märchen interessant – und definitiv nichts für Kinder. Es sind Splatter-Filme, Exerzitien der sieben Todsünden, Kaleidoskope aller Verbrechen, die Menschen je an Menschen begangen haben. Märchen interessieren sich nicht für Moral. Das ist ihre Stärke und macht sie für das Theater interessant.

In einem Monat hat unser Märchenmassaker „Republik der Wölfe“ Premiere. Wir stecken mittendrin im Proben-Kampf. Wenn Sie wissen wollen, was Sie beim nächsten Mal definitiv weglassen, wenn sie Ihrem Kind ein Märchen erzählen: Buchen Sie noch heute ein Ticket.

Veröffentlicht am 10. Januar 2014 in den Ruhr Nachrichten.