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DER BAUSCHUTT DER MODERNE

Müssen wir in den Theatern eine Stunde Null ausrufen? Matthias Weigels Vorschlag (Kritiker bei nachtkritik.de), die Images der Theater mit „Pools und Party“ zu neutralisieren, ist vermutlich augenzwinkernd gemeint – und doch legt er dem Theater nahe, sich von einem bestimmten Strang seiner Geschichte zu trennen, zumindest zu distanzieren. Dieser Strang betrifft, wenn ich das richtig verstehe, in erster Linie die sogenannten „Klassiker“: die großen Erzählungen, die großen und kleineren Würfe seit dem 16. (England), 17. (Frankreich) und 18. Jahrhundert (Deutschland) sowie die Tragödien der griechischen Antike. Weigels Vorschlag kommt vermutlich nicht zufällig zu einem Zeitpunkt, an dem unser Vorrat an Vergangenheit ohnehin merklich schwindet – eine der unzähligen Folgen der Digitalen Revolution. Im Netz erreichen uns die Botschaften unabhängig von ihrer objektiven Relevanz in Permanenz, Überfülle und Echtzeit. Daher meine erste These: Die „Klassiker“ taugen durchaus als Munitionslager, um sich gegen den von Apple, Google, Facebook, Twitter und Amazon orchestrierten Angriff des Jetzt auf unsere Leben zu wehren. Andererseits hat Weigel recht, wenn er implizit in Zweifel zieht, dass uns die „Klassiker“ überhaupt noch ohne Umwege „etwas sagen“. Jeder sensible Bewohner des 21. Jahrhunderts wird das im Theater schon gespürt haben. Das wäre die zweite These, die ebenfalls als eine Folge der Digitalisierung beschrieben werden kann: Das Internet hat die Macht des Kanons längst gebrochen. Um diesen Widerspruch soll es im Folgenden gehen: Wir können die Klassiker nicht mehr gebrauchen, aber wir brauchen sie. Was machen wir also mit ihnen? DER BAUSCHUTT DER MODERNE weiterlesen

MIT ALGORITHMEN REDEN

Kafkas digitales Schloss. Zum Abschluss der NOTIZEN ZU MINORITY REPORT ein Dialog aus dem echten Leben, zwischen Menschen und Algorithmen. Die Vorgeschichte: Um etwas über ANKEREFFEKTE zu erzählen, haben wir eine App erfunden, die im Stück MINORITY REPORT mitspielt. Wie das genau funktioniert, sei hier nicht verraten. Wir haben die App von einem Programmierer entwickeln lassen, in zahlreichen Arbeitsschritten unseren Zwecken angepasst und sie in die komplexe Dramaturgie des Abends eingebaut. Für Android-User wird sie über den Google Play Store zum Download bereitgestellt, für IOS (Apple-User) über den … nun ja, die Apple-Algorithmen haben uns nicht für voll genommen.

Hier der Dialog mit ihnen über unseren Wunsch, eine App im Appstore von Apple zu platzieren. Aus dem Englischen von AK.

Hallo.
Wir brauchen zusätzliche Informationen über Ihre App. Fragt sie nur eine Frage?
Beste Wünsche,
Ihr APP REVIEW TEAM

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Hallo.
Ja, die App fragt nur eine Frage. Bitte lassen Sie mich wissen, wenn sie noch etwas brauchen, um Ihre Entscheidung zu überdenken. Es drängt. Der Regisseur braucht die App, um zu proben.
Georg Werner, Programmierer

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Hallo.
Wir denken, Ihre App verstößt gegen die folgende Richtlinie: Zwei Punkt Zwölf.
Wir sehen, dass Ihre App eine nur sehr eingeschränkte Anzahl von Funktionen und Inhalten bereitstellt. Sie ermöglicht dem User lediglich, eine einzige Frage zu beantworten. Selbstverständlich schätzen wir Einfachheit, aber: Mit Einfachheit meinem wir bei Apple: unkompliziert. Und nicht: Mangel an Funktion und Inhalt.
Wir räumen ein: Es gibt keine allgemeingültigen Regeln dafür, was man als „nützlich“ oder „unterhaltsam“ empfindet. Aber Apple und Apple-Kunden erwarten Apps, die für den User wirklich großartige Erfahrungen darstellen. Apps sollten wertvollen Nutzen oder Unterhaltung liefern. Sie sollten anziehend sein, überwältigende Leistungen oder Inhalte anbieten und Menschen dazu befähigen, etwas zu tun, was sie vorher noch nicht tun konnten.
Wir ermutigen Sie, sich Ihre App noch mal auf ihr Konzept hin anzusehen. Denken Sie darüber nach, ob sie zusätzliche Inhalte und Features einbauen können, damit Sie unsere Richtlinien erfüllen. Für Informationen über die Grundlagen der App-Programmierung, schauen Sie sich bitte das Video an: „Die Zutaten zu Großartigen Apps“
IHR APP REVIEW BOARD

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Liebes App Review Team,
bitte beachten Sie, dass es sich nicht um eine normale App handelt, sondern dass sie Teil eines Theaterstücks ist. Die App ist ein künstlerisches Mittel und dient künstlerischen Zwecken. Sie kommt nur im Stück zum Einsatz. Das Theaterstück hat am 14. September Premiere und die wird so gebraucht, wie sie jetzt ist. Bitte überdenken Sie Ihre Entscheidung.
Georg Werner, Programmierer

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Hallo.
Danke für Ihre Antwort. Obwohl wir verstehen, dass Ihre App nur für den Gebrauch in Ihrem Theater gedacht ist, halten wir es für angebracht, dass sie weitere Funktionen hinzufügen. Sie könnten darüber nachdenken, Informationen über Ihr Theater sowie Kontaktformulare zu integrieren, oder weitere Fragen stellen. Das sind nur einige Beispiele für Zusatzfunktionen, die hinzuzufügen Sie erwägen sollten. Wir hoffen, Sie nehmen Änderungen vor und freuen uns darauf, ihre App noch mal zu überprüfen
IHR APP REVIEW BOARD

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Liebes Review Team.
Danke für Ihre Antwort und Ihre Ratschläge. Leider ist der Tag unserer Premiere morgen – es bleibt keine Zeit, die Funktionalität unserer App auszubauen. Darüber hinaus macht es nicht viel Sinn, Funktionen wie eine Kontaktform hinzuzufügen. Unsere App hat nur einen Zweck: Das Publikum (100) wird gebeten, innerhalb unseres Stücks MINORITY REPORT an einer Abstimmung teilzunehmen. Die Ergebnisse werden live eingeblendet, und das ist alles. Es geht um dramaturgische Fragen innerhalb eines Stücks, nicht um die Kommunikation mit unserem Gesamtpublikum. Dafür nutzen wir unsere Website und unseren Blog.
Unsere Premiere morgen ist ausverkauft. Falls Sie unsere Anfrage weiterhin abschlägig behandeln, können wir die App nicht nutzen, was ein ernsthaftes künstlerisches Dilemma für uns darstellt. Wir sind ein professionelles Theater, es wird überregional berichtet. Um Sie doch noch zu überzeugen, haben wir Ihnen ein Video zusammengestellt (siehe Link), das unsere künstlerische Seriösität und Hingabe unter Beweis stellt. Bitte überprüfen Sie ihre Einschätzung und stellen Sie so schnell wie möglich unsere App in den Store – wir werden mehr als dankbar sein.

Herzlich, Alexander Kerlin (Dramaturg) und Klaus Gehre (Regisseur)

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Hallo.
Danke für die Anfrage. Wir werden sie so schnell uns möglich ist bearbeiten und dann darüber befinden, wie es weitergeht. Wir bedanken uns für Ihre Geduld bei dem Vorgang. Sobald eine Entscheidung getroffen wurde, werden Sie durch ein Mitglied des Boards kontaktiert.
Dankeschön.
IHR APP REVIEW BOARD

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Was dann geschah: Die Premiere am 14. September 2014 haben wir dann ohne IOS-App gespielt. Schauspielerin Merle Wasmuth hat die Briefe von Apple auszugsweise vorgelesen, was insbesondere die Nachtkritik-Journalistin Dorothea Marcus nicht als Mangel, sondern als Gewinn für die Inszenierung auslegte. Dennoch gaben Regisseur Klaus Gehre und Programmierer Georg Werner nicht auf. In einer Nachtschicht programmierte Georg Werner zusätzliche Features – man sollte nun mit der App auch eine Einführung in den Abend bekommen, die Besetzung einsehen und direkt Kontakt mit dem Ticket-Service aufnehmen können. Zwei Tage vor der zweiten Vorstellung erreichte den Dramaturgen der Produktion dann aber eine ebenso knappe wie konsternierte Mail des Programmierers:
„Hallo, schon wieder abgelehnt… 🙁 g.“
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Hallo,
2.12: Apps, die nicht nützlich oder einzigartig sind, bloße Web-Sites im Gewand von Apps, oder Apps, die keinen langfristigen Unterhaltungswert bieten, dürfen abgelehnt werden.

Wir denken noch immer, dass Ihre App nur eine sehr geringe Anzahl von Funktionen bereitstellt. Die zusätzliche Seite mit Text über das Theater fügt keine signifikanten Funktionen hinzu. Selbstverständlich schätzen wir Einfachheit, aber: Mit Einfachheit meinen wir bei Apple: unkompliziert. Und nicht: Mangel an Funktion und Inhalt. Sie könnten darüber nachdenken, den Spielplan des Theaters, Anfahrtswege und mehr hinzuzufügen, um den User mit mehr Nützlichem zu versorgen. Denken Sie darüber nach, ob Sie zusätzliche Inhalte und Features einbauen können, damit Sie unsere Richtlinien erfüllen. Für Informationen über die Grundlagen der App-Programmierung, schauen Sie sich bitte das Video an: „Die Zutaten zu großartigen Apps.“

3.1: Apps und Metadata, die den Namen einer anderen mobilen Plattform nennen, werden abgelehnt.

Wir denken, dass Ihre App und die Metadaten unangemessene oder irrelevante Informationen enthalten, was unseren App-Store Review Richtlinien widerspricht. Um genau zu sein: Die App erwähnt, Android-kompatibel zu sein. Das ist nicht angemessen im Zusammenhang mit dem App-Store. Angemessen wäre es, diese Information zu entfernen.

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(Fortsetzung folgt)