Schlagwort-Archive: Flüchtlinge

WORTE HELFEN NICHT, SONDERN TATEN

An einem Dienstagmorgen im Juni auf einem muslimischen Friedhof in Berlin. Aufgeworfene Erde. Zwei Särge werden hinabgelassen – ein großer und ein kleiner für eine Mutter und ihr zweijähriges Kind. Eine kleine Trauergemeinde spricht mit dem Imam das islamische Totengebet. Zahlreiche Journalisten umringen das Grab. Davor auf rotem Teppich mehrere Reihen leere Stühle. Doch die geladenen Trauergäste sind nicht erschienen: Angela Merkel, Thomas de Mazière und viele andere. Ein privater Moment, der Öffentlichkeit sucht… WORTE HELFEN NICHT, SONDERN TATEN weiterlesen

LICHT IN DIE BLACKBOX ABSCHIEBUNG

MILTIADIS OULIOS HIELT IM DORTMUNDER SCHAUSPIELHAUS SEINEN VORTRAG ZUR EUROPÄISCHEN ABSCHIEBEPOLITIK

Miltiadis Oulios
Miltiadis Oulios

„Seitdem ich denken kann, höre ich in Diskussionen immer wieder, wir werden von Flüchtlingen überrannt. Also ich wurde bisher noch nicht überrannt.“ Am Dienstagabend hielt der Düsseldorfer Autor Miltiadis Oulios in der Jungen Oper beim Dortmunder Schauspielhaus seinen Vortrag BLACKBOX ABSCHIEBUNG. Die Veranstaltung – gemeinsam organisiert vom Schauspiel Dortmund und bodo e.V., unterstützt von Pro Asyl und European Homecare, warf Licht auf die Theorie und Gesetzeslage der europäischen Abschiebepolitik. Entlang von Einzelschicksalen wurde ihre praktische Anwendung vermittelt. Als besondere Gäste waren auch etwa fünfzehn Asylsuchende aus der Lütgendortmunder Siedlung Grevendicks Feld, wo die Stadt Dortmund derzeit Flüchtlinge unterbringt,  mit einem Bus zum Schauspielhaus gebracht worden. LICHT IN DIE BLACKBOX ABSCHIEBUNG weiterlesen

MAUERN, ZÄUNE UND ZAHLEN

Am 9. November jährt sich der Fall der Berliner Mauer zum 25. Mal. Ein Grund zum Feiern und zur Erinnerung an politische Gefangene der SED-Diktatur und die Menschen, die am innerdeutschen Grenzzaun starben. Während in Berlin durch die symbolische Markierung des Mauerverlaufs mit einer „Lichtgrenze“ aus 8000 leuchtenden Ballons allein der Vergangenheit gedacht wird, versuchen die Aktionskünstler des „Zentrum für Politische Schönheit“ eine Engführung von Gedenken und Gegenwart: Die innerdeutsche Mauer ist weg, aber an den Außengrenzen der EU ist in den vergangenen Jahren eine neue „Mauer“ entstanden – hochgerüstete Grenzanlagen in Bulgarien, Griechenland, im spanischen Melilla. An dieser Mauer wird gestorben, jetzt und heute.

Sicher ist es moralisch streitbar – wie geschehen – Teile der Gedenkstätte für die Mauertoten zu entfernen und an den EU-Außengrenzen zu inszenieren. Aber die kontroverse Diskussion der letzten Tage zeigt die Brisanz des Themas: Wo liegt unsere Verantwortung Flüchtlingen von heute gegenüber? Wir alle kennen die Berichte von gekenterten Nussschalen auf dem Mittelmeer und überfüllten Aufnahmelagern in Italien. Und auch bei uns: volle Aufnahmelager, Gewaltexzesse von Sicherheitsdiensten, Hausbesetzungen durch Asylbewerber, politische Diskussionen um die weitere Aufnahme von vergleichsweise wenigen Flüchtlingen.

Die Gedenkstätte für die Mauertoten erinnert an individuelle Schicksale. Aber wer verleiht den Flüchtlingen der Gegenwart ein Gesicht? Hinter der anonymen Masse stehen Menschen. Im Gepäck: Verzweiflung und Hoffnung auf eine Zukunft. Wie damals an der innerdeutschen Grenze. Der Autor Miltiadis Oulios gibt den Schicksalen der Gegenwart in seinem Buch „Blackbox Abschiebung“ eine Stimme: Menschen, die es zwar nach Deutschland geschafft haben, aber nicht bleiben durften. Gemeinsam mit dem Stadtmagazin Bodo, Pro Asyl und dem Schauspiel Dortmund präsentiert Oulios sein Buch am 9. Dezember im Institut des Schauspiels (19:30 Uhr). Der Eintritt ist frei.

Veröffentlicht am 5. November 2014 in den Ruhr Nachrichten

SIND DIE LETZTEN SPHÄREN DER ZIVILGESELLSCHAFT IN DER KULTURPRODUKTION ZU FINDEN?

Gastbeitrag von Jean Peters (Artist in Residence am Schauspielhaus, Monat September)

Wir sind jetzt für einen Monat am Schauspielhaus Dortmund. Überall Schauspieler hier und Menschen, die über gute und schlechte Kunst reden, die um Legitimität ihrer Leistung kämpfen und dabei trotzdem versuchen, den Theaterkritiker_innen zu gefallen. Es geht um Ästhetik und darum, die Balance zu halten, dass Kritik nicht in einer Geste der Kunst verpufft. Das Schauspielhaus sitzt genau an diesem Puls.

Wir spüren – genauso wie wir in unserem kleinen Kollektiv auf der Suche nach neuen Formen politischer Kampagnen sind -, dass hier neue Formen der Inszenierungen erforscht werden. Ein gutes Stück erkennt man das an den polarisierten Kritiken, z.B. zu Hamlet. Wir, von Peng, freuen uns, zusammen mit den Machern vom Schauspielhaus Dortmund zu denken.

Wie schön es doch wäre, wenn uns die gnadenlose Offenheit des Schauspielhauses auch aus unserer Heimat, der Kampagnenwelt entgegenkommen würde. Es laden uns zwar massig NGOs ein und wollen mit uns zusammenarbeiten, doch die Handbremsen bleiben angezogen: während Geheimdienste nach jeden Skandal mehr Geld bekommen und Proteste gegen geheime „Freihandelsabkommen“ wie TTIP und CETA von der EU testweise verboten werden, Flüchtlinge illegalisiert und die neuen Rechte mit der AfD salonfähig werden, findet die stärkste Mobilisierung in Deutschland noch gegen Bienensterben statt. Was ist da los?

Unsere professionalisierte Zivilgesellschaft hat hunderte von Handbremsen, die ihr die Schneidezähne stumpfpolieren: Karrierenstreben und Habitusspiele der Kampagnenelite, strukturelle Abhängigkeiten wie Bündnisverpflichtungen, politische Resignation, Angst vor Neuem und der Würgegriff der Konventionen. Dazu kommen organisationeller Selbsterhalt, der darauf abzielt Spenden für die eigene Stelle zu generieren, und die generellen marktwirtschaftlichen Strategien die überall Einzug genommen haben.

All das findet man im Theater auch. Aber die Hoffnung ist, dass wir mit der hübschen Mischung aus Kunstfreiheit und Kampagnendenken einen neuen Raum schaffen können. Einen Raum, in dem die neuen und überwältigenden gesellschaftlichen Grundsatzdebatten verdaut werden können. Während unser Alltag implodiert und uns täglich neue Herausforderungen überholen.

Einen strukturellen, gesellschaftlichen Umschwung kann man immer nur in der Retrospektive erklären. Peng sucht nach den Grenzen verfassungskonformen Regelbruchs, das Theater sucht nach Kunstfreiheitskonformen Regelbruch. Beides schafft Veränderung.