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ANGST

Ungefähr mit zwanzig Jahren bekam ich es mit der Angst zu tun. Es gab keinen speziellen Anlass. Ich saß an einem Esstisch, im Gespräch mit Freunden. Zuerst bemerkte ich die Angst in den Schultern, dann in der Brust, schließlich in den Beinen. Vielleicht war der Auslöser eine Sehnsucht, von der ich schon zu lange ahnte, dass sie unerfüllt bleiben würde. Oder ich begriff zum ersten Mal mit vollem Bewusstsein, dass das Leben nicht unendlich lang sein wird. Oder, ganz im Gegenteil: Ich spürte, wie sich die Zeit dehnte, lang und zäh, und wie ich irgendwann am ewigen Aufschub zugrunde gehen würde. Oder alles drei zugleich. ANGST weiterlesen

WEISSE WÖLFE

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WEISSE WÖLFE – Eine grafische Reportage über rechten Terror von David Schraven und Jan Feindt von CORREKTIV hängt seit dem 15. April als Ausstellung im Schauspielfoyer.

Anbei die Eröffnungsrede zur Ausstellung von Friedrich Küppersbusch:

„Guten Abend, sehr geehrte Damen und Herren,

herzlichen Dank an das Schauspiel Dortmund für die Gastfreundschaft heute und für die kommenden zwei Monate der Ausstellung. Willkommen an Vertreter des Recherchenetzwerkes „Correctiv“. An die Ruhrbarone, Nordstadtblogger, an Kolleginnen und Kollegen, die ich namentlich nicht erwähnen muss, weil Sie sie aus degoutanten Todesanzeigen kennen. (Auch an Mitarbeiter der Dortmunder Behörden, die dagegen kämpfen müssen.) Und vor allem – herzlich willkommen und schön, dass Ihr da seid – an die beiden Autoren, David Schraven, und, in Abwesenheit : Jan Feindt. WEISSE WÖLFE weiterlesen

IRGENDWO ZWISCHEN BIOCHEMIE UND PHILOSOPHIE

Um 4 Uhr 48 | wenn die Klarheit vorbeischaut | für eine Stunde und zwölf Minuten bin ich ganz bei Vernunft. | Kaum ist das vorbei, werd ich wieder verloren sein, eine zerstückelte Puppe, ein absurder Trottel.“

28 Jahre alt ist Sarah Kane, als sie 4.48 Psychose schreibt – ein dunkles Gedicht direkt aus dem Feuer menschlicher Synapsen, eine vielteilige Bestandsaufnahme, hochpoetisch, ein Aufschrei voll Sehnsucht – und ein Abschied. Denn Sarah Kanes fünftes Stück ist zugleich ihr letztes: 1999, kurz nachdem sie das Manuskript ihrem Verleger übergeben hat, nimmt sich der Shooting Star der britischen Dramatik das Leben. Den Tod findet Kane in einer Londoner Klinik, wo sie wegen Depressionen behandelt wurde.
Wohl autobiographisch verweist der Stücktitel auf den Augenblick der größten Klarheit einer Psychiatrie-Patientin: 4 Uhr 48, ein Moment zwischen zwei Medikamentendosen, wo die Tablettenwirkung in den Hintergrund tritt und die Klarheit kommt, die vielleicht zugleich Wahn ist. Auch der Beginn der kurzen Tagesphase, in der die Dramatikerin Kane in diesem Winter 1998/99 schreiben kann.
Die Depression, das Burn-Out – eine Stoffwechselstörung? Oder vielmehr die logische Schlussfolgerung, wenn man mit offenen Augen und offenem Herzen auf unsere Welt schaut? In ihrem 2000 posthum am Londoner Royal Court Theatre uraufgeführtem Text geht die 1971 geborene Sarah Kane in die absolute Nahaufnahme. Sie seziert Fleisch und Geist einer Erkrankung, die selbst Aufgeklärte zutiefst irritiert, lauscht auf den Puls eines Leidens, von dem Millionen von Menschen betroffen sind, das irgendwo zwischen Biochemie, Psychologie und Philosophie angesiedelt scheint. Es ist ein finaler Krieg, auf den Sarah Kane in 4.48 Psychose blickt: Der Krieg des Bewusstseins.

Der Krieg des Bewusstseins: Was ist die Seele? Woraus besteht sie? Und woraus besteht die Krankheit? Für 4.48 Psychose entwickelt Regisseur Kay Voges mit den Software-Ingenieuren Stefan Kögl und Lucas Pleß vom Dortmunder Hackerspace chaostreff dortmund e.V., dem Musiker Tommy Finke, dem Videokünstler Mario Simon und den Schauspielern Björn Gabriel, Merle Wasmuth und Uwe Rohbeck einen besonderen theatralen Laborversuch, der die Metamorphose von Poesie in Elektro-Impulse erforscht – in einem Mensch/Maschine Knoten, in dem sich Körpersignalen der Menschen (Herzschlag, Körpertemperatur, Atemfrequenz usw.) in Sound – und Lichtsignale wandeln: Schichten des Versuchs einer Bestandsaufnahme des Ichs.
4.48 Psychose von Sarah Kane

4.48 PSYCHOSE: 21-Z

21 GRAMM Das Ringen um das Verständnis des Phänomens Seele beschäftigt die Menschheit seit Jahrtausenden, sowohl aus Perspektive des Materialismus als auch der Religion oder des Humanismus. Was ist das Ich? Wo liegt die Seele? Im Herzen, im Gehirn? Existiert sie unabhängig vom Körper? Wo siedelt unsere Trauer, wo wohnt unsere Liebe? Woraus besteht die Seele? Aus Molekülen? Aus Biochemie? Kann man Gefühle messen, kann man Seelen-Krankheit messen, kann man die Seele an sich messen? Den ersten Versuch, die Seele zu wiegen, unternahm der amerikanische Arzt Duncan MacDougall 1901. Er wog mit einer ausgetüftelten Bettwaage sechs sterbende Patienten, um zu beweisen, dass die Seele materiell und messbar sei. Sein Ergebnis: Die Gewichtsdifferenz zwischen lebendigem und toten Patienten betrug durchschnittlich 21 Gramm – zwischen 8 und 35 Gramm. MacDougall experimentierte auch mit Hunden, die er vergiftete und bei deren Sterben er keine Gewichtsabnahme messen konnte, woraus er folgerte, dass Hunde keine Seele besäßen. Spätere Experimente stellten MacDougalls Erkenntnisse in Frage, seine Studien gelten heute als unwissenschaftlich. Als Sinnbild für die Sehnsucht des Menschen, sich selbst zu erkennen und die Seele zu verstehen, sind MacDougalls 21 Gramm jedoch kulturell unsterblich geworden. →LESETIPP 4.48 PSYCHOSE: 21-Z weiterlesen

WILLY LOMAN ODER DER KLEINE MANN VON HEUTE

Die Popularität von Arthur Millers mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Drama „Tod eines Handlungsreisenden“ ist seit seiner Uraufführung 1949 ungebrochen – es zählt zu den modernen Klassikern auf den Bühnen der Welt, wie beispielsweise zuletzt am New Yorker Broadway. WILLY LOMAN ODER DER KLEINE MANN VON HEUTE weiterlesen

POST VON EMMA

Von Dramaturg Alexander Kerlin

„Und diese Biene die ich meine die heißt“: Nein, nicht jene, sondern diese: Emma. Sie ist ebenso gelb-schwarz wie ihre Artgenossin Maja, hat tellergroße blaue Augen und ein bezirzendes Lächeln. Sie ist das KidsClub-Maskottchen vom BVB. Auf ihrer Brust prangt das Logo eines milliardenschweren Chemiekonzerns: Evonik. Und sie hat mir geschrieben.

Genauer: meiner Tochter (die wohlgemerkt gerade zwei Monate alt ist). Emmas Brief war einem Geburts-Gruß vom Oberbürgermeister mit Infobroschüre vom Familienbüro beigelegt. Wir „heißen dich herzlich willkommen in unserer schwarzgelben Stadt“, schreibt Emma. „Zu Deiner Geburt möchten wir uns nicht nehmen lassen, dir etwas Schwarzgelbes zu schenken und wünschen Dir schon jetzt viel Spaß (…) mit BVB-Schnuller, -Rasselball und -Lätzchen. (…) Außerdem haben Deine Eltern die Möglichkeit, (…) einen ganz privaten Besuch von Emma für Dich zu gewinnen.“

Als Kind hatte ich ein Buch über einen hungrigen Tiger, der bei seinem Besuch die Vorratskammer leer frisst und den Wasserhahn austrinkt. So etwa stell ich mir das vor, wenn diese riesige Biene (ganz „privat“) in unserer kleinen Wohnung vorbeischaut. Tellergroße, entsetze Kinderaugen inklusive.

Nein, ganz im Ernst, fleißige Emma: Ich habe deinen Brief nicht gemocht! Ich finde, dass meine Tochter ihren Lieblings-Verein eines Tages selbst aussuchen dürfen soll. Aber noch wichtiger: Es ist ganz schlechter Stil, eine Neugeborene auf diesem Weg als Kunde an ein börsennotiertes Unternehmen mit Rekordumsatz binden zu wollen. „Echte Liebe“ kann man zwar gut vermarkten – verordnen lassen sollte man sie sich deshalb noch lange nicht.

Auch weil ich Fußballfan bin: Dein Brief hat in einem Willkommensgruß von der Stadt nichts zu suchen – schließlich liegt da ja auch keine Kostprobe von Snickers oder ein Testfahrt-Gutschein für einen Porsche bei. Dortmund ist samstags schwarzgelb, montags grau, wenn man verliebt ist knallbunt, freitagnachts spät sieht man hier alles doppelt, und wenn man das Theater sucht, hält man nach orangefarbenen Fahnen Ausschau.

Veröffentlicht am 30. Oktober 2013 in den Ruhr Nachrichten.