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„WAS WILL MAN EIGENTLICH MEHR?“ – PHILIPPE HEULE IM INTERVIEW

Philippe Heule

Der Schweizer Dramatiker Philippe Heule im Interview mit Dramaturg Dirk Baumann


Dein Stück „Die Simulanten“ lässt fünf Menschen in einem Raum aufeinandertreffen. Sie wissen nicht, wie sie dort hingekommen sind oder wie sie dort wieder herauskommen sollen. Wie würdest Du diese Anordnung beschreiben?

Ich habe nach einer Situation gesucht, die meine Wahrnehmung der Welt reflektiert: Es ist ein Raum, in den die Figuren einfach hineingeworfen werden. So wie man als Mensch ja auch einfach auf die Welt geworfen wird und nicht genau weiß, was man hier macht. Gleichzeitig hat mich der Theaterraum als Therapieraum bzw. als Ort der Reflexion interessiert. Im Falle der „Simulanten“ eher eine hysterische Reflexion, die nirgendwo genau hinführt.

Hast Du bei den fünf Figuren ein bestimmtes Bild vor Augen gehabt?

Im Schreibprozess war mir der Zustand und die Situation wichtiger als die Frage, was das für Figuren sind. Ich wollte einen Lebensstil einfangen, dieses Gefühl nie irgendwo anzukommen und die Situation, dass immer mehr Menschen Fernbeziehungen führen, auch in meinem eigenen Umfeld. Und dann haben sich Tendenzen gebildet, die ich auf fünf Sprecher verteilt habe. Aber vom Text selbst her würde ich erstmal nicht von Figuren sprechen. „WAS WILL MAN EIGENTLICH MEHR?“ – PHILIPPE HEULE IM INTERVIEW weiterlesen

„STRATEGIEN, DIE WELT ZU RETTEN“ – EIN GESPRÄCH MIT CLAUDIA BAUER

Claudia Bauer

Regisseurin Claudia Bauer im Interview mit Dramaturg Dirk Baumann


„Die Simulanten“ ist das erste Stück des jungen Schweizer Dramatikers Philippe Heule. Wie bist Du darauf aufmerksam geworden?

Ich bin eigentlich ganz klassisch darauf aufmerksam geworden. Ich habe in der Broschüre des Henschel Verlags die Beschreibung gelesen, in der stand, dass Menschen an einem Ort ohne Wiederkehr den Weltklimagipfel simulieren. Das fand ich eine so bemerkenswerte Beschreibung, dass ich das Stück dann gleich gelesen habe.

Was ist für Dich das Interessante an diesem Stück?

Mich interessiert an dem Stück, dass es eine merkwürdige Art von Fegefeuer-, Zwischenwelt- oder Vorhöllensituation beschreibt, in der sich fünf Global Player plötzlich wiederfinden und verschiedene Strategien probieren, die Welt zu retten. Zu sehen, wie Menschen ohne Handyempfang, ohne Internet, ohne Nahrung, eigentlich nur ausgestattet mit 20 Stangen Marlboro und einer Sprinkleranlage, aus der sie trinken, wie sie in und trotz dieser ausweglosen Situation immer noch versuchen die Welt zu retten. Letztlich ist das vielleicht sogar ein Bild für den gesamten Planeten. „STRATEGIEN, DIE WELT ZU RETTEN“ – EIN GESPRÄCH MIT CLAUDIA BAUER weiterlesen

„UNPSYCHOLOGISCHE MASSENPHÄNOMENE“ – EIN KANTINENGESPRÄCH MIT CLAUDIA BAUER

„Johan und Marianne haben keine Streitkultur – sie können ihre Aggressionen oder Wünsche nicht ausleben oder zeigen. Erst im Laufe des Stücks lernen sie mühselig, miteinander wirklich zu sprechen.“ Claudia Bauer („Welt am Draht“, „Republik der Wölfe“) inzeniert das legendäre TV-Kammerspiel „Szenen einer Ehe“ von Ingmar Bergman mit acht Schauspielern auf der großen Bühne. Am Tag vor der Premiere traf Dramaturgieassistent Matthias Seier die Regisseurin in der Kantine und stellte ein paar Fragen. „UNPSYCHOLOGISCHE MASSENPHÄNOMENE“ – EIN KANTINENGESPRÄCH MIT CLAUDIA BAUER weiterlesen

SOUNDTRACK EINER EHE

„Liebe und Musik gehören fest zueinander, das ist ein ganz klares Narrativ. Jeder hat seine Lieblings-Liebeslieder, aber kaum jemand hat Lieblings-Liebesbücher. Die ganzen Themen, die in Szenen einer Ehe vorkommen, sind auch typische Themen von Songtexten: Liebe, Trennung, Utopie, Heimat“, so die Regisseurin, Claudia Bauer, im Interview. Acht Songs werden an dem Abend gespielt – vom heiteren Anzüglichkeiten-Pop der 60er bis zu traurigen Herzschmerz-Oden mit Gitarrenverstärker; von Herzschmerz-Hymnen der 70er bis zu euphorischem Disco-Funk der späten 80er. Von Roy Orbison bis Pink Floyd, von Adriano Celentano bis David Lynch. Wir dokumentieren hier die Trackliste des Abends – als YouTube-Clips sowie mit Spotify-Playlist. SOUNDTRACK EINER EHE weiterlesen

HORROR & MÄRCHEN

5 FRAGEN AN REGISSEURIN CLAUDIA BAUER

 

 Gruseln Dich die Märchen noch?

Als ich die Märchen in der Vorbereitung wieder gelesen habe, war das überraschend unheimlich. Wenn man z.B. die Fuß-Verstümmelung der Aschenputtel-Schwestern nicht symbolisch, sondern konkret versteht. Und dann kommt auch noch die Rache-Taube und hackt den Schwestern die Augen raus. Da geht es um pure Anatomie. Das ist Horror.

 

Was fasziniert Dich daran?

Ich fühle mich hingezogen zu allem, was Angst macht. Ich meine aber nicht nur den B-Movie-Kino-Horror, sondern mich interessiert der alltägliche Horror in unserer Gesellschaft: Die Messer des Schönheitschirurgen zum Beispiel – moderne Werkzeuge der Selbstverstümmelung.

 

Sind denn dann Märchen überhaupt für Kinder?

Sie sind für alle, also auch für Kinder. Ich habe sie meiner Patentochter vorgelesen und gemerkt, dass sie die schlimmen Dinge gut verarbeitet, weil das Grauen am Ende die bösen Figuren trifft. Die Guten werden für ihr Gutsein belohnt. Erwachsene sind sensibler für die Graustufen, weil sie wissen, dass prinzipiell jeder ein Recht auf Glück, Leben und Unversehrtheit hat. Und plötzlich hat man z.B. Sympathien für die Schneewittchen-Königin, die in glühenden Schuhen zu Tode tanzt.

 

Auch für den bösen Wolf?

Immerhin folgt er seiner Natur und wird dafür vom Jäger maßlos gefoltert. Der Wolf ist in unserer Inszenierung ein Triebtäter. Allgemeiner verstanden steht er auch für den Anderen, der uns das Leben mit seinen Ansprüchen schwer macht: der Nachbar, Chef, Ehegatte. Das ist aber ein ungerechtes Image: Als biologische Spezies ist der Wolf sehr sozial.

 

Sind die Märchen politisch?

Ja, weil sie Themen verhandeln, die immer irgendwie aktuell sind: Knallharte Konkurrenz, die für den Verlierer übel endet. Viele Figuren mit zweifelhaften materialistischen Zielen. Man kann also mit den Märchen unsere Werte betrachten, drehen, wenden. Darüber hinaus ist es aber wichtig zu verstehen, dass die Figuren Archetypen sind, Modelle: Es geht um Situationen, die unabhängig vom konkreten Individuum überall und immer wiederkehren. Rotkäppchen ist kein psychologisch ausdifferenzierter Mensch. Sie ist eine kleine Unschuld, die in eine wilde Situation gerät. Die Situation kann dann auf unterschiedlichen Ebenen befragt werden. Das finde ich viel interessanter, als irgendeine Moral vorzutragen.

 

Claudia Bauer (*1966) ist Regisseurin u.a. in Leipzig, Berlin, Stuttgart und Hannover. Von 2000 bis 2004 leitete sie das Theaterhaus Jena. Republik der Wölfe ist nach Welt am Draht (2013) ihre zweite Regiearbeit am Schauspiel Dortmund.