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WEM GEHÖRT CHARLIE?

Sonntagabend, kurz vorm Dortmunder Tatort. Die Tagesschau läuft. Ein kleiner Bericht über die jährliche Kranzniederlegung am Grab Rosa Luxemburgs, eine Kamerafahrt über die Stele: „Die Toten mahnen uns.“ Ich schaue aus dem Fenster und sehe die großen, weißen Buchstaben des „JE SUIS CHARLIE“-Schriftzugs am Dortmunder U. Auch die Toten der fürchterlichen Terroranschläge in Paris mahnen uns. Scheint es. Doch jeder erhält anscheinend eine andere Ermahnung: die einen zur Wahrung der Meinungsfreiheit und Toleranz, die anderen zum erneuten lauten Nachdenken über Vorratsdatenspeicherung und verschärfte Grenzkontrollen. PEGIDA und Sympathisanten fühlen sich zur islamophoben, unbelehrbaren Hetze ermahnt. Und AfD-Politiker zum Wahlkampf.

Schon wenige Stunden nach den Anschlägen hatten sich Abertausende mit den Opfern solidarisiert, als wäre es ein Wettlauf. Sowohl die Organisatoren der PEGIDA- und HoGeSa-Demos wie auch die Organisatoren der Gegendemonstrationen ließen verlauten, sie seien Charlie. Die Opfer waren noch nicht bestattet und wurden schon für die unterschiedlichsten Zwecke vereinnahmt. Die überall spürbare Angst und Unruhe der letzten Tage fördert wieder einmal den Kampf um die Aussagekraft und Botschaft der Toten. Wer also bemächtigt sich ihrer? Wer bemächtigt sich der Vergangenheit und ihrer Erinnerung? Und wie?

„Du malst den Toten Sprechblasen auf die Grabsteine / die du mit deinen eigenen Gesetzestexten füllst.“ Das sagt Elektra zu ihrer Mutter, der Königin Klytaimnestra. Auf unseren Proben zur „Elektra“ (Premiere am 7. Februar) wird derzeit viel über Vergangenheit und Gegenwart geredet: über das nächtelange, fassungslose Lesen der PEGIDA-Facebookseiten, den aufflammenden Naziprotest gegen die Asylunterkunft in Eving, das Verschwimmen von linker und rechter Gesinnung. Über das diffuse Gefühl, dass gerade ziemlich viel vor die Hunde geht.

Aber Angst produziert keine gute Zukunft. Wir müssen Ängste anschaulich machen, damit sie bearbeitet werden können: Herzlich willkommen in der Erzählmaschine Schauspiel Dortmund. Es gibt noch Karten für die Elektra-Premiere. Gemeinsam gegen die Angst!

Das Sterntagebuch wurde am 14. Januar 2015 in den Ruhr Nachrichten veröffentlicht.

LICHT IN DIE BLACKBOX ABSCHIEBUNG

MILTIADIS OULIOS HIELT IM DORTMUNDER SCHAUSPIELHAUS SEINEN VORTRAG ZUR EUROPÄISCHEN ABSCHIEBEPOLITIK

Miltiadis Oulios
Miltiadis Oulios

„Seitdem ich denken kann, höre ich in Diskussionen immer wieder, wir werden von Flüchtlingen überrannt. Also ich wurde bisher noch nicht überrannt.“ Am Dienstagabend hielt der Düsseldorfer Autor Miltiadis Oulios in der Jungen Oper beim Dortmunder Schauspielhaus seinen Vortrag BLACKBOX ABSCHIEBUNG. Die Veranstaltung – gemeinsam organisiert vom Schauspiel Dortmund und bodo e.V., unterstützt von Pro Asyl und European Homecare, warf Licht auf die Theorie und Gesetzeslage der europäischen Abschiebepolitik. Entlang von Einzelschicksalen wurde ihre praktische Anwendung vermittelt. Als besondere Gäste waren auch etwa fünfzehn Asylsuchende aus der Lütgendortmunder Siedlung Grevendicks Feld, wo die Stadt Dortmund derzeit Flüchtlinge unterbringt,  mit einem Bus zum Schauspielhaus gebracht worden. LICHT IN DIE BLACKBOX ABSCHIEBUNG weiterlesen