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ERWACHET!

„ERWACHET!“

„Wir leben im Zeitalter der Troll-Politik, die ist total theatralisch“: Arne Vogelgesang über Propaganda im Netz und das Internet als grenzenlose Bühne


Arne Vogelgesang (*1977) studierte Regie am Max-Reinhardt-Seminar in Wien. 2005 gründete er das Theaterlabel internil, seitdem erarbeitete er unter diesem Namen freie Theater- und Performanceprojekte in Wien, Leipzig und Berlin, zuletzt vor allem mit Internet- und Software-Material.

Was bist du von Beruf? Archivar? Forscher? Politologe? Künstler? Mein Studienabschluss sagt, dass ich Regisseur bin. Aber ich sitze viel mehr vor dem Computer als im Theater. Das ist natürlich kein Beruf, eher ein Zustand. Irgendwo zwischen Bühne und Com­puter liegt also mein Profil.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag von Dir aus? Ich bin freischaffend, da ändern sich die Struk­turen ständig. Es gibt Phasen, da schlafe ich kaum, arbeite pausenlos. Texte, Bilder, Videos sortieren, schneiden und verbinden. Vorher muss ich das Material natürlich erstmal finden, also surfen, surfen, surfen. Facebook und Twitter sind z.B. wichtige Anlaufstellen. Ich habe mehrere Accounts in verschiedenen Filterblasen. Ständig stößt man auf etwas Neues. Über manche Entdeckung freue ich mich richtig. Entweder, weil sie wie ein Puzzlestück in einen meiner Zusam­menhänge passt. Oder weil sie derartig skurril ist, dass sie für sich alleine stehen kann. Solche Sachen, bei denen man denkt: Das kann nicht sein, dass jemand tatsächlich so etwas produziert hat. Dass es das wirklich gibt.

„Den Topos des politischen Erwachens findest Du quer durch alle Lager, von der Mitte bis ins Extrem. Aber in welcher Realität wacht man auf, wenn man dann aufwacht?“

Was ist Propaganda? Ich würde sagen: der Versuch, andere zu politischen Zwecken zu beeinflussen. Viele andere. In diesem Sinn gibt es das wahrscheinlich erst seit der Entste­hung der Massenkultur, Propaganda richtet sich nie nur an einzelne. Auch Werbung ist deswegen natürlich Propaganda. Die politische Botschaft ist da nur häufig schlechter zu erkennen, weil sie so Mainstream ist oder wir immer noch denken, es würde um Schuhe gehen, wenn eine Firma sagt: „Sei extrem“ oder „Sei du selbst“.

Und was ist Populismus? Wenn Politiker so sprechen, dass möglichst viele Menschen schnell „ja“ dazu sagen können. Tun das nicht die meisten? Für meinen Bereich spielt das aber kaum eine Rolle, weil ich Parteipolitik nur am Rande streife. Mich interessieren die sogenannten normalen Leute.

 

Die flammenden Köpfe, die Du über die Jahre gesammelt hast, sind sehr unterschiedlich in ihrer Ideologie. Aber sie sind sich in zwei rhetorischen Figuren alle ähnlich: Das politische Establishment muss weg, und die Menschen müssten endlich „aufwachen“. Kann man das so sagen? Ich interessiere mich ja nicht für die, die sagen: „Halt doch mal den Ball flach, ist doch super, wie es läuft“. Deshalb überrascht es nicht, dass fast alle meiner Köpfe mit der politischen Klasse aufräumen wollen. Aber den Topos des „Erwachens“ findest Du tatsächlich quer durch alle Lager, von der mittigsten Mitte bis ins äußerste Extrem. Anfang diesen Jahres gab es im „Tagesspiegel“ ein Interview mit Dunja Hayali und Anja Reschke über Wut und Hassmails. Was geschieht, wenn man den „rechten Volkswillen“ kritisiert? Und am Ende sagen sie sinngemäß: Das mit der er­starkenden AfD sei auch irgendwie gut, weil jetzt endlich die schweigende Mitte aufwache. Aber es kommt darauf an, in welcher Realität man aufwacht, wenn man aufwacht. Oder in welche Realität man die anderen aufwecken will. Und was dann da getan werden soll. Rechte Ver­schwörungsfans reden gerne von den „Schlaf­schafen”, die nur der Werbung hinterher trotten. Deswegen ist der Film MATRIX von den Wachowski-Geschwistern bei Verschwörungsfans auch so be­liebt: die Idee, dass plötzlich einer erkennt, dass wir alle gesteuert werden, dass alles manipuliert ist. Und den Kampf aufnimmt. Das wird dann als Erweckungserlebnis beschrieben, und als nächs­tes produziert man z.B. ein Video, in dem man genau das sagt – im Internet, in dem man weder schlafen noch wach sein kann.

Das Internet ist eine Bürgerbühne. Eher eine Landschaft von unfassbar vielen Bürgerbühnen. Das ist ein Bild dafür, dass die alte Vorstellung von der Bühne im Herzen der Stadt, auf der sich die Polis repräsentiert sieht, immer weniger Sinn macht. Das gilt auch für Parlamente. Es gibt immer weniger Menschen, für die Repräsentation funktioniert. „Wir sind das Volk“ ist auch ein Ausdruck davon, dass man höchstens noch daran glaubt, sich selbst reprä­sentieren zu können. Und je mehr sich die Leute an das Tempo im Netz gewöhnen, desto mehr haben sie das Gefühl, dass die demokratischen Institutionen viel zu langsam sind für sie. Das ganze Aushandeln, Kompromisse schließen, und dann kann ich nicht mal mitreden. Dann lieber Volksentscheidungen oder Revolution. Im Netz sind die Menschen scheinsouverän, da lässt sich das alles prima träumen.

„Das Internet ist eine Landschaft unendlich vieler Bürgerbühnen. Deswegen ergibt die alte Vorstellung von der Bühne im Herzen der Stadt, die die Polis repräsentiert, auch immer weniger Sinn.“

Du hast einmal gesagt, 2011 wäre das Inter­net in die Politik eingebrochen. Das ist natürlich meine spezielle Erzählung. Der „Arabische Frühling“, die Geschwindigkeit der Aufstände. „Occupy Wall Street“, die sich der Mit­tel der spanischen „Indignados“ bemächtigten. Deutschsprachige Islamisten starteten mit Video­botschaften im großen Stil Rekrutierungswellen. Und ein seltsamer Teil des Internets schwappte auf die Straße, „Anonymous“-Masken tauchten auf Demos auf, Rechte begannen mit Straßentheater und harmloser wirkenden Protest-Aktionen, die einen Meme-Charakter hatten. Das heißt, sie waren absichtlich leicht kopierbar, um damit potentiell eine Massenbewegung auszulösen. Und dann An­ders Breivik, der sich quasi aus dem Internet in die Realität gebombt und geschossen hat: eine Art von Guerilla-Marketing für sein „Manifest“, dass zum großen Teil mit Copy & Paste kompiliert ist.

Warum ist es so immens wichtig geworden, die Kulturtechnik des Kopierens gut zu ver­stehen? Man spricht heute viel von der „Ent­wendung der Mittel“, das heißt, dass die ehe­mals klaren Erkennungszeichen politischer Ideologien frei flottieren. Ich glaube, alle Begriffe erodieren. Wir ordnen die Welt nicht mehr sprachlich. Und wir haben erhebliche Zweifel am Sinn des Versuches, die Welt überhaupt zu begreifen. Es läuft ein ande­res Spiel im Moment. Das Argument, das der politische Gegner benutzt, kann ich ihm einfach zurück um die Ohren pfeffern. Es ist egal, was es bedeutet. Entscheidend ist der Effekt, den ein Satz auslöst. Kann ich damit etwas bewirken, z.B. meinem politischen Gegner schaden? „Du nennst mich Nazi? Du Nazi!“ – das ist Trollpolitik, die ist total theatralisch.

„Das Argument, das der politische Gegner benutzt, kann ich ihm einfach zurück um die Ohren pfeffern. Es ist egal, was es bedeutet. Entscheidend ist der Effekt, den ein Satz auslöst.“

Siehst Du in so einer Diagnose nicht auch die Gefahr von Relativismus? Macht Rechts oder Links nicht doch einen Unterschied? Ich bin jemand, der lieber mit dem Zweifel ar­beitet als mit der Beruhigung. Natürlich gibt es sehr unterschiedliche politische Lager und Hand­lungsräume. Natürlich kannst du dich auch in den gegenwärtigen Verhältnissen konkret ver­halten. Tun ja auch viele. Man kann der Neuen Rechten nun wirklich nicht nachsagen, dass sie keine Haltung hätte. Aber vom Theater aus ge­dacht ist eine Haltung dann erkennbar und von Bedeutung, wenn sie in einem konkreten Raum stattfindet. Wo es keinen begrenzten Raum mehr gibt, werden Haltungen austauschbar, weil ihr Ort nur noch eine Frage von Definitionen ist. Paradoxerweise nutzen diese grenzenlose Frei­heit diejenigen momentan weit besser aus, die mehr Grenzen fordern.

Was ist das für ein Raumverlust, von dem Du da sprichst? Das ist die Erfahrung im Netz. Da gibt es keinen Raum und auch keine Zeit. Oder zumindest etwas anderes als geregelte Zeit. Auch der eigene Körper verschwindet teilweise. Es ist ein poten­tiell grenzenloses Gebilde, man ist unterwegs von Link zu Link, Kreuzung zu Kreuzung. Der alte Begriff „surfen“ macht schon Sinn. Das Ende kommt nur, wenn du erschöpft bist oder die Welle alle ist. Aber im Internet ist die Welle nie alle. Weil alle die Welle sind.


Flammende Köpfe: Premiere am 25. März, weitere Aufführungen am 1. und 30. April, mehr Termine folgen.

ASOZIALE NETZWERKE

stbIn der vergangenen Woche war ich für das Schauspiel Dortmund auf der größten Internet-Konferenz Deutschlands, der re:publica. Netzdenker, Blogger und Künstler treffen sich für ein paar Tage in Berlin, um über digitale Gegenwart und Zukunft zu sprechen. In diesem Jahr war die Stimmung merklich gedämpft: Noch vor wenigen Jahren galt das Netz als utopischer Raum der Freiheit, gar als Friedensbringer. Und heute? ASOZIALE NETZWERKE weiterlesen