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DIE WIDERSPRÜCHE DER WELT MACHEN KEINEN HALT VOR DER KÜCHE

Regisseur Sascha Hawemann im Interview

Du inszenierst „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ von Bertolt Brecht. Beim Namen Brecht schwingen ja immer eine ganze Menge Emotionen, Haltungen und Erwartungen mit. Wie ist Deine Herangehensweise an den Text?

Das erste war Widerwille. Zu oft wurde ich mit Brecht in der Schule und im Elternhaus gegängelt. Irgendwie war er für mich immer diese nüchterne, kühle, kopfige DDR. Zu Hause stapelten sich seine Bücher, Portäts. Die Schallplattenecke gehörte Brecht, Busch und  Dessau, höchstens noch Pink Floyd von meiner Mutter. Meine Pistols und UK Subs hatten da keine Platz und wurden immer aus der Ecke entfernt.
Er stand eigentlich immer im Weg.
Später entdeckte ich den jungen Brecht, den 20iger Jahre Punk im Ledermantel, Klampfe in der Hand Pono und Anarchosongs singend, unheroisch, ‚unvölkisch‘, subkulturell durch Berlin streunend. Das hat mich ein wenig versöhnt. Das habe ich verstanden. Da wurde aus ihm ein Mensch und nicht mehr bloß diese Überfigur. Lieben tue ich ihn als Lyriker und Theatertheoretiker, als Stückeschreiber bleibt er fremde Heimat, aber eben doch Heimat. Man muss sich an ihr abarbeiten, man mag sie nicht und schätzt sie wohl, mal will man sie verlassen und bleibt dann doch.
Kurioserweise passiert mir das, was eine von Brechts wichtigsten Forderungen ans Theatermachen und Denken ist: Die Welt in ihren Widersprüchen zeigen. Wir leben in Widersprüchen, der Bertolt Brecht und ich. Ohne ihn würde es mich nicht geben, denn meine Mutter verliebte sich in den Sechzigern in einen jungen Mann mit Kurzhaarfrusur, Ledermantel, schlecht zur Klampfe singend und Zigarre rauchend, meinen Vater.

Uwe Schmieder
Uwe Schmieder; Foto: Birgit Hupfeld

Brecht betitelte das Stück in einem frühen Entwurf „Die Angst. Seelischer Aufschwung des deutschen Volkes unter der Naziherrschaft“, imamerikanischen Exil erarbeitete er eine Bühnenfassung für die USA und überschrieb sie mit „The Private Life of the Master Race“. Welche Rolle  spielen diese Titel für Dich?

Eigentlich interpretiere/interessiere/inszeniere ich das Stück diesbezüglich, nenne es auch so: Angst. Deutsches Volk. Naziherrschaft. Private Life of the Master Race. Ein deutsches Gräuelmärchen. Die agitatorische Strenge von „Furcht und Elend“ hat Brecht ja erst später titelgebend festgelegt. Aus assoziativ gedachtem Material, einer ‚großdeutschen‘ Wucherung, wurde im Nachhinein ein Tendenzstück. Wie so oft hat Brecht im Nachhinein das Unvollkommene, das Widersprüchliche kanonisiert. Egalitär begegnen sich Alptraum, Clownsspiel, Psychologie und Agitprop, Realismus und Groteske. Brecht zwingt einen nicht in Strukturen, Notate sind kein Diktat.
Verfremdung kein Muss. Eine Haltung zur Welt, zum Faschismus, Totalitarismus – der auch kapitalistisch/neoliberal sein kann – fordert Brecht ein, jedoch kein unlebendiges Parolentheater.

Brechts Collage versammelt Szenen, in denen sich der Aufstieg der NS-Herrschaft im alltäglichen Leben der Menschen niederschlägt. Angst, Verdächtigungen und Verrat bahnen sich ihren Weg bis in den Mikrokosmoszwischenmenschlicher Beziehungen. Eine Entwicklung, die sich auch auf das Heute übertragen lässt?

Da bin ich wohl widerwillig Brechtianer: Die Widersprüche der Welt machen doch keinen Halt vor der Küche. Der Terror der Straßenecke schläft im gemeinsamen Ehe-Bett. Die Faust im Gesicht der Frau gilt vielleicht dem fleißigen rumänischen Arbeitskollegen. Die Nackenschmerzen stammen vielleicht aus Aleppo. Die Angst vor der Welt gebiert den Wunsch nach Diktatur. Nach Vereinfachung. Die Herrschaft über die Familie – das letzte Bollwerk infrage gestellter Männlichkeit. Dialektik von Haben und Sein bestimmen nach wie vor unser Sozialverhalten.
Obwohl wir besoffen gemacht werden mit Thesen von posthistorischer, postfaktischer und anderer Post-Welt, kranken unsere emotionalen, sexuellen und geistigen Beziehungen an dem Draußen vor der Tür. Meine Lust starb als Jugoslawien brannte, kehrte wieder als Jahre später die Friedhofsruhe einkehrte.

Carlos Lobo Frank Genser Bettina Lieder Uwe Schmieder Alexander Xell Dafov
Carlos Lobo, Frank Genser, Bettina Lieder, Uwe Schmieder, Alexander Xell Dafov; Foto: Birgit Hupfeld

Es liegen insgesamt 30 Szenen vor, die Brecht dem Stück im Laufe seiner Entstehung zuordnete. Wie geht man mit dieser Fülle an Material um? Wie hast Du die Auswahl getroffen?

Ich habe mich für die privaten Szenen entschieden, in denen sich Frau und Mann, Eltern und Kind, junge und alte Paare, Freunde und Familie begegnen. Die im Stück vorkommenden Szenen totalitär-staatlicher Gewalt und Repression finden auch signifikant statt, sind in aber in der Stückfassung der ‚Krebs im Privatkörper‘, das Bild. Kopfkino. Das Konzentrationslager – ein Tumor im Kopf. Der Totschlag lauert im Kinderzimmer. Unter dem Weihnachtsbaum brennt eine Stadt.
Der Versuch besteht darin, durch das Private direkter mit Lebenserfahrungen des Zuschauers zu interagieren, ihn nicht zu entlassen in Historizismus und Drittes-Reich-Folklore. Das Dritte Reich in Farbe ist ein SpiegelTV-Knüller, im Theater eher ein Hemmnis für Rezeption. Ich bin da keine Ausnahme – wenn ich eine Nazi-Uniform sehe, atme ich befreit auf: Das war einmal – ich brauche viele Umwege, um das Dahinter, das Heute zuzulassen.

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Fiederike Tiefenbacher, Frank Genser, Raafat Daboul, Merle Wasmuth, Carlos Lobo, Bettina Lieder, Maximilian Lindemann; Foto: Birgit Hupfeld

In seinem Essay „Über experimentelles Theater“ schrieb Brecht: „Dieser Mensch ist so und so, weil die Verhältnisse so und so sind. Und die Verhältnisse sind so und so, weil der Mensch so und so ist.“ Für Brecht ist der Mensch also jemand, der aktiv Einfluss auf seine Umwelt nehmen und sie verändern kann. Inwiefern hat das für dich eine Rolle für Deine Inszenierung gespielt?

Eigentlich geht es hier um Dialektik, den Reichtum widersprüchlichen Denkens, und politisches Theater – und das ist für mich immer eine grundsätzliche Frage für meine Arbeit. Für die Inszenierung interessant ist es weil das „So“ einer Szene das „So“ einer anderen hervorruft und bedingt. Das Stück wird zu einem Körper, ist keine theoretische Montagehalle. Figuren korrespondieren miteinander, sind ein Gewebe, sprich: Man sieht/ahnt durchgehende Figuren und Geschichten, verfolgt Lebenswege und Entwürfe. Das ist im Verhältnis zur eigentlichen Stückstruktur eine große Intervention, der Versuch des Verbindens entgegen dem Agitkaleidoskop.

Die Fragen stellte Dirk Baumann.

 

DAS ABENTEUER AUF DER SUCHE NACH DER WAHRHEIT

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Neue Wege sind der Schlüssel zu Veränderung. Ob als Flüchtling auf der Reise, Reporter auf der Jagd nach Fakten oder als Theaterschaff ender im Prozess, Geschichten auf die Bühne zu tragen. Das Stück Die schwarze Flotte ist erzählter Journalismus, eine erlebbare Reportage in gespielter Wirklichkeit. Über ein halbes Jahr hat das Reporterteam von CORRECTIV im internationalen Sumpf von Reedereien, Briefkastenfirmen, Waffen-, Drogen- und Menschenschmugglern recherchiert.
Welche Herausforderung es war, den Stoff in ein Theaterstück zu wandeln, welche Möglichkeiten und Chancen diese Liaison aus Journalismus und Bühnenkunst bietet, erklären Regisseur Kay Voges, die Autorin Anne-Kathrin Schulz und der Schauspieler Andreas Beck im Gespräch mit dem Chefdramaturgen Michael Eickhoff.

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„DIE ZUKUNFT IST SCHON DA! WIR SIND SCHON CYBORGS!“ – EIN GESPRÄCH MIT MIKE DAISEY

Der Film Steve Jobs wird für Oscars nominiert. Die Entwickler wehren sich gegen FBI-Versuche, bestimmte iPhones durchsuchen zu dürfen. Auf Keynotes stellt Apple-CEO Tim Cook das neue iPhone SE vor. Und im Studio vom Schauspielhaus ist Die Agonie und Ekstase des Steve Jobs ein Dauerrenner. Der Apple-Konzern ist und bleibt also Thema.

Dramaturgin Anne-Kathrin Schulz traf 2012 den Autor des Monologs Die Agonie und Ekstase des Steve Jobs in Berlin. Mit dem 1976 geborenen Autor von mehr als 20 Bühnenstücken sprach sie über Steve Jobs, über iLiebe, westliche Globalisierungsethik, seinen Monolog, die Kritik an seiner Person und vieles mehr. Hier nun das Gespräch in voller Länge. „DIE ZUKUNFT IST SCHON DA! WIR SIND SCHON CYBORGS!“ – EIN GESPRÄCH MIT MIKE DAISEY weiterlesen

HEINER MÜLLER WAR DIE DROGE, ÜBER DIE ICH INS THEATER GEKOMMEN BIN

USA, 1970er. Ex-Vietnamsoldat John Rambo wird von einem Sheriff misshandelt. Er flieht. Schnell hat er eine ganze Armee gegen sich – Vertreter einer Weltmacht, die das Trauma des Kriegs weiter verdrängen will. Zeitsprung, Ortswechsel: 1920er, Russland. Auch für Gleb Tschumalow ist der Krieg vorbei. Doch wo ist die erträumte bessere Welt? Keine Arbeit, das einstige Zementwerk liegt brach, in Trümmern, jenseits jeder Utopie. Müllers ZEMENT (entstanden 1972 nach dem gleichnamigen Roman von Fjodor Gladkow) und RAMBO von 1982 – Klaus Gehre kombiniert die Geschichten zweier Kriegs-Heimkehrer. Mit Klaus Gehre sprach Anne-Kathrin Schulz. HEINER MÜLLER WAR DIE DROGE, ÜBER DIE ICH INS THEATER GEKOMMEN BIN weiterlesen

DIE SHOW BEIM NACHTKRITIK THEATERTREFFEN DABEI

Nach einer Woche Abstimmungszeit hat es DIE SHOW – Ein Millionenspiel um Leben und Tod von Kay Voges, Alexander Kerlin und Anne-Kathrin Schulz unter die besten 10 aus 47 nominierten Inszenierungen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum geschafft! Wir freuen uns sehr und möchten uns bei allen Freund*innen und Unterstützer*innen bedanken, die in den vergangenen Tagen fleißig für uns abgestimmt haben! DIE SHOW BEIM NACHTKRITIK THEATERTREFFEN DABEI weiterlesen

ZUM STÜCK

Lebenslügen, Drogen, Inzest, und verbale Schlachten: Das sind die Zutaten für Tracy Letts tragikomisches Familiendrama, das unter die Haut geht!

Hochsommer, Osage County, Oklahoma, im mittleren Westen der USA. Violet und ihr Mann Beverly leben alleine in einem einsamen Haus im Nirgendwo. Doch Violet ist inzwischen ein Wrack: krebskrank, tablettensüchtig, cholerisch. Der selbst alkoholabhängige Beverly engagiert eine Pflegekraft für Violet – doch die ist davon alles andere als begeistert. Wenige Tage darauf verschwindet Beverly spurlos, Violet bestellt ihre Familie ein: ihre drei Töchter – Ivy und Karen sowie Barbara mit Mann und Tochter – und ihre Schwester Matti Fae mit Ehemann. Als sich herausstellt, dass Beverly tot ist und Violet nicht mehr alleine im Haus bleiben kann, brechen verdrängte Konflikte auf: Keines der Kinder will Violet erhören, die vor nichts mehr Angst hat als der Einsamkeit – und die umso mehr Mittel der Manipulation einsetzt, je aussichtsloser es erscheint, dass eine der Töchter bei ihr bleibt. Was heißt Familie, was Verantwortung? Es entspinnt sich eine Schlacht um Schuldzuweisungen, alte Narben, gekränkte Eitelkeiten und unangenehme Wahrheiten. Alle rechnen mit allen ab.

Eine Familie
Nach dem Erfolg von Das Fest folgt mit Eine Familie das nächste große Familiendrama auf der Dortmunder Schauspielbühne: ein packendes und tragikomisches Ensemblestück über eine Familie im Auflösungszustand, über Bedeutung und Stellenwert von Familie, Verantwortung, Zusammengehörigkeit und Individualität. Tracy Letts’ mit dem Pulitzer-Preis und dem Tony-Award ausgezeichneter Broadway-Hit atmet den Geist von Tennessee Williams, Edward Albee und Anton Tschechow und ist doch einzigartig.

Eine Familie

„ICH LASSE TATEN STATT WORTE SPRECHEN“ – BRUNO HÜBNER IM GESPRÄCH

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Bruno Hübner. Der Name ist mittlerweile synonym geworden mit der DIE SHOW. Als berüchtigter Kopf des ebenso berüchtigten „Kommandos“ leitet er die grausamen Spiele und die Menschenjagd gegen die SHOW-Kandidaten.

Wie tickt ein Mensch, der von Millionen dafür bejubelt wird, dass er Menschen bis in den Tod quält? Hat Bruno Hübner gar auch eine andere Seite – eine verständnisvolle, selbstkritische? Ist hinter der Oberfläche, die uns der Sender DIE-TV präsentiert, auch etwas Tieferes?

Falls ja, konnten wir es nicht herausfinden. Hübner lässt keinen an sich ran. Jeden Versuch lässt er gnadenlos abprellen, was uns schnell im Gespräch bewusst wurde. Was folgt, ist somit leider mehr nur das Protokoll einer gescheiterten Kontaktaufnahme als ein wahres Interview.

Herr Hübner, danke für das Interview. Sie gelten als medienscheu und sind eigentlich abseits der SHOW kaum für die Öffentlichkeit zu erreichen.

Das stimmt. Ich lasse Taten sprechen. Keine Worte. „ICH LASSE TATEN STATT WORTE SPRECHEN“ – BRUNO HÜBNER IM GESPRÄCH weiterlesen

WILLY LOMAN ODER DER KLEINE MANN VON HEUTE

Die Popularität von Arthur Millers mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Drama „Tod eines Handlungsreisenden“ ist seit seiner Uraufführung 1949 ungebrochen – es zählt zu den modernen Klassikern auf den Bühnen der Welt, wie beispielsweise zuletzt am New Yorker Broadway. WILLY LOMAN ODER DER KLEINE MANN VON HEUTE weiterlesen

VOM TRAUM DER UNBEGRENZTEN MÖGLICHKEITEN

Die heute Jungen haben alle Möglichkeiten: Ausbildung, Studium – in der sicheren Variante: Jura, Medizin, BWL; oder der exotischen „Orchideenfächer“ –, Work and Travel in Australien, Findungs- und Selbstverwirklichungsreisen und -erfahrungen, ein Freiwilliges Soziales Jahr und und und. Die Multioptionsgesellschaft macht es möglich. Aus der Perspektive der Älteren ist das ein großer Vorteil, war ihnen doch (noch) nicht alles möglich, persönliche Berufswege bestimmten sich nicht selten durch die Biographien der eigenen Elterngeneration. Doch was die einen als positive Errungenschaft sehen, betrachten die Jungen als Qual der Wahl: Was anfangen mit dem eigenen Leben? Wie die Prioritäten setzen: Selbstverwirklichung oder den Wünschen der Elterngeneration nach einem sicheren Job nachkommen? VOM TRAUM DER UNBEGRENZTEN MÖGLICHKEITEN weiterlesen

EIN HERBST, MANY APPLES UND FUSSTRITTE INS GESICHT

In der iWelt ist derzeit viel los: Da ist ein neues iPhone (mit eigenem #bendgate), es gibt Vorwürfe gegen Apple bezüglich gestohlener Nacktbilder und iCloud-Sicherheit  – und aus Hong Kong werden gezielte chinesische Trojaner-Angriffe auf Apple-Geräte von Protestanten gemeldet. Und wieder und wieder in der Presse: Die harten Arbeitsbedingungen bei den asiatischen Apple-Zulieferern. Das Stück dazu läuft ab dem 6. November wieder am Schauspiel Dortmund: Andreas Beck in Mike Daiseys DIE AGONIE UND DIE EKSTASE DES STEVE JOBS (Regie: Jennifer Whigham)! Unsere deutsche Übersetzung hat außerdem morgen am Theater Freiburg Premiere, in der Inszenierung von Robert Teufel! Toitoitoi an die Freiburger Kollegen!

Mit DIE AGONIE UND DIE EKSTASE DES STEVE JOBS-Autor Mike Daisey haben wir im Mai 2012 über westliche Globalisierungsethik, iLiebe und Cyborgs gesprochen:

 

MIKE  DAISEY
Gerade Hightech-Fans sind ja oft besessen von Fragen wie, wo genau eine bestimmte Platine herkommt, mit was für einem Chipset, es gibt Codes auf den Bauteilen… Und mir wurde klar, dass ich zwar viel darüber wusste, wo Bauteile herkommen, aber nicht, wie sie zusammengesetzt werden. Genau da gab es bei mir einen blinden Fleck, eine Leerstelle. Und interessanterweise lag diese Leerstelle genau an dem Punkt, wo sie bei uns offenbar immer liegt: Beim Punkt Arbeitkraft. Immer wenn es um Arbeit, Arbeitskraft geht, legen wir gerne eine Leerstelle drüber, weil wir nicht hinschauen wollen.
Ich bin von Hause aus eigentlich kein Aktivist, hab e zwar viele politische Ansichten, war aber nie im Umfeld von politischen Gruppen. Dieser Monolog ist mit Abstand der aktivistischste, den ich je gemacht habe – und der Grund ist wohl, dass mir bei der Recherche bewusst wurde, dass man tatsächlich ziemlich einfach etwas tun könnte. Was aber nicht passiert.
Es ist nicht die Sorte Theater, die zwar über die Arbeitsbedingungen in China erzählt, aber dann sagt: „Wirtschaft ist ein sehr komplexes Thema, China ist ein komplexes Land. Und wie können wir jemals wissen, was richtig und was falsch ist? Die Welt ist so groß. Und wir alle leben in ihr.“ Und dann eine lange Pause, bevor langsam die Scheinwerfer dunkler werden. Und alle würden rausgehen mit einem „Jaja…alles furchtbar komplex…“. Ich glaube, dass die logistischen Fragen zwar komplex sind, aber nicht so komplex und unüberwindbar, dass mein, dass unser Verhalten zu rechtfertigen wäre.

 

ANNE-KATHRIN SCHULZ
Auch die Firmen würden wohl kaum in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Apple beispielsweise gilt seit Jahren als visionärstes und innovativstes Unternehmen der Branche und ist finanziell höchst erfolgreich. Anfang 2012 gab Apple bekannt, dass die Bruttogewinnspanne im vierten Quartal 2011 bei 44,7 Prozent lag – dass also durchschnittlich knapp die Hälfte des Verkaufspreises jedes Geräts direkt auf die Apple Konten fließen. Die Firma hat ein Barvermögen von 100 Milliarden Dollar.

 

DAISEY
Die Arbeitskosten in China sind lächerlich gering. Andere Elektronikfirmen haben vielleicht kleinere Gewinnmargen als Apple, aber alle könnten sich Reformen finanziell leisten, ohne Frage. Ich habe schon NEUROMANCER oder SNOW CRASH erwähnt – solche Bücher faszinieren mich, und mir ist irgendwann bewusst geworden, dass solche Szenarien nicht nur im Science-Fiction-Genre zu finden sind, sondern bereits in unserer realen Welt existieren. Und ich das lediglich nicht sehen wollte.
Mit den Sonderwirtschaftszonen hat China Orte geschaffen, in denen die Unternehmen das Sagen haben. Da kann man sehen, wie die Zukunft aussehen wird. Es ist kein menschlicher Stiefel mehr, der einem da ins Gesicht tritt, es ist der Fußtritt eines Unternehmens. Welches immer noch einen Teil von uns darstellt, klar. Aber es ist ein Fußtritt jenseits persönlicher Verantwortung. Man kann keine Individuen mehr verantwortlich machen.

 

SCHULZ
Könnte es sein, dass eine Geschichte, die hinter die ökonomischen Kulissen eines Smartphones blickt, auf die dunkle Seite, uns emotional eher betrifft, als wenn es um unseren Teppich ginge, wo und wie dieser hergestellt wird und von wem?

 

DAISEY
Wir haben hier ein Gerät, dass so Teil unserer intimsten Privatsphäre ist, als wäre es Teil von uns, in uns eingebaut, Teil unserer Körper. Im Monolog heißt es: Die Zukunft ist schon da, wir sind schon Cyborgs. Diese Geräte sind ein untrennbarer Bestandteil unseres Blicks auf unsere Existenz. Wir sehen die Welt, und zwar auch durch unser Telefon. Man sitzt z.B. physisch miteinander beim Kaffee und ist gleichzeitig auf Facebook und Twitter aktiv. Das fasziniert mich.
Ich war schon früh in Netzwerken unterwegs, noch bevor es das Internet gab, wie wir es heute kennen. Aber ich und die anderen damals wussten, dass wir Freaks waren, Außenseiter. Aber heutzutage ist praktisch jeder dabei. Die Welt heute besteht aus vielen Schichten. Heutzutage sind wir hier und gleichzeitig kennen wir Leute per Facebook und Twitter. Und je realer all diese Sachen werden und sich all diese Schichten um uns legen, desto wertvoller ist die Option, diese ganzen menschlichen Beziehungen per Telefon zu pflegen. Das einzige, was ich vielleicht – und das ist jetzt ein großes „vielleicht“ – öfter bei mir habe als mein Telefon, ist mein Portemonnaie. Vielleicht. Aber das ist nur ein Behältnis. Mein Telefon ist etwas völlig anderes. Es ist ein Portal.

 

SCHULZ
Und damit etwas sehr persönliches. Ich war beim ersten Lesen von DIE AGONIE UND DIE EKSTASE DES STEVE JOBS überrascht über die Fallgeschwindigkeit, die der Text in mir erreicht. Ich bin kein leidenschaftlicher Apple-Fan oder Computerexperte – ich benutze zwar ein Laptop, würde es aber sicher nicht zur Entspannung in seine 43 Einzelteile zerlegen, aber: Es ist ein Stück über uns, heute. Das irritiert, das trifft.

 

DAISEY
Interessanterweise gab es eigentlich immer zwei Shows, die sehr verschieden sind – die im Theater und die draußen. Seit der Uraufführung haben Tech-Experten und Branchenvertreter sehr bösartig agiert, reagiert, auf den Halbschatten an Informationen, den es über den Abend gab, auf die Fußabdrücke, die er hinterließ – aber nicht im Theaterraum selber.

 

SCHULZ
Nach der New Yorker Premiere kam der große Erfolg.

 

DAISEY
Ich habe teilweise bis zu zwei, drei Interviews am Tag gegeben, über Monate, während ich abends aufgetreten bin. Tagsüber gab es also eine ganz andere Art von Theater als abends. Eine Kernfrage die der Abend stellt ist: „Sollte es uns kümmern?“ – auf den ersten Blick erstmal eine Frage, die man doch nicht ernsthaft überhaupt stellen muss. Aber dennoch das Herz des Stückes.

 

SCHULZ
Der Text behauptet, ein Virus zu beinhalten.

 

DAISEY
Und man kann nicht kontrollieren, wie genau die Immunreaktion auf ein Virus ausfällt – weder im Theaterraum, noch global.

 

Das komplette Interview findet Sie hier.