ZWEIFELT! GLAUBT!

Acht Buchstaben aus Licht und ein Ausrufezeichen: Zweifelt! Wer bei Dunkelheit am Schauspielhaus vorbeifährt, bekommt seit einigen Tagen diesen sanften Befehl zu lesen.

IMG_7508

Dass das Zweifeln einen zweifelhaften Ruf genießt, beweist nicht nur seine Sprach-Verwandtschaft zur Verzweiflung. Zu zweifeln bedeutet zu zaudern, sich im Kreis zu drehen, sich zu verflüssigen.

Viel präsenter in unserem täglichen Sprachgebrauch sind die Befehle zur Festigkeit der Entschlüsse. Glaub an dich! Bild dir deine Meinung! Bleib dabei! Ich habe keine besonders hohe Achtung vor dem, was in unserer von Sensationsgier zerfressenen Medienlandschaft unter Meinung verstanden wird. Der Satz „Das ist eben meine Meinung“ ist wie ein ausgestreckter Mittelfinger: Lass mich in Ruhe, ich will nicht weiter nachdenken. Eine Haltung zu haben bedeutet dagegen, immer das Gegenteil von dem zu denken, was man gerade noch gedacht hat.

Im Zweifeln schlummert eine andere produktive Kraft als im Meinen, Wissen und Glauben.  Aus den gedanklichen Pirouetten des Zweifelns entsteht eine Energie, die Potential für die große Kunst hat – aber sie ist fragil wie nichts anderes, weil sie sich gegen den Zweifler selbst wenden kann. Der verzweifelte Franz Kafka verlangte kurz vor dem Tod von seinem Verleger Max Brod, dass dieser Kafkas gesamtes Werk vernichte. Brod, der zutiefst an die Bedeutung von Kafkas Texte glaubte, entschied sich dagegen. Ohne seinen festen Entschluss würden wir den größten Zauderer Kafka nicht kennen.

Die ganze Wahrheit ist also: Zweifelt und glaubt. Dreht Pirouetten und geht geradeaus. Eine Stadtgesellschaft braucht ihre Orte für dieses und jenes. Meinungen sind Sache der Parlamente und Pressehäuser. Die Zweifel-Freiheit wird am Hiltropwall verteidigt. Morgen feiert die Dokumentation „Wenn Gott die Wiederholung nicht gewollt hätte“ ihre Online-Premiere, mit zahlreichen Backstage-Einblicken zu der Inszenierung „DAS GOLDENE ZEITALTER – 100 Wege dem Schicksal die Show zu stehlen“. Theater als Einladung an alle Zweifler und jene, die es werden wollen.

Der Text wurde am 11. Februar 2015 in den Ruhr Nachrichten veröffentlicht.

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin ist seit 2010 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.