DIE ECHTE ZOE

Meine Tochter ist Fan der Zeichentrickserie „Zoés Zauberschrank“, in der ein Mädchen namens Zoé mit ihren Freunden Abenteuer besteht. Der Schritt in den Kleiderschrank katapultiert sie mal nach Schottland, wo sie als golfende Ärzte einen blinden Büffel heilen, mal ins Weltall, wo sie als reinliche Astronauten die eingestaubten Sterne zu altem Glanz wienern. Einige Folgen sind ziemlich raffiniert (meine Empfehlung: „Der Schatz des sprechenden Berges“), und ich ziehe „Zoé“ anderen Schrecklichkeiten wie „Peppa Wutz“ (über eine debile Schweinefamilie) oder „Der Bär im großen blauen Haus“ (über einen Bär in einem großen blauen Haus) bei weitem vor.

Deshalb war ich einverstanden, als meine Tochter von ihrem Patenonkel eine Zoé-Puppe geschenkt bekam. Sie war aus dem Häuschen. „Die ist ja wie die echte Zoé!“ Ich war verwirrt: „Welche echte Zoé?“ „Die von Youtube.“

Es ist vielleicht eine skurrile, aber bei weitem keine unwichtige Frage, wer von beiden auf einer Echtheitsskala höher anzusiedeln wäre: die stumme Puppe in der Hand oder die sprechende Trick-Figur auf dem Bildschirm. Unser Alltagsverstand geht davon aus, dass es eine Welt gibt, in der wir echt und mit Gewissheit existieren – und im Netz, Fernsehen oder auf der Bühne sehen wir davon ein Abbild: etwas „Virtuelles“. Für meine Tochter hat sich dieses Verhältnis ungekehrt. Die Puppe in ihrer Hand war nun die virtuelle Version des Originals auf dem Bildschirm.

Noch genauer: Eigentlich sind ja beide Zoés Abbilder – aber wovon? Das ist eine zentrale Denkfigur der Postmoderne: Wir haben es überall nur noch mit Abbildern zu tun, die allesamt ihren Kontakt zum Echtem, zu ihrem Original verloren haben. „Der Ideenhimmel ist verbraucht“, sagte Heiner Müller dazu in Anspielung auf Platon.

Nichts Echtes, keine Gewissheit mehr? Bedrückt Sie der Gedanke oder ist er befreiend? Sind wir Bewohner eines gigantischen Zauberschranks, und haben vergessen, wo der Ausgang ist? Und ist vielleicht die Theaterbühne gar kein Ort für das Virtuelle, sondern dazu geschaffen, den verlorenen Ausgang in die Wirklichkeit wiederzufinden?

Veröffentlicht am 11. März 2015 in den Ruhr Nachrichten.

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin ist seit 2010 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.

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