ZEITSCHOCK

Von Dramaturg Alexander Kerlin

 

Nichts ist so alt, wie die Zeitung von gestern. Geschätzter Volksmund, nichts ist so alt, wie dieser Spruch. Heute gilt: Alles ist alt, was nicht jetzt geschieht. „Always on“ – immer an. Alles ist verfügbar, immer gerade jetzt. Und was verfügbar ist, wird Objekt der Begierde, weil es verfügbar ist: Was machen die Freunde gerade? Kollegen, Stars, Kriegsparteien auf aller Welt? Börse, Bundesliga? Ich will das wissen, spüren, kommentieren. Und zwar jetzt. Und alle sollen wissen, spüren, kommentieren – wie ich weiß, spüre und kommentiere. Und zwar jetzt.

Die zur Epoche gehörigen Krankheitsbilder sind beobachtet und benannt. Phantomvibrieren: Falsche Nervensignale, die dem Hirn weismachen, dass sich das Handy in der Tasche mit Neuigkeiten meldet. Nomophobia (von „No Mobile Phone-Phobia“): Die Angst davor, offline zu sein. Das sind keine Kuriositäten, sondern verbreitete Phänomene.

“Present Shock – Wenn alles jetzt passiert.” Das ist ein Buchtitel (2013) von dem Medientheoretiker Douglas Rushkoff. Er beobachtet: „Das Gegenwärtige schluckt das Vorherige, und damit auch die Zeit, die das Gehirn dazu brauchen würde, den Gegenwartsschock überhaupt zu bemerken.“

Ich habe Rushkoffs Thesen wie Schmerzmittel gegen die Überforderung zu mir genommen. Gute Begriffe sagen uns gegenüber Technik-Fortschritt und sozialen Veränderungen immer erst verspätet, worin wir uns befinden – das aber zu können, ist Bedingung für die geistige Unversehrtheit. Wer z.B. versucht, angesichts der Fülle an Echtzeit-Wissen dem alten Bildungskanon zu genügen, verzweifelt. Und je mehr uns die Gegenwart im Griff hat, desto weniger Vorrat an Vergangenheit bleibt. Da haben wir das ganze Dilemma: Denn nur aus der Vergangenheit (das Andere des Jetzt) können die Begriffe zu uns aufsteigen, die wir brauchen, um uns zu verorten und in der neuen Epoche nicht nur nicht zu verzweifeln, sondern glücklich zu werden. Nur aus sich selbst schöpfen, das kann das Jetzt nicht.

Im Theater haben sich Gegenwart und Vergangenheit schon immer in der Wolle. In unserem „Hamlet“ gehen sie miteinander in den Ring wie zwei Wrestler. Der 400 Jahre alte Shakespeare unter Gegenwartsbeschuss. Buchen Sie jetzt Karten für den Kampf unserer Epoche.

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