WÜNSCHE, LIEBE, LÜGEN

Nicht zu übersehen, nicht zu verdrängen derzeit: Weihnachten steht vor der Tür. Wir schenken uns was, hoffen auf Erfüllendes und tauschen allenthalben Grüße, Geschenke, Wünsche.

Ob unter all den dahingesagten Wünschen jetzt im Dezember jene nach Toleranz und Frieden noch Konjunktur haben? Wenn sie sich auf die große Politik beziehen – wer weiß? Ich würde mir wünschen, diese Wünsche könnten voll Selbstbewusstsein und Mut auf einen Passus des Matthäus-Evangeliums gedacht sein: „Jesus Christus spricht: Wer einen Fremden aufnimmt, der in Not ist, der nimmt mich auf; wer einen Fremden, der Hilfe braucht, zurückweist, der weist mich zurück.“ Voll Scham können wir derzeit erkennen, wie begrenzt die Macht unserer Wünsche ist – angesichts von PEGIDA in Dresden, Dügida in Düsseldorf und HoGeSa in Köln, angesichts einer menschenfeindlichen Asylpolitik einer Koalition, deren hälftiger Part das Adjektiv „christlich“ in ihrem Namen zu führen sich nicht schämt. Allein, es liegt in unserer Hand, unseren Wünschen auch Taten Folgen zu lassen…

Ob unter all den dahingesagten Wünschen, jene nach Toleranz und Frieden ernst gemeint sind? Wenn sie sich auf unser eigenes Leben beziehen: sicher! Denn auf den ersten Blick fällt dies ja auch leicht: Wir geben unserem Partner, Partnerin, unseren Kindern mit den eigenen vier Wänden einen Raum, in dem Frieden sein kann. In dem jeder frei handeln und sprechen kann. Wären da nicht die kleinen und großen Lebenslügen, unsere Maskierungen, die uns mitunter vor der Scham bewahren, uns einzugestehen, wir hingen im falschen Leben fest. Wie viel Lüge braucht der Mensch, um den Alltag (im großen wie im kleinen) zu bestehen? Ich würde mir wünschen, keine. Aber.

Über welche Umwege wir Menschen mitunter zum größtmöglichen Frieden in Beziehungen gelangen können, in denen alles gedacht werden kann (weil alles möglich erscheint) – das können Sie das nächste Mal am 4. Advent in Claudia Bauers Inszenierung von Ingmar Bergmans „Szenen einer Ehe“ bestaunen. Und bestaunen, wie sich Lügen zwischen Partnern in Luft auflösen.

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, ich würde mir wünschen…

Veröffentlicht am 16. Dezember 2014 in den Ruhr Nachrichten.

Über Michael Eickhoff

Michael Eickhoff, 1972 in Göttingen geboren, studierte Geschichtswissenschaft, Germanistik, Romanistik und Philosophie in Bielefeld und Paris. Während seines Studiums arbeitete er u.a. am Deutschen Literaturarchiv Marbach, am Institut Mémoires de l‘Édition Contemporaine in Paris sowie an der Universität Bielefeld (Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft und Fakultät für Geschichtswissenschaft). Seine Arbeit am Theater begann er am Theater Bielefeld, noch als Regieassistent, später als Produktionsleiter. Der Wechsel in die Dramaturgie führte ihn für kurze Zeit an das Berliner Ensemble, gastweise an das Staatstheater Wiesbaden und von 2003 bis 2009 an das Theater Bonn, wo er mit zahlreichen Regisseuren Inszenierungen, Projekte, Szenische Lesungen etc. realisierte. Seit der Spielzeit 2010/11 ist Michael Eickhoff Chefdramaturg am Schauspiel Dortmund und Lehrbeauftragter an der Folkwang-Hochschule Essen (Studiengang Schauspiel Bochum). Er ist Mitglied der „dramaturgischen Gesellschaft“.

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