WORTE HELFEN NICHT, SONDERN TATEN

An einem Dienstagmorgen im Juni auf einem muslimischen Friedhof in Berlin. Aufgeworfene Erde. Zwei Särge werden hinabgelassen – ein großer und ein kleiner für eine Mutter und ihr zweijähriges Kind. Eine kleine Trauergemeinde spricht mit dem Imam das islamische Totengebet. Zahlreiche Journalisten umringen das Grab. Davor auf rotem Teppich mehrere Reihen leere Stühle. Doch die geladenen Trauergäste sind nicht erschienen: Angela Merkel, Thomas de Mazière und viele andere. Ein privater Moment, der Öffentlichkeit sucht…

Die Mutter ist eine von vielen Menschen, denen die Passage über das Mittelmeer nicht gelang. Sie ertrank auf der Flucht aus dem syrischen Bürgerkriegsgebiet, als der Motor des Bootes ausfiel, das Boot kenterte – ihre zweijährige Tochter gilt als vermisst. Ihr Mann und drei weitere Kinder leben heute in Berlin. Zunächst anonym in Italien beigesetzt, teilt sie das Schicksal mit zahlreichen anderen Toten, die auf dem Weg nach Europa infolge abgeschotteter Landesgrenzen oder im Mittelmeer ihr Leben verloren: anonym begraben, abgelegt in Lagerhäusern wie im sizilianischen Catania, verscharrt mit zahllosen anderen wie im griechischen Sidiro oder in Müllsäcken vergessen in einer Kühlkammer eines Krankenhauses in Augusta. Ein Abschied in Würde – unmöglich für die Angehörigen. Ein menschenunwürdiger Zustand, der Öffentlichkeit braucht.

Diese zu ermöglichen, hat sich das „Zentrum für Politische Schönheit“ verpflichtet. In einer nicht dagewesenen Aktion mit dem Titel „Die Toten kommen“ will das „Zentrum“ die toten Geflüchteten „von den EU-Außengrenzen in die Schaltzentrale des europäischen Abwehrregimes bringen“; dorthin, wo – ganz dem Verursacherprinzip folgend – die Schuldigen der beschämendsten Flüchtlingskatastrophe unserer Tage sitzen: in das Herz Europas, nach Berlin. Können wir den Menschen, denen wir im Leben die Möglichkeit auf ein würdevolles Leben jenseits von Flucht und Gefahr nicht ermöglichen wollten, wenigstens einen Moment von Würde im Tod erweisen? Wollen wir es überhaupt? Was gebietet es, ein Mensch zu sein? Eine private Frage, die heute eine politische Antwort braucht.

Ab dem 19. September zeigt das „Zentrum“ im Schauspielhaus mit „2099“ seine erste Inszenierung in einem Theater.

Das Sterntagebuch wurde am 17. Juni 2015 in den Ruhr Nachrichten veröffentlicht.

 

Foto: Zentrum für politische Schönheit

Über Michael Eickhoff

Michael Eickhoff, 1972 in Göttingen geboren, studierte Geschichtswissenschaft, Germanistik, Romanistik und Philosophie in Bielefeld und Paris. Während seines Studiums arbeitete er u.a. am Deutschen Literaturarchiv Marbach, am Institut Mémoires de l‘Édition Contemporaine in Paris sowie an der Universität Bielefeld (Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft und Fakultät für Geschichtswissenschaft). Seine Arbeit am Theater begann er am Theater Bielefeld, noch als Regieassistent, später als Produktionsleiter. Der Wechsel in die Dramaturgie führte ihn für kurze Zeit an das Berliner Ensemble, gastweise an das Staatstheater Wiesbaden und von 2003 bis 2009 an das Theater Bonn, wo er mit zahlreichen Regisseuren Inszenierungen, Projekte, Szenische Lesungen etc. realisierte. Seit der Spielzeit 2010/11 ist Michael Eickhoff Chefdramaturg am Schauspiel Dortmund und Lehrbeauftragter an der Folkwang-Hochschule Essen (Studiengang Schauspiel Bochum). Er ist Mitglied der „dramaturgischen Gesellschaft“.

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