WELT VOLLER DEPPEN?

stbPolemik ist die einzige Form des Sprechens und Schreibens, die noch gehört wird. Wer heute schreibt, egal was, muss sich fragen: Was ist meine große Kampfansage? Welches eklatante Versäumnis der Menschheit decke ich nun auf? Welche Idiotie vernichte ich als nächstes?

Keine steile These? Keine Erregung, keine Likes – keine Kohle! In der Ära der Blogger, der „Read-Write-Society“ (Lawrence Lessing), in der potentiell alle Leser und Autoren zugleich sind, balgen sich Millionen kleiner und großer Geister um jede Sekunde Aufmerksamkeit im Netz. Sie sind wie Sisyphos und Tantalos in einem: Ihre Texte und Textchen sind die Steine, der zu erklimmende Berg ist die Liebe der User (fällt immer wieder ab, bevor der Gipfel erreicht ist), und ihr Hunger, das letztgültige Wort zu formulieren, nach dem der Rest Schweigen ist, wird niemals gestillt.

„Die Welt war noch nie so unfertig“ (Handwerkskammer). Welcher Stimme man auch lauscht, der Konsens scheint: unsere Gesellschaften sind kaputt wie nie, löchrig, voller Gefahren und verpasster Chancen. Und vor allem voller Deppen, Idioten und Nichtskönner. Niemand, der nicht von einer zur anderen Sekunde zum digitalen Kanonenfutter werden kann.

Das derzeitige Gefühl eines allumgreifenden Mangels in jedem Detail der Schöpfung und ihrer schwächlichen Bewohner wird als Schicksal empfunden. Der Einzelne fühlt sich ununterbrochen narzisstisch gekränkt, weil ausgerechnet er nicht gehört wird. Aber beruhen diese Gefühle auf empirischer Wahrheit oder sind sie die Folge eines jahrelangen, hysterischen, verantwortungslosen, selbstüberschätzenden Sprechens, das nur noch Lautstärke, Eindeutigkeit, Versäumnis und Mangel kennt – und sich genau darin formal unendlich wiederholt?

Die Sprache dieser „Aufklärung“ und das Gestenrepertoire der Konkurrenz sind eine giftige Liaison eingegangen. Dieses Amalgam reicht weit in die sozialen Beziehungen hinein und stiftet Misstrauen. Vielleicht ist mein Wunsch nach einem unvergifteten Verhältnis zu den Dingen und Menschen (ja, auch zu den Politikern) der naive Vater dieses Gedankens? Kann man mir vorwerfen. Aber ich halte den nie versiegenden Sprachstrom des spektakulären Mangels und der unwiederbringlichen Versäumnis für sadistisch und masochistisch zugleich, für selbstverletzend und letztlich unproduktiv.

„Alle Polemik ist unkünstlerisch“, hat Jakob Boßhardt gesagt. Polemisch gesprochen: Wo die Polemik aufhört, beginnt die Zukunft als Poesie. Widerständig ist sie allein.

Ebenfalls am 25.5.16 in den Dortmunder Ruhrnachrichten erschienen. Foto: Birgit Hupfeld, Szene aus „The Return of Das Goldene Zeitalter“ (2015).

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin ist seit 2010 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.

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