WAS WIR SEHEN

stbDonald Trump mit roter Krawatte, wie er sich hinter Hillary Clinton ins Fernsehbild schiebt; Jaber al-Bakr auf einem schäbigen Sofa, mit Verlängerungsschnüren gefesselt, von hinten fest gehalten von einem Mann, dessen Kopf vom oberen Bildrand abgeschnitten wird; Andrea Nahles‘ riesig projiziertes, strahlendes Gesicht hinter dem zierlichen Körper von Caren Miosga im Studio der Tagesthemen; entschlossene Münder und Gewehrläufe vor einem Maschendrahtzaun in Warschau bei der neuen EU-Behörde für Grenz- und Küstenschutz; ein wütender Schreimund, ein Mittelfinger, zerdrückte Bierdosen, ein tätowierter Reichsadler, viele Glatzen im Dortmunder Hauptbahnhof; zehn übervolle Schlauchboote im Gegenlicht, dazwischen orange Schwimmwesten, schon im Wasser; eine Schlagzeile: „Was wir wissen, und was nicht“; ein braungebrannter Mann mit tropfendem Bart und Schnorchel, lächelnd, im Hintergrund weißer Sand und türkisener Himmel; Putin und Erdogan in tiefen Stühlen an einem runden Tisch, den Blick fest in der Ferne; ein weißer Bus fährt auf dem Parkplatz ein, 2005, mit einem verräterischen Voice-Over; das Modell zweier Molekülringe, ineinander gefügt (der preisgekrönte Durchbruch für die kleinsten Motoren der Welt); eine Bushaltestelle in Jerusalem, Blut und Beton, von Projektilen geborstenes Glas; ein Wirtschaftswissenschaftler mit grauem Pullover, der erklärt, warum Vertragstheorie kein trockener Stoff ist (Karlsruhe oder anderswo); Ronald Barnabas Schills Rückenfalten bei „Adam sucht Eva“; ein explodierendes Samsung-Telefon; Frauke Petry und Sarah Wagenknecht auf derselben Seite; Straßenzüge in Aleppo 2016 als Straßenzüge in Berlin 1945; der Zeigefinger von Jogi Löw und die Venen auf dem Unterarm von Thomas Müller; der goldene Glanz der Siegessäule und Rauchentwicklung auf dem Europa-Center; Jan Böhmermann auf Youtube und an einem Schreibtisch, irgendwo ein Mainzelmännchen, im Hintergrund schwarzer Moltonstoff mit unregelmäßigem Faltenwurf; die Kanzlerin, mintfarben in Addis Abeba, auf dem Teppich vor dem Palast; das Lächeln der Anne Will und die erstaunt angewinkelten Augenbrauen des Heiko Maas; die Geberkonferenz; ein männliches Küken (niedlich) vor dem Eingang zum Schredder; eine Sechserpackung Alnatura-Eier; eine kurdische Kämpferin mit Kopftuch und Kalaschnikow; die Theateraufführung am morgigen Donnerstag, bei der dieser Text zu hören sein wird, zum ersten und zum letzten Mal –
Borderline Bühne 2 bb
Ursprünglich erschienen am 12. Oktober in den Dortmunder Ruhrnachrichten.

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin ist seit 2010 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.

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