VOM WOLF BESTRAFT

Von Dramaturg Alexander Kerlin

Haben Sie mal versucht, einem kleinen Kind (klein im Sinne von wirklich klein) ein Grimm-Märchen nachzuerzählen? Dann sind Sie bestimmt – wie ich gestern – eher früh als spät auf die Frage gestoßen, ob man nicht doch auf ein paar Details verzichten sollte. Beispiel Aschenputtel: Den Tod der Mama habe ich gestrichen. Die Tauben, die aus Rache die Augenhöhlen der Schwestern leer picken, auch. Die abgehackten Fußteile hingegen: dramaturgisch unverzichtbar. Und ganz ohne Blut macht’s auch keinen Spaß.

„Kinder brauchen Märchen.“ Ja? Ich war immer skeptisch, wenn Lehrer mit Studium in den 1960er Jahren den Bettelheim-Buchtitel wie eine allgemeine Wahrheit zitierten. Wozu denn genau? Die Rollenbilder der Grimms sind furchtbar. Aschenputtel wäre heute eine kichernde Dumpfbacke, die sich von Prinz Bohlen auf einem Braut-Casting willig einkaufen lässt. Es ging den Grimms um die Produktion von Normen für das zu gründende deutsche Gemeinwesen im frühen 19. Jahrhundert: bürgerliche, heterosexuelle Kleinfamilie mit Blutsverwandtschaft und ein starker Souverän im Staat. Vom Weg abgehen wird vom Wolf bestraft. Deutschland war von Anfang an kein Land für Abweichler. Wer der Moral der Märchen Vorbildcharakter zuspricht, unterschreibt auch Online-Petitionen gegen die Besprechung von Homosexualität in Schulen.

In älteren Fassungen sind die Märchen radikaler. In der Urfassung verspeist Rotkäppchen erst ihre Oma und wird dann vom Wolf selbst verschlungen. Schluss. Kein Jäger, der alles wieder gut macht. Nur so ungebändigt sind die Märchen interessant – und definitiv nichts für Kinder. Es sind Splatter-Filme, Exerzitien der sieben Todsünden, Kaleidoskope aller Verbrechen, die Menschen je an Menschen begangen haben. Märchen interessieren sich nicht für Moral. Das ist ihre Stärke und macht sie für das Theater interessant.

In einem Monat hat unser Märchenmassaker „Republik der Wölfe“ Premiere. Wir stecken mittendrin im Proben-Kampf. Wenn Sie wissen wollen, was Sie beim nächsten Mal definitiv weglassen, wenn sie Ihrem Kind ein Märchen erzählen: Buchen Sie noch heute ein Ticket.

Veröffentlicht am 10. Januar 2014 in den Ruhr Nachrichten.

Über Anne-Kathrin Schulz

Anne-Kathrin Schulz studierte Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin, schrieb die Theaterstücke "Unter Land" (UA Junges Theater Göttingen) und "Silly Songs" (UA Schauspielhaus Hamburg), arbeitete am Schauspiel Bochum und dem Deutschen Theater Berlin und ist seit 2010 Dramaturgin am Schauspiel Dortmund sowie Lehrbeauftragte im Masterstudiengang Szenografie der FH Dortmund. 2015 schrieb sie mit Kay Voges und Alexander Kerlin „Die Show“, 2018 zusammen mit Jörg Buttgereit „Im Studio hört dich niemand schreien“, seit 2012 auch Arbeit als Übersetzerin („The Agony and the Ecstacy of Steve Jobs“, „TRUMP“ sowie die Theaterfassung von Laurie Pennys Roman „Everything Belongs To The Future“). 2016 wurde Schulz‘ Theaterstück „Die Schwarze Flotte“ am Schauspiel Dortmund von Kay Voges uraufgeführt, 2017 folgte „Memory Alpha oder Die Zeit der Augenzeugen“ (Regie: Ed. Hauswirth).