VOM SCHEITERN

Von Dramaturg Alexander Kerlin

Das unsinkbare Schiff sinkt, und unter dem teilnahmslosen Blick der Sterne reißt es 2.200 Menschen mit sich in die Eiseskälte. Auf einer Holzplanke halten sich zwei gerade lang genug, um sich noch einmal tief in die Augen zu blicken – dann ertrinkt der eine. Die andere wird gerettet. Toll gemacht, Spannung bis zur letzten Sekunde. Aufgewühlt verlassen wir das Kino, diesen Ort, der uns beibringt, wie wir zu begehren haben, wenn man dem Philosophen Slavoj Žižek Glauben schenkt.

Wir lieben es, den Dingen und Menschen beim Sinken zuzusehen – oder zumindest dabei, wie sie der Gefahr des Scheiterns ausgesetzt werden. Nur hübsch aufbereitet sollte es sein. Die Bewohner des Dschungelcamps, die Shopping-Queens, die Models von Heidi Klum – alle permanent am Rande des persönlichen Supergaus.

Und was wären die wichtigsten Theater-Erzählungen ohne ihre gescheiterten Figuren, die uns so viel Freude machen? Tschechows Schriftsteller auf ihren sinkenden Sternen. Gorkis Kaputte, die erst gar nicht gestiegen sind. Ibsens ewige Azubis im Handwerk des Zwischenmenschlichen. „Große Literatur!“ sagt man und fügt hinzu: „Ein Meisterwerk! Eine lebendige Darstellung des Sterbens.“ (Könnte man stutzig werden, nicht wahr?)

Wir begehren, das Scheitern dann zu sehen, wenn es „toll gemacht“ ist, so dass wir die Arbeit an der Darstellung ausblenden können – die doch bekanntermaßen auch ein ständiges Navigieren durch Gewässer voller Eisberge ist. Und was geschieht, wenn das Kunstprodukt, das doch das Scheitern darstellen wollte, selbst scheitert? Wenn der Untergangs-Unterhaltung der Strom ausgeht?

Das ist schon viel schwieriger zu verkraften. Wenn die Darstellung selbst scheitert, bleibt ihr Thema nicht in sicherer Entfernung der Fiktion, sondern springt uns unmittelbar an. Wir wollen Bilder vom Scheitern, und keine gescheiterten Bilder. Plötzlich liegen die Herzen blank, und kein Wort wird mehr leichtfertig verloren.

Veröffentlicht am 17. April 2013 in den Ruhr Nachrichten.

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin war von 2010 - 2018 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.