TROLLE

Vor kurzem gab es bei Maybrit Illner eine Meinungsverschiedenheit zwischen dem Aktivisten Sascha Lobo und dem Kripo-Gewerkschafter André Schulz. Die Frage: Ist der gegenwärtige Hass gegen Fremde ein Randphänomen („eine Gruppe von ca. 20.000 radikalisierten Deutschen“, Schulz)? Oder ist der Rassismus längst ein Massenphänomen (Lobo)?

Lobos Einschätzung ist durch das Netz geprägt. Er beobachtet eine tiefgreifende Veränderung des Verhaltens in den Sozialen Medien. Offen rassistische und verfassungsfeindliche Kommentare werden massenhaft unter „Klarnamen“ (d.h. nicht mehr unter Pseudonymen) veröffentlicht – ein Indiz für Lobo, dass ein gesellschaftliches Tabu gebrochen ist. Zum Glück stimmt das nicht ganz: Die Website „Perlen aus Freital“ hat in den letzten Wochen freundlicherweise Facebook-Rassisten und Holocaust-Leugner direkt mit ihren Arbeitgebern in Kontakt gebracht hat – in mehreren Fällen kam es zu Entlassungen. So mancher wird sich da über sein Netz-Verhalten geärgert haben: „Nüchtern bin ich doch eigentlich ganz anders und sogar Roberto Blanco-Fan“.

Wie ernst muss man diese Trolle nehmen? Trolle, so nennt man Leute, die im sozialen Netz polemische Meinungsmache betreiben – oder auch nur affektiv pöbeln. Sie schimpfen auf alle („die da oben, die da unten, die da drüben“), sind die typische „man wird doch noch mal sagen dürfen…!“-Fraktion und inszenieren sich als Opfer („ich dachte, in diesem Land herrscht Meinungsfreiheit?“).

Bei Harry Potter sind die Trolle drei Meter hohe Wesen mit Erbsenhirnen, deren Keulen aufgrund überlanger Arme auf dem Boden schleifen. Wenn sie wütend werden, dreschen sie auf alles, was sich bewegt. Typische Netz-Trolle haben laut neuster Studien ein Persönlichkeitsprofil, das Sadismus (die Lust an der Demütigung anderer), Narzissmus („Die anderen sind dazu da, mich zu bewundern“) und Macchiavellismus („Der Zweck heiligt die Mittel“) auf ungeheure Weise vereint.

Ein bisschen Troll steckt jedoch in jedem. Wer kennt nicht diese schäumende Wut allein vor dem Rechner? Jan Böhmermann singt in seinem Clip „Besoffen bei Facebook“: „Ich hau mir den Weißwein rein, und schreib nur, was ich mein! Ihr seid so arm und dumm – (…) 42 Ausrufezeichen!“ Es ist dieses Gefühl, der Lonely Wolfe im Netz zu sein, der einzige, der die Wahrheit erblickt – und „da draußen“ kursiert nichts als Fehleinschätzungen der Lage (übrigens ebenso falsch wie eitel). Böhmermann: „Ihr seid alles Hater und ich bin authentisch.“ 

Ein Grund dafür ist sicherlich das fehlende Gegenüber in Fleisch und Blut, mit Stimme und Gesichtsausdruck, das noch die letzte Pfeife zurück in die Zonen der Emotions-Kontrolle und Vorurteilsprüfung verwiesen hat (bis irgendwann die Keulen auch im analogen Leben rausgeholt werden). Im Netz kommunizieren eben nicht einfach nur Menschen miteinander, sondern Menschen im Kontext technischer Systeme, die in ihren psychologischen Wirkungen noch völlig unverstanden sind. Sie kitzeln die düstersten Seiten aus den normalsten Normalos heraus. Ist das harmlos? Fest steht, dass Troll-Seiten auf Facebook wie „Freital wehrt sich“ in ziemlich direktem Zusammenhang stehen mit den späteren Ausschreitungen, bei denen Radikale randalieren und Menschen aus der sogenannten „Mitte der Gesellschaft“ zustimmend nicken.

Lobo warnt sehr bestimmt vor dem Heraufdämmern eines „NSU 2.0“. Marshall McLuhan hat schon in den 1960ern vermutet, dass jede neue Technologie einen neuen Krieg auslöst. Was tun? Kommen Sie z.B. ins Theater, der Ort zum Ins-Gesicht-Blicken und Nuancen wahrnehmen, ein Trainingscamp für Emotionen und ihre Bearbeitung, ein Ort der Lust und der Freude am Zerschreddern von Keulen.

Wer übrigens Twitter-Trolle live erleben will, freue sich schon jetzt auf die Wiederkehr von Hamlet. Sichern Sie sich noch heute eine Karte und seinen Sie dabei, wenn zum Applaus gepöbelt werden darf was das Zeug hält. Alles im Spiel!

Dieses Sterntagebuch wurde am 2. September 2015 in den Ruhr Nachrichten veröffentlicht.

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin ist seit 2010 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.

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