SÜSSE ILLUSIONEN

Etwa 25 Millionen Euro ließ sich das englische Königshaus im April 2011 die Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton kosten. In mehr als 180 Länder wurde das Spektakel übertragen und erreichte dort bis zu zwei Milliarden Menschen. Facebook registrierte knapp drei Millionen Beiträge zum Thema, Twitter 237 Tweets pro Sekunde. Zehntausende Untertanen versammelten sich am Buckingham Palace, um den – laut Experten übrigens deutlich zu kurzen – Kuss des frisch vermählten Paars zu bejubeln.

Probenfoto Szenen einer Ehe

„Brautfrisuren – Ja zum Probestyling!“, „10 Tipps für die Outdoor-Hochzeit“, „Welche Krawatte passt zum Bräutigam?“ – zahllose Internetportale und Zeitschriften widmen sich der Heirat und raten ihrer großen Leserschaft einhellig dazu, den vermeintlich schönsten Tag des Lebens als tiptop durchchoreographierte Inszenierung, als Gesamtkunstwerk mit Event-Charakter zu begreifen.

2012 wurden in Dortmund fast halb so viele Ehen aufgelöst wie geschlossen. 45% aller Scheidungen erfolgten während der ersten zehn Ehejahre. Und fast 40% aller 2012 neugeschlossenen Ehen werden laut Statistik ihre Silberhochzeit nicht erleben. Diese Zahlen stehen im großen Widerspruch zu den romantischen, idealisierten Bildern der Traumhochzeiten und Wedding Partys. Brauchen wir diese Sehnsuchtsbilder, weil die Wirklichkeit tatsächlich so trist ist? Oder muss man die Frage andersherum stellen: Wirkt die Wirklichkeit so trist, weil diese uneinholbar perfekten und idealen Vorstellungen stets in unseren Köpfen spuken?

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Johan, der Ehemann aus Ingmar Bergmans Filmklassiker „Szenen einer Ehe“, reagiert auf diese um sich selbst kreisenden Fragen mit höchst ökonomischer Pragmatik: „Man sollte bei Hochzeiten Fünfjahresverträge abschließen. Oder von Jahr zu Jahr eine Absprache treffen, die man kündigen kann“ – damals, 1973, eine unerhört fortschrittliche Idee.

Am 28. November feiert bei uns „Szenen einer Ehe“ Premiere. Neue Sehnsuchtsbilder für die triste Wirklichkeit gibt es dann abholbereit in Ihrem Schauspielhaus.

Veröffentlicht am 19. November 2014 in den Ruhr Nachrichten.

Über Matthias Seier

Matthias Seier wurde 1993 im Münsterland geboren. Er studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Dramaturgieassistent und betreut die Social Media-Kanäle des Schauspiels. Assistenzen u.a. bei "Das Goldene Zeitalter" (2013, Regie: Kay Voges), "Szenen einer Ehe" (2014, Regie: Claudia Bauer), "Elektra" (2015, Regie: Paolo Magelli) und "hell / ein Augenblick" (2017, Regie: Kay Voges). Seine erste Produktionsdramaturgie "Heimliche Helden" (Regie: Julia Schubert) feierte im Oktober 2016 Premiere. Gemeinsam mit Anne-Kathrin Schulz übertrug er das Stück "TRUMP" von Mike Daisey aus dem Englischen ins Deutsche. Das Internetportal nachtkritik.de ehrte ihn 2016 mit der Auszeichnung "Goldener Hashtag" für den besten Tweet des Jahres in der Kategorie "Visionär".

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