SPRACHE DES STILLSTANDS

stbEin Mensch saß gemütlich auf einem Stuhl, trank Kaffee und las eine Kolumne. Dann passierte etwas Unfassbares, und sein Leben änderte sich für immer. Der letzte Absatz dieses Textes wird Ihnen vor Entsetzen die Schuhe ausziehen.

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Klick. Also, dieser friedliebende Mensch, dem gleich etwas Unfassbares geschehen wird, sitzt in seine Lektüre vertieft da. Unhörbar öffnet sich in seinem Rücken eine Tür und der Kolumnist tritt ein. Noch ist es ruhig, aber gleich spitzt sich alles zu.

Der Kolumnist schleicht sich von hinten an und flüstert: „Neulich war ich fahrlässig, und habe auf Facebook die ‚Huffigton Post’ geliked. Das ist ein Nachrichten-Portal, und nun werde ich ständig neugierig gemacht, ich gerate in Wallung, und dann – Klick! – mit Tchibo-Werbung bombardiert.“

Der Mensch, dem gleich etwas Unfassbares geschehen wird, nippt nachdenklich am Kaffee. Die Stimme an seinem Ohr fährt fort: „Dazu wird Alfred Hitchcocks Filmtheorie auf seinen kleinsten Nenner runtergekocht: Bringe den Leser in einen Wissens-Rückstand, und er folgt dir überall hin. Das nennt man einen Klickköder legen.“

„Weiß ich doch“, denkt sich der Mensch, dem gleich etwas Unfassbares geschehen wird. „Aber es klappt trotzdem“, sagt der Kolumnist, „du willst immer wissen, was hinter der nächsten Biegung ist. Und weil sie deine Klicks brauchen, sprechen die seriösesten Medien im Netz heute nur noch die Sprache der Zuspitzung und Eskalation. Darum hören wir nirgendwo mehr die Sprache des Stillstands oder der Besonnenheit, des Rumlesens und Kaffeetrinkens. Wir haben diese Sprache verloren, irgendwo beim Einbiegen in dieses Jahrzehnt.“

Der Mensch legt seine Zeitung ab und kratzt sich am Ohr. Wieder einmal geschieht eigentlich nichts. Zumindest nichts Entsetzliches. Was bleibt, ist die Lust auf ein Schnupperabo für 19,90 Euro.

Über Dirk Baumann

Dirk Baumann ist seit der Spielzeit 2013/14 Dramaturg am Schauspiel Dortmund. Während des Studiums assistierte und hospitierte er u.a. am Burgtheater Wien, dem Theater an der Parkaue Berlin und am Staatstheater Kassel. Im Anschluss an sein Studium arbeitete er als Assistent und Dramaturg am Maxim Gorki Theater Berlin und der Komischen Oper Berlin, u.a. mit Armin Petras und Sebastian Baumgarten. Daneben entstanden in Zusammenarbeit mit der Regisseurin Anja Gronau und der Theatergruppe PortFolio Inc. mehrere Inszenierungen und Stückentwicklungen am Berliner Theater unterm Dach, zuletzt "Untertan. Wir sind dein Volk". Es folgte ein Engagement als Regieassistent und Dramaturg am Deutschen Nationaltheater Weimar, hier entstand auch seine erste eigene Inszenierung "Kein Ort. Nirgends" nach Christa Wolf. In Dortmund arbeitet er u.a. regelmäßig mit den Regisseuren Claudia Bauer, Sascha Hawemann und Kay Voges zusammen. Außerdem initiierte er mit der Theaterpädagogin Sarah Jasinszczak die Reihe "Herbstakademie" für Jugendliche von 14 bis 21 Jahren.

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