AUF IN DEN SPIEGEL

Visitor Q

 

Als mein Onkel ein Kind war, pflegte er, sobald es unter einer Autobrücke her ging, zu schluchzen: „Ich will oben lang, Vati.“ Wenn Vati, der geduldige, den Wagen aber ein paar Schleifen später über die Brücke steuerte, war das auch nicht richtig. „Ich will doch unten lang“, weinte er dann.

Was der arme Junge eigentlich wollte, war unmöglich: auf der Brücke stehen und sich selbst dabei zusehen, wie er unter ihr her fährt. Am besten noch Winken dabei. Schmerzhaft ist die Erkenntnis, dass die einzige lebendige Person, die einem mit Sicherheit niemals zuwinken wird, man selbst ist. Man steht sich buchstäblich zu nah – hat sich aber deshalb auch am schlechtesten im Blick.

Der Psychoanalytiker Jacques Lacan ging davon aus, dass es einen Neid auf das eigene Spiegelbild gibt. Im Spiegel sieht man einen vollständigen Körper: das Vorbild für unsere Vorstellung davon, wer wir sind. Das Körperempfinden dagegen ist zersplittert und ständig abgelenkt. Wir können uns nicht dauerhaft als zusammenhängendes Ganzes erleben. Daraus entsteht ein Konflikt: Laut Spiegelbild sind wir fertig und aus einem Stück, von innen her empfinden wir uns meist wie eine Herde Pferde bei Gewitter.

Sich vollständig und logisch eingebettet in die Umwelt erleben wollen: Das ist also eine Phantasie, die paradoxerweise die Spaltung des Ichs zur Voraussetzung hat. Wir wollen zugleich auf der Brücke stehen und unter ihr her fahren. Wir wollen vor und im Spiegel sein.

Das geht nicht. Und deshalb fühlen wir uns immer ungenügend – und suchen rastlos nach dem Etwas, das uns vom Gefühl der Zersplitterung heilt. Noch hat es keine Gesellschaft erreicht, die Menschen von dieser Rastlosigkeit zu befreien. Aber fänden Sie das eine positive Utopie: lauter lauwarme Körper, die eins mit sich selbst aber ohne Antrieb auf dem Fleck hocken und zufrieden verwesen?

Wären das überhaupt noch Menschen? Ist der Mensch nicht per definitionem das Tier, das aufbricht? Noch aus der unwahrscheinlichsten Situation? Zu diesem unmöglichen Ort im Spiegel, von dem aus er sich endlich zuwinken kann? Zu dieser letzten und ersten Insel, auf der endlich alles stimmt?

Wer am kommenden Samstag nicht aufbricht und ins Schauspielhaus zur Premiere von „Die Möglichkeit einer Insel“ kommt, soll doch zufrieden auf dem Sofa verwesen.

 

 

Das Sterntagebuch wurde am 25. März in den Ruhr Nachrichten veröffentlicht.

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin ist seit 2010 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.

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